Archiv 2004
Best of 2004 Filme, die man in diesem Jahr gesehen haben muss: 21 Grams, Big Fish, Lost in Translation, Der Untergang, Monster, Fahrenheit 9/11, The Village, Die fetten Jahre sind vorbei und Der Wixxer.
USA 2003, Regie: Sofia Coppola
Schlaflose Nächte in Tokio: Langnasen in der Krise
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Charlotte und Bob: gemeinsam in der Lebenskrise |
(js 2/04) In der Übersetzung geht oft Wesentliches verloren. Das gilt für hohe Literatur, für synchronisiertes Kino und irgendwie schon für die Teletubbies. Ganz verlustreich wird es, wenn nicht nur die Sprache, sondern ein ganzer Kulturkreis übersetzt wird. Dass solche Übersetzungen eigentlich vollkommen unmöglich sind und gerade deshalb als Grundlage für einen großartigen Film dienen können, beweist Sofia Coppola, Tochter von Francis und Cousine von Nicolas Cage, mit ihrer zweiten Regiearbeit.
Bob (zu Recht oscarnominiert: Bill Murray) ist ein
US-Film- und Fernsehstar, der es vielen seiner Kollegen
gleich macht und sich im fernen Japan für Whiskey-Werbung ordentlich bezahlen lässt. In
der 30-Millionen-Metropole Tokio
angekommen, beginnt gleich der Kulturschock für den Amerikaner. Kleine
Menschen, freundliche Gesichter, fremde Zungen und ein mörderischer Jetlag...
Bob versteht die bonbonfarbene Welt um ihn herum in keinster Weise, und diese Welt versteht ihn nicht.
Irritiert von den Japanern, von Schlaflosigkeit geplagt immer wieder von
erschreckend nüchternen Telefonaten mit seiner Frau gestört, lungert
Bob in
der Hotelbar herum, betrinkt sich und trägt die wohl deutlichste Midlife-Crisis
des Kinojahrs zur Schau. Geld hat er, Erfolg wohl auch. Nur glücklich ist er
nicht einmal in Ansätzen.
Noch so ein Fall ist Charlotte (Scarlett Johannson), die junge Gattin eines
hippen Szenefotografen. Sie hat ihrem Mann nach Tokio begleitet, und lungert
sowohl tagsüber als auch nachts allein inmitten des Stadtmolochs herum. Sie
hasst Japan, st vollkommen "Lost in Translation". Als Charlotte auf
den doppelt so alten Bob trifft, hat sie endlich einen Partner gefunden, mit dem
auch sie Tokio einigermaßen genießen kann. So weit man Tokio eben
genießen kann, versteht sich.
Das ist der simple Plot, doch mehr Stoff braucht der Film beim besten Willen nicht. Sofia Coppolas Hauptfiguren könne sich vor dieser Folie grandios entfalten. Der Kulturschock zwischen Japan und den USA bietet Platz sowohl für herrliche Komik als auch für eine durchaus kritische Betrachtung beider Nationen. Die Asiaten bekommen ihr Fett weg. "Wir" (also nicht nur die US-Amerikaner sondern gleich noch das Kinopublikum der westlichen Welt) schütteln im Gleichschritt unsere langnasigen Köpfe, wenn sie aufgeregt in schier unerträgliche Spielhöllen hüpfen und mit nach wie vor ungebrochener Begeisterung in ihre Karaokemaschinen jaulen. Und in der nächsten Szene hält "uns" der Film einen unangenehmen Spiegel vor unsere lange Nase: Oberflächlichkeit, kranke Psychotherapien und wahnwitzige Wertvorstellungen scheinen unseren Horizont zu definieren...
Und dann ist da noch die Beziehung zwischen dem frustrierten Familienvater Bob und der einsamen jungen Ehefrau Charlotte. Sie trösten und helfen sich gegenseitig in ihrer Verlorenheit und kommen sich dabei durchaus näher. Sehr nah sogar, aber niemals - und in einem durchschnittlichen Film sähe das ganz anders aus - überschreiten sie Grenzen. In langen Standbildern zelebriert die Regisseurin ihre beiden (Anti-)Helden und dreht dem teilweise so lauten Film den Ton ab. Solche Momente kann man einfach nur genießen, eine Beschreibung fällt mir schwer und würde wieder beweisen, wie viel in Übersetzungen verloren gehen kann. Eins steht allemal fest: Besser als mit "Lost in Translation" hätte das Filmjahr kaum anfangen können. Alles Gute bei den Oscars! 1
PS: Oscar für das beste Original-Drehbuch (Februar 2004).
USA 2004, Regie: David Koepp
Alles nur geklaut: Stephen King kopiert sich inzwischen schon selbst
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Die dunkle Hälfte scheint durch: Mort Rainey |
(js 2/05) Ungepflegt und gammelig liegt Mysteryautor Mort Rainey (Johnny Depp) auf dem vollgekrümelten Sofa seines Ferienhauses am See. Er hat sich dem Müßiggang verschrieben, pennt den ganzen Tag und hat die allseits gefürchtete Schreibblockade. Bis es plötzlich an der Tür klopft. Ein fremder Mann mit Hut und finsterer Miene steht auf der Hausschwelle und wirft dem verdutzten Schreiber Plagiarismus vor. "You stole my story", behauptet dieser John Shooter (John Turturro) in breitestem Südstaatenslang und überreicht dem Zausel ein Manuskript der Kurzgeschichte "Secret Window". Die ähnelt durchaus einer der vor Jahren veröffentlichten Storys aus Mort Raineys Feder, und zwar bis aufs Wort. Alles nur geklaut? Ja, aber wer bei wem?
Shooter bleibt bei seiner Meinung: Er ist der Urheber dieser kruden Geschichte um einen Frauenmord. Und so lange Mort das nicht beweisen kann, macht er Terror. Der Hund ist als erster dran und bekommt einen Schraubenzieher in den Kopf gerammt. Er wird nicht der einzige bleiben. Dann wird das Haus der Raineys abgefackelt, in der die Fast-Exfrau (Maria Bello) mit ihrem neuen Lover (Timothy Hutton) logiert. Der Fremde aus dem fernen Mississippi beliebt nicht zu scherzen - er will, dass seine Geschichte nach seinem Geschmack zu Ende erzählt wird. Und der ist blutrünstig.
"Secret Window" basiert auf der Kurzgeschichte "Secret Window, Secret Garden" von Amerikas Horrormeister Stephen King. Der hat zwar den Zenit seiner Karriere längst überschritten, produziert und verkauft aber noch immer in beneidenswerter Auflage. David Koepp, zuletzt Drehbuchschreiber bei David Pinchers "Panic Room", hat nun selbst auf dem Regiestuhl Platz genommen und einen soliden Horrorfilm geschaffen. Mit Johnny Depp hat er natürlich eine sichere Bank an seiner Seite. Der charmante Schussel muss den Film über weite Strecken allein tragen und spult dabei mal wieder souverän sein Können ab. Was die Geschichte angeht, so ist Koepp King mächtig auf den Leim gegangen. Alle Zutaten, die "Secret Window" so spannend und gruselig machen, hatten wir schon (mindestens) einmal. Alles nur geklaut? Jawohl! Und hier hat King sich einen seiner Lieblingsautoren vorgenommen: sich selbst. Da muss er eben keine Angst vor Plagiatsvorwürfen und Besuchen entzürnter Autorenkollegen haben. Viele Motive erinnern stark an die früheren und bereits verfilmten King-Romane "The Shining" und "The Dark Half". Die Verfilmung des ersten (Stanley Kubrick, 1980) dient ebenfalls gerne und keineswegs subtil als Vorlage für die Inszenierung - was damals REDRUM war, lautet diesmal SHOOT (H)ER. Aus "The Dark Half" (George A. Romero, 1993) wurde immerhin George-Stark-Darsteller Timothy Hutton reaktiviert. Das Ergebnis dieser düsteren Eigenbluttherapie eignet sich durchaus für einen gepflegten Horror-Videoabend.
Für einen Film aber, der immer wieder darauf herumreitet, dass das perfekte Ende das wichtigste an einer Geschichte ist, kommt das Finale dann doch etwas ernüchternd daher. Aber besser einigermaßen gut geklaut, als unheimlich schlecht selbst erfunden. 3
GB 2004, Regie: Edgar Wright
Die erste "Rom-Zom-Kom" (Romantische Zombie-Komödie) der Welt
von meinem Korrespondenten Jan Wilhelm (12/04)
„Manchmal
kommen Sie wieder“. Nachdem die Untoten in den 80er und 90er Jahren ihre
hirnlose Existenz eher in den Schmuddelecken der Videotheken fristeten, feierten
sie in letzter Zeit, beginnend mit „Resident Evil“ und Danny Boyles „28
Days Later“, ihr erfolgreiches Comeback auf der großen Leinwand. Seitdem
stöhnen, ächzen und knabbern sie sich wieder durch die Kinosäle und
verbreiten dort als instinktgesteuerte Menschenfresser wieder Angst und
Schrecken. Nachdem 2004 mit dem „Dawn of
the Dead“-Remake schon ein Film Zombie-Großmeister George A. Romero („Night
of the Living Dead“, „Day of the Dead“) Tribut zollte, humpelt jetzt mit
„Shaun of the Dead“ ein weiteres Stück über die Nicht-so-ganz-Verblichenen
ins Kino: Haupt- und Titelfigur Shaun (Simon Pegg) lebt in Nord-London, ist Ende
zwanzig, arbeitet als Verkäufer in einem TV-Laden und scheint kein richtiges
Ziel im Leben zu haben. Eigentlich ist er aber ganz zufrieden. Hat eine
kuschelige Stammkneipe, lebt mit seinem besten Freund Ed (Nick Frost) in einer
kleinen WG-Bude und – wenn die beiden nicht gerade mit ihrer Playstation auf
Monsterhatz sind – trifft er sich mit Freundin Liz (Kate Ashfield). Die
verlangt jedoch ein klein wenig mehr vom Leben – und von ihrem Freund. Doch
der Tag, an dem sie schließlich ihre oft ausgesprochene Drohung wahr macht und
sich von Shaun trennt – wird zum „Tag der lebenden Toten“. In London
breitet sich zur selben Zeit nämlich eine seltsame Seuche aus: Alle Menschen,
die sterben, erheben sich
kurze Zeit später wieder, um in Gier nach lebendigem
Fleisch und Blut, die Lebenden zu verfolgen und zu beißen. Als es immer mehr
werden, beschließen Shaun und Ed schließlich aus ihrer Lethargie auszubrechen
und tauschen die Gamepads der Spielekonsole gegen Axt und Schrotflinte ein.
