FILMSEITE: ARCHIV 2006 und 2007

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Little Children

USA 2006, Regie: Todd Field

 

Desperados in der Vorstadt     

 

Was für eine Vorstadtidylle. Die Männer aus East Wyndam gehen tagtäglich brav zur Arbeit, die Frauen hüten derweil Heim, Herd und Kind. Auf dem Spielplatz treffen sie sich zum morgendlichen Plausch, tauschen den neuesten Tratsch über die Nachbarschaft aus - etwa, dass der perverse Nachbar Ronnie (oscarnominierter Mut zur Ekligkeit: Jackie Earle Haley) wieder bei seiner Mama eingezogen ist. Ein Skandal. Sie plaudern aus dem Nähkästchen, geben Tipps für das Erdulden ihres unerträglichen Ehelebens und schwärmen für den durchtrainierte Beau, der da jeden Tag mit dem Sohnemann auf den Spielplatz kommt. Wer ist der junge Vater? Wie heißt er? Warum ist er nicht auf der Arbeit, wie es sich eigentlich gehört? 

    Auch Sarah Pierce (5. Oscarniminerung für Kate Winslet) ist eine der Vorstadtmamis - doch irgendwie passt sie nicht ganz in eine Schublade mit den anderen "Desperate Housewives". Sie ist nicht sonderlich eitel, verschusselt die Kekse für ihre Tochter, hat als studierte Literaturwissenschaftlerin bereits Blicke hinter den Horizont East Wyndams geworfen. Sie ist es dann auch, die sich - zunächst aus Spaß in all der Ödnis - an den schönen Fremden (Patrick Wilson) heranwagt. Schnell erfährt sie: Er heißt Brad, ist mehrfach durch seine Anwaltsprüfung gerasselt und irgendwie einsam. Um die anderen Damen ein wenig zu provozieren, verabschiedet sie sich mit einem Kuss von Brad, der irgendwie ein netter Kerl ist. Klar, was nun kommt. Schließlich ist die Ehe der Pierces nicht gerade die Glückslichste. Sarah ist mit dem Mamasein nicht ausgelastet, ihr Mann vergnügt sich lieber mit den Slips eines Internet-Pinups namens "Slutty K.". Auch bei Brad sieht's nicht so rosig aus. Zwar ist er mit einer wunderschönen (sagt der Film, nicht der Autor der Kritik) Dokufilmerin (Jennifer Connelly) zusammen. Die ist aber augenscheinlich nicht erbaut über das permanente Versagen und die melancholisch-tumbe Resignation ihres Mannes. Zwei Ehen in der Krise also. Zwei gelangweilte Desperados, die nun den Weg zueinander finden. Und das tun sie auch. Nach täglichen Besuchen im städtischen Pool - samt Kind und Schwimmflügel - beginnen die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Das Doppelleben beginnt, und beide sehen die Möglichkeit, sich gegen ihr unglückliches Dasein zu stellen. Doch als sie sich beide dazu entschließen, einen Schritt weiter zu gehen, schrecken sie in letzter Sekunde zurück. Die Angst vor der eigenen Courage ist einfach zu groß. Am Ende ist Sarah nicht die Emma Bovary, die sie im Lesekreis so vehement für ihren Mut verteidigt.

    Ebenfalls unglücklich ist der bereits erwähnte, vom gesamten Ort stigmatisierte und von einem übereifrigen Ex-Polizisten drangsalierte Ronnie. Er weiß um seine sexuelle Störung, weiß aber genauso gut, dass er nicht richtig gegen sie ankommt. Er möchte, nicht nur um seiner Mutter Willen, endlich der "good boy" sein, den das Vorstadtleben von ihm verlangt. Erst als Mama stirbt - die einzige Frau, die ihn je geliebt hat - weiß er, was zu tun ist. Und das ist alles andere als angenehm...

    Tods Field, der Nick Nightingale aus "Eyes Wide Shut", hat bereits vor fünf Jahren mit "In the Bedroom" ein herausragendes Regiedebüt hingelegt. "Little Children" ist eindeutig artverwandt - und eindeutig gelungen. Es ist ein Mix aus tieftrauriger Tragödie und bissiger Gesellschaftssatire. Nun mag man von einem Off-Erzähler im Film halten, was man möchte. Auch in diesem Film nervt er zuweilen. Dennoch spitzt er manche Pointen süffisant und interessant zu, verschwindet dann einige Zeit lang aus dem Film, um dann am Ende wieder den Ton anzugeben. Doch ist der Mix aus guten Darstellern (allen voran Haley!), intensiver - bisweilen zu geduldiger - Inszenierung, die "Little Children" zu einem Ereignis machen. Nicht gerade massenkompatibel, aber wer braucht das schon? 1-

 

 

 

 

The Queen

GB/F/I 2006, Regie: Stephen Frears

 

Ansichten einer Monarchin: Stilvoll, elegant, mit grandioser Mirren

Zehn Jahre sind nun vergangen, seit unsere Prinzessin von Wales und der Herzen, die rehäugige Lady Di geb. Spencer, vor eine Pariser Tunnelwand gehetzt wurde. Während Elton John sich noch einmal an eine Neufassung seiner Monroe-Hommage "Candle in the Wind" begab, verschanzte sich die Königsfamilie in den Tagen nach dem tödlichen Unfall in ihren schottischen Gemächern und stieß damit das Diana-liebende Volk vor den Kopf. Stephen Frears hat sich diese Woche im Spätsommer des Jahres 1997 vorgeknöpft und einen wirklich schönen Film daraus gemacht. Ganz ohne Elton Johns Gesinge, erzählt aus einer Perspektive, zu der wir bislang noch keinen Zugang hatten - aus der der Königin. Helen Mirren liefert als Elizabeth II eine Glanzleistung ab, die
den Film weit über das heben würde, was wir sonst so alles präsentiert bekommen. Hinzu kommt eine stilvolle, ausgesprochen britische Inszenierung voller Understatement, einem augenzwinkernden und dennoch respektvollem Umgang mit der Monarchin. Die "äußere" Handlung ist nichts Neues: Der Buckingham-Palast wird in ein Blumenmeer getaucht, alle Welt heult Rotz und Wasser um das, was Di und Dodi da passiert ist. Viel zu früh sind sie gestorben, viel zu lieb hatten wir sie. Nur im Hause Windsor herrscht eisige Kälte. Keiner möchte sich zu einem Statement hinreißen lassen, alle möchten das Kapitel Diana möglichst dezent und unauffällig beenden. Schließlich war sie längst nicht mehr als Mitglied der Royal Family anzusehen - ob sie nun Mutter des künftigen Königs war oder auch nicht. Drehbuchautor Peter Morgan und Regisseur Frears nun versuchen, die Lücken zu füllen, die uns bei der Erzählperspektive aus dem Palast heraus selbstredend gelieben sind. Niemand dürfte allen Ernstes erwarten, dass Elizabeth irgendwann einem Biografen, Journalisten oder eben Drehbuchfritzen ihr Innerstes offenbart und preisgibt, wie die Krise der Monarchie, die der Vorfall "Diana" durchaus war, im Palast gemeistert wurde. Der Film stellt den noch frisch amtierenden Tony Blair (Michael Sheen) als treibend Kraft dar, den jungen Mann, der als der große Erneuerer antritt und während des Films doch irgendwie der Institution der Monarchie verfällt. Er schafft es am Ende, den Windsors ein paar Anstandsregeln unterzujubeln und Schadensbegrenzung zu betreiben. Schließlich kommen Lizzy, ihre Mom (Sylvia Syms) und Prinz Philip (schön grantig und gar nicht im Sinne des niedlichen "Schweinchens Babe": James Cromwell) aus ihrem Versteck gekrochen und stellen sich der trauernden Meute... Inzwischen ist die Monarchie wieder in den Herzen der Briten angekommen. So richtig verstehen werden wir das nicht. Aber wer diesen durchweg niedlichen Film gesehen hat, der bekommt zumindest einen kleinen Einblick in diese für uns so seltsame Perspektive. Irgendwie macht er uns - vielleicht auch durch die herausragende Leistung der künftigen Oscarpreisträgerin Mirren ("Gosford Park") - auch zu kleinen Royalisten. Wenn auch nur für anderthalb Stunden. 1-

 

 

Notes on a Scandal

GB 2006, Regie: Richard Eyre

 

Top-Schauspielerinnen in Höchstform: Dieser Skandal macht Spaß!

 

Ihr Haar ist kunstvoll zerzaust, ihr Mantel wirkt gewöhnlich, macht sie zu einer von ihnen, verbirgt geschickt ihre Zugehörigkeit zur Oberschicht: Die neue Kunstlehrerin Sheba (Cate Blanchett) ist ist schon einen Blick wert. Zumindest für Barbara (Judi Dench), alte Jungfer und Drachen der Schule, von allen respektiert und gefürchtet. Schon auf den ersten Blick ist die grantige Alte fasziniert von der fragilen Schönheit, die scheinbar so hilflos durch die Gänge pubertierender Schülerscharen huscht. Schnell ist ein Kontakt hergestellt, ein wenig Schützenhilfe im Kampf gegen zwei balgende Bälger reicht aus, mit der Neuen ins Gespräch zu kommen und am Sonntag zum Familienessen eingeladen zu werden - eine besonders wertvolle Geste für die einsame Barbara. Was für eine schöne Frauenfreundschaft sich da doch anbahnt...         

    Dumm nur, dass die offenherzige Sheba sich von Babsi dabei ertappen lässt, wie sie den 15-jährigen Schüler Steven vernascht. War das Schäferstündchen im Schulatelier nur ein kopfloser Ausrutscher? Oder steckt etwa mehr dahinter? Will Sheba ihrer Ehe mit dem weitaus älteren Richard (Bill Nighy) und der Familienenge mit der Tochter auf dem Gipfel der Pubertät und dem behinderten Sohn entfliehen? Für Barbara zumindest steht eines fest: So geht's nun wirklich nicht! Lehrer und Schüler haben die Finger voneinander zu lassen. Eigentlich müsste man diese verhängnisvolle Affäre gleich dem Schulleiter melden, müsste der unheilvollen Angelegenheit sofort einen Riegel vorschieben. Aber andererseits: Gibt es eine bessere Basis für eine intime Freundschaft als ein geteiltes Geheimnis? Barbara schweigt und hat Sheba in der Hand. Wie es weitergeht, ist klar und dennoch höchst spannend. Barbara entpuppt sich zunehmend als die gefährlich verbitterte Alte, die der schönen Sheba das Leben schwer macht. 

    "Notes on a Scandal" ist astreines Schauspielerkino. Die beiden zu Recht oscarprämierten und für diese Rollen erneut -nominierten Darstellerinnen liefern sich ein darstellerisches Duell der Extraklasse. Der Film lebt von ihnen, und das im besten Sinne. Hinzu kommt die geradlinige und schnörkellose Inszenierung von Richard Eyre ("Iris", siehe Archiv) - mit britischem Understatement, ohne ausgefranste Nebenhandlungen, ohne das blutige Finale, das uns eine US-Produktion am Ende beschert hätte. Dieser Skandal ist absolut sehenswert. 2+

 

 

 

Mein Führer

Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler

Deutschland 2007, Regie: Dani Levy

 

Helge als Hitler: Nicht vollkommen übel, aber auch kein neuer Chaplin

 

Helge Schneider spielt Adolf Hitler - manche Besetzungsideen sind einfach zu blöd, um wahr zu sein. Aber dennoch: Dani Levy, Schöpfer der ersten mainstreamtauglichen Judenkomödie "Alles auf Zucker!", hat tatsächlich den Jazz-Blödel zum Protagonisten seines neuesten Werkes gemacht. Helge Schneider, der einstige "Doc Schneider" der sauerländer Berge, der Komponist so tiefsinniger Lieder wie "Katzeklo", "Fitzefitzefatze", "Tu ma lieber die Möhrchen" und "Käsebrot" gibt den Hitler. Kann daraus etwas werden? Nun ja, es kann. Teilweise zumindest. Oder so gesagt: Herr Schneider gibt als Herr Hitler wahrlich keine schlechte Figur ab, da war der Moretti weitaus weniger tauglich! Zugekleistert mit einer Maske spielt er den Völkermörder. Und als hätte es ihm Charlize Theron geflüstert: So ein wenig Make-up kann Wunder wirken, geradezu befreiend sein. Nicht, dass allein die Maske den Schneider zum Diktator werden lässt - das macht er durchaus selbst. Aber sie lässt den Helge einmal nicht Helge sein. Verstanden? Egal, so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Schließlich handelt es sich bei Levys Film weder um ein Meisterwerk noch um das große Fiasko, als das er gerne bezeichnet wird.

