Archiv 2003
In diesem Teil des Archivs findest du all die Filme, die im Jahr 2003 in Deutschland angelaufen sind und auf der Filmseite besprochen wurden. Ältere Filme gibt's im Archiv 2001/02, spätere Filmstarts im Archiv 2004 !
Best of 2003 Filme, die man einfach gesehen haben muss: About Schmidt, 28 Days Later, Punch-Drunk Love, Frida, Catch Me If You Can, Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl, City of God, The Hours, Lord of the Rings: The Return of the King
Überblick:
USA 2002, Buch & Regie: Paul Thomas Anderson
Die skurrilste Liebesgeschichte aller Zeiten
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Wiedersehen auf Hawaii |
(js 11/03) Barry Egan (Adam Sandler) ist der mit Abstand seltsamste Protagonist der letzten Kinojahre. Er ist Chef einer eines befremdenden Scherzartikel-Handels, ist einsam und hat zu allem Überfluss auch noch die sieben nervtötendsten Schwestern von Los Angeles. Barry bekommt permanent Weinkrämpfe und Wutausbrüche, und er hat sich eine eigenartige Sammelleidenschaft zugelegt: Mit spitzem Bleistift hat er sich ausgerechnet, dass ein Großeinkauf von Pudding ihm in kürzester Zeit zu schier unerschöpflichen Bonusmeilen einer Fluggesellschaft verhelfen kann.
Wie skurril darf Kino eigentlich sein? Diese Frage scheint sich Paul Thomas Anderson gestellt zu haben, als er nach seinen beiden brillanten Filmen mit Überlänge - "Boogie Nights" (1997) und "Magnolia" (1999) - wieder die große Leinwand beglücken wollte. Eine Antwort auf diese Frage gibt es wahrscheinlich nicht, aber Anderson zeigt zumindest eines: Er kann verdammt skurrile Geschichten erzählen. Dass er damit vollkommen am breiten Kinopublikum vorbei inszeniert, scheint ihn nicht zu stören. Und genau das macht den jungen Regisseur mal wieder unglaublich sympathisch.
Schon zu Beginn von "Punch-Drunk Love" wähnen wir uns irgendwo im narrativen Kosmos zwischen Kafka, Lynch und Coen. Barry sitzt an einem Schreibtisch in der Ecke einer leeren Halle und diskutiert am Telefon über besagte Bonusmeilen. Er verlässt die Halle und geht an die Straße. Ein roter Lieferwagen kommt näher, überschlägt sich mir nichts dir nichts. Die Tür geht auf, ein Harmonium wird an den Straßenrand gestellt. Was das soll? Keine Ahnung. Ebenso ratlos sehen wir zu, wie Barry in seinem blauen Anzug, den er den gesamten Film über tragen wird, auf der Party seiner Schwestern drei große Scheiben einschlägt. Das hat er wohl schon öfter gemacht. Bereits als Kind warf er einen Hammer durch ein Fenster. Was hat sich Anderson da bloß für einen Typen ausgedacht? Kann er jemals glücklich werden?
Vielleicht ja mit Telefonsex. Die Dame am anderen Ende der Leitung, eine gewisse Georgia, klingt vertrauenswürdig. Dumm nur, dass sie sein angeberisches Gerede vom großen Einkommen für bare Münze nimmt und ihn fortan erpresst. Hier ist mit Sicherheit kein Glück zu finden für den einsamen Barry. Muss also doch der Psychiater her? Barry hat Glück und trifft auf Lena (Emily Watson), eine Kollegin einer seiner penetranten Schwestern. Die scheint auch irgendwie schräg zu sein. Und auf kaum nachvollziehbare Weise wird aus den beiden tatsächlich noch ein Liebespaar. Zuvor muss Barry Lena noch bis Hawaii hinterher fliegen, zuvor muss noch der erpresserischen Telefonsexfirma unter der Leitung des schmierigen Matratzen-Mannes (Philipp S. Hoffmann) die Meinung gegeigt werden. Und natürlich müssen erst noch genügend Portionen Pudding vertilgt werden, damit beide fortan gemeinsam um die Welt reisen können. Dann kann es losgehen.