Immerhin steht auch Liz' Leben auf dem Spiel. Klare Sache: „Shaun of the Dead“
ist eine Persiflage der klassischen Zombie-Filme. Doch wer von dem Streich des
hierzulande vollkommen unbekannten Comedy-Duos Simon Pegg & Edgar Wright
ähnliches erwartet wie von Filmen der Marke „Scary Movie“, „Zucker-Abrahams-Zucker“,
oder – Gott bewahre – „Periode 1“, der sieht sich schnell getäuscht.
„Shaun“ ist in erster Linie eine clevere, handwerklich einwandfreie und
erstaunlich innovative Hommage an das Genre und gleicht in dieser Hinsicht eher
John Landis’ „An American Werewolf in London“, Robert Rodriguez’ „From
Dusk Till Dawn“, oder teilweise sogar Peter Jacksons „Braindead“. Denn bei
allem Humor – und davon hat der Film mehr als genug – bleibt „Shaun of the
Dead“ seinem Genre mehr als treu. Neben den zahlreichen, durchweg gelungenen
Gags (sei es nun Slapstick oder Sprachwitz) und den sympathischen Protagonisten,
wird hier nämlich auch nicht mit der adäquaten Menge an Horror, Blut und
Gedärmen gespart. Darüber hinaus verteilt „Shaun“ natürlich auch die –
dem Zombiefilm seit jeher innewohnende – Sozialkritik. Gepaart mit der
britischen Selbstverständlichkeit des knochentrockenen Humors läuft „SotD“
dabei zur Hochform auf und verdient das (von mir eigentlich gehasste) Prädikat
„Kultfilm“ allemal. 2+
(Die Bewertung bezieht sich auf das englischsprachige Original. Für die deutsche Synchronisation übernimmt der Rezensent keine Haftung.)
Alexander
USA 2004, Regie: Oliver Stone
Oliver
Stone schickt den Eroberer gen Osten: Gar nicht mal so übel
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Familienportrait: Trügerische Idylle |
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Überflüssiger Erzähler: Ptolemäus (Anthony Hopkins) |
Immer wieder versucht sich das Hollywood-Kino an der Wiederbelebung längst
verstorbener Filmgenres. Wellenweise kommen sie daher, funktionieren eine Zeit lang recht ordentlich, und werden schleunigst von der nächsten Welle
überrollt. Seit dem oscargekrötenten "Gladiator" haben wir nun auch wieder den
guten alten Sandalenfilm auf den Spielplänen der Kinos. Ob wir nun auf ihn gewartet haben oder nicht: Er ist da und hat mich in seinem zweiten
Aufflackern bislang nicht wirklich überzeugt. Das römische Arenenspektakel mit
Russell Crowe war in Ordnung, aber eben kein Meisterwerk. Und Wolfgang Petersens "Troja" war nicht viel mehr als eine kostenträchtige Frechheit.
Haben wir da wirklich noch eine "Alexander der Große"-Verfilmung gebraucht? Eigentlich nicht, schon gar nicht zwei. Baz Luhrman
("Moulin Rouge") lässt im
nächsten Jahr Leonardo DiCaprio in den Orient ziehen - das kann ja durchaus ein Spektakel werden! Doch zuvor ist Oliver Stone an der Reihe.
Und stünde nicht dieser Name hinter der dreistündigen Großproduktion, wäre mein Interesse
an "Alexander" nach der Pleite mit Brad "Achilles" Pitt gleich Null gewesen. Und siehe da: Oliver Stone zeigt, dass ein guter Mann auf dem Regiestuhl
durchaus etwas rausholen kann aus den großen Heldenepen der Antike. Schon seit seiner Studienzeit an der Filmhochschule hat der Macher solch
interessanter Werke wie "JFK", "Natural Born Killers" und dem sperrigen Vierstünder "Nixon" mit dem Gedanken gespielt, den mächtigsten Feldherrn der
Antike auf die Leinwand zu wuchten. Und da reitet er nun: Gespielt vom irischen Shootingstar Colin Farrell ("Nicht auflegen!") begibt sich der
makedonische Herrscher daran, die Welt zu erobern. Als Sohn des grimmigen Königs Philipp
(ausnahmsweise ganz gut: Val
Kilmer) und der biestigen
Schlangenfreundin Olympias (sehenswert: Angelina Jolie) bildet sich schon früh eine gewisse Egomanie, ein gewisser Größenwahn bei dem blonden Blaublüter aus.
Gerade noch wird Papi Opfer eines Mordanschlags, schon sattelt der junge Held sein Ross und führt eine Schlacht nach der anderen an. Erst geht's nach
Babylon, dann immer weiter gen Osten, bis in Indien sogar Affen und Elefanten zu gefürchteten Gegnern werden. Auf dem Weg werden natürlich viele Schlachten
geführt, viele Liter Blut vergossen und jede Menge große Töne gespuckt. Schließlich befinden wir uns hier in einem waschechten Heldenepos und nicht im
Geschichtsunterricht. Was aber macht "Alexander" um Längen besser als Petersens
"Troja"-Pleite? An den Hauptdarstellern liegt es nicht, immerhin ist Brad Pitt nach wie vor der
bessere Schauspieler als Colin Farrell. Es muss also die Inszenierung sein, die über Treffer oder Flop entscheidet. Und die stimmt bei Stone. Sicher,
"Alexander" ist mit seinen 175 Minuten ausgesprochen lang geraten. Dennoch ist er selten langweilig, behält sich über die gesamte Filmlänge seine Dynamik und
kopiert nicht einfach eine Schlachtenszene hinter die andere. Durch verschiedene Verfremdungseffekte macht Stone das Beste aus all dem durchaus
schonungslosen Gemetzel. Auch die Figur des Alexander ist zumindest einigermaßen nachvollziehbar
getroffen. Colin Farrell interpretiert die Rolle dieses Schlachtmeisters durchaus solide, mit allen Vater-Sohn-Konflikten, der seltsamen Beziehung zu
Mama Olympias und den homoerotischen Anzüglichkeiten zwischen all den schweißtreibenden Schlachten.
Schwachpunkt des Film ist die überflüssige Rahmenhandlung, in der ein alternder Ptolemäus (Sir Anthony Hopkins) seinen Untertanen das Heldenepos des
"größten aller" Alexander aufs Pergament diktiert. Diese Art der Erzählung wirkt etwas billig und überzogen. Hier hätte sich Oliver Stone doch etwas
besseres einfallen lassen sollen, um den Zuschauern die Zusammenhänge zu erklären.
2-
The Incredibles
USA 2004, Regie: Brad Bird
Wenn Superhelden aus der Mode kommen: Neuer
Hit von Pixar
(js
12/04) Das waren noch Zeiten, als der Treibhauseffekt noch kein Thema war und alle
Katastrophen noch irgendwie abzuwenden waren. Dass waren noch Zeiten, als unser aller Wohl von der Tatenfreude dufter Superhelden à la Super-, Bat- oder
Spiderman abhing. Doch was ist passiert? Die Mega-Heroen haben sich zurückgezogen und lassen uns allein in unserem Leid versinken. Das muss doch einen
Grund haben. Hat es auch, schließlich ging die Ära der Superhelden mit einer Klageflut vor
amerikanischen Gerichten zu Ende. Superhelden waren plötzlich nicht mehr erwünscht, sie mussten sich in ein ziviles Leben zurückziehen. Dabei half
gottlob die Regierung. Mit ihrem Superhelden-Programm half sie den Übermenschlichen, sich ein Leben zwischen Aktenordnern und piefiger
Vorstadtidylle aufzubauen. Von Mr. Incredible, dem Elastigirl und ihren Kollegen fehlt seither jede Spur.
Die Grundidee zu Pixars neustem Animationsfeuerwerk ist erwartungsgemäß
originell. Was fangen einstige Superhelden mit einem normalen Leben an? Bei den Incredibles ist es nicht ganz so leicht. Mr.
Incredible, damals der Auslöser für die Schadenersatz-Klagewelle, hat Superheldin Elastigirl
geheiratet und mit ihr drei nicht weniger talentierte Kinder in die Vorstadtwelt gesetzt. Zufrieden ist er nicht: Tagsüber kauert er in einem
Versicherungsbüro rum, muss sich mit seinem nörgelnden Chef herumplagen und hat so gar keinen Spaß am Spießerdasein. Nur zu gerne trifft er sich abends
heimlich mit seinem Ex-Kollegen Frozone, dem Mr. Freeze des Pixar-Kosmos, um ein wenig in Lebensretter-Form zu bleiben. Klar, dass er sich über ein Angebot
freut, dass ihm eines Tages in den tristen Alltag flattert: Er soll nochmal in seinen Anzug schlüpfen und eine wahrlich heldenhafte Aufgabe lösen. Schade
nur, dass sein Auftraggeber nichts anderes als sein neuster Erzfeind ist.
Es fällt nicht schwer vorherzusagen, dass die Incredibles die längste Zeit im zivilen Leben geblieben sind. Natürlich müssen sie alle gemeinsam ihre
Superkräfte zusammenlegen, um das Böse zu besiegen.
Für die Pixar-Macher bietet diese Grundlage jede Menge Freiraum für ein riesiges Pottporree von Computertricks. Hier ist alles erlaubt, und selbst die
Stunts, die sich ein Herr Bond niemals zugetraut hätte, sind in diesem Film möglich und damit auch zu bestaunen. Und das ist durchaus nett anzusehen.
Dennoch hätte der ruhig ein wenig gerafft werden können. Das erste Drittel ist
unglaublich originell und urkomisch, der Rest eine Bloße Action-Show ohne nennenswertes Drehbuch. Ein Füllhorn von Filmzitaten und rasanten Szenen
schafft es aber dennoch, den Zuschauer am Ball zu halten. Auch die deutschen Synchronsprecher von Markus Maria Profitlich über Felicitas
Woll, Barbara
Schöneberger, Herbert Feuerstein und Kai Pfaume (sic) machen ihre Sache sehr gut.
Pixar hat es also wieder geschafft. Ihre möglicherweise zweitletzte Disney-Koproduktion reihen sie nahtlos an die gelungenen Vorgänger
"Toy Story 1+2", "Monsters Inc." und dem letzten Knüller
"Finding Nemo" an, wobei sie niemals das Nemo-Format erreichen. Dazu fehlt es einfach an der Entwicklung in
ihrer neuen Geschichte. 2
PS: Den Vorfilm mit dem geschorenen Schaf hätte sich Pixar übrigens sparen
können. Aber vielleicht mussten auch mal ein paar Praktikanten beschäftigt werden....