    Die "wirklich wahrste Wahrheit" handelt von einem recht angeschlagenen Despoten Ende 1944. Hitler leidet an einem Burn-out-Syndrom, ist auf einem Ohr taub, hat sein Feuer verloren und droht, die ohnehin schon reichlich ausgebombte Stimmung weiter nach unten zu drücken. Kein Wunder, dass Joseph Goebbels (Sylvester Groth) langsam das Gesäß auf Grundeis geht. Er will seinen "Führer" wieder zu einem Führer aufpeppeln, er will das Häufchen Elend wieder zu demagogischen Höchstleistungen anstacheln - gerade in diesen so schwierigen Zeiten. Also muss ein Personality Trainer her, ein Mix aus Oberlehrer und Detlev D! Soost, einer, der dem alten Sack noch einmal Feuer unterm Hintern macht. Ein Schauspieler sollte es sein, einer der auf der Bühne grandios gespielt hat, der aber zugleich den Hass des Herrschers wiedererweckt. Kein Rühmann also - nein, ein jüdischer Star muss es sein. Und der ist rasch gefunden: Bühnenprofi Professor Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe) wird kurzerhand aus dem KZ Sachsenhausen ins zerstörte Berlin chauffiert und Hitler zur Seite gestellt. Grünbaum lässt als Bedingung für seine unheilvolle Kollaboration Frau und Kinder nachsenden und beginnt, den gebrochenen Kriegstreiber wieder auf die Beine zu bringen. Immer wieder versucht er dabei, Hitler um die Ecke zu bringen. Immer wieder scheitert er entweder an seiner Angst um das Leben der Familie oder an der pathetischen Gestalt, als die sich dieser grausame Schnauzbartträger entpuppt. Schneider gibt den Hitler als Bettnässer, als teils infantile Witzfigur, als vom Gespenst des Vaters heimgesuchten Versager. 

    Der Holocaust als Kompensation für eine versaute Kindheit? Nun ja, so könnte man das beschreiben, was Levy da auf der Leinwand treibt. Harmlos kommt die Figur des Hitler und seine Gräueltaten jedoch nicht weg in "Mein Führer". Levy versucht, Hitler das Mystische zu nehmen, ihn zu einer peinlichen Gestalt herunterzuspielen. Helge Schneider macht das ausgesprochen gut. Er wirkt nie peinlich in seiner Rolle, er wirkt nie zu albern oder zu überdreht. Und, wie bereits erwähnt, er wirkt nie wie Helge Schneider. Das ist sehr angenehm. Auch Ulrich Mühe macht mit seinem Spiel seinem Nachnamen wieder alle Ehre. Ihm ist ebenfalls nichts vorzuwerfen, außer vielleicht leichten Anflügen von Plagiarismus (er ähnelt doch sehr der Ben-Kingsley-Rolle aus "Schindlers Liste"). Ebenfalls okay sind die anderen Rollen und ihre Darsteller (abgesehen von dem unnötigen Auftritt der Katja Riemann als Frrrollein Brrraun). Dennoch zündet die Komödie nicht so richtig. Dani Levy hat sich offenbar ein wenig übernommen, oder besser: Er leidet an Unentschlossenheit. "Mein Führer" liegt im Grunde genommen eine recht gute Idee zugrunde. Doch an die satirische Dimension etwa von Chaplins "Great Dictator" kommt er nicht heran. Immer wieder fragt sich der Zuschauer: Ist das alles doch ernster gemeint, als es der Verleih in seiner Vermarktungsstrategie vorgab? Oder soll das vielleicht alles lustig sein? Viele Szenen funktionieren durchaus, viele sind auch alles andere als spaßig und sogar sehr bewegend - etwa der Moment, in dem Grünwald mit einem KZ-Mithäftling (Ilja Richter) telefoniert, der ihm eine Räumung des Lagers vorlügt. Dann aber schafft es Levy nicht, sich unterirdische Momente wie die Bettszene Hitler/Braun zu verkneifen.

    Wie auch immer: Schlecht ist "Mein Führer" nicht, aber in ihm steckte einfach so viel Potenzial für eine wirklich gute Satire, dass das Ergebnis ein wenig enttäuschen muss. Dennoch ist die Schneidersche Hitler-Interpretation durchaus einen Blick wert. Schade ums Geld für das Kinoticket ist es nicht. Ein cineastisches "Muss" sieht aber vollkommen anders aus.   

 

 

 

Nach der Hochzeit

"Efter Brylluppet", Dänemark/Schweden 2006, Regie: Susanne Bier

 

Toll gespielt, fesselnd erzählt: Neues von der Dogma-Front

 

Die Dänen haben mit uns mit ihren Dogma-Filmen sicher keine leichte Kost serviert. Doch wer sich mal rangewagt hat, an die Wackelbilder, wer hingesehen und sich auf die Geschichten eingelassen hat, die da ganz ohne Effekthascherei und Pathos erzählt wurden, der musste meist den Hut ziehen. Inzwischen ist das Dogma-Zertifikat nicht mehr zu haben. Und dennoch sieht man Regisseurin Susanne Bier ("Open Hearts") die Dogma-95-Schule deutlich an. In ihrem neuesten Film, für den sie eine Nominierung für den Auslandsoscar bekam wackelt es wie eh und je, die grobkörnigen Bilder gehen gerne hautnah ran an die Darsteller. Und das ist mal wieder sehr eindringlich und sehr nett. Die Geschichte ist schnell umrissen: Jacob (Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen) hat seiner dänischen Heimat vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Er lebt nun in Indien, leitet dort ein Waisenhaus, das vor dem finanziellen Ruin steht. Da bietet sich eine ganz besondere Gelegenheit in Kopenhagen: Der Milliardär Jørgen (Rold Lassgord) möchte sich karitativ betätigen und lässt Aussteiger Jacob zu sich rufen. Er bietet ihm ein hübsches Sümmchen an, möchte aber erst nach der Hochzeit seiner Tochter auf Details eingehen. Auch Jacob geht zum Fest. Dort trifft er auf seine verflossene Geliebte, Jørgens Frau Helene. Noch ahnt er nicht, wie sehr er in das Familiengeflecht der Milliardärs hineingezogen wird und welche Pläne dieser mit ihm hat. "Nach der Hochzeit" ist großes Schauspielerkino, erzählt in knapp zwei Stunden eine unglaublich intensive und packende Familiengeschichte, die zu keiner Zeit auf irgendwelchen Schmalzspuren ausrutscht oder nervt. 1

 

Babel
USA 2006, Regie: Alejandro González Iñárritu

Das dritte Meisterwerk eines genialen Erzählers: Unbeschreiblich gut!


Na, wenn das mal nicht eine gelungene Urlaubsreise ist. Mama (Cate Blanchett) und Papa (Brad Pitt) lassen die beiden Kinder zu Hause in San Diego und lassen das mexikanische Kindermädchen (Adriana Barraza) nach dem Rechten sehen. Sie selbst reisen ins staubige Marokko. Mama wird während der Busfahrt angeschossen, weit weg von der Zivilisation. Sie wird in ein abgeschiedenes Dörfchen gebracht, wo sie in einer dreckigen Kammer auf Hilfe wartet. Die Kinder wiederum machen ebenfalls einen Ausflug der besonderen Art. Weil die Eltern wegen der unerwarteten Schusswunde noch im afrikanischen Norden weilen, möchte die Nanny zur Hochzeit ihres Sohnemanns in Mexiko fahren. Um nicht auf das rauschende Fest verzichten zu müssen und gleichzeitig ein Auge auf die Kinder werfen zu können, nimmt sie die beiden einfach mit über den Tortilla Curtain. Und dann ist da noch die taubstumme Teenagerin (Rinko Kickuchi) aus Tokio, die nicht über den Freitod ihrer Mutter hinwegkommt, verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung ist und dabei ohne Unterhöschen durch die Großstadt stapft.
    So in etwa lassen sich die drei Episoden anreißen, die Alejandro González Iñárritu zu seinem dritten Langfilm zusammengestellt hat. Der Mexikaner, der bereits mit "Amores Perros" (2000) und "21 Grams" (2003) gezeigt hat, wie sehr er das Verflechten von diversen Schicksalsgeschichten liebt, lässt auch "Babel" zu einer emotionalen Achterbahnfahrt werden. Das zweieinhalbstündige Drama ist grandioses Schauspielerkino, zieht uns mit bildgewaltiger Wucht und schmerzhaftem (oscarprämierten) Soundtrack in seinen Bann. Ein echter Iñárritu eben: Nicht unbedingt der Intellekt ist hier Ziel des Filmemachers, es sind vielmehr die Emotionen. Und über diese transportiert er seine menschlichen Botschaften - und das perfekt und weitaus geradliniger als noch in den beiden Vorgängerfilmen. "Babel" ist mit Sicherheit einer der schönsten, bewegendsten und sehenswertesten Filme der jüngeren Vergangenheit. Beschreiben kann man ihn nicht. Man muss ihn einfach selbst "erleben". 1

OSCARGEWINNER: beste Musik 

 

Apocalypto

USA 2006, Regie: Mel Gibson

 

Explizit inszeniertes Blutbad: Ging es so im Reich der Maya?

 

Mel Gibson ist schon ein seltsamer Vogel. Da turnt er als junger Mann mit Tina Turner durch die Donnerkugel, wird zum Frauenschwarm und Hollywoodstar - und seitdem er selbst hinter der Kamera Platz genommen hat, hat er eine ziemliche Meise. "Braveheart" war ja noch ein publikumstaugliches Epos, für das Gibson sich sogar ein paar Oscars abholen konnte. Doch als er vor drei Jahren seinen religiösen Eifer in der "Passion Christi" zum Besten gab, habe ich ihm eigentlich abgeschworen. Zu plump war diese Heilandsgeschichte, zu brutal und plakativ. Nur eines musste man dem leider unglaublich ertragreichen Christus-Schocker lassen: Die konsequent auf Aramäisch und Lateinisch geführten Dialoge. Nun, ein knappes Jahr nach seinem öffentlichen Antisemitismus-Skandälchen, kommt der smarte Australier mit der Tendenz zum Wahnsinn wieder mit einem Werk um die Ecke, in dem zum einen in "fremden Zungen" gesprochen wird, und das zum anderen wieder jede Menge Potenzial für Grausamkeiten birgt. Und, so viel vorweg: Es wird vollkommen ausgeschöpft.

    "Apocalypto" nimmt sich des Untergangs des Maya-Reiches an, jener mittelamerikanischen Hochkultur, die jahrtausendelang auf hohem Niveau gelebt hat und selbst astronomische Glanzleistungen vollbracht hat. Mit der Eroberung der Neuen Welt durch die Spanier im späten 14. Jahrhundert wurde das Schlusskapitel eingeleitet für ein Volk, dessen Geschichte bis heute viele Rätsel aufwirft. So gering die Prozentsatz der bislang ausgegrabenen Maya-Stätten ist, so wenig weiß man über das, was die Hochkultur ins Wanken brachte. Mel Gibson möchte mit seiner vierten Regiearbeit eine mögliche Antwort herbeiinterpretieren. Diesem Anspruch wird er allerdings nur bedingt gerecht. In seinem Film geht es vor allem um die Darstellung der Brutalität im amerikanischen Urwald. 