Klingt bescheuert? Irgendwie ist es das wohl. Aber Anderson ist nun einfach doch Genie genug, diese neurotische Geschichte schmackhaft zu machen. Wie er das macht, weiß ich nicht. Die Inszenierung jedenfalls ist toll, die Atmosphäre konsequent verquer, die Charaktere weitab von jeder Normalität. Emily Watson ist wieder wunderbar, selbst Adam Sandler macht seine Sache gut. "Punch-Drunk Love" hebt sich ab. Von Hollywood. Aber auch von Andersons Vorgängern. Und er ist trotzdem auf seine Weise perfekt. Das macht Hoffnung. Schon vor zehn Jahren wurde in Quentin Tarantino das große neue Talent Hollywoods gesehen. Tarantino hat sich einige Jahre gut geschlagen, hat sich jedoch auf seinen Lorbeeren ausgeruht und nur noch den Splatterheini raushängen lassen. Anderson ist da einen Schritt weiter. Er ist vielleicht das Beste, was das amerikanische Kino seit den Coens hervorgebracht hat. Und deshalb will ich mehr sehen von ihm! 2+
Deutschland, 2003; Regie: Christian Petzold
Vom Leben mit der Schuld: Autos, Moneten und Depressionen
(js 6/04) So schnell kann es gehen. Mal eben zu sehr aufs Handy geachtet, einmal den Blick von der Straße abgewendet, und schon gibt es einen kleinen Ruck. Philipp (Benno Führmann) hält an, dreht sich um und sieht einen kleinen Jungen neben seinem Fahrrad am Straßenrand liegen. Den hat er umgefahren. Philipp zögert kurz und gibt schließlich Vollgas. Ohne sich um das schwer verletzte Kind zu kümmern. Das schlechte Gewissen lässt dem smarten Yuppie jedoch keine ruhige Minute mehr. Er geht ins Krankenhaus, beobachtet die Mutter des angefahrenen Jungen. Die heißt Laura (Nina Hoss), ist alleinerziehend, wenig verdienend und hat ohnehin einen Hang zu Depression. Philipp sieht, was er angerichtet hat. Trotzdem: Für ein Geständnis ist und bleibt er zu feige. Stattdessen reist er erst einmal mit seiner reichen, aber ansonsten unerträglichen Braut nach Kuba und lässt die Hochzeitsglocken klingeln...
Als der Frischvermählte zurückkehrt, dreht sich die Schraube des schlechten Gewissens noch ein paar Drehungen weiter. Am Tatort, einer Landstraße bei Wolfsburg, bohrt sich der Anblick eines Holzkreuzes in Philipps ohnehin schon schmerzenden Gewissensbisse. Der kleine Junge ist tot. Und Philipp ist schuld. Von nun an sucht der Autoverkäufer noch mehr die Nähe zur permanent suizidgefährdeten Laura, verlässt am Ende sogar seine Frau für sie - und mit ihr sein bisheriges Leben im Wohlstand. Endlich kann er Laura helfen, einer Frau, die nichts und niemanden mehr hat. Und auch Laura scheint durch ihn endlich wieder einen Sinn im Leben zu sehen. Wenn, ja wenn die Lügen dieser Welt nicht immer so unglaublich kurze Beine hätten.