7 Zwerge - Männer allein im Wald
Deutschland 2004, Regie: Sven Unterwaldt
Blöder geht's nicht: Märchenhafter Schwachsinn hoch sieben
"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste Frau im Land?", fragt
sich die böse Königin (Nina Hagen). Die Antwort ist klar: Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen wohnt das liebreizende Schneewittchen (gespielt
von Ninas tatsächlich liebreizender Tochter Cosma Shiva). Doch bevor der vorlaute Spiegel die unerhoffte Info vom Stapel lässt, grüßt er mit "Hallo
erstmal..." Ach du liebe Güte, Rüdiger Hoffmann spielt einen Spiegel?! Willkommen im neusten Ulk aus dem Hause Otto Waalkes, dem ostfriesischen
Komiker, der noch immer mitten drin steckt im Humor der 80er Jahre. Doch dieses Mal hat er sich Verstärkung geholt. Neben Spieglein Hoffmann gibt sich
fast das komplette Who-is-who der deutschen Comedy-Szene die Ehre: Martin Schneider, Mirco
Nontchew, Helge Schneider, Hans Werner Olm, Christian Tramitz, Atze Schröder und wie sie noch alle heißen. Alle haben sich in ein
lustiges Outfit samt Klebebärtchen geschmissen und erzählen die Geschichte von
den sieben Zwergen neu. Das Ergebnis ist so vorhersehbar wie entsetzlich: Otto
Waalkes bringt die gleichen Schoten wie vor 25 Jahren und erspart uns auch dieses Mal nicht die "Klassiker" wie etwa das Waalkes-Gesicht auf einem
Babykörper und ähnliche Grausamkeiten. Holla Rriddiiie! Das hatten wir auch in
allen anderen fünf Kinofilmen des Emdeners. Die anderen Witzbolde blödeln eifrig mit, knallen sich mit Brettern vor die bemützten Köpfe, lassen
Flatulenz und Dummheit freien Lauf und brauchen tatsächlich satte 90 Minuten für diesen bedauernswerten Humbug. Schlimmer noch: Selbst wenn die Kulissen
zumindest ansatzweise liebevoll gestaltet sind - weder die Kostümierung noch die Inszenierung kommen auch nur im entferntesten über Schultheater-Niveau
hinaus. Mehr als eine lose, recht uninspirierte Aneinanderreihung schlechter bis grottenschlechter Ulkeleien ist einfach nicht herausgekommen bei den
Dreharbeiten hinter den sieben Bergen... Da kann auch ein anachronistisch wirkender gemeinsamer
Cameo-Auftritt von Harald Schmidt und Helmut Zerlett
nichts mehr ausrichten. 6
Deutschland 2004, Regie: Hans Weingartner
Fettes Kino aus Deutschland: Authentisch und originell
Gibt es sie tatsächlich noch,
die Jugend mit echten Idealen? In Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind
vorbei" jedenfalls hat sie überlebt,
diese Spezies,
die zwischen all dem oftmals so desinteressierten und
desillusionierten Nachwuchs immer mehr in Vergessenheit gerät.
Was bei den 68ern
noch das Nonplusultra war, wirkt heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, nur
noch lästig,
kindisch und vollkommen
realitätsfern.
Jan (Daniel
Brühl),
Peter (Stipe Erceg) und Jule (Julia Jentsch, "Sophie
Scholl") lassen sie wieder aufleben, die linken Ideale der in Vergessenheit geratenen
Jugendbewegungen. Sie sind genervt vom Kapitalismus, von der Fernsehsucht und
von der Gesellschaft, in der es scheinbar kein Plätzchen
für sie gibt. Jule hat
Schulden: Nach einem Unfall muss sie stolze 94.000 Euro abzahlen. Sie hatte
leider nicht alle Versicherungsraten bezahlt, bevor sie einem dieser fetten
"Bonzen" aufs Mercedes-Heck geprallt ist. Jetzt muss sie jeden
erdenklichen Job annehmen, auf ihre Wohnung verzichten und mindestens acht Jahre
lang ihre Schulden abbezahlen. Und wofür?
Für einen dicken Millionär,
der sich seinen Luxusschlitten ohnehin aus der Portokasse finanziert hat...
Peter und Jan haben sich ihrerseits ein ganz illustres Hobby zugelegt: Nachts
brechen sie in die Villen der Steinreichen ein und gestalten sie ein wenig um.
Sie stehlen nichts, sie verrücken
lediglich die Möbel und hinterlassen wahlweise
eine dieser beiden Nachrichten: "Die fetten Jahre sind vorbei" oder
"Ihr habt zu viel Geld. Die Erziehungsberechtigten". Als Peter, Jules
Lover, für
ein paar Tage nach Barcelona fliegt, hilft Jan
der Freundin seines WG-Mitbewohners beim Renovieren der Wohnung, die sie bald
verlassen muss. In einer abendlichen Weinseligkeit vertraut Jan Jule das
Geheimnis ihrer nächtlichen
Touren an. Jule will es genauer wissen und überredet Jan, spontan in die Villa
des Mannes einzubrechen, dem sie den riesigen
Batzen Kohle schuldet. Klar, dass das nicht ganz reibungslos verläuft.
Jule verliert ihr Handy und muss in der Folgenacht zurück an den Tatort.
Kein Wunder, dass der Hausbesitzer kurze Zeit später
vor ihrer Nase in die
Villa stapft. Vollkommen planlos fesseln die beiden den Millionär,
rufen
Peter herbei und fahren per VW-Bulli in eine versteckte Hütte
oberhalb des Achensees. Dort grübeln
sie darüber nach, wie sie wieder aus der misslichen Lage heraus kommen können...
Nun müssen
sie sich auseinandersetzen mit dem Mann, den sie da entführt haben.
Und damit beginnt die eigentliche Stärke
dieses Films: Der millionenschwere und
betont vornamenlose Hardenberg (Burghart Klaußner)
entpuppt sich als ein Schwerreicher
der besonderen Art. "Wenn man unter 30 und nicht links ist, hat man kein
Herz. Wenn man über
30 und noch immer links ist, hat man keinen Verstand",
lautet sein Motto. Er selbst war früher
glühender Verfechter der 68er-Bewegung,
mitsamt freier Liebe und allen Freiheitsgedanken. Er hat durchaus Respekt für
die drei kopflosen Jugendlichen, auch
wenn er ihre Methode keinesfalls gut heißt.
Wer wird wen bekehren in dieser originellen Figurenkonstellation? Kann
sich der liquide Manager
"Die
fetten Jahre sind vorbei" ist eine der sehenswertesten (nicht nur
deutschen) Produktionen der letzten Monate: mit sehr gutem Drehbuch, schön
inszeniert
und ausgesprochen authentisch gespielt. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde
die deutsche Produktion zu Recht in höchsten Tönen gelobt. 2+
USA 2004, Regie: Joseph Ruben
Diesen Ausrutscher sollten wir besser schnell vergessen
Oh
Schreck, oh Schreck, das Kind ist weg: Es
klang alles so vielversprechend. Julianne Moore spielt eine verzweifelte Mutter,
die ihrem verunglückten Sohn nachtrauert und plötzlich allein da steht
mit ihrer Erinnerung an das Kind. Immer mehr verschwindet das Vermächtnis des
elfjährigen Sam aus ihrem Leben, auf Fotos wird er einfach ausgelöscht. Bis am
Ende nur noch sie selbst weiß, dass sie einmal Mutter war.
Joseph Rubens "The Forgotten" fängt tatsächlich auf hohem Niveau an und ist durchaus spannend. Warum erinnert sich bloß niemand mehr an die seit einem Flugzeugabsturz vermisste Kindergruppe? Selbst Sams Vater macht seiner Frau weiß, dass sie niemals ein Kind bekommen hatte und sich die Existenz des Jungen als Trauma nach einer Fehlgeburt schlicht und ergreifend eingeredet hat... Bitte schön, daraus kann man doch durchaus einen interessanten Film stricken. Einen von diesen Mystery-Thrillern eben, bei denen das Ende den Zuschauer aus dem Kinosessel haut. "Sixth Sense" war so einer, oder auch "The Others". Da stimmte das Ende, und genau davon lebt ein solcher Film. Doch was ist bitte hier passiert? Nach den ersten zwei durchaus spannenden Filmdritteln hält der blanke Humbug Einzug in "The Forgotten". Als hätten wir uns in eine der schwächsten "X-Files"-Folgen verirrt, ziehen irgendwelche albernen Aliens die Fäden. Klar, Mama Moore ist nicht verrückt, sie findet einen weiteren Trauernden, der sich an die Kinder erinnert. Gemeinsam gehen sie auf die mühsame Suche nach den Kleinen. Und wo landen sie? In einem außerirdischen Komplott, bei dem die Wesen aus fremden Galaxien Gehirne bei 90 Grad waschen und unliebsame Zuviel-Wisser per Megastaubsauger in den Himmel ziehen. Furchterregende Effekte und blöde Drehbuchwendungen geben sich hier die Klinke in die Hand. "The Forgotten" ist nichts weiter als ein unterirdischer B-Movie, an dessen Drehbuch höchstens Ed Wood seine Freude gehabt hätte.
Schlimm nur, dass die fantastische Julianne Moore in diesen Film gesaugt wurde. Wieso eigentlich? Hat sie etwa das Drehbuch nicht zu Ende gelesen, bevor sie den Vertrag unterschrieben hat? Hat sie es so nötig? Ich glaube eigentlich nicht, dass sie so mies im Geschäft ist... Wie auch immer: Selbst wenn Frau Moore alles gibt und den Film somit zumindest einen Millimeter über Video-Premieren-Ramsch hebt. Das hätte einfach nicht sein müssen! 5
of the Spotless Mind
"Vergiss mein nicht!", USA 2004, Regie: Michel Gondry
Wenn Vergessen so leicht wäre: Abgefahrener Trip ins Surreale
(js
11/04) Jim Carrey ist ein seltsamer Vogel. Außer Jack Nicholson hat wohl
kaum ein Hollywood-Schauspieler mit so viel Grimassieren auf sich aufmerksam
gemacht wie er. Und in seinem Fall war das fast durchweg nervtötend bis
unerträglich. In Comicverfilmungen wie "The Mask" (1994),
"Batman and Robin" (1997) oder "How the Grinch Stole
Christmas" (2000) mag das noch zumindest passend gewesen sein. Bei den
Tiefpunkten seines filmischen Schaffens, etwa "Dumb and Dumber" und "Bruce
Almighty" (2003), tat seine Visage hingegen weh. Sehr weh sogar. Und
trotzdem hat der Kanadier mit US-Pass genau mit diesen Filmen seine Miete
reingefahren. Er kann aber auch anders. In Peter Weirs gar nicht mal so weit
hergeholten "Truman Show" etwa hatten Kritiker durchaus mit einer
Oscarnominierung gerechnet. Auch Milos Forman schickte in "The Man on the
Moon" einen eher ruhigen Carrey ins Rennen - und gewann. Zwar keinen Oscar,
dafür aber Anerkennung für einen Fratzenschneider, der seine Gesichtsspastik
auf Wunsch ausknipsen kann. Der Franzose Michel Gondry und US-Drehbuchschreiber
Charlie Kaufman ("Adaptation")
haben ihm nun eine neue Plattform geboten, seine ruhige, aber nichtsdestoweniger
schräge Seite auszuleben.