    Schon die Eingangssequenz macht deutlich, wohin es geht in diesem Film. Eine Handvoll Jäger hetzt einen Tapir durch den Wald und mit ihm die Kamera. Das Tier wird nicht lange leben, schon bald wird es gepfählt, aufgebrochen und feierlich verspeist. Blutig ist es, das Leben im Wald. Schonungslos und konsequent. Das ist nichts Neues für den jungen Familienvater "Pranke des Jaguar" (Rudy Youngblodd), unsere tapfere Identifikationsfigur, mit der wir für die nächsten 130 Minuten durch den Wald hetzen. Neu hingegen ist jedoch die Angst, die in ihm aufkommt, als er einen Trupp verschüchterter Fremdlinge in seinem Revier sieht. Wovor fürchten sie sich? Schnell wird er es erfahren. Eine erbarmungslose Meute grausamer Krieger überfällt das recht beschauliche Walddörfchen, metzelt die Hälfte der Bewohner auf bestialische Weise nieder, lässt die Kinder zurück und nimmt alles, was einigermaßen fit ist auf den Beinen mit in die Stadt. Dort angekommen, werden die einen als Sklaven verhökert, die anderen, unter ihnen die Jaguarpranke, sollen dem gefiederten Schlangengott Kukulcán geopfert werden, der das Land mit Missernten und einer Seuche abgestraft hat und dafür Menschenopfer fordert. Lediglich einer Sonnenfinsternis hat es unser Freund, der Jaguar, zu verdanken, dass ihm nicht wie seinen beiden Vorgängern vor laufender Kamera das Herz aus der Brust gerissen wird, bevor der Kopf abgehackt und von der Pyramide geschleudert wird... Von nun an hat er nur noch ein Ziel: Er will zurück in sein Heimatdorf, wo er seine hochschwangere Frau und ihren Sohn in einem tiefen Erdloch zurücklassen musste. Eine Hetzjagd auf Leben und Tod beginnt. Und die ist atem(be)raubend, hektisch und durchaus spannend geraten.

    Wie gesagt, die Geschichte von "Apocalypto" kann uns keine befriedigende Antwort auf die Frage geben, warum die Mayas denn nun so heruntergekommen sind. Am Ende des Films landen die Spanier mit ihren christlichen Symbolen an der Küste, doch bereits zu diesem Zeitpunkt war die Kultur dem Untergang geweiht. So viel erfahren wir, so wurde bereits im Eingangszitat des Films ("Eine große Zivilisation kann erst von außen erobert werden, wenn sie sich von innen bereits selbst zerstört hat", Will Durant) philosophiert. Kann sein, wird wohl auch so sein. Dennoch konzentriert sich der Film auf die Jagd nach Jaguarpranke. Ein bisschen "Rapa Nui", eine Prise "Running Man", ein paar Liter Blut, ein Päckchen Bongo-Musik - fertig. So ähnlich könnte man die Zutaten beschreiben, die im Resultat einen durchaus sehenswerten Film ergeben. Blutig, das ist bei Gibson offenbar Ehrensache, ist "Apocalypto" durch und durch. Kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, in der nicht ein Pfeil durch die Rippen flitscht, in der nicht ein Schädel auf einem Felsen zerschellt oder in der nicht ein pochendes Organ aus dem Leib gerissen würde. Das ist alles andere als angenehm für den Zuschauer und stumpft ihn über die Filmdauer nicht einmal ab - zu sehr variiert die Brutalität. Ein Kopf im Panther-Maul, ein Schlangenbiss, ein Bienenschwarm. Der Dschungel steckt eben voller Überraschungen. Gut, wenn man sich da ein bisschen auskennt.

    Alles in allem ist Mel Gibson ein atmosphärisches, bildgewaltiges und wegen seiner expliziten Inszenierung ausgesprochen schwer verdauliches Actionspektakel gelungen, das sich deutlich absetzt vom üblichen Hollywood-Gekloppe. Sicher ist "Apocalypto" nicht jedermanns Sache und bietet historisch gesehen nicht sonderlich Erhellendes. Dennoch: Selbst wenn man sich diesen Film sicher nur einmal "antut", sollte man ihn sich durchaus ansehen. 2

 

 

The Departed

USA 2006, Regie: Martin Scorsese

 

Wuchtig, brutal, grandios: Scorsese ist wieder in Höchstform!

 

Der Ausflug in die Welt der Fliegerei war stilvoll, aber nur mäßig beliebt. Als Martin Scorsese vor zwei Jahren in "The Aviator" Howard Hughes in die Lüfte stiegen ließ, jubelten die Männer und gähnten die Frauen. Ja, wirklich! Ich fand das Biopic mit Leonardo DiCaprio in der Haupt- und Cate Blanchett in der oscargekrönten Nebenrolle sehr schön. Alle weiblichen Zuschauer ließen sich höchstens ein gequältes "Naja" entlocken. "Dieser ganze Fliegermist war doch ziemlich langweilig." Wie auch immer: Mit "The Departed" ist Scorsese wieder genau da gelandet, wo er hingehört. Im dreckigen Genre des Gangster- und Mafiafilms kann er sich austoben wie ein Fisch im Wasser. Und das tut er auch. Das Remake eines der Millionen von mir verschmähten Hongkong-Filme ist großes Kino - nicht zuletzt dank (fast) durchweg fantastischer Darstellerleistungen. Allen voran die schillernde Figur des irischen Bostoner Mafiapaten Costello, mit sichtbarer Hingabe gespielt von Jack Nicholson, der aus ihm einen hedonistischen Stinkstiefel zwischen Penner und Philisoph macht. Costello hat seinen Ziehsohn Colin (Matt Damon) bei der Polizei eingeschleust. Die Cops hingegen haben ihren V-Mann Billy (Leonardo DiCaprio) in die Unterwelt entsandt. Ein guter Ausgangspunkt für einen Straßenkrieg zwischen Gut und Böse also, nur dass nicht ganz klar ist, wer denn hier nun der Böse ist und wer der Gute... Genau auf die zweieinhalbstündige Handlung einzugehen, ist nicht sonderlich sinnvoll. Nur so viel: Schnell erkennen beide Seiten, dass sich Maulwürfe in ihren Reihen befinden. Entsprechend erpicht sind sie darauf, ihn ausfindig zu machen und schnellstmöglich auszuschalten.

    Interessanter als die eigentliche Geschichte sind ohnehin die Figuren. Costello ist allein durch seine Präsenz eine der gelungensten Filmfiguren des Jahres. Doch es ist vor allem DiCaprio, der fasziniert. Sein Billy ist ein Straßenjunge, der sich durch die Polizeiakademie gequält hat, nur um am Ende eine Abfuhr von seinen Vorgesetzen (Martin Sheen und das perfekte Ekel Dignan, sehr hübsch gespielt von Mark Wahlberg)  zu bekommen. Er wird seinem Milieu nicht entkommen können. Der einzige Weg für einen Gossenjungen wie ihn ist der des inoffiziellen Mitarbeiters, des V-Manns in den Verbrecherkreisen. Er muss sich Zugang verschaffen, teils auf schmerzhafteste Weise das Vertrauen des Mafiabosses verschaffen. DiCaprio wirkt in dieser Rolle erstmals richtig männlich, hat endlich das Schönbübchenimage angestreift. Ja, er sieht nicht mal mehr sonderlich gut aus in seiner dritten (und noch lange nicht letzten) Rolle für Martin Scorsese (nach "Gangs of New York" und "The Aviator" - Texte zu beiden gibt es im Archiv). Und das tut ihm und dem Film gut. DiCaprio, der immer schon ein Ausnahmetalent war, wird sich nun endlich dorthin spielen, wo er hingehört: An eine der Spitzenpositonen der Liste der Hollywood-Charaktermimen.

    Der Gegenpart des smarten Colin ist glatter und wird von Matt Damon wie immer solide, ohne erkennbare Schwächen, verkörpert. Schwach hingegen, und das wäre ein Frau für die Frauenbeauftragte des Kinos, kommt das weibliche Geschlecht weg. Die einzige Dame in diesem mitunter extrem brutal inszenierten Männerzirkus ist die Seelenklempnerin Mandolyn (Vera Farmiga). Und die, mit Verlaub, hätte sich Scorsese besser auch geschenkt. Sie stiegt sowohl mit Colin als auch mit Billy in die Kiste und bringt damit einen vollkommen überflüssigen Handlungsstrang mit Eifersucht und "Herz" in den Film. Wirklich, das wäre nicht nötig gewesen und bremst die Geschichte manchmal ein wenig ab. Aber Schwamm drüber: "The Departed" bietet so viele erstklassige Momente, dass mir nicht einmal diese Mandolyn die Laune vermiesen kann. Wir sehen uns bei den Oscars. Und selbst wenn Clint Eastwood wieder auf der Zielgeraden überholt: Scorsese ist einfach einer der größten US-Regisseure aller Zeiten! 1

 

OSCARGEWINNER: Bester Film, Regie, Schnitt, Drehbuchadaption

 

 

 

Wo ist Fred?

Deutschland 2006, Regie: Anno Saul

 

Lachen erlaubt: unverkrampfte Komödie mit Handicap

 

Dürfen wir eigentlich über alles und jeden Witze machen? Immer wieder stellen wir uns diese Frage, wenn sich die Feuilletons mit einem Film beschäftigen, der sich nicht ganz den Vorgaben der political correctness unterwirft. "Wo ist Fred?" ist so ein Diskussionsauslöser, eine launige Klamotte, in der das Thema Behinderung nicht mit der sonst so verbreiteten Ernsthaftigkeit in den Fokus rückt. Und - dürfen wir nun über alles und jeden Witze machen, dürfen wir wirklich ein nicht selbst verschuldetes Handicap zum Auslöser einer Screwball-Comedy machen? Ja, wir dürfen!

Titelfigur und Bauarbeiter Fred (Til Schweiger) hat das Herz der zickigen Mara (Anna Loos) erobert, muss aber noch die Zuneigung ihres widerwärtigen Zöglings gewinnen. Der ist biestig, verwöhnt und anspruchvoll, zudem Basketballfan einer Mannschaft, die nach jedem Spiel einen signierten Ball auf die Behindertentribüne wirft. Den will der kleine Fettmops haben, und sollte Fred diese Aufgabe zu schwierig sein, so dürfte auch die Sache mit der Hochzeit ziemlich fraglich werden. Von seinem tumben Kumpel Alex (Jürgen Vogel) lässt sich der kerngesunde Fred also mit einem Rollstuhl ins Publikum schieben, um die begehrte Trophäe zu ergattern. Das gelingt ihm auch - ebenso wie der unbeabsichtigte Weg vor die Kamera der Werbefilmerin Denise (Alexandra Maria Lara), die ihn nun eine Woche lang verfolgen wird. Klar, dass Fred weiterhin den "Standard-Behinerten" geben muss, um nicht sofort als Schwindler aufzufallen. Der Rest ist durchaus vorhersehbar, aber auch sehr amüsant: Fred kommt in ein Behindertenheim, wird von den dortigen "echten" Bewohnern (u. a. der wie immer grandiose Christoph Maria Herbst als zuckender Stinkmorchel Ronnie!) recht bald enttarnt und gerät immer mehr hinein in das Lügengeflecht, aus dem es schwer zu entkommen ist. 

Anno Sauls Komödie basiert auf einem amerikanischen Drehbuch. Das sieht man dem Film durchaus an, er hätte durchaus in das filmische Oeuvre der Farrelly-Brüder gepasst und wirkt in seiner Dramaturgie routiniert und etwas glattgebügelt. Die Gags aber wirken, machen Spaß und verlassen den Pfad des guten Geschmacks immer wieder mit schelmischer Freude. Und das ist auch gut so und ermöglicht den stärkeren Rollen (Vogel und Herbst) viele gelungene Szenen, lässt aber leider auch drögen Parts wie den dem ewig-lieblichen Lara viel zu viel Raum. Alles in allem ist "Fred" eine sehenswerte, lockere und erstaunlich unverkrampfte Komödie geworden, bei der man ruhigen Gewissens lachen darf. Auch laut. 2

 

 

 

Borat

Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan

GB/USA 2006, Regie: Larry Charles

 

Brüllend komisch, ekelerregend und politisch unkorrekt

 

Borat Sagdijev ist ein ganz normaler Kasache. Er wohnt gemeinsam mit einer Kuh und seiner Schwester, der viertbesten Prostituierten im Lande, in einer miefigen Bruchbude, hasst seinen Nachbarn und seine dicke Frau und wäscht sich im Fluss. Nur, dass der schnauzbärtige Schlawiner beim Fernsehen arbeitet und vom Kultusministerium als Reporter in die US und A geschickt wird, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das beste Land der Welt, in dem es noch einiges abzugucken gibt. Gemeinsam mit dem fettleibigen Kameramann Azamat reist er über den Großen Teich. Im Gepäck: eine ausgesprochen erotische Unterhose, ein Huhn und ein offenbar unendlicher Vorrat an Ressentiments, Vorurteilen, Sexismus. Borat ist der politisch unkorrekteste Tourist, den die Vereinigten Staaten seit langem gesehen haben... 