Christian Petzolds Film war in mehreren Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert. Zu recht: Zum einen gibt das Drehbuch eine unglaublich gute und tiefsinnige Geschichte her. Zum anderen sind die beiden Hauptdarsteller Garanten für ein gelungenes psychologisches Drama. Nina Hoss, das einstige "Mädchen Rosemarie" empfiehlt sich - diesmal dunkelhaarig (was ihr sehr gut steht) - als eine der besten deutschen Schauspielerinnen der Umdiedreißig-Generation. Und Benno Führmann ist sein Tom Tykwers grandiosem vierten Film "Der Krieger und die Kaiserin" längst vom "Und tschüss!"-Assi zum echten Charaktermimen avanciert. Herausragend an "Wolfsburg" ist aber vor allem die kühne Schlichtheit der Inszenierung. Schon der Titel des Films deutet es an: Hier geht es um das Minimalistische. Wolfsburg, als Stadt ohne Geschichte, als konstruierte Stadt der Fabriken, ist zum ein Symbol für das in diesem Film so elementare Thema Auto, zum anderen ein kühles Tableau, dem die Emotionen der Protagonisten gegenüber stehen. Auch die Bilder sind von eisiger Kälte, ebenso wie die Kulissen: Laura arbeitet in der Tiefkühlabteilung eines Supermarktes, Philipp im sterilen Stahlbau eines Audi-Zentrums. Und wenn Philipp nach Hause fährt, dann findet er dort neben seiner kaltschnäuzigen Frau eine kubistisch-moderne Villa vor, die keine Heizung der Welt auf erträgliche Temperaturen zu bringen vermag. Dass der Film fast komplett auf Musik verzichtet, ist da nur konsequent. Dennoch stehen Emotionen im Vordergrund der Geschichte. Und am Ende - hier darf auch Musik einsetzen - ist alles ganz schrecklich, aber doch irgendwie gerecht und hoffnungsvoll. Wie schön, dass das deutsche Kino immer wieder mal ins Schwarze trifft. 2+
USA 2003; Regie: Clint Eastwood
Grandioses Schauspielerkino mit fragwürdiger Moral
(js
2/04) Das ist schon ganz schön harte Kost, was uns Clint Eastwood da in seinem fortgeschrittenen Alter auf die Leinwand
wuchtet: Drei Jungs spielen Hockey auf der Straße und kommen auf die Idee, ihre Namen in ein Stück feuchten
Beton zu ritzen, als plötzlich zwei Männer in einer dunklen Limousine auftauchen, böse schimpfen und eins
der drei Kinder mitnehmen. David, der arme Kerl, wird drei Tage lang in ein Kellerloch gesteckt und übel
missbraucht. 25 Jahre später kreuzen sich erneut die Wege der Jungs: Sean (Kevin Bacon) ist Polizist
geworden, Jimmy (Oscar für: Sean Penn) Einzelhändler mit
krimineller Vergangenheit und David (besser denn je und zu Recht Oscar-gekrönt: Tim Robbins) ist ein introvertierter, leicht wahnsinniger Familienvater.
Die Tage im Keller haben ihre Spuren hinterlassen. Zur unfreiwilligen Zusammenkunft kommt es, nachdem Jimmys
19-jährige Tochter brutal ermordet wird. Sean muss ermitteln, Jimmys kriminelle Energien erwachen und vor
allem David hat ein Problem. Er wird verdächtigt. Vom Zuschauer, von Sean und selbst von seiner Frau (Marcia
Gay Harden). Am Ende wird ihn das sein Leben kosten. Schuldig ist er zwar, aber nicht an diesem Mord.
Eastwood nimmt sich Zeit, nähert sich mit der Kamera seinen grandios aufgelegten Darstellern und zieht den
Zuschauer vollends hinein in die unglaublich spannende, kammerspielartige Atmosphäre von
Mystic River. So intensiv und eindringlich kann Kino sein und ist es leider viel
zu selten. Ein grandioser Film. Eigentlich. Doch dann kommt ein etwas problematisches Ende, dessen Aussage
doch etwas befremdlich wirkt. Die Welt ist krank, aber
die Familie ist doch noch was Feines. Oder so ähnlich.