Joel Barrish (Carrey) will die Liebe seines Lebens vergessen. Schließlich hat die es ihm vorgemacht: Ex-Freundin Clementine (Kino-Chamäleon Kate Winslet diesmal tatsächlich mit wechselnden (Haar-)Farben) erinnert sich nicht mehr an ihn, sie hat ihn aus seinem Gedächtnis auslöschen lassen. Und das mit professioneller Hilfe von Dr. Mierzwick (Tom Wilkinson), der sich auf ein kompliziertes aber effektives Verfahren der Hirnwäsche spezialisiert hat. Als Joel von diesem ärztlichen Eingriff erfährt, will auch er Clementine und mit ihr die schmerzliche Erinnerung an die erloschene Liebe aus seinem Hirn verbannen lassen. Über Nacht wird er verkabelt, an einen Computer angeschlossen. Das große Ausradieren im Kopf kann losgehen. Beim Löschen der Erinnerungen jedoch wächst die Liebe zu Clementine, der Schlafende würde die Prozedur gern abbrechen. Immer wieder versucht er, sich gemeinsam mit seiner Ex in den Windungen seines Hirns und den Erinnerungen zu verstecken, um das Löschen schließlich doch noch zu verhindern.
Kompliziert und absurd? Klar, wer Kaufman-Drehbücher wie etwa "Being John Malkovich" kennt, weiß in welche Richtung des Surrealen "Eternal Sunshine..." geht. Mit phantastischen Bildern und skurrilen Effekten zeichnet der Film die Katz-und-Maus-Jagd im Hirn des Protagonisten nach. Zusammenfassen lässt sich solch ein Film nicht. Den muss man einfach sehen. 2+
Deutschland 2004, Regie: Oliver Hirschbiegel
Hitler hautnah: Endlich wird das deutsche Kino mutig
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| Ganz groß: Hitlers letzte Tage |
(js 9)04) Das wurde aber auch Zeit: Unendlich viele Filmchen und Reportagen hat es schon gegeben über das Dritte Reich, den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg und Adolf Hitler. Doch es hat lange gedauert, bis sich endlich jemand ein Herz gefasst und einen genaueren Blick auf den selbst ernannten "Führer" geworfen hat. Bernd Eichinger, der Bayer mit der internationalen Filmografie (u.a "Der Name der Rose", "Das Geisterhaus"), ist das Wagnis eingegangen, hat zur Feder gegriffen und die letzten Tage des Nazi-Häuptlings zu (Drehbuch-) Papier gebracht. Hitler hautnah, im miefigen Bunker der Reichskanzlei, kurz vor und kurz nach seinem Tod.
Und schon werden die Stimmen derer laut, die dieses filmische Sezieren des Bösen als gefährlich einstufen. Klar, ein Film, der mit Hitler auf Tuchfühlung geht, zeigt den Diktator nicht nur als den manischen Brüllaffen am Rednerpult. Hier ist Hitler ganz nebenbei auch noch Mensch. Gefährlich? Vielleicht. Ein Skandal? Nicht im Geringsten. Es wäre ja so schön, wenn Hitler kein Mensch sondern eben eine Bestie gewesen wäre. Dann wäre uns allen klar, wie es zu diesen wahnwitzigen und abscheulichen Taten des Nationalsozialismus kommen konnte. So einfach sollte man es sich aber nun auch wieder nicht machen. Kann man auch nicht: Auch Hitler, dieser Widerling, war ein Wesen aus Fleisch und Blut, ein Mensch aus unserer Mitte. Und eben ein Mensch, der - so ungern wir das auch hören mögen - neben all seiner Schauderhaftigkeit womöglich auch schon einmal nett sein konnte. So hat es etwa Traudl Junge (Alexandra Maria Lara) beschrieben, die naiv-loyale Sekretärin des Tyrannen. Aus ihrer Sicht ist der "Der Untergang" erzählt. Die meiste Zeit befinden wir uns mit den Hauptfiguren unten im Bunker, während es oben ordentlich kracht und Berlin mehr und mehr "untergeht". Hitler ist soeben 56 Jahre alt geworden, ist ein alter, von Krankheit geplagter Mann, an den alles zerbrochen scheint - außer seinen abscheulichen Grundsätzen und Visionen. Immer wieder entlässt uns der Film aus dem stickigen Mief des Unterirdischen, führt uns rauf auf die Straßen, hinein in die Straßenschlachten der zerstörten Hauptstadt, hinein in Lazarette, in denen Gliedmaßen abgesägt und Blutfontänen verspritzt werden. "Der Untergang" tut weh - sowohl unterhalb als auch oberhalb des Erdbodens.
Für den Regiestuhl verpflichtete Drehbuchautor und Produzent Eichinger Oliver Hirschbiegel. Der hat mit seinem Thriller
"Das Experiment" (1999) schon einmal Kellerluft geschnuppert und bewiesen, dass er mit solch klaustrophobischen Unter-Tage-Kammerspiele umgehen kann. Wichtiger jedoch war sicher die Verpflichtung eines geeigneten Hauptdarstellers. Hitler zu verkörpern, ist sicher eine der schwierigsten Aufgaben, vor die ein Mime gestellt werden kann.
Hitler gehört zu den Figuren, die spielend leicht persifliert, aber umso
schwerer ernsthaft nachzuahmen sind. Nur allzu leicht wird aus dem kranken Demagogen eine alberne Clownerie. Bruno Ganz ist einer der wenigen, der dieser Aufgabe gewachsen ist. Sein Hitler ist gespenstisch, faszinierend und abscheulich zugleich. Und eben nur bedingt
clownesk.
Wie sehr die 150-Minuten-Schau in den Führerbunker sich an die historischen Tatsachen hält, sollten andere beurteilen. Sicher hätte man sich einen Patzer wie den "gefälschten" Tod von Magda Goebbels sparen können und sogar müssen. Dennoch: Wichtiger als historische Präzision sind im Falle eines solchen Spielfilms die Dramaturgie und der Fokus auf eine Charakterstudie. Und vor allem letztere kann sich sehen lassen. Bruno Ganz zeigt einen facettenreichen Egomanen, der zwischen väterlicher Güte und furchterregenden Wutausbrüchen pendelt. Gerade in diesem cholerischen Anfällen ist Bruno Ganz phänomenal und wird in die Filmgeschichte eingehen. Doch selbst wenn der Schweizer in der Rolle des Österreichers die Szenen im Bunker überragt, gehen auch die Nebenrollen nicht unter neben seiner Präsenz. Abgesehen von einigen farblosen Chargen wie Heino Ferch als Speer, legen viele der Mitwirkenden die Leistungen ihres Lebens ab. Allen voran Corinna Harfouch als unterkühlte Anti-Mutter Magda Goebbels und Ulrich Matthes als vor faschistoidem Irrsinn nur so strotzenden Joseph Goebbels. Die oft erwähnte Szene, in denen Magda ihren Kindern die tödlichen Kapseln verabreicht, ist einer der grauenhaftesten Momente der Kinogeschichte. Und vor allem an dieser Stelle kommt es wieder, dieses schlechte Gewissen, dass wir um den Tod von sechs Kindern trauern, während die 6 Millionen getöteten Juden keinerlei Erwähnung finden im "Untergang". Aber wer erwartet, dass ein Spielfilm eine gesamte historische Ära umfassen muss, dass er die Faszination erklären muss oder kann, die ein Adolf Hitler auf "sein" Volk ausgeübt hat, der hat nicht verstanden, worum es im Kino geht. Ein für alle Mal: Gute Filme macht man nicht für die Dümmsten unter uns. 1
USA 2004, Regie: Frank Oz
Subtil ist ein Fremdwort: Hier geht es albern, plump und bunt zu
(js 2/05) Manchmal muss man auch Nein sagen können. Nicole Kidmans Vita ist wirklich eine der Bilderbuchkarrieren Hollywoods. Nach ihren schauspielerischen Anfängen in ihrer Heimat Australien hat sich die schmale Blonde über das Ehebett von Ex-Mann Tom Cruise hinauf gearbeitet in die A-Liga der Traumfabrik. Seitdem sie in Stanley Kubricks Vermächtnis "Eyes Wide Shut" weinend vor der Schlafzimmerheizung saß, hat sie fast alles richtig gemacht und schließlich einen Oscar eingeheimst. Den hat sie auch durchaus verdient, nur das mit dem Neinsagen - das hat sie einfach noch nicht drauf. Zumindest sagt sie viel zu oft Ja, wenn's um Drehbücher geht. Bei Frank Oz' "Stepford Wives" zumindest hätte sich ein klares Nein ganz gut gemacht.
Denn was hat dieser Film schon? Er handelt von einer karrieregeilen Medientante (Kidman), die nach einem unverdienten goldenen Handschlag einen Nervenzusammenbruch erleidet. Um wieder ein normales Leben führen zu können, kauft ihr Mann (das weige Milchgesicht Matthew Broderick) ein schickes Haus in Stepford, einem paradiesischen Städtchen in Connecticut. Hier gibt es keine Armut, keine Kriminalität und keine Selbstverwirklichung menopausierender Gattinnen. Die Männer tummeln sich im Club, rauchen Zigarre und trinken Whiskey. Die Frauen halten sich und das Haus in Schuss. Der Kidman wird es schnell zu bunt. So eine Idylle kann es einfach nicht geben! Gott sei Dank gibt es noch zwei weitere Normalos, einen schwulen Architekten und eine abgetakelte Bestsellerautorin (Bette Midler). Schlimm nur, dass auch die beiden sich eines Tages in aalglatte Versionen ihrer selbst verwandeln...
Machen wir es kurz, denn mehr hat diese alberne Komödie nicht verdient: Dieses Remake von "The Stepford Wives" ist nervig, kreischbunt und vollkommen überflüssig. Die in perfekte Roboter verwandelten Damen rund um Oberhausfrau Glenn Close sind unerträglich. Tiefsinniger Humor ist dem Film absolut fremd, die weltverbesserische Moral könnte plumper nicht dargestellt werden. Sicher, Frau Midler und Frau Close kann man keinen Vorwurf machen. Sie müssen schließlich auch anderthalb Jahrzehnte nach ihren Karrierehochs noch ihre Fixkosten bezahlen. Aber Frau Kidman? Nein, sie sollte einfach auch mal den Mut haben, sich wieder ein wenig rar zu machen. Nein sagen ist doch eigentlich gar nicht so schwer! 5
USA 2004, Regie: Steven Spielberg
Zuckersüße Schmonzette voller schmerzhafter Stereotypie
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| Schöne neue Glitzerwelt |
(js 10/04) "Ein herzliches Willkommen in der zuckersüßen Welt des Steven Spielberg." Mit diesem Satz hätten die Sicherheitsbeamten am New Yorker Flughafen John F. Kennedy den arglosen Osteuropäer Victor Navorski (Tom Hanks) begrüßen können. Sie haben sich jedoch etwa anderes ausgedacht, lassen den verwirrten Reisenden nicht in ihr gelobtes Land und führen ihn statt dessen in das Büro des aufstrebenden Sicherheitschefs Frank Dixon (Stanley Tucci). Und der erklärt, was Sache ist: In Krakhozia, dem fiktiven Heimatstaat des US-Touristen, hat es eine Revolte gegeben, die diplomatischen Beziehungen zwischen dem kleinen Land jenseits des Atlantiks mit den Vereinigten Staaten von Amerika sind vorerst auf Eis gelegt. Victor ist staatenlos und darf somit das internationale Gebiet des Terminals nicht verlassen. Und das für Tage, Wochen, Monate...