    Sacha Baron Cohen ("Ali G.") hat mit seinem Borat eine wahrhaft schillernde Figur geschaffen. Die absurde Reise in einem Eisverkäuferwagen von New York nach Los Angeles ist, so viel sei verraten, ein wahres Feuerwerk brüllend komischer Momente. Ich habe selten so viel gelacht, mich aber auch selten so sehr geekelt. Wenn Borat aus der Kloschüssel trinkt, ist das noch harmlos. Wenn er sein  "großes Geschäft" in einem Klopapiertütchen vor seiner Gastgeberin am Esstisch herumwedelt, schon weniger. Borats Reise in und durch die USA ist skurril, abgefahren und durchaus entlarvend. Nicht, dass wir hier allen Ernstes etwas über Kasachstan und sein Volk lernen würden. Nein, der einstige GUS-Staat ist alles andere als begeistert von der Darstellung seiner Landsleute und hat den Briten Cohen inzwischen schon eingeladen, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Aber darum geht es auch nicht in diesem Film. Jedem Zuschauer müsste bereits von der ersten Minute an klar sein, dass das einzig Authentische in "Borat" die Amerikaner sind. Die Kasachen leben nicht in Müllhalden, die Juden sind keine gehörnten Monster, Behinderte sind keine Lachnummern. Die Amerikaner hingegen, denen Borat auf seiner Bildungsreise begegnet, könnten echter nicht sein. Immer wieder hat Cohen improvisiert, hat sich ein Bad in der Menge gegönnt und unvorbereitete Amis auf ihre Reaktionen getestet. Ein Begrüßungskuss in der U-Bahn, ein unschuldiger Händedruck auf offener Straße - was ist schon dabei? Borat lässt sich in amerikanischen Humor einweisen, trifft auf einen Feministenkreis und dessen Fassungslosigkeit, er engagiert eine Benimmtrainerin und erfährt, wie ein amerikanisches Wasserklosett funktioniert. Und er verliebt sich in Pamela Anderson, jene Baywatch-Amazone aus dem Fernsehen, die er unter der Sonne Kaliforniens aufsuchen und in einen Sack stecken wird... 

    Wie gesagt, "Borat" ist urkomisch. Doch andererseits ist er widerwärtig. Irgendwann reicht es einfach, dass der Kasache nicht nur von Exkrementen, sondern vor allem von seinen sexuellen Vorlieben spricht. Vagina hier, Vagina da. Nach etwa einer Stunde ist eigentlich alles gesagt, nach einer Stunde sind selbst die peinlichsten Amis (wenn auch gut!) und die miesesten Klischees vorgeführt. Und so konnten sich die Spaßvögel von Filmemachern auch nicht verkneifen, die wohl ekelerregendste Filmszene der Kinogeschichte zu inszenieren - den Kampf zwischen dem splitterfasernackten Borat und seinem Kameramann! Darauf hätte ich getrost verzichten können, und ich denke, der Film hätte diese unästhetische Orgie auch nicht gebraucht. 3+ 

 

 

 

 

Deutschland. Ein Sommermärchen

Deutschland, 2006, Regie: Sönke Wortmann

 

Amüsanter Blick in die Umkleide: Nette Doku mit geringer Halbwertszeit

 

Okay, über diesen Film sollte ich als chronischer Fußballmuffel eigentlich nicht reden. Doch wie es so ist, wenn man mal eine Woche lang im Urlaub abschalten möchte - ich bin auch drin gelandet in einer Vorstellung. Nun ist dieser Dokumentarfilm von Sönke Wortmann ("Das Wunder von Bern" fand ich ehrlich gesagt ziemlich nervig) ja bereits im Vorfeld durch wunderbare Bild-Zeitungs-PR in Windeseile auf den Olymp der Doku-Erfolge geklettert und somit allerorten beschrieben und bewertet worden. Dass es sich bei diesem "Sommermärchen" nicht etwa um eine Rekonstruktion der WM-Ereignisse im fußballinfizierten Deutschland des Jahres 2006 handelt, sondern vielmehr um einen intimen Blick hinter die Kulissen, hinein in den schweißgetränkten Mief der Jungen-Umkleide, ist hinlänglich bekannt. Machen wir es deshalb kurz, sozusagen aus reiner Chronistenpflicht. Der Film ist amüsant, kurzweilig und nett gemacht. Er gestattet in der Tat enthüllende Einblicke in das, was "unsere Jungs" so alles geleistet haben, um das leisten zu können, was sie am Ende geleistet haben. Dazu trällert Xavier Naidoo im Fünfminutentakt seinen Schmachtsong "Dieser Weg", Jens Lehmann stellt Frau Merkel eine peinliche Frage, Poldi wird seinem Ruf als Dödel der Nation gerecht. So. Das war's. Ende des Jahres läuft das Ganze schon im Fernsehen. Und selbst wenn die DVD-Auswertung Anfang 2007 ein dritter Erfolgsgipfel für Wortmanns Doku werden sollte, dann wird es das auch schon gewesen sein. "Deutschland. Ein Sommermärchen" ist ein netter Film. Aber auch einer, von dem in zwei Jahren keine Sau mehr spricht. Note nötig? Irgendwas zwischen 2 und 3

 

 

 

 

Thank you for Smoking

USA 2005, Regie: Jason Reitman

 

Aus dem Leben eines Lobbyisten: sympathische Satire


Jeder muss irgendwo eine Hypothek abzahlen. Und das ist genau der Grund, warum wir uns alle jeden Werktag aus dem Bett schälen und uns stundenlang unserer Arbeit hingeben. Bei Nick Taylor (Aaron Eckhart) sieht's nicht anders aus. Nur dass der smarte Schmierlappen einer moralisch äußerst fragwürdigen Profession nachgeht. Er ist Pressesprecher der amerikanischen Tabakakademie, einer Forschungsanstalt in Washington, DC, die rein zufällig von allen bekannten Zigarettenkonzernen gesponsert wird. Wen wundert es da, dass es sich bei Nicks Posten um reinste Lobbyarbeit handelt. Nun, er hat es wirklich drauf. Er kann reden wie kein anderer, kann selbst krebskranke Jugendliche in einer Live-TV-Sendung auf seine Seite ziehen und sich mit ein bisschen heißer, durchaus verqualmter Luft in die Herzen der eigentlich so abweisenden Zuschauer hineinpaffen. Kaum jemand hat Verständnis für das, womit Nick seine Brötchen verdient. Abgesehen von seinen Bossen und seinem Sohn hasst ihn  eigentlich jeder für das, was er macht. Seine Frau hat sich längst von ihm getrennt, die Anti-Raucher-Kampagnen sorgen für gehörigen Gegenwind. Wie soll er da noch die Interessen seines auf dem letzten Lungenbläschen keuchenden Bosses (Robert Duvall) vertreten? Wie soll er gegen den Senator des stolzen Cheddar-Käsestaats Visconsin (William H. Macey) anstinken, der mit aller Besessenheit dafür sorgen möchte, dass jede amerikanische Zigarettenpackung mit einem abstoßenden, äußerst plakativen Totenkopf gekennzeichnet wird? Es gibt einiges zu tun für den eloquenten Yuppie, vor allem, als er auf die unanständigen Recherchemethoden der aufstrebenden Reporterin Heather (Katie Holmes) hereinfällt? Wie kann er den sterbenskranken Ex-Marlboromann (Sam Elliott) dazu bringen, dass er seinen spät erkannten Hass auf die Nikotinbranche mit sich ins Grab nimmt? Reitmans karzinomschwarze Komödie lässt ihren durchaus sympathischen Antihelden durch die Aufs und Abs seines Jobs schliddern und macht dabei unglaublich Spaß. Sicher, der Film hätte noch weitaus schärfer geraten können, man hätte ihn noch viel mehr in dem Dreck wühlen lassen können, den er immer wieder aufwirbelt. Aber nichtsdestotrotz ist "Thank you for Smoking" eine sehenswerte Posse, die hier und da in den Wunden einer scheinbar perfekten amerikanischen Gesellschaft puhlt.  2

 

 

Das Parfum

Die Geschichte eines Mörders

 

Deutschland/Spanien/Frankreich 2006, Regie: Tom Tykwer

 

Dufte Mörderballade: Brillante Umsetzung eines grandiosen Romans

Es ist schon immer eine riskante Sache, als Filmemacher über einen Roman herzufallen, der das Prädikat „unverfilmbar“ trägt. Nur allzu oft beißen sich die Regisseure die Zähne aus an dem Stoff, der auf Papier so gut funktioniert und als Zelluloidvariante furchtbar in die Hose geht. Und wenn die Vorlage dann noch ein jahrelanger Bestseller ist, wird's besonders schwer. Millionen sehnsüchtiger und vor allem kritischer Leser warten auf den Filmstart, nur um nach dem Abspann laut ins Kinofoyer brüllen zu können: „Also, das Buch ist tausendmal besser!“
Auch Tom Tykwer düfte sich dieser Tage mit diesem Urteil auseinandersetzen müssen. Er hat sich an eine der schwierigsten filmischen Umsetzungen gemacht, die jüngst im europäischen Kino in Angriff genommen wurden. Seit 20 Jahren wollte Produzent Bernd Eichinger Patrick Süskinds imposanten 15-Millionen-Seller „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“ auf die Leinwand wuchten. Der Literateneremit hat sich lange geziert und erst vor wenigen Jahren die Rechte an der miefigen Mörderballade herausgerückt. Das bescherte ihm Geld – und dem deutschen Film ein neues Hightlight! Tykwers Film bietet seinen belesenen Kritikern zwar viel Angriffsfläche, ist aber fast ohne Einschränkungen eine gelungene Romanverfilmung. Der Film hängt sich bereits in seinen ersten Bildern eng an seine Vorlage. In ekelerregenden Bildkompositionen lässt er seinen Protagonisten, den Antihelden Jean-Baptiste Grenouille (Ben Wishaw) inmitten von Fischgedärmen und Kadavern in die Welt flutschen, lässt seine Mutter am Strick landen und den verwaisten Burschen beim vernarbten Gerbermeister Grimal. Hier, mit einer Kamerafahrt in die Nasenhöhle des jungen Mannes, kann sie also losgehen, die „Geschichte eines Mörders“. Die führt Grenouille zu Guiseppe Baldinini (Dustin Hoffman), einen eitlen Pariser Parfumer, der dem olfaktorisch begnadeten Burschen die Tricks und Kniffe des Duftmischens beibringt. Schließlich will der Lehrling vor allem eines lernen: Wie man den Wohlgeruch junger Damen für die Ewigkeit konserviert... Nach der Ausbildung in Paris und dem ersten Mord an einem Mirabellenmädchen zieht der Schnupperexperte gen Süden, will in Grasse seine Parfumeurskünste perfektionieren. Auf dem Weg in die Provence bemerkt der schüchterne Kerl, dass er – der Mann mit der Nase eines Trüffelschweins – selbst nach nichts riecht. Kein Wunder, dass er von den Mitmenschen so wenig beachtet wird – ein eigener Duft muss also her. Und der soll der beste Duft der Welt sein, zusammengemischt aus den Nuancen der schönsten Frauen...
    Tom Tykwer, Andrew Birkin und Bernd Eichinger haben sehr viele Szenen direkt aus dem Buch übernommen, halten über lange Strecken die Tuchfühlung zum Plot des Romans. Einige Kapitel hingegen blenden sie aus, und das ist zum einen notwendig, zum anderen ihr gutes Recht. So wird Grenouille etwa kein Versuchskaninchen eines Flüssigkeitsforschers. So sitzt er nicht sieben Jahre lang in seiner Höhle herum, saugt sich kein Wasser aus Moos, frisst keine Engerlinge. In Grasse hingegen kommen sich Buch und Film wieder näher, auch wenn die Zahl der Morde nicht ganz übereinstimmt. Am Ende steht der Massenmörder auf dem Pranger und betört die Menschen um ihn herum, bevor es zum furiosen Finale übergeht...
„Das Parfum“ ist ein absolut sehenswerter, stilistisch weitgehend gelungener und atmosphärischer Film. Wer aber das eigene Leseerlebnis des Romans auf der Leinwand erwartet hat, kann durchaus enttäuscht sein. Schon die Besetzung der Hauptrolle mit dem jungen Briten Ben Wishaw widerspricht dem ekligen Gnom aus dem Roman. Der hätte eher von Gollum „verkörpert“ werden sollen, wenn man sich am Original orientiert hätte. Das aber, und da habe ich vollstes Verständnis mit den Machern, funktioniert im Kino nicht so ohne Weiteres. Zweieinhalb Stunden lang sollen wir uns mit dieser Identifikationsfigur durch die Filmwelt bewegen – das geht nur mit einem nicht vollkommen schönen, aber herausragend charismatischen Gesicht wie Wishaw. Sein Grenoiulle hat mit dem im Buch wenig gemein, sein grandioser Auftritt aber lässt uns das schnell vergessen. Schnell reißt er uns mit und empfiehlt sich als ausgesprochenes Schauspieltalent. Die Massenorgie auf dem Grasser Marktplatz versprüht sicher nicht die Ekstase der Süßkind'schen Phantasien. Dennoch macht sie Spaß und fasziniert als vielleicht zu braver aber durchaus pittoresker Bilderbogen. Dieses „Parfum“ kann sich sehen lassen und wird Herrn Tykwer, der seine ihm eigene Bildsprache stark zurücknehmen musste, ein gutes internationales Zeugnis ausstellen. Lassen wir mal ab von dem, was das Buch mit uns gemacht hat. Nehmen wir allein den Film, ohne die permanenten Direktvergleiche: Die Atmosphäre stimmt, die Besetzung überzeugt (vor allem Wishaw und der als comic relief angelegte Hoffman-Part), die Geschichte ist auch mit ihren wenigen Abwandlungen genial. Übrig bleiben für mich nur zwei Minuspunkte: Tykwer schafft es leider nicht, den Erzähler des Romans zu vermeiden. Otto Sander muss aus dem Off eingreifen – und das hat im Kino nicht sonderlich viel zu suchen. Und dann noch dieser letzte Satz. Der ist leicht umformuliert und somit schlicht und ergreifend falsch wiedergegeben. Davon einmal abgesehen – rein ins Kino! 1-