Hier ist auch Herr Eastwood leider nicht mutig genug, seinen Film weiter gegen
den Strich der US-amerikanischen Ideale zu bürsten. 2+
USA 2002, Regie: Alexander Payne
Besser geht's nicht: Nicholson in einem grandiosen Rentner-Porträt
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Noch wenige Sekunden bis zur Rente und der großen Leere: Schmidt (Jack Nicholson) im seinem Büro |
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Die besten Literaturverfilmungen der letzten zehn Jahre [eine ausgesprochen subjektive Auswahl]
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The Remains of the Day GB 1992, Regie: James Ivory, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro (1989), mit Anthony Hopkins, Emma Thomson, Christopher Reeve Bram Stoker's Dracula USA 1992, Regie: Francis Ford Coppola, nach dem Roman von Bram Stoker (1897), mit Gary Oldman, Winona Ryder, Anthony Hopkins Trainspotting GB 1996, Regie: Danny Boyle, nach dem Roman von Irvine Welsh, mit Ewan McGregor und Robert Carlyle William Shakespeare's Romeo & Juliet USA 1996, Regie: Baz Luhrman, nach der Tragödie von William Shakespeare, mit Leonardo DiCaprio, Clare Danes The Ice Storm USA 1997, Regie: Ang Lee, mit Kevin Kline, Sigourney Weaver, Christina Ricci, Joan Allen, Elijah Wood, Tobey Maguire Eyes Wide Shut USA 1999, Regie: Stanley Kubrick, nach der "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler (1925), mit Tom Cruise, Nicole Kidman, Sidney Pollack. Siehe Archiv 2002! The Cider House Rules USA 1999, Regie: Lasse Halström, nach dem Roman von John Irving, mit Tobey Maguire, Charlize Theron, Michael Caine. Siehe Archiv 2002! The Pledge USA 2000, Regie: Sean Penn, nach dem Roman "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt, mit Jack Nicholson, Robin Wright Penn, Benicio del Toro. Siehe Archiv 2002! The Hours USA 2002, Regie: Stephen Daldry, nach dem Roman von Michael Cunningham, mit Julianne Moore, Meryl Streep, Nicole Kidman, Ed Harris, Clare Danes, John C. Reilly. Siehe Kritik hier ! About Schmidt USA 2002, siehe Text rechts! |
(js 8/03) Es ist schon ein ausgesprochen seltener Fall, wenn die Verfilmung eines guten Buches als "gelungen" bezeichnet wird. Besonders dann, wenn der Film so gut wie gar nichts mehr vom ursprünglichen Roman übrig lässt. Spätestens an dieser Stelle werden Unkenrufe laut, wie schädlich doch die Unart der Filmindustrie ist, gute Romanstoffe auf die große Leinwand zu wuchten.
Es geht jedoch auch anders, wie etwa im Falle von Alexander Paynes großartiger Adaption (oder besser Komplett- Uminterpretation) von "About Schmidt". Die gleichnamige Vorlage aus dem Jahr 2000 stammt von Louis Begley, ist verdammt gut geschrieben und insgesamt lesenswert. Und ein guter Filmstoff. Was Payne von Begley übernimmt, ist jedoch minimal - beide "About Schmidts" handeln von einem unzufriedenen Rentner namens Schmidt, soeben verwitwet, der sich ganz und gar nicht mit seinem zukünftigen Schwiegersohn abfinden kann. Und bereits hier enden die Parallelen auch schon. Der Schmidt im Buch heißt Albert, der im Film hört auf den Namen Warren. Ein klares Indiz dafür, dass Payne seinen ganz eigenen Schmidt vorstellt. Und seine Geschichte ist von beiden die weitaus gelungenere.