Steven Spielberg, der bärtige Schwadroneur mit dem kindlichen Gemüt, hat sich diese Geschichte nicht ausgedacht: Am Pariser Großflughafen Charles de Gaulle hängt tatsächlich ein geflohener Perser seit 1988 im Terminal herum. Ein Opfer der europäischen Bürokratie, der inzwischen jedoch freiwillig und einige Spielberg-Dollars reicher in den französischen Wartehallen abhängt. "The Terminal" hat diese wahre Begebenheit zur Grundlage eines Films gemacht, der sich in seiner gesamten Laufzeit von immerhin knapp 130 Minuten niemals festlegen möchte, was er denn nun ist. Ein Drama? Naja. Eine Komödie? Ansatzweise. Eine Romanze? Wäre er gern. "The Terminal" ist eine Schnulze, die zwar recht unterhaltsam daher kommt und nicht allzu sehr verärgert, dafür aber auch weit weg ist vom großen Wurf.
Was kann man auch schon erleben in der bunten hektischen Welt eines Flughafenterminals? Ungemein viel, will uns der Film weiß machen. Da wäre zum einen der ewige Kampf mit Sicherheitschef Dixon. Der ist karrieregeil und möchte den gutmütigen Victor lieber heute als morgen loswerden. Und das auf möglichst fiese Weise, bei der der Schwarze Peter vorzugsweise einem anderen zufällt. Victor bleibt brav und beharrlich in den Flughafenhallen, nistet sich in einem stillgelegten Gate ein und schart mit den Filmminuten eine Reihe von Freunden aus den untersten Airport-Etagen um sich. Er bringt sich selbst die englische Sprache bei, besorgt sich einen Job, spielt den Postillon d'amour und verliebt sich schlussendlich selbst: in das hohlköpfige Zuckerschnäuzchen Amelia (Catherine Zeta-Jones), einer desillusionierten Stewardess bei United Airlines, die sich seit Jahren von einem verheirateten Mann auf den Füßen herumtrampeln lässt. Klar, dass zwischen dem ungleichen Gespann Victor/Amelia recht bald zaghafte Funken sprühen und sie sich annähern. Sie ist die vom Termindruck und Machismo geplagte Amerikanerin, er der gefühlvolle Fremde mit dem Herzen am rechten Fleck. Danke, Herr Spielberg. Das hatten wir ja erst eine Million Mal!
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The World According to Steven: Was Steven Spielberg in den 90ern so alles abgesondert hat
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Nein, "The Terminal" gehört sicher nicht zur Spitzenklasse in der Filmografie des Steven Spielberg. Und das liegt nicht einmal am Ausgangsmaterial oder an den Darstellern. Es liegt an der Charakterzeichnung des Drehbuchs. Der Film begeht den leider Gottes allzu weit verbreiteten Fehler, den Großteil der Handlung an einer an Stereotypie kaum zu überbietenden Figur aufzuhängen. Bei "The Terminal" heißt sie Frank Dixon und ist so eindimensional wie ein Blatt Papier. Der Sicherheitschef mit der bösen Glatze ist ein von Machtgeilheit getriebener Rotzlöffel, der dem - nicht sehr viel weniger eindimensionalen - Helden Victor das Leben zur Hölle macht. Der Zuschauer hat es hier leicht: Er weiß sofort, wo der Hammer hängt, wen es zu hassen, wen zu lieben gilt. Böser, böser Sicherheitschef! Lieber, guter Staatenloser! Dumme, unverbesserliche Stewardess! Herrlich, in Spielbergs Welt ist alles ganz simpel. Schwarz und Weiß, uniformiert und zivilisiert, roter Stempel, grüner Stempel.
Auf der anderen Seite hat "The Terminal" durchaus seine Momente. Der Anfang läuft beschwingt an und hebt die Erwartungen des Zuschauers. Der Moment, in dem Victor erfährt, was in seiner Heimat wirklich los ist, ist schön inszeniert und ergreifend. Selbst einige der komischen Momente des Film funktionieren, andere hingegen sind fast schon beleidigend peinlich. Auch die "jazzig-schmalzige" Auflösung von Victors großem Geheimnis haut einen nicht gerade vom Hocker. Da hätte es weder einen Spielberg gebraucht noch zwei Oscar-gekrönten Häupter in den Hauptrollen. Nach der brillanten Fingerübung "Catch Me If You Can" (2002) hätte ich schon ein wenig mehr erwartet von Steven Spielberg. Und außerdem: Schwabbelvisage Tom Hanks wird auch mit einem penetrantem Osteuropa-Akzent nicht gerade erträglicher... 4
The Village
USA
2004, Buch & Regie: M. Night Shyamalan
Shyamalan feiert die gelungene Dorferneuerung seiner Karriere
von meinem Korrespondenten Jan Wilhelm (9/04)
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Verriss ist Pflicht (js) Es ist fast schon ärgerlich, wie einig sich die deutschen Kritiker beim Verriss von Shyamalans "The Village" waren. Da kam das Gruselmärchen in den nicht vorrangig für intellektuelle Ansprüche berüchtigten USA schlecht weg, und schon hat der hiesige Feulletonist schon gar keine andere Wahl mehr, als den Film auch auf unseren Leinwänden tot zu schreiben. So musste es dem Zuschauer fast schon peinlich sein, ein Ticket ins "Village" zu lösen. Klar, Shyamalans Masche war bei "Sixth Sense" neu und grandios, bei "Unbreakable" immerhin noch spannend und bei "Signs" nur noch albern. Mit seiner Geschichte vom angsterfüllten Dorf jedoch hat er seinen wahrscheinlich intelligentesten Film gedreht. Spannungsgeladen und nach "seiner Masche" zwar, dennoch tiefgründiger als all seine bisherigen Blockbuster zusammen. Shyamalan schafft es mit Leichtigkeit, unsere Urängste in ganz simplen Kulissen, mit herausragenden Darstellern, atmosphärischen Bildern und Freudianischer Farbsymbolik zu schüren. Und dabei mit einer interessanten Utopie zum Andenken anzuregen. Welcher seiner Kollegen schafft das schon so spielerisch wie er? Klar, das große Publikum spricht man mit solchen Filmen nicht an. Aber das sollte um Himmels Willen auch nicht das oberste Ziel des Kinos sein... |
Es ist schon so ein Ding mit dem Herrn Shyamalan: Erst liefert er Ende der 90er mit
"The Sixth Sense" den Film ab, der den Begriff "Plot-Twist" wahrscheinlich bis auf alle Ewigkeit prägen wird, dann legt er kurz darauf mit
"Unbreakable" nach – einer etwas trägen, nichtsdestoweniger aber interessanten Variation des Superhelden-Films (inklusive Plot-Twist). Darauf folgt dann
"Signs" mit Mel Gibson und die Erkenntnis, dass Shyamalan endgültig in Hollywood angekommen ist. Resultat: Ein atmosphärischer Kindergeburtstag für Akte X-Fans, der letztlich aber doch an vielem krankte – neben den albernen Aliens vor allen Dingen am… na? Genau:
Am Plot-Twist. Shyamalan schien in einer Sackgasse angekommen zu sein. Festgelegt auf ein
bestimmtes Schema, das man nun mal nicht endlos variieren kann und das mit jedem erneuten Aufguss immer lahmer wird. Es hilft halt die schickste Verpackung nichts, wenn der Inhalt letztlich hohl ist. Jetzt also "The Village". Und was passiert? Die Kritiker und das Publikum fallen fast einhellig über den Film her. "Betrug!" schreien sie. Weshalb? Ganz einfach: Shyamalan geht wieder seinen eigenen Weg und unterläuft damit die Erwartungshaltungen. So ist "The Village" wider Erwarten und entgegen der völlig fehlgeleiteten Promotion-Maschinerie kein astreiner Grusel-Schocker geworden.
Die Geschichte des Films ist schnell erzählt (auch um nicht zu viel zu verraten): Auf einer großen Lichtung, umgeben von einem dichten Ring aus Bäumen, liegt das Dorf. Eine Enklave der Friedfertigkeit, in der Gemeindevorsteher Edward Walker (William Hurt) nach Recht und Ordnung sieht. Die Handlung
spielt – so will es eine Grabesinschrift – im Jahr 1897. Abgeschieden von der Zivilsation der Städte lebt man hier ein einfaches, aber glückliches Leben. Gäbe es nicht den dunklen Forst und die Wesen, die in ihm leben: Die "Unaussprechlichen" – gefährliche Kreaturen, mit denen die Dorfbewohner in einer Art Waffenstillstand leben. Der fragile Friede mit dem meist nur zu hörenden Monstern basiert jedoch auf strengen Regeln. So ist die Farbe Rot gänzlich aus dem Dorf verbannt, da sie die Wesen anlockt. Und selbstverständlich darf niemand den Wald betreten, geschweige denn durchqueren. Das vermeintliche Idyll hält jedoch – immerhin ist es nach wie vor ein Shyamalan-Film – nicht lange stand. Ebenso wie in "Signs" kratzen bald krallenbewehrte Hände an den Haustüren...
Mehr zu erzählen wäre müßig und unfair. Shyamalan hat für seinen Film eine Garde hochtalentierter Schauspieler um sich versammelt. Neben bereits (alt-)bekannten Gesichtern wie Joaquin Phoenix, Adrien Brody, William Hurt und Sigourney Weaver ist es aber vor allen Dingen das Schauspieldebüt von Bryce Dallas Howard, in der Rolle der blinden Ivy Walker, das begeistert. Von ihr wird man in Zukunft noch viel (Gutes) hören und sehen – so viel kann man wohl nach dem Genuss von "The Village" schon sagen.
Denn um einen Genuss handelt es sich bei dem Film. Warum? Ganz einfach: Weil sich Shyamalan eben nicht auf den obligatorischen finalen Knalleffekt verlässt (nicht, dass es ihn nicht gäbe), sondern lieber wieder auf eine stimmige Geschichte (die übrigens eher an Nathaniel Hawthorne denn an Stephen King erinnert).