 

Lady in the Water

USA 2006, Regie: M. Night Shyamalan

 

Abgesoffen: Feuchtfröhlicher Langweiler ohne Sinn und Verstand 

 

 

Er ist schon eins seltsamer Vogel, dieser Manoj Night Shyamalan. Ende der 90er entzückte er mit seinem sanften Grusel "Sixth Sense", ließ mit "Unbreakable" eine nette Geschichte folgen und machte sich somit einen Namen als der Mann mit dem Plot-Twist, der überraschenden Wendung am Ende des Films. Ein guter Geschichtenerzähler, dieser Inder. Dann aber setzte er "Signs" in den Sand, oder vielmehr ins Maisfeld, und schon wurden die Zuschauer etwas ungeduldiger. Seinen Film "The Village" wollte niemand mehr richtig mögen, die Kritiker zeigten sich eher genervt  - ganz zu Unrecht, denn "The Village" war Shyamalans Bester! Deshalb hätte es eigentlich so schön werden können, dieses Wiedersehen mit dem Mann fürs Mystische. "Lady in the Water", so viel sei an dieser Stelle verraten, ist jedoch das mit Abstand Schlechteste, was M. Night bisher auf die Leinwand gezaubert hat. Mehr noch: In diesem Jahr habe ich noch keinen so schlechten Film gesehen...

    Cleveland (Paul Giamatti)  ist Hausmeister einer Wohnanlage in Philadelphia. Er schraubt Glühbirnen aus, macht dicken Insekten den Garaus und zeigt den neuen Mietern ihre Bleibe. Ein netter, stiller und stotternder Geselle, dieser Cleveland. Er wird unser Held bleiben für die nächsten anderthalb Stunden. Und würde der nicht vom wunderbaren Giamatti ("Sideways") gespielt, wäre unsere Geduld schon nach kurzer Zeit am Ende. Eines Abends plätschert es im Pool, und Cleveland trifft auf die schüchterne Wassernixe Story (Bryce Dallas Howard, "The Village"). Die ist eine "Narf", ein Wesen aus der "blauen Welt", die eine Mission zu erfüllen hat. Sie soll einem auserwählten Menschen tief in die Augen blicken und ihn damit zu wahrer Größe inspirieren...

    Willkommen in der Welt der Gutenachtgeschichten. Als solche hat die filmische Poolparty ihren Anfang genommen. M. Night Shyamalan erzählte seinen Kindern immer von der Wasserbraut, die es furchtbar gut meint mit uns bösen Menschen, die von komischen Monstern gejagt wird und nur eins will: nach Hause. Das hatten wir eigentlich schon vor über 20 Jahren mit dem Kuscheltier im Ötzi-Look namens ET, nur dieses Mal ist es alles ein wenig düsterer ausgefallen. Besser wird's dadurch natürlich noch lange nicht. Im Gegenteil: Zu keiner Sekunde zweifeln Cleveland oder der Zuschauer daran, dass es sich bei der lebendigen Wasserleiche um eine echte Narf handelt, der es zu helfen gilt. Sie soll von einem unglaublich originellen Wesen - einem Adler - nach Hause gebracht werden, sobald ihre Mission erfüllt und ihr Auserwählter (ausgerechnet Shyamalan selbst!) angefixt ist. Dumm nur, dass die Wesen der Dunkelheit ihr auflauern, und sie mit ihren Grashalmen, pardon: Krallen, an der Heimkehr hintern wollen. Diese Wesen sind eine selten dämliche Kreuzung aus Kunstrasen, Werwolf und Albinomeerschweinchen und werden nur noch von den Baumbewohnern unterboten, die zu guter Letzt affenartig auf sie herabstürzen. Cleveland und der Rest des Wohnhauses müssen die Gutenachtgeschichte weitererzählen, damit sie ein gutes Ende nimmt. Dabei fallen jedem einzelnen der Mieter bestimmte Rollen zu, die allesamt an den im Poolfilter verhedderten Haarbüscheln herbeigezogen scheinen. 

    Seine Plot-Twist-Manie hat Shyamalan mit "Lady in the Water" überwunden. Die gesamte Geschichte kommt ohne jegliche Überraschung aus, lediglich das plötzliche Auftauchen der hirnrissigen Bösewichte kommt immer wieder plötzlich und somit erschreckend daher. Das Schlimme ist: Je mehr der Film sich dem (aus Zuschauersicht verdienten) Ende nähert, desto mehr wünscht man sich, das wenigstens noch eine - wenn auch bescheuerte - Wendung bevorsteht. Doch dieses Mal wird man auch hier enttäuscht. Die Story der Story endet genau so, wie man es die ganze Zeit über erwartet hat. Auf dem durchgehend improvisiert wirkenden Weg dorthin gibt es jedoch nichts Sehenswertes, nichts sonderlich Spannendes, nicht einmal sonderlich Witziges. Der Humor des Films lässt wie so vieles andere zu wünschen übrig. Selten hat mich eine Geschichte dermaßen enttäuscht, und man darf sich die Frage der Fragen stellen: Woher hat Herr Shyamalan bloß das viele Geld für eine solch kostspielige Nullnummer bekommen? Ich bin gespannt, wie es nach diesem Bauchklatscher weitergehen wird in seiner Karriere. Fürs Erste ist die in meinen Augen abgesoffen. 5-

 

 

 

Superman Returns
USA 2006, Regie: Bryan Singer

 

Der Strampler aus dem All ist zurück!


Aus den Augen, aus dem Sinn. Kaum hat sich Superman nach seinen spannenden Flugkünsten der 70er und 80er Jahre ins Exil verabschiedet. Und was machen die undankbaren Menschen von Metropolis? Weiter wie bisher, sie machen Unfug und sich gegenseitig das Leben schwer. Mit journalistischen Ergüssen wei "Warum die Welt Superman nicht braucht" bekommt man den begehrten Pulitzer-Preis, die Welt hat ihren Megahelden aus dem All verloren. Endgültig, wie es scheint. Aber nicht doch! Wir haben ja Bryan Singer, einen comicerprobten Regisseur, der aus der ausgelutschten Geschichte rund um den Mann im blauroten Strampler noch einiges rauskitzeln sollte. Lang genug hat's ja auch gedauert, schon in den 90ern sollte der Mann aus dem All wieder in die Kinosäle flattern.
Gerade, bevor die Welt wieder einmal vom bitterblösen Lex Luthor bedroht wird, macht kommt Clark Kent alias Superman (Brandon Routh) zurück, landet splitterfasernackt aber vor allem spektakulär in den Feldern von
Smallville und nimmt seine Ziehmutter Martha Kent (Eva Marie Saint) in die muskulösen Arme. Verbrecher dieser Welt, aufgepasst! Euch wird bald schon bald der Hintern versohlt! Erst einmal muss Clark jedoch wieder Anschluss
finden in der Welt, die er vor einigen Jahren verlassen hat. Beruflich geht's schnell, die Zeitungsredaktion nimmt ihn mit Kusshand wieder, nur privat sieht's eher mau aus. Lois Lane (Kate Bosworth), seine zuckersüße
Kollegin und geduldige Ex-Geliebte, ist inzwischen unter der Haube und hat einen asthmakranken Sohn. Pech gehabt, Flattermann. Aber wie heißt es doch so treffend? Weggegangen, Platz vergangen! Das Schlimmste aber kommt noch: Frau Lane war es, die diesen unsäglichen, preisgekrönten Anti-Superman-Artikel geschrieben hat. Welt, bist du eigentlich noch zu retten? Klar doch, schon am ersten Arbeitstag wartet ein großer Einsatz auf den
kernigen Kerl von Krypton. Ein Flugzeug, an Bord u.a. Frau Lane, gerät außer Kontrolle und stürzt ab. Auch wenn's einige Anstrengung kostet: "Supi" fängt die Boeing auf und setzt sie sanft inmitten eines voll besetzten Baseballstadions ab. Applaus! Da isser wieder! Doch die große Herausforderung wartet noch: Lex Luthor (dieses Mal verkörpert von einem glatzköpfigen, süffisant-perfide spielenden Kevin Spacey gespielt) hat sich ein paar Krypton-Krystalle aus der heimlichen Superman-Höhe gemopst und mal eben das alte Marlon-Brando-Band aus dem ersten Film abgespielt. Jetzt will er einen neuen Kontinent schaffen und die Weltherrschaft übernehmen. Superman, ran ans Werk! Der Rest des zeieinhalbständigen Effektfeuerwerks ist vorhersehbar, die Welt wird gerettet, auch wenn der Held fast hops geht am Ende. Dafür gibt's eine kleine Überraschung und jede Menge Anknüpfpunkte für einen weiteren Film. Und, wie isser nun, dieser Synger-Superman? Nett und unterhaltsam! Die gute alte John-Williams-Musik am Anfang und die Widmung an Herrn und Frau Christopher Reeve umrahmen diese Hommage, die jedoch - ganz in der Mode aktueller Comichelden-Neuverfilmungen wie etwa "Spiderman" - durchaus melancholische, nachdenkliche Momente hat. Die Superhelden von heute zweifeln an ihrer selbst, hinterfragen sich - und holen dann wieder zum großen Spektakel aus. Spiderman Jumps. Batman Begins. Superman Returns. Der nächste bitte! 2-

 

United 93

USA 2006, Regie: Paul Greengrass

 

Hollywood greift 9/11 auf : Authentisch, extrem bewegend und unangenehm

 