Der wirkliche Trumpf von "The Village" ist jedoch seine Atmosphäre. Gemeinsam mit Coen-Kameramann Roger Deakins zaubert der Regisseur ein bestechend hypnotisches Düster-Setting von mystischer Bildgewalt auf die Leinwand. Und so ist bei "The Village" ohnehin auch eher der Weg das Ziel. Die ach so sensationelle Auflösung, wird dabei konstant sabotiert von Plot-Verläufen, die dem Spannungsaufbau eigentlich entgegenwirken. Dadurch aber subtil für andauernde und eindringlichere Verunsicherung sorgen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Fazit: Wer von "The Village" einen platten Grusel-Schocker mit Überraschungseffekt erwartet, der wird mit Sicherheit enttäuscht. Wer hingegen stilvolles Düster-Kino mit viel Atmosphäre zu schätzen weiß, der wird sich im Dorf schnell Zuhause fühlen. 2
The Motorcycle Diaries
Diarios de Motocicleta, Argentinien/GB/USA 2004, Regie: Walter Salles
"Che" auf Reisen: Unverbrauchte Talente auf sehenswerter Tour
Manchmal muss man eben raus. Raus aus der Stadt, raus aus dem Alltag. Einfach
mal was sehen von der Welt. Das dachte sich auch der junge Medizinstudent Ernesto Guevara de la
Serna, als er sich 1952 mit seinem
Freund Alberto Granado auf weite Tour begab - mit dem Motorrad von Buenos Aires entlang der
Anden bis in den hohen Norden Südamerikas. Grandiose Landschaften und jede Menge interessanter Begegnungen warten auf die Studenten. Dass die beiden
Jungspunde mit ihrem Zweirad aber nicht gerade ins Paradies auf Erden rollen, versteht sich von selbst. "Road
Movies" enden schließlich nie im Garten Eden.
So auch "The Motorcycle Diaries" alias "Die Reise des jungen Che". Schneechaos, Motorprobleme und der
Pleitegeier drohen immer wieder mit dem Aus der Reise, auf der in dem jungen Naivling Ernesto erste Keime des Revolutionären sprießen.
Nach unzähligen Kilometern mit Abstechern zu den peruanischen Inka-Ruinen Machu Picchu, in den hispanischen Großstadtmoloch Lima und die in Abgründe der Armut landen die beiden Idealisten endlich am Ziel ihrer Reise, einer Lepra-Station in den Wäldern Venezuelas. Dort helfen sie aus und lernen das Leid am eigenen Leib kennen, bevor's wieder nach Hause geht, zurück auf die Hochschulbank.
Walter Salles erfindet mit diesem Film das (Motor-) Rad nicht neu. Er versucht sich nicht daran, Grenzen des Kinos zu erweitern oder die
Figur des späteren kubanischen Guerillaführers "Che" Guevara zu definieren oder gar vollständig zu beleuchten. Der Film erzählt lediglich eine
neunmonatige Reise zweier junger Menschen, die deren Sicht der Dinge verändert. Er lässt sich die dafür gebotene Ruhe und Zeit und tut dabei
niemals
wirklich weh. Es ist aber immer wieder eine Wohltat, wenn Filme jenseits von Hollywood
entstehen. Auch wenn hier Robert Redford als ausführender Produzent für die entsprechende Vermarktung sorgt: Unverbrauchte Gesichter (allen voran der
charismatische Hauptdarsteller Gael García Bernal aus Inarritus mexikanischem
Hundekampf "Amores Perros",
2001), echte Landschaften und eine authentische Inszenierung machen diese Motorrad-Tagebücher zu einem sehenswerten Abstecher in die Welt Lateinamerikas.
Nicht mehr und nicht weniger. 2
USA 2004, Regie: Joel und Ethan Coen
Manche Klassiker sollte man einfach ruhen lassen...
(js 7/04) Die krummbeinige alte Dame kommt in das Büro des Sheriffs hereingewankt, um sich über die Lärmbelästigung in ihrer Nachbarschaft zu beschweren. So richtig scheint es den Gesetzeshüter jedoch nicht zu interessieren, was die tattrige aber eben doch sehr bestimmte Lady da von ihm fordert. Die Senioren hinkt nach Hause, setzt sich nieder und beginnt zu stricken - als es plötzlich an der Tür klopft und ein außerordentlich gebildeter Herr als Mieter für das Kämmerlein im ersten Stock vorspricht....
Entschuldigung, hatten wir das nicht schon einmal? Ja, wir befinden uns zwar im schwülen Süden der Vereinigten Staaten, am Ufer des mächtigen Mississippi, aber dennoch stecken wir mitten drin in einer Geschichte, die schon einmal auf der Leinwand erzählt wurde. Vor ziemlich genau 50 Jahren spielte Sir Alec Guinness den eloquenten Professor, der sich bei einer alten Frau einnistet und mit seinen Freunden eifrig zu musizieren beginnt. Hinter der ach so anständigen Fassade jedoch waren der Studierte und sein Team nichts weiter als einfallsreiche Ganoven, die vom Haus der Dame einen Tunnel zu einem begehrten Banktresor graben... Das Original ist ein Klassiker der britischen Filmkomödie; ein herrlich verschrobenes Meisterstück, dreckig, gemein und doch sehr liebenswert. Und jetzt kommen die Coens daher. Meister ihres Faches, die uns schon mit cineastischen Glanzstücken wie "Barton Fink" (1991), "Fargo" (1996) und "The Man Who Wasn't There" (2001) verwöhnt haben. Sie haben das Drehbuch nach einem halben Jahrhundert noch einmal aufpoliert und von einer verqualmten englischen Industriestadt ins brütend-heiße Mississippi-Delta importiert. Leider tun sie weder uns noch sich selbst einen Gefallen damit.
Tom Hanks spielt Professor Goldthwait Higginson Dorr, Ph.D., den Kopf der Bande. Neben ihm arbeiten der General (ein asiatischer Buddhist mit Hitlerbart), ein vom Reizdarm geplagter Sprengstoffspezi, ein hyperventilierender Quoten-Schwarzer und ein tumb-schmerzfreier Football-Spieler. Sie alle hocken sich als angebliche Musikanten in den Keller der frommen Witwe Marva Munson (Irma P. Hall) und fangen an zu buddeln. Ihr Ziel ist der Geldvorrat eines auf dem Mississippi schwimmenden Casinos, was auch durch emsiges Buddeln und Sprengen recht schnell erreicht ist. Dumm nur, dass die misstrauische Alte den Jungs auf die Schliche kommt und mit der Polizei droht. Was bleibt den Gangstern da noch anderes übrig, als die nervtötende Witwe um die Ecke zu bringen? Dass sich das als nicht gerade einfach erweisen wird, muss eigentlich nicht erwähnt werden.
Schade. Die Coens gehören zu dem Allerbesten, was Hollywood heutzutage zu bieten hat. Aber irgendwie scheinen sie momentan ein Problem zu haben. Schon ihr letzter Film "Intolerable Cruelty" (2003) war eine Auftragsarbeit für ein Mainstream-Publikum. Das haben sie noch recht gut gemeistert und eine immerhin überdurchschnittlich amüsante Komödie abgeliefert. Mit "The Ladykillers" aber arbeiten sie meilenweit unter ihrem Niveau. Da, wo das englische Original durch seine Schrulligkeit besticht, mühen sich die Regiebrüder bei der Neuauflage damit ab, so schrullig wie möglich zu sein. Künstliche Schrulligkeit funktioniert aber nicht. Zusätzlich gesellt sich im Remake eine mäßige Comedy neben all den morbiden Witz. Während Tom Hanks und Irma Hall ihre Sache noch recht gut machen und als geschwätziger Akademiker und gottesfürchtige Drahtbürste überzeugen, hapert es vor allem bei den Nebendarstellern. Allen voran nervt der scheußliche Neuzeit-Struwwelpeter Marlon Wayans: So einer hätte früher bei den Coens keinen Zutritt zum Set gehabt. Jetzt muss er einige Szenen tragen. Und das tut weh! Auch das fröhliche Furzen seines chronisch grummelmagigen Komplizen passt eher in das Frühwerk der Farrellys als in das heutige Werk der Coens.
"The Ladykillers" erzählt zu exakt die Geschichte des Klassikers nach - außer vielleicht, dass hier die Leichen nicht in Zügen sondern auf Mülltransportschiffen landen. Für alle, die das Orginial kennen, gibt es nicht den geringsten Überraschungsmoment. Für Coen-Fans ist dieser Neue eine herbe Enttäuschung. Hier fehlt einfach eine Portion Esprit, wie Professor Dorr sagen würde. Die Geschichte will irgendwie nicht richtig in Schwung kommen. Ach ja, leider müsste Dorr in seinem ach so illustren Duktus auch noch eines zugeben: Die Coens und mittelmäßiges Kino sind - zumindest zurzeit - leider kein Oxymoron mehr... Auch wenn's mir mir in der Seele weh tut: 4+
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USA 2004, Dokumentation, Regie: Morgan Spurlock
Das große Fressen: Unterhaltsam unappetitlich
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Schaurig schön: Der blitznarbige Nachwuchsmagier wird erwachsen
von meinem Korrespondenten Jan Wilhelm (6/04)
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Kritiken zu den beiden ersten Potter-Filmen gibt es im Archiv ! |
Orks. Jetzt steht
er jedoch wieder am Start: Joanne K. Rowlings blitznarbiger Wunderknabe,
der Buchtische leer fegt und Kinokassen mit Leichtigkeit füllt.
Harry steht kurz davor sein drittes Lehrjahr in Hogwarts
zu beginnen. Doch wird die Vorfreude auf die Magierschule und eine schöne
Zeit im Kreise seiner Freunde schnell getrübt: Sirius Black (Gary Oldman),
ein gefürchteter Massenmörder, ist aus dem Zauberergefängnis von Askaban
ausgebrochen. Vor langer Zeit hatte Black Harrys Eltern an den finsteren
Lord Voldemort verraten und damit deren Todesurteil unterschrieben. Nun
steht Harry scheinbar selber auf seiner Abschussliste. Dementoren, die Gefängniswärter
von Askaban, patroullieren von daher die Gegend um Hogwarts... und so
viel sei schon mal verraten: Die "Jungs" stehen den tolkienschen
Ringgeistern in Nichts nach!
USA 2004, Dokumentation, Regie: Michael Moore
Moore liest Bush die Leviten: Erschütternde Doku, aber kein Meisterwerk
(js 08/04) Eigentlich
läuft Michael Moore bei seinem inzwischen recht großen Publikum offene Türen
ein. Schon in seinen letzten Dokumentarfilmen wie "The Big One" oder
zuletzt "Bowling for Columbine" hat er
klar gemacht, von welcher politischen Warte aus er seine Heimat - die USA -
beobachtet, kommentiert und teilweise seziert. Als er pünktlich zum Startschuss
des Irakkriegs im März 2003 seine inzwischen legendäre Oscar-Rede
gegen das von ihm so verhasste amerikanische Staatsoberhaupt ("Shame on you
Mr Bush") hielt, war klar, dass diese fragwürdige Präsidentengestalt
früher oder später Ziel einer Moore-Dokumentation werden würde. Schließlich
hatte der eloquente Dicke George W. Bush während seiner Amtszeit bereits zwei
Attacken in Buchform an den Kopf geworfen: "Stupid White Men" (2002)
und "Dude, Where's My Country" (2003).
Wer beide Bücher kennt, kann die Argumentationsstränge von "Fahrenheit 9/11" bereits voraussagen. Vieles hat Moore in seinen exzellent recherchierten aber jeweils nach der Hälfte leicht enervierenden Bestsellern aufgedeckt, vorgeworfen und betont. In "F 9/11" nun belegt er seine Thesen mit den entsprechenden bewegten Bildern - wo auch immer er die aufgetrieben haben mag. Und dass die die komplette Bandbreite zwischen erschreckend, traurig und absurd abdecken ist klar. Hauptdarsteller Bush liefert schließlich unentwegt neue verbale, mimische und menschliche Fehltritte.
Moore bezieht mit "F 9/11" klar Stellung gegen Bush, seine Familie und
die Machenschaften der amerikanischen Regierenden. Er möchte den Cowboy, der
durch Wahlmanipulation auf seinen Chefsessel geriet, im Herbst aus dem Weißen
Haus getrieben sehen. Allein die Chronologie seiner Amtszeit müsste dafür
schon ausreichen: die ersten Monate in erfolgloser, inhaltsleerer Urlaubslaune,
die Anschläge vom 11. September und ihre Folgen, der Wahnsinn des Irakkriegs...
.
Was aber genau zeigt "F 9/11"? Die titelgebenden Anschläge vom 11. September 2001 zeigt er nicht. Und das ist sehr angenehm: Hier reicht eine schwarze Leinwand mit eindeutiger Tonspur. Die Bilder der lodernden Türme haben sich ohnehin schon (mehr als nötig) in unser Gedächtnis eingebrannt. Nein, Moore zeigt vor allem Bush. Wie er in der Grundschule in Florida sitzt, in einem Kinderbuch liest und vom zweiten Flugzeugcrash hört. Was denkt er nur in diesem Moment, fragt Moore sich und den Zuschauer. Denkt Bush daran, was er hätte besser machen müssen?
Moore sieht weiter hin, verdeutlicht die Beziehungen zwischen den USA und den Saudis, zwischen den Bushs und den Bin Ladens, zwischen Öl und Marschbefehl. Er zeichnet das wahnwitzige Angstmachen vor Terroranschlägen, die blinde Suche nach den Bösen und steigt mit dem fassungslosen Zuschauer in das Kapitel Irakkrieg ein. Und seine Bilder sind schonungslos. Zerschmetterte Kinderarme, unschuldig verletzte Zivilisten, irrsinnige US-Soldaten, die ihre Opfer demütigen und bei ihren Angriffen den CD-Player im Panzer laut drehen, Lieblingslied: "The Roof is on Fire - Burn, motherfucker, burn"... Und immer wieder hopst dieser dummdreiste Texaner durchs Bild, der seine schneidigen aber dennoch widersprüchlichen Floskeln gerne aus stereotypen Westernklassikern zitiert und nach einem wichtigem Statement mal eben schnell noch einen wundervollen Golfschlag vollführt. "Now watch this drive..."
"F 9/11" ist eine interessante Dokumentation. Moores Meisterwerk ist er allerdings nicht, und ein Cannes-Gewinner sollte auch anders aussehen. Sein geldgeiler Protagonist bietet dem Film so viel Angriffsfläche, so viele wundersame Original-Aufnahmen, dass Moores Erzählkunst ins Hintertreffen gerät. Das ist nicht schlimm, großartig ist es aber auch nicht. Während "Bowling for Columbine" einer der unterhaltsamsten Filme der letzten Jahre war, ist "F 9/11" (natürlich auch wegen seines weitaus düstereren Themas) nicht gerade eine narrative und spaßbringende Offenbarung. Das wäre auch nicht weiter tragisch, wenn Michael Moore in den gesamten 114 Filmminuten mit Argumenten überzeugen würde. Moore aber vertraut dieser Möglichkeit nicht genug und lässt "F 9/11" zeitweise zu sehr ins Emotionale kippen. Dann etwa, wenn er die Mutter eines gefallenen US-Soldaten den letzten Brief des Sohnes vorliest und mit dem Filmemacher tränenüberströmt vor dem Weißen Haus paradiert. Oder aber wenn Moore wieder die ausgebeutete Armut seiner Heimatstadt Flint einbaut. Das hatten wir schon. Sowohl in seinen Büchern (vor allem in "Downsize Me") als auch in "The Big One" und "Bowling for Columbine". Und irgendwann wissen wir's auch mal. Nur gut, dass Herr Moore am Ende dann doch noch die Kurve kriegt und die Kongressabgeordneten auf der Straße in Washington anquatscht und sie bittet, ihre eigenen Kinder in den Irak zu schicken. In solchen Momenten ist Moore immer wieder sehenswert.
Bleibt nur noch abzuwarten, wer im Herbst das Rennen machen wird. Falls es überhaupt noch nötig sein sollte: Moore hat seinen Teil zum Wahlkampf beigetragen... 2
Deutschland 2004, Regie: Tobi Baumann
Liebevolle Hommage an Edgar Wallace mit unnötiger Gag-Inflation
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Butler Hatler |
(js 6/04) Schaurig schön ist's übers Moor zu gehn. Denken sich die Dubinskys, ostdeutsche Touristen auf Urlaubsreise in England. Sie tapsen durch die gruselig-neblige Schwarzweiß-Kulisse und fragen sich wortreich, wieso sie nicht gleich im farblosen Bitterfeld geblieben sind. Doch es kommt schlimmer. Doris Dubinsky (Anke Engelke) wird von einem blinden Tauben entführt, nachdem der Mönch mit der Peitsche von einem Kleinlaster überfahren wurde. "Hier spricht Edgar Wallace sein Nachbar" tönt es aus dem Off. Und an dem, was nun folgt, hätte wahrscheinlich auch der echte Wallace seine Freude gehabt.
Oliver Kalkofe, das inzwischen bekannteste Lästermaul des deutschen Farbfernsehens, Bastian Pastewka, der einstige Brisko Schneider und Oliver Welke haben ihre komödiantische Kreativität in einen Pool geschmissen und die fast unendlich vielen Edgar-Wallace-Krimis der 60er Jahren persifliert. Zur Verfilmung haben sie einige der angesagtesten Witzbolde der Nation auf das Set in der Tschechei geholt und in liebevoll gestalteter Kulisse ihren "Wixxer" gedreht. Und der kann sich durchaus sehen lassen. Aber erstmal zur Geschichte:
Frau Dubinsky wird in Blackwhite Castle eingesperrt und zu einem unfreiwilligen
Girlgroup-Casting des Schlossherrn, Earl of Cockwood (Thomas Fritsch),
verdonnert. Herr Dubinsky (Oli Dittrich) hat den Mord an dem Peitsche
schwingenden Kapuziner gesehen und ist somit Zeuge für die beiden ungleichen
Scotland Yard Detectives Long (Pastewka) und Even Longer (Kalkofe). Die
kombinieren messerscharf, wer da einen irren Verbrecher nach dem anderen aus der
Londoner Unterwelt
räumt -
niemand geringeres als der totenköpfige Wixxer. Jetzt führen alle Spuren in
die Mopsfarm von Blackwhite Castle.
Sinnlos? Klar, schließlich haben wir es hier nicht bloß mit einer ehrfürchtigen Hommage sondern mit einer gezielten Parodie auf die Welt des Wallace zu tun. Und Kalkofe, Pastewka und Welke machen zu keiner Sekunde einen Hehl daraus, wer Pate steht bei ihrer Art des Humors. Schnell wird klar, dass das Trio Zucker/Abraham/Zucker ("Die nackte Kanone") zu den Vorbildern der drei deutschen Drehbuchschreiber gehört. Und angesichts des verbreiteten Humors im aktuellen deutschen (Komödien-) Kino tut dieser ZAZ-Touch ziemlich gut. Keine harmlos-erotischen Beziehungsdramulette, kein homosexueller Metzgermeister und keine emanzipatorischen Flachwitzeleien geben hier den Ton an. Hier befinden wir uns in der Welt des Klamauks, und in der kann man es zeitweise ganz gut aushalten. Das liegt wiederum an der Detailverliebtheit der Filmemacher. Sie kennen die Wallace-Vorlagen in- und auswendig, mögen sie sehr und erweisen ihnen hinter all den Ulkeleien allergrößte Reverenz.
"Der Wixxer" ist vielleicht die beste deutsche Satire seit Jahren und hätte sogar ein richtiger Knaller werden können. Wenn, ja wenn die Drehbuchschreiber den Mut gehabt hätten, nicht alle 30 Sekunden einen Lacher zu produzieren. In einigen Pointen ist der Film großartig, manche Gags sitzen einfach perfekt. Andere jedoch sind überflüssig und ziehen die ganze Geschichte in eine billige Form des Slapstick, die ihm nicht immer gut tut. Der Zuschauer hätte dem "Wixxer" einige Lachpausen durchaus verziehen. Und so kann man vielen Stärken des Films auch einige Schwächen entgegen halten. Neben den guten Darstellern wie Kalkofe, Fritsch, Dittrich und Käpt'n Blaubär gibt es auch überdrehte Rollen. Pastewka befindet sich dabei auf einer Gratwanderung zwischen zu albern und eben doch sehr lustig. Thomas Heinze als ehemaliger Kalkofe-Kollege Rather Short ist ziemlich affig, und auch Frau Engelke gehört - gerade in der Eröffnungssequenz - das Plappermaul gestopft. Was ja übrigens auch für ihre von Tag zu Tag schlechter werdenden Late-Night-Auftritte gilt. Gott sei Dank gibt es da noch den großen Gewinner der "Wixxer"-Figuren. Alfons Hatler heißt er, wird von (Lady-) Kracher Christoph M. Hebst gespielt, und hat die besten Momente des Films auf seiner Seite. Als Butler im Hitler-Look ist er einfach nicht zu übertreffen. Nett auch die selbstironischen Cameos von den Wildecker Herzbuben, Günter Jauch, den No Angels und Grit Böttcher.
Doch auch die Machart des "Wixxers" sollte nicht unerwähnt bleiben. Die liebevolle Ausstattung, die grandiose Idee des Schwarzweiß-Schlosses sowie die netten Comic-Elemente im Vorspann und bei der Konferenz der großen Bösewichte machen den Film auch zu einem ästhetischen Genuss. 2-
Grandios: Die Doppel-DVD Special Edition, in der Hatler durchs Menü führt (sic)!