Knapp fünf Jahre sind ins Land gegangen, bis sich Hollywood daran begeben hat, das große amerikanische Trauma des 11. Septembers zu verarbeiten. Und noch bevor Oliver Stone, der Mann für die verfilmte Verschwörung, sich der Sache annimmt und Nicolas Cage im Sommer als Feuerwehrmann ins World Trade Center schickt, hat sich der Engländer Paul Greengrass einen der terroristischen Nebenschauplätze jenes Dienstagvormittags herausgepickt und mit "United 93" 9/11 nach Hollywood geholt. Die Geschichte des Flugs 93, die Geschehnisse an Bord der United-Maschine, die in Newark startete und nie in San Francisco ankam, ist ganz klar filmtauglicher Stoff. Dass Greengrass seinen Film aber so weit abseits der gängigen Klischees inszeniert hat, erstaunt also umso mehr. Über knapp zwei Stunden nimmt uns der Film mit auf die Reise, lässt uns mit seinen wackeligen Kamerabildern Teil  der Handlung werden und am Ende - unweigerlich - mit abstürzen in einem Feld in Pennsylvania. Das Finale ist von vorneherein klar, unglaubliche Spannung kommt trotzdem auf. Das liegt an der mosaikhaften Erzählstruktur - wie erfahren immer nur Bruchstücke der ganzen "Wahrheit", werden in vorgegaukelter Echtzeit mit Fehlinformationen und -interpretationen versorgt, erleben den 11. September noch einmal live. Eine Maschine nach der anderen wird als entführt gemeldet, bereitet der Flugüberwachung Sorge. Dann plötzlich Rauch an einem der beiden WTC-Türme. Was ist passiert? War es ein Sportflugzeug oder doch die auf dem Radar verschwundene Passagiermaschine? Wir erleben die Hektik der Fluglotsen in Boston, die ihrer Kollegen in Cleveland, werden immer wieder in die Maschine des Flugs 93 gebracht, wo sich die sichtbar nervösen Selbstmordattentäter auf ihren großen Moment vorbereiten, schalten zurück in den Tower von Newark, sehen die ersten Live-Bilder von CNN, die Reaktionen in den Kontrollräumen und bei den Militärs... Es geht hektisch zu in "United 93", sehr hektisch. Schnelle Schnitte, verwackelte Bilder, nur wenig Musik - so authentisch kann Kino sein! Es ist schon ein Wunder, wie sehr sich das Drehbuch der gängigen Flugzeugthrillerdramaturgie entzieht. Der Zuschauer bekommt nicht eine einzige Identifikationsfigur an die Hand, wir lernen nicht mal eben so die Biografie des netten älteren Herrn in Reihe 27 kennen, wir bekommen nicht das Familienfoto des jungen Schlipsträgers in der ersten Klasse zu sehen, müssen uns nicht das Geheule der missverstanden Tochter anhören, die nach langer Absenz zum Sterbebett ihres Vaters reist. Nein, der einzige Name, den ich im Verlauf des Films mitbekommen habe, war der des Chef-Flugkontrolleurs Ben Sliney - und der hat sich ausgerechnet selbst gespielt. Keine Stars, nicht einmal bekannte Gesichter bietet der Film, und nicht einmal die Hoffung, dass die Sache noch einmal gut ausgeht. Nicht einmal die vier Terroristen an Bord werden mit dem urtypischen Rollenbild ausgestattet. Auch sie werden als Menschen gezeigt, zitternd, schwitzend und unsicher. Um 10.03 stürzt United 93 ab und wir mit ihm. Und siehe da: Selbst die geschwätzigsten Kino-Sitznachbarn halten mal für eine Minute den Schnabel. 

 

 

The Da Vinci Code

USA 2006, Regie: Ron Howard

 

Viel Lärm um Nichts: Durchschnittsthriller, der sich für was Besseres hält 

 

 

"Zufällig besitze ich ein Flugzeug": Sir Ian McKellen als Sir Leigh Teabing

Ideale Schnitzeljäger: Die fabelhafte Französin (Audrey Tautou) und der allwissende Amerikaner (Tom Hanks)

Selten hat ein Buch für so viel Umsatz und gleichzeitig für so viel Furore gesorgt wie Dan Browns "The Da Vinci Code" (2004). X-millionenfach ging es über die Ladentheke, hat Leser gefesselt, Verschwörungstheoretiker aufjaulen und die katholische Kirche ordentlich schimpfen lassen. Dass aus dieser textlichen Steilvorlage auch ein Blockbuster Marke Hollywood werden würde, war so sicher wie das Amen in der aufgebrachten Kirche. Dabei ist der Megaseller im Grunde genommen nicht übermäßig gewagt und vor allen Dingen ein dramaturgisches Desaster. Brown lässt darin bereits zum zweiten Male seinen larger-than-life-Professor James Bond, pardon: Robert Langdon auf die Welt der Konspirationen los. Was im Vorgängerbuch "Angels and Demons" ("Illuminati") noch ausgesprochen spannend, wenn auch bisweilen arg überdreht war, ist in diesem lauwarmen Neuaufguss der habilitierten Schnitzeljagd eher ermüdend. Langdon, gespielt von einem auf intellektuell frisierten Tom Hanks, ist mal wieder zufällig zur falschen Zeit an der falschen Stelle. Der Direktor des Louvre liegt ermordet vor der Mona Lisa, und Polizeichef Bezu Fache (Jean Reno) lockt ihn als scheinbaren Experten und eigentlichen Hauptverdächtigen an den Tatort. Jetzt geht es los, und wie! Gemeinsam mit Sophie, der Enkelin des Verstorbenen (Audrey "Amélie" Tautou), entschlüsselt der phobische Alleswisser Langdon einen Code nach dem anderen, wird von Polizei und erzkatholischen Sekten von Paris über London bis nach Schottland und wieder zurück gejagt - und das alles binnen weniger Stunden. Das große Geheimnis, um das es hier geht, ist freilich die Suche nach dem Heiligen Gral. Der wird am Ende der hektischen Reise tatsächlich gefunden... 

    So interessant die Versatzstücke des Romans auch sein mögen, so spannend die Verschwörungstheorien auch gestrickt sein mögen - die Handlung als solche ist schlicht und ergreifend hanebüchen. Der Film ist da nicht anders - so werkgetreu wie hier wurde selten zuvor adaptiert (von einigen Fragwürdigkeiten gegen Ende abgesehen). Von originalgetreuen Szenen gedreht an den Originalschauplätzen über die Landung auf dem richtigen Regionalflughafen bis hin zum Kellergang im Schottenland. Wie im Buch, so im Film. Wen wundert's, schreibt Herr Brown so szenisch und dialogreich, wie es sich Hollywood nur erträumt... 

    Die Inszenierung des Ron Howard  kann nicht gegen den schnell überdehnten Spannungsbogen ankommen, schlimmer noch: Sie selbst ist stellenweise unnötig platt und plakativ, entmündigt den Zuschauer mit billigsten Blink-Effekten und fordert ihn weit weniger heraus als die ohnehin schon sehr geschwätzige Buchvorlage - Howard ist sich nicht einmal zu schade, aus seinem eigenen (zugegebenermaßen schwerer erträglichen "A Beautiful Mind" zu kopieren!). Klar, Paul Bettany als Silas und Ian McKellen als Sir Leigh ("Zufällig besitze ich ein Flugzeug!") sind sehenswert. Unterhaltsam ist das Ganze auch. Nur mehr als ein vollkommen überzeichneter, zeitweise unfreiwillig komischer Actionthriller mit schicker Optik ist "Sakrileg" nun wirklich nicht. Weder als Buch noch als Film. Aber was soll's - jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die anderen Brown-Bücher auch auf die Leinwand gewuchtet werden... 4

 

Capote 

USA 2005, Regie: Bennett Miller

 

 

Hoffmanns ganz großer Auftritt

 

Es gibt sie immer wieder - diese Filme, die genau das einhalten, was sie versprechen. "Capote" gehört dazu. Wer im Vorfeld weiß, was für ein Kinoticket er da gelöst hat, der weiß auch ganz genau, was ihn erwartet: Ein wie immer und noch mehr als sonst kongenialer Philip Seymour Hofmann (u. a. "Magnolia", "The Big Lebowski", "Red Dragon") als das exzentrische Genie Truman Capote (1924-84) und einem Biopic, das sich rund um die Entstehungsgeschichte des Tatsachenromans "In Cold Blood" (1966) rankt. Kurz zum Inhalt: Capote entdeckt bei der Zeitungslektüre einen Mordfall in der Pampa von Kansas. Das auf dem Ruhm von "Breakfast at Tiffany's" schwimmende New Yorker Wunderkind weiß sofort: Darüber will ich einen Artikel schreiben. Geplappert, getan: Truman fährt mit seiner rechten Hand Nelle Harper Lee (Catherine Keener) in die Provinz und begibt sich auf Recherche. Immer mehr gräbt er sich fortan in die Materie ein, baut eine persönliche Beziehung zu den grausamen Mördern auf und schreibt jahrelang an dem, was zunächst ein Magazinartikel werden sollte, was zu guter Letzt aber als richtiges Buch enden sollte. Hoffmann hat den Oscar schon lange verdient. Und für seine Rolle als Capote hat die Academy den diesjährigen Hauptpreis auch vollkommen richtig angelegt. Wie immer ist Hoffmann auf der Leinwand nicht Hoffmann. Er ist Truman Capote, und das ist grandios. Auch ansonsten ist der Film sehr gelungen, zwar nicht über die gesamte Länge packend, aber doch immerhin eine aufschlussreiche, interessante Charakterstudie. 2

 

OSCARGEWINNER: Bester Hauptdarsteller

 

 

 

 

Das Leben der Anderen

Deutschland 2006, Buch und Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

 

Gelungener Einblick in die Akte "Stasi": Erstaunliches Regiedebüt

 

Nein, die Deutsche Demokratische Republik war nicht das lustige Land der etwas schrägen Art, wie es uns Leander Haußmann in seinen Filmen gerne demonstrieren möchte. Sie war nicht der Staat von Spreewaldgürkchen, Mufutis, knatternden Kultautos und einer traumhaften Arbeitslosenquote, ein Staat, dem wir oder seine früheren Bewohner in erbärmlicher "Ostalgie" hinterhertrauern müssten und sollten. Die bisherige Kinoauswertung dieses 40-jährigen Reiches hat es uns so oder ähnlich weiß gemacht und ist damit im Grunde genommen recht dürftig und platt geraten. Allerhöchste Zeit also, anderthalb Jahrzehnte nach der Wende mal endlich die ungemütlicheren Assoziationen des Arbeiter- und Bauernstaates auf die Leinwand zu wuchten. Danke, Florian Henckel von Donnersmarck. Du hast nicht nur einen unglaublichen Namen, du hast es auch geschafft, als absoluter Newcomer den ersten beachtlichen Film über die Stasi-Machenschaften ins Kino zu bringen. Sowohl im Osten als auch im Westen. Dafür gab's gleich sieben Deutsche Filmpreise. Und das zu Recht! "Das Leben der Anderen" ist einer der besten deutschen Filme seit Jahren.

    Er  erzählt das ausgesprochen tragische Ende einer blühenden Karriere im Dienste der Staatssicherheit im Berlin der 80er Jahre. Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur) setzt Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (super: Ulrich Mühe) auf den scheinbar regimetreuen Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) und dessen Lebensgefährtin, die Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), an. Grubitz hofft auf einen hübschen Karriereschub, wenn es auf der auf den ersten Blick so weißen Weste des Schreiberlings einen Fleck zu entdecken gibt. Wieseler verschanzt sich auf dem Dachboden des Künstlerdomizils, verwanzt die Wohnung und geht fortan auf Spurensuche in diesem Leben der Anderen. Auch wenn der asketisch hausende Stasimann es zunächst nicht wahrhaben will: Diese Tuchfühlung mit der Intimsphäre des freidenkenden Paares verändert auch ihn von Tag zu Tag... Der Film zeigt es in ruhigen, eindringlichen Bildern: So skrupellos hat das Ministerium für Staatssicherheit seine Mitbürger überwacht, so sehr hat das Regime in das Privatleben seiner Leute eingegriffen, so sehr hat es Menschen zu Marionetten gemacht. 