USA 2004, Regie: Michael Mann
Nicht jeder "Taxi Driver" erreicht sein Ziel: Mäßiges von Michael Mann
(js 10/04) Da pressen sich schon mit 17 Millionen Menschen in ein Tal, und trotzdem lebt
jeder für sich allein. Was für Martin Scorseses "Taxi Driver" die
Straßenschluchten von New York sind, ist für Michael Mann Los Angeles, die
Stadt der Engel mit dem Glamour von Hollywood auf der einen Seite, dem äußerst
wackeligen Boden auf der anderen Seite. Hier dreht der ordnungsliebende
Taxifahrer Max (für den Oscar nominiert: Jamie Foxx) seine tristen Runden, ist ausgesprochen selbstlos
und hilfsbereit und fantasiert sich alle paar Minuten auf eine Malediveninsel.
Als Entspannung und Flucht vom bedrückenden Einerlei auf dem Asphalt der
Metropole. Taxifahren, so macht er uns weiß, ist nur eine Übergangslösung
für Max. Bis er das Geld zusammen hat, sich selbständig zum machen und seinen
"Island"-Limo-Service zu gründen. Träume muss man haben, auch in
Greifweite Hollywoods...
Der letzte Fahrgast des Abends jedoch raubt dem Mann am Steuer jegliche Illusionen von einer menschlichen Restwärme in LA. Vincent (Tom Cruise) ist kein Gast wie jeder andere. Er mietet sich Max' Taxi für die gesamte Nacht, möchte fünf Freunden einen "Besuch" abstatten und zahlt dem Insel-Träumer 600 Dollar für seine Dienste. Nur dumm, dass nach jedem von Vincents Hausbesuchen eine weitere Schublade im Leichenschauhaus geöffnet werden muss. Vincent ist Auftragskiller. Kühl wie sein Erscheinungsbild, abgebrüht wie ein Terminator. Wenn Tausende in Ruanda sterben, wen stört's? Wenn hingegen ein Gangster tot zuerst auf dem Dach und schließlich im Kofferraum des Taxis landet, dann soll's plötzlich schlimm sein? So in etwa lautet die Philosophie des Nihilisten Vincent. Er kennt seine Opfer nicht, folglich berühren ihn die Todesfälle in seiner Gegenwart nicht. Getötet werden seine "Ziele" schließlich nicht von ihm, sondern von der Kugel seiner Knarre. Vincent drückt lediglich ab...
Für Max entwickelt sich diese nächtliche Tour zum Höllentrip. Er muss mit ansehen, wie Vincent einen nach dem anderen kalt macht. Und er kann nichts dagegen tun. Je mehr er es versucht, desto mehr Unschuldige müssen auch noch dran glauben. Kollateralschäden eben. Erst beim letzten Opfer kann Max richtig aktiv werden, und das auch nur, weil Vincents letzter Auftrag Max persönlich berührt. Hier kommt es zum großen Showdown, bei dem Max selbst zum Täter wird. Dass Vincent beim Schlussbild tot und unbemerkt in der U-Bahn sitzt, ist nur eine logische Konsequenz aus dem vorher Gezeigten.
Die Kritiker lieben Michael Mann. Wenn der Macher von "Miami Vice" einen neuen Film absondert, überschlagen sich die Jubelschreie geradezu. Komisch, ich selbst scheine gegen seine Filmsprache vollkommen immun zu sein. "Heat" und "The Insider" waren ganz nett, aber der richtige Funke ist niemals übergesprungen zu meinem Kinosessel. Ganz zu schweigen von der biografischen Schlaftablette "Ali" (2001). Und auch "Collateral" berührt mich nicht wirklich. Obwohl der Film durchaus seine guten Ansätze hat. Die Idee von der Einsamkeit inmitten der Menschenmasse, die Isolation und Hilflosigkeit zwischen all den Millionen. Doch was bei "Taxi Driver" noch grandios inszeniert wurde, wirkt bei Mann eher platt. Wenn es hier ans Philosophieren geht, wenn man bei einem nihilistischen Fahrgast wie Vincent überhaupt von so etwas reden kann, dann wirken die Dialoge doch arg bemüht. Der ach so gute schwarze Taxifahrer im Dialog mit dem ach so bösen grauen Herrn im Fond - wirkliche Tiefe wird hier nicht angesteuert. Schon die Figur des Bösewichts ist dafür zu eindimensional geraten. Die Leistung des Herrn Cruise beschränkt sich auf das Aufsetzen einer finsteren Miene unter mehlbestäubtem Haar und ein paar Sprints über die nächtlichen Straßen und Sprünge auf fahrende Züge, bei denen fast schon Erinnerungen an "Terminator 2" oder zumindest "Mission: Impossible" wach werden.
Okay, einigermaßen spannend wird es schon gegen Ende des Films. Diese Spannung gewinnt Michael Mann jedoch nicht aus dem (sprichwörtlich und sinnbildlich) schwarz-weißen Psychoduell zwischen dem Wahnsinnigen und dem Gutherzigen. Er lässt "Collateral" in seinem Showdown zu einem konventionellen Actionfilm verkommen. Ach ja, und da ist dann noch die Frage, die sich jeder bereits am Anfang stellt, und die es bis zum Ende krampfhaft auszublenden gilt: Warum hat sich Vincent nicht einfach selbst ein Auto gemietet? Eine Antwort bleibt uns "Collateral" bei all seiner Geschwätzigkeit schuldig... 3-
Bridget Jones: The Edge of Reason
GB/USA 2004, Regie: Beeban Kidron
Ein weiteres Tagebuch der lustigen Dicken ohne nennenswert Neues
(js
1/05)
Da ist sie also wieder. Die gute alte Bridget Jones, Heldin einer Heerschar
von hysterischen Pummelchen. Na klar, das musste ja auch so kommen. Nachdem "Bridget Jones's Diary" vor drei Jahren nach der profitablen Buchausgabe auch
zum großen Kassenhit der Kinosäle wurde, durfte Teil 2 natürlich nicht lange warten. Also musste Renée Zellweger, die patschfüßige Texanerin mit
antrainiertem Brit-Akzent, wieder in ihre Paraderolle als trottelige Journalistin schlüpfen. Dafür musste sie wieder ordentlich futtern, wurde aber
nicht weniger ordentlich entlohnt für ihre Fresskünste. Es war das Jahr der Zellweger: Im Februar holte sie sich in Los Angeles den
Oscar als beste Nebendarstellerin ("Cold Mountain") ab, und jetzt der nächste
Erfolg. Oder? Wenn überhaupt, dann nur kommerziell: Denn was sich Jones-Erfinderin Helen Fielding
da ausgedacht hat, war vielleicht als Komumnensammlung oder Buch noch ganz nett (und passte so wunderbar in die heutige Lesekultur mit
peinlichen Bestsellern der Marke "Mondscheintarif"), eine Verfilmung hätte aber nun
wirklich nicht sein müssen. Na gut, "Bridget 2" hat durchaus seine Momente und funktioniert als amüsante
Komödie um ein peinliches Pummelchen und seine Abenteuer. Aber viel Neues wird nicht erzählt aus dem Leben der Jones.
Lediglich die Lokalitäten sind anders: Bridget blamiert sich nicht nur in ihrer Heimatstadt London und Umgebung, dieses Mal lässt sie sich zu einer
Skireise in die Schweiz überreden. Da kann sie dann nach Lust und Laune alberne Akrobatik auf zwei Brettern vorführen. Und da kann sie frohen Mutes in
eine Apotheke schlendern und vor versammelter Mannschaft mit gebrochenem Deutsch einen Schwangerschaftstest bestellen. Aber es geht noch weiter: Die
nächste Reise führt sie nach Thailand, gemeinsam mit dem bereits im 1. Film abgeschossenen Hallodri-Lover Daniel (Hugh Grant). Da kann sie so richtig die
Sau rauslassen, Drogen konsumieren und am Ende noch wochenlang im Knast landen und dort den Insassinnen alte Hits von Madonna beibringen. Wenn das kein Spaß ist!
Okay, es ist durchaus spaßig. Aber eigentlich passiert in "Bridget 2" haargenau dasselbe wie in "Bridget 1". Die Protagonistin hat Probleme mit
ihren beiden Männern und wird am sich am Ende für den richtigen von beiden entscheiden. Dazwischen geht jede Menge schief, allerhand Missgeschicke und
Missverständnisse tragen sich zu, die beiden Männer prügeln sich um sie, und am Ende wird das Tagebuch mit freudigem Grinsen zugeschlagen. Ach wie schön.
4
USA 2004, Regie: Andrew Adamson, Kelly Asbury, Conrad Vernon
Der grüne Oger kehrt zurück: Hoffentlich nicht zum letzten Mal
Was
war das für ein S(c)hrecken, als die liebreizende Prinzessin Fiona im ersten
Teil von "Shrek" anfing, mit einem Vögelchen im Duett zu singen.
Alles sah danach aus, als würde die bis dahin so herrlich freche
Märchenparodie doch noch zu einem Disneyesquen Schmalzbrei zerfließen. Gottlob
kam die Wendung: Der Vogel platzte und die Oger-Mär stellte klar, wo sie hin
wollte. Jetzt kommt "Shrek 2", und ganz ohne Gesang geht es dieses Mal
leider nicht. Trotzdem: Auch die Fortsetzung der Knallerkomödie von 2001 ist
absolut gelungen.
Auch nach der Hochzeit sind Shrek und seine inzwischen selbst ergrünte Kumpanin
Fiona glücklich verheiratet. In ihrem idyllischen Sumpf furzen sie genüsslich
um die Wette und machen das, was verliebte Oger eben so tun. Alles könnte so
schön sein, wenn, ja wenn Fiona nicht eine Prinzessin
wäre,
deren Eltern sehnsüchtigst auf ein Treffen mit ihrem Schwiegersohn warteten.
Die Zusammenkunft wird vereinbart, der Eklat ist vorprogrammiert. Ein Grünling
mit "juckender Kimme" - begleitet von einem dauerplappernden Esel -
ist schließlich alles andere als standesgemäß. Vor allem Fionas Vater, König
Harold, hat so seine Probleme mit dem Sumpfbewohner...
Die Geschichte selbst gibt weniger her als die des Originals. "Shrek 2" hat bei Weitem nicht die Originalität des ersten Teils. Wie auch? Dennoch wimmelt es hier nur so von skurrilen Einfällen, grandiosen Pointen, einem Füllhorn von gelungenen Filmzitaten und herzallerliebsten (neuen) Figuren wie dem Gestiefelten Kater, einem Möchtegern-Zorro, der doch nichts weiter als ein possierliches Miezekätzchen ist. Auch "Shrek 2" ist urkomisch und für eine Fortsetzung doch sehr gut gelungen. 2+