    Das erstaunliche Regiedebüt lebt zwar vor allem von der grandiosen Leistung des reduziert auftretenden Ulrich Mühe, hat aber mit Gedeck, Koch, Tukur und einem gut recherchierten und intelligenten Drehbuch weitere Volltreffer gelandet. "Das Leben der Anderen" ist ein weiterer Beweis dafür, dass das deutsche Kino im jungen 21. Jahrhundert endlich auf dem richtigen Weg ist. Hier gibt's gute Geschichten zu erzählen, ganz ohne peinliche Beziehungs- und Geschlechtercomedy, ganz ohne aufgesetzte Ironie und Abkupferei. 1

 

OSCARGEWINNER: Bester nicht englischsprachiger Film

 

The Matador

USA 2005, Regie: Richard Shepard

 

Mörderischer Spaß mit Pierce Brosnan als Anti-Bond

 

(js 4/06) Ungleicher könnten die beiden eigentlich nicht sein. Danny Wright (Greg Kinnear) ist ein erfolgloser Geschäftsmann aus Denver, der zwar eine liebende Frau, dafür aber nie den Ansatz zum großen Karrieresprung geschafft hat. Julian Noble (Pierce Brosnan) dagegen ist ein emotional verkorkster Proll, der es in seinem Beruf sehr weit gebracht hat. Er ist Profikiller, zieht seit Jahrzehnten durch alle Länder der Welt, um "Todesfälle zu vermitteln". Kein Wunder, dass das erste Zusammentreffen dieser beiden Antipoden in einer Hotelbar in Mexiko-City nicht direkt in eine tiefe Männerfreundschaft mündet. Und dennoch: Die beiden ungleichen Amerikaner kommen sich in den nächsten Tagen absurderweise immer näher, und Julian verrät dem verdutzten Danny tatsächlich, womit er seine Brötchen verdient. Als der jedoch bei einem Attentat Hilfestellung leisten soll, versteht er nun wirklich keinen Spaß mehr. Doch wie es in solchen Filmen kommen muss, schüttelt man einen solchen Typen nicht einfach ab. Auch Dannys holde Gattin (Hope Davis) wird noch in den Genuss kommen, Julian kennenzulernen... Mit dieser weltumspannenden Mörderposse schüttelt Pierce Brosnan mal eben so sein James-Bond-Image aus dem Lederärmel. Und das ist absolut erfrischend. Als Elefant im Porzellanladen der Emotionen, als herumhurender Schmierlappen ohne Zuhause, Gewissen und einen Funken Anstand macht er in dieser immerhin Golden-Globe-nominierten Rolle eine gute Figur - und das nicht nur im knappen Slip. Das Ganze ist locker und nett inszeniert, gespickt mit pfiffigen Pointen und unmöglichen Dialogen. "Mord und Margatitas", so der mal wieder vernichtende deutsche Verleihtitel, macht einfach Spaß. 2

 

 

Brokeback Mountain

USA 2005, Regie: Ang Lee

 

Schwules Schäferstündchen: Die Geschichte einer undenkbaren Liebe

 

(js 2/06) Wyoming, 1963. Die beiden Saisonarbeiter Jack (Jake Gyllenhaal) und Ennis (Heath Ledger) heuen beim griesgrämigen Rancher Aguirre (Randy Quaid) an, um gemeinsam dessen Schafe auf den Höhen des einsamen Brokeback Mountain zu hüten. Der Auftrag ist klar: Einer der beiden schläft bei den Tieren, der andere bleibt auf dem drei Meilen entfernten Zeltplatz. Es dauert ein paar Tage, bis Jack seinen wortkargen Kollegen dazu bringt, mehr als einen Satz am Stück zu sagen. Nach einem whiskeydurchtränkten Abend am Lagerfeuer bricht Ennis nicht mehr zu den Schafen auf, er bleibt bei Jack und kuschelt sich zu ihm ins Zelt. Kurz, stürmisch und alles andere als romantisch fallen die beiden übereinander her. Am nächsten Morgen wollen sie nichts mehr davon wissen. "Ich bin nicht schwul", beteuert Ennis, der nach dem Einsatz auf der Weide heiraten möchte. Und dennoch: Der vermeintliche One-Night-Stand entpuppt sich als mehr. Ennis und Jake können nicht voneinander lassen. Dumm nur, dass sie wissen, wie das Wyoming ihrer Tage auf Homosexualität reagiert. Ennis hat es als kleiner Junge mit eigenen Augen gesehen, wie grausam die "Dorfschwuchtel" zu Tode gefoltert wurde.

    Es gibt also keinen Ausweg: Das Abenteuer in den Bergen muss in Vergessenheit geraten, ein "normaler", vorhergesehener Lebensweg eingeschlagen werden. Jack heiratet die Tochter eines wohlhabenden Mähdrescherverkäufers, der seinen Schwiegersohn verachtet. Ennis führt seine Alma (Michelle Williams) zum Altar. Beide gründen Familien, beide sind unglücklich. Ihnen ist klar, dass dies nicht der Plan zum Glück ist. Trotz allem halten sie durch. Vier Jahre nach den gemeinsamen Schäferstündchen treffen sie sich zum ersten Mal wieder, gehen gemeinsam einen trinken und anschließend auf den Brokeback Mountain. "Zum Fischen", lautet die offizielle Version. In Wahrheit werden ganz andere Angeln aufgeworfen im Schutze der Wildnis. Ein, zwei, drei, vier Mal im Jahr treffen sich Ennis und Jack im gemeinsamen Liebesnest, suchen Zuflucht in dem bisschen Freiheit, das ihnen in ihrem eng geschnürten Leben bleibt. Und das über zwei Jahrzehnte...

    Es ist schon erstaunlich und nicht weniger erschreckend, mit welchen Themen Hollywood noch im eigenen Land für Furore sorgen kann. Der "schwule Western" stößt einigen US-Kinobetreibern derart sauer auf, dass sie ihn nicht ins Programm genommen haben. Sündhafte Schweinerei! Dabei erzählt Regisseur Ang Lee ("The Ice Storm", "The Hulk") den Film nach einer Kurzgeschichte von Annie Proulx ("The Shipping News") auf ganz behutsame, unspektakuläre und sehr authentische Weise. Keine skandalösen Szenen, keine platten Klischees, keine Schwarzweißmalerei vor grandioser Bergkulisse - "Brokeback Mountain" ist ein sehr bewegendes Drama, eine unglaublich traurige Geschichte einer verbotenen Liebe. Heath Ledger ("Monster's Ball") und Jake Gyllenhaal ("The Day After Tomorrow") liefern als verhindertes Paar großartige Leistungen ab und machen den Film - wie all die Vorschusslorbeeren vermuten lassen - absolut sehenswert.

    Bei den Oscars sollte es daher Preise hageln. Der Hagel blieb aus, lediglich für die Regie, fürs Drehbuch und die Musik gab's einen Preis. Trotzdem: "Brokeback Mountain" gehört tatsächlich zu den besseren Filmen dieser Tage! 1

 

Syriana

USA 2005, Regie: Stephen Gaghan

 

Heiß wie Frittenfett, öde wie Wüstensand: Anstrengendes Wirrwarr

 

200. Filmkritik

(js 3/06) Was für ein brisanter Stoff diese Öl doch ist. Nicht nur im wahren Leben, nicht nur als fragwürdiger Schmierstoff zwischen Ost und West, sondern auch und gerade für den Film! Denn der ist zurzeit politischer denn je, macht nicht mehr die Augen zu vor der Realität. Beschränkt sich nicht mehr auf blinden proamerikanischen Mainstream, sondern wagt den Schritt weg von der ewigen Schwarzweißmalerei der Traumfabrik. Gut, dass es neben unfallbedingten Ölfilmen nun endlich auch den Ölfilm fürs gute Gewissen gibt. "Syriana" ist da, stellt unbequeme Fragen und verhilft George Clooney zu seinem ersten Oscar. Darüber hinaus langweilt er vor allem. CIA-Mann Bob (Clooney) ist in Ungnade gefallen. Er hat einen Auftrag verbockt und wird seither nicht mehr sonderlich hoch angesehen. Er ist das geborene Bauernopfer, das man mal wieder in den Nahen Osten schicken kann, um den unliebsamen Wüstenprinzen Nasir (Alexander Siddig) aus dem Weg zu räumen. Nasir macht Geschäfte mit den Chinesen und betreibt eine nicht unbedingt amerikazentrierte Politik. Deshalb muss er weg. Bob bekommt's nicht auf die Reihe und wird in Beirut selbst ziemlich in die Zange genommen, genauer: seine Fingernägel, die ihm in einer unschönen Folterszene gezogen werden. Unterdessen ist in den USA eine Megafusion zweier großer Ölkonzerne im Gange. Daran sind viele grimmige und vor allen Dingen korrupte Politiker, Rechtsverdreher und Wirtschaftsbosse beteiligt. Wer da wer ist, sei dahingestellt. Gespielt werden sie unter anderem von Jeffrey Wright, Christopher Plummer und Chris Cooper. Gleichzeitig streift der amerikanische Wirtschaftsexperte Bryan Woodman (Matt Damon) durch die Sandhaufen am Persischen Golf, um sich zum neuen Wirtschaftsberater des Prinzen Nasir heranzüchten zu lassen. Bryan hatte bereits in Marbella eine unschöne Begegnung mit dem Wüstensohn. Dorthin hatte der Emir und Prinzenpapa eingeladen und Familie Woodman war der Einladung gefolgt. Auf dem Rückflug blieb ein Sitz frei: Durch einen Unfall im elektrisierten Pool kam der sechsjährige Woodman-Sohn ums Leben. Jetzt aber steht der großen Karriere zum millionenschweren Prinzenberater nichts mehr im Weg - außer den Skrupeln der Ehefrau vielleicht... Ach ja, ein Handlungsstrang wäre da noch: Ein pakistanischer Koranschüler wird auf Gottesfurcht getrimmt und in der letzten Filmminute zum Selbstmordattentat entlassen... Es ist schon ein ziemlich wirres Stück, das uns Stephen Gaghan da in seinem oscarnominierten Drehbuch serviert hat. Mit seiner Vorlage zu Steven Soderberghs Drogenthfiller "Traffic" hatte er sechs Jahre zuvor bereits Ähnliches abgeliefert, hier allerdings hat er komplett die Dramaturgie aus den Augen gelassen. "Syriana" hat in seinen 128 tatsächlich und 821 gefühlten Filmminuten durchaus seine Momente, hat einige interessante Kameraperspektiven ausprobiert, manche wirklich gut inszenierte Sequenz zu bieten. Im Großen und Ganzen jedoch ist der Film ein enervierendes Mosaik, dessen Einzelteile sich nur unter größter Konzentration und bestem Willen zusammensetzen lassen. Was am Ende dabei herauskommt, ist die Mühe jedoch nicht wert. So brisant die Thematik auch sein mag, der Plot von "Syriana" ist es nicht. Ob George Clooney für seine Rolle den Oscar als bester Nebendarsteller verdient hat, ist fraglich. Sicher, er musste eine seiner drei Nominierungen der Saison in eine Trophäe verwandeln. Bei Regie und Drehbuch für "Good Night, and Good Luck" hat's nicht gereicht, also musste dieser Trost her. Ist auch nicht weiter schlimm. Großes Mimenspiel sollte von ihm jedoch nicht erwartet werden in diesem Film, da sind andere ("Prinz Nasir" Alexander Siddig) bemerkenswerter als der 20 Kilo aufgespeckte Clooney. Genug der Worte. Wer "Syriana" mag, soll ihn mögen. Ich jedenfalls bin im Kino fast eingeschlafen. 4

 

OSCARGEWINNER: Bester Nebendarsteller (George Clooney)

 

Elementarteilchen

 

Deutschland 2006, Regie: Oscar Roehler

 

Verfilmung eines unverfilmbaren Buches: Immerhin ein halber Houellebecq



(js 3/06) Ungleicher könnten die beiden Halbbrüder gar nicht sein. Bruno (Moritz Bleibtreu) ist ein sexbesessener Rassist, Michael (Christian Ulmen) ist ein asexueller Intellektueller. Und beide sind alles andere als glücklich über ihr verkorkstes Leben. Beide haben es bis heute nicht gelernt, ihr tristes Dasein in den Griff zu bekommen. Von wem hätten sie es auch lernen sollen? Ihre Mutter (Nina Hoss) war eine verkorkste Hippieschlampe, die sich Zeit ihres Lebens weitaus mehr um ihre Libido als um ihre Söhne gekümmert hat... 

    So in etwa lautet die Grundlage für "Elementarteilchen", den Roman, den der bretonische Skandalautor Michel Houllebecq Ende der 90er auf den Buchmarkt warf und mit dem er die Geister spaltete. Schund oder hohe Literatur? Sittengemälde oder pure Pornografie? Beide Deutungen sind durchaus drin im Falle eines Romans, bei dem der Leser kaum drei Seiten blättern kann, ohne hineingerissen zu werden in einen

expliziten Koitus. Und dennoch: Houllebecqs nihilistische, perverse Weltanschauung ist faszinierend. So krank, zynisch und traurig sie auch sein mag. Was aber ist der Roman "Elementarteilchen"? Eine Dystopie? Eine Warnung? Eine Satire? Eine Altherrenphantasie? Vielleicht von allem etwas. Nur, wie sollte man solch ein Buch auf die große Leinwand bringen? Kann man das? 
Natürlich nicht. So wie bei allen gestörten Erzählerfiguren der Romangeschichte ist auch Houllebecqs Bestseller unverfilmbar. Das hat er mit Nabokovs "Lolita" gemein. Mit größtmöglichem deutschen Staraufgebot hat sich Roehler dennoch an den Stoff gewagt, ihn aus dem Pariser Rotlicht herausgeholt und in das Berlin des Jahres 2005  geholt. Roehlers Michel heißt Michael. Er ist Molekularbiologe, der einst aus einer irischen Forschungseinrichtung geflüchtet war, weil er Angst vor der eigenen Courage hatte. Erst ein paar Jahre später, als ihm die Arbeit in Deutschland auf die Nerven geht, kehrt er zurück auf die grüne Insel - nur um festzustellen, dass seine Formel von damals den großen Durchbruch für die Technik des Klonens darstellt. Erst spät lernt er die Liebe kennen (in Gestalt seiner Jugendfreundin Franka Potente). Bruno auf der anderen Seite versagt auf voller Linie - als Vater, als Lehrer, als Partner. Er sucht nach der großen Befriedigung, zieht durch Nudistencamps und Swingerclubs, lernt die Liebe seines Lebens (Martina Gedeck) kennen - und verliert sie mitsamt seinem Verstand... 

    "Elementarteilchen" hat einiges gemeinsam mit seiner literarischen Vorlage. In einigen Stellen jedoch genehmigt sich der Film große Freiheiten. Das Ende ist leicht geschönt und somit verdaulicher geraten - schlecht ist es deshalb aber noch lange nicht. In einigen Szenen - etwa im Swingerclub oder in einigen Rückblenden - ist der Film so widerlich geraten wie die Vorlage, manchmal schimmert tatsächlich der echte Houellebecq durch. Wahrscheinlich ist die Roehlersche Variante aber die einzig kinotaugliche: eine Eins-zu-eins-Umsetzung wäre mit Sicherheit unerträglich geworden. Abgesehen vom reinen Vergleich zum Buch ist "Elementarteilchen" ein wirklich gelungener Film mit herausragenden, mutigen Darstellerleistungen (allen voran Berlinale-Preisträger Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck). 2+

 

Munich

USA 2005, Regie: Steven Spielberg

 

Schonungslos und aktuell: Spielberg zum Glück wieder unverspielt

 

(js 2/06) Eines muss man Herrn Spielberg nun wirklich lassen: Er lässt sich nicht von seinen Erfolgserlebnissen verführen und auf eines der kommerziellen Genres festlegen. In schöner Regelmäßigkeit lässt er die Finger vom nächstbesten Blockbuster und begibt sich auf anspruchsvolleres Terrain. Jetzt, ein halbes Jahr nach seinem grenzdebilen Dreibeinerulk "War of the Worlds", hat er es mal wieder geschafft. Für seine Terrorsaga "Munich" erhielt der zweifache Oscarpreisträger erneut einige Nominierungen, darunter die für den besten Film und die Regie. 

Trotz seines Titels ist "Munich" kein Dokudrama über den Terroranschlag während der Olympischen Spiele im Jahr 1972. Vielmehr rekonstruiert Spielberg die Folgen. Im Auftrag der israelischen Regierung lässt er fünf Racheengel durch die westliche Welt ziehen, die einen am Anschlag Beteiligten nach dem anderen aus dem Weg räumen sollen. Der Film heftet sich an die Versen des Soldaten Avner (Eric Bana), der das von Ministerpräsidentin Golda Meir entsandte Todesteam (u. a. der  neue "James Bond" Daniel Craig) leitet. Nach einer kurzen Kennenlernphase und einer Einweisung durch Kontaktmann Ephraim (Geoffrey Rush) kann es losgehen. In Paris und Italien, in Südspanien und im Libanon werden die Hintermänner des Attentats aufgespürt und liquidiert. Das läuft in den meisten Fällen nicht ganz planmäßig ab, "Kollateralschäden" inklusive - nur eines ist es eigentlich immer: ausgesprochen brutal. Spielberg scheut sich nicht, die Racheakte in expliziten Bildern als schwer erträgliche Blutbäder zu inszenieren. Hier ein Kopfschuss, da ein Messer in den Kopf, dort ein zerfetzter Arm im Deckenventilator. Der Film setzt Attentat und Rachefeldzug als gleichermaßen abstoßend und verwerflich dar. 

Und nicht nur deshalb ist "Munich" keine leichtverdauliche Kinokost. Er nimmt uns gute zweieinhalb Stunden mit auf eine moralisch mehr als fragwürdige Dienstreise von Männern, die selbst nicht genau wissen, was sie da tun. Sind die Getöteten wirklich alle schuldig? Machen sie sich nun ebenso schuldig? Darf ein Staat eine solchen Feldzug nach dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" gutheißen? 

Wie historisch korrekt oder unkorrekt Steven Spielberg auch immer gearbeitet haben mag, eines ist ihm gelungen: ein Film, der zum Nachdenken anregt und nach wie vor unglaublich aktuell erscheint. Dass der Abspann über einem Panoramabild von Manhatten mit den gerade im Bau befindlichen Tin-Towers des World-Trade-Centers läuft, ist in Zeiten von Guantanamo & Co. selbstverständlich kein Zufall... In Sachen Inszenierung lässt sich der Macher so unterschiedlicher Werke wie "Schindlers Liste", "A.I." und "Catch Me if You Can" natürlich so schnell nichts vormachen. "Munich" ist in dieser Hinsicht wieder preisverdächtig gut. Der Regisseur hat seine Darsteller im Griff und schafft es mal wieder, eine Epoche ausgespochen authentisch auf Zelluloid zu bannen und macht aus manchen Szenen einen waschechten Thriller. Optisch gesehen könnte "Munich" übrigens tatsächlich ein Werk der 70er Jahre sein. Bei "Munich" ist also alles gut gegangen. Mal sehen, welche Spielereien Spielberg als nächstes im Schilde führt. 1-

 

 

Prime

USA 2005, Regie: Ben Younger

 

Neues aus der Lebensblüte: weit weniger hysterisch als erwartet

 

(js 1/06) Auf den ersten Blick sehen die Zutaten zu diesem Film doch eher scheußlich aus. Da sitzt Meryl Streep als esoterisch angehauchte Psychologin Lisa einer heulenden Rafi (Uma Thurman) gegenüber, die sich von einer Scheidung erholen muss. Schon bei der nächsten Sitzung wendet sich das Blatt. Die 37-jährige Ex-Gattin mit dem soeben noch ausgeprägten Kinderwunsch hat sich einen feurig-jugendlichen Liebhaber in die Kiste geholt, süße 23 Lenze jung und unglaublich attraktiv. Vorbei die traurigen Zeiten, rein in die Blüte des Lebens (O-Titel: "Prime")! Dumm nur, dass keine der beiden Damen ahnt, dass es sich bei dem knackigen David (Bryan Greenberg) um den Sohn der Seelenklempnerin handelt... Welch schlimme Wege solche "romantischen Komödien" bei diesen Zutaten doch einschlagen können! Wie schnell man doch als Filmemacher ein weiteres Schwiegermonster auf die Leinwand klatschen kann! Doch weit gefehlt: "Couchgeflüster" ist keinesfalls so blöde wie sein deutscher Titel. Vielmehr ist Regisseur Ben Younger eine durchweg sehenswerte Komödie gelungen, voll gespickt von perfekt sitzender Situationskomik und nachdenklichen Momenten. Die Beziehung zwischen Rafi und David wird weitaus reifer unter die Lupe genommen, als man es bei einer Hollywoodproduktion hätte erwarten können. Auch das Zusammenspiel zwischen Mutter und einigermaßen unerwünschter Schwiegertochter endet zu keiner Minute in der hysterischen Kriegsführung, die uns in solchen Filmen immer wieder begegnet. Hier wird ernsthaft über die unterschiedlichen Gewohnheiten, Ansichten und Lebenspläne des Liebespaares nachgedacht und die Geschichte zu einem plausiblen und nichtsdestotrotz netten, versöhnlichen Ende gebracht. Sicher, auch hier gibt es das eine oder andere Klischee, auch in diesem Film darf der typische und nicht sonderlich notwendige "Fool" in Person eines soziopathischen Kumpels nicht fehlen. Doch alles in allem ragt der Film heraus. Nicht aus der Filmgeschichte an sich, aber doch immerhin aus seinem Genre. 2

 

The Constant Gardener

USA 2005, Regie: Fernando Mereilles

 

Erstaunlich klischeefrei: Großes Kino mit grandiosen Bildern

 

(js 1/06) Manche Filmplakate wecken unangenehme Erinnerungen. So auch das der Literaturverfilmung "Der ewige Gärtner". Ralph Fiennes in einer Liebesschmonzette? Das ist doch schon damals, im neunfach Oscar-prämierten und nicht weniger überschätzen "The English Patient" in die Hose gegangen. Und auch ein deutscher Titel wie "The Constant Gardener" lässt eher an einen ZDF-Abend mit Rosamunde Pilcher denken als an großes Kino. Dennoch: Die Kritiken zu Fernando Meirelles ("City of God") Romanverfilmung einer Vorlage von John Le Carré sind sich einig: "The Constant Gardener" ist Kino vom Feinsten. So viel vorweg: Recht haben sie. Der englische Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) ist im Dienste ihrer Majestät in Kenia unterwegs. Mit dabei: seine stürmische, halbrevolutionäre Frau Tessa (Rachel Weisz). Nachdem sie in einem Krankenhaus in Nairobi ein Kind zur Welt bringt und sofort verliert, macht sie wieder einen auf Weltverbesserer und heckt mit ihrem einheimischen Freund Arnold einen geheimen Plan aus, von dem nicht einmal Justin Notiz nimmt. Erst als Tessa eines Tages ermordet am Straßenrand liegt, stellt sich Justin die eine oder andere Frage. Wie konnte das passieren? Welcher gefährlichen Sache war Tessa auf der Spur gewesen? Weiter muss der Inhalt eigentlich nicht aufgedröselt werden. Nur so viel: Das Wissen, für das Tessa ermordet wurde, ist ungeheuerlich und führt Justin und sie Zuschauer in die abscheulichen Abgründe der Menschheit, mitten hinein in die Vorstadtslums von Nairobi, mitten hinein in die skrupellose Menschenverachtung und grenzenlose Profizgier der Weltkonzerne. Was "The Constant Gardener" aber vor allen Dingen zu einem wahrlich großen Filmereignis macht, ist nicht die Geschichte. Es sind zum einen die herausragenden Hauptdarsteller, die beide astreise Glanzleistungen abgeben. Zum anderen sind es die Bilder, mit denen Fernando Meirelles bereits seine finstere Reise durch die Favellas von Rio geschmückt hat. Darüber hinaus umschifft das Drehbuch geschickt alle Klischees, die bei solch einem Thema selbstversträndlich auf dem Weg liegen. Kein Afrikakitsch, keine unnötige Gefühlsduselei. Es stimmt: "The Constant Gardener" ist großes Kino! 1

 

OSCARGEWINNER: Beste Nebendarstellerin (Rachel Weisz)

 

 

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