Warren Schmidt hat die Altersgrenze erreicht. Eigentlich ein freudiges Ereignis, doch im Leben nach der Arbeit gibt es nicht viel für den pensionierten Versicherungsangestellten. Seine Frau ist eine ziemlich dumpfe Nervensäge, die einzige Tochter steht kurz vor der Hochzeit mit einem der dämlichsten Wasserbettenverkäufer Nordamerikas. Schon jetzt weiß Schmidt nichts mehr mit sich anzufangen. Doch es kommt noch schlimmer. Seine Frau segnet das Zeitliche und hinterlässt einen griesgrämigen Witwer, der sich nicht einmal zu versorgen weiß und vollends verwahrlost. Bis er eines Tages herausfindet, dass seine inzwischen doch vermisste Frau ihm nicht gerade treu war über all die 42 Ehejahre. Schmidt beschließt, sich auf eine Reise in seinem m überdimensionalen Wohnmobil zu begeben und sein Leben Revue passieren zu lassen. Die Frage unterwegs: War da eigentlich irgendwas in all diese 67 Lebensjahren? Nicht so wirklich, wenn man sich die Reise so ansieht. Und auch das Verhältnis zur Schmidt'schen Tochter (Hope Davis) steht nicht gerade zum Besten. Schmidt ist einsam, Schmidt ist gelangweilt, Schmidt hat keine Perspektive. Ist es nicht ein fürchterlicher Gedanke, in den sieben Jahrzehnten eines Lebens nichts vollbracht zu haben, an das sich zukünftige Generationen erinnern?
Am Ende der Reise landet der Rentner im (Toll-)Haus der neuen Familie seiner Tochter, wo gerade allesamt in Hochzeitsvorbereitungen stecken. Der Alte gibt sich nicht gerade die größte Mühe, seinen O-Ku-Hi-La-Schwiegersohn ins Herz zu schließen. Und dessen Familie kommt auch nicht gerade hilfreich da her. Sie macht alles noch viel schlimmer, allen Voran "Mitmutter" Roberta (perfekt: Kathy Bates), eine dralle Althippiedame mit Hang zu aufdringlicher Sexualität. Wie kann man das Töchterlein in solch einem Chaotenhaufen zurücklassen?
Warren Schmidt findet sich schließlich doch noch damit ab, gibt wenigstens seiner Tochter noch einen kleinen Funken Glück mit auf den Lebensweg. Er selbst kehrt zurück in sein verwaistes Haus und stellt sich weiterhin die Frage nach dem Sinn seines nicht enden wollenden Lebens. Nur gut für ihn, dass in der letzten Szene doch noch die Sonne für ihn scheint und ein Hoffnungsschimmer erglimmt. "About Schmidt" ist großartiges Kino. Witzig, rührend und traurig zugleich, grandios gespielt und inszeniert. Da hat selbst Oscarpreisträgerin Kathy Bates eingesehen, dass eine Nacktszene (mit all ihren Pfunden) im Badezuber einfach gut hineinpasst und zur Rolle gehört. Sehr schön auch die (einseitige) Briefkorrespondenz mit Schmidts afrikanischem Patenkind Ndugo, die der Einsame als eine Art tragikomisches Tagebuch führt. Diese Korrespondenz wird ihm gegen Ende ein wenig helfen...
Und was war nochmal mit dem Albert Schmidt aus Begleys Roman? Der war stinkreich, konnte seinen ebenfalls stinkreichen Schwiegersohn aus gutem Hause nicht leiden, war selbst ein alter Mann mit vielen Seitensprüngen und am Ende einer 20-jährigen Geliebten. Warren Schmidt ist da der weitaus sympathischere Antiheld. Um ihn zu spielen, musste sich Nicholson sehr stark zurücknehmen. Das fiel ihm sicher nicht leicht, umso besser also seine (Oscar-nominierte) Leistung. Auch als Schmidt wird er in die Kinogeschichte eingehen. 1
Der
menschliche Makel, USA 2003, Regie: Robert Benton
Das späte Abenteuer eines alten Mannes: Einfach nur seltsam
(js 1/05) Damit hat der arrivierte Literaturprofessor Coleman Silk (Anthony Hopkins) nun wirklich nicht gerechnet. Nur wenige Jahre, bevor er sich aufs Altenteil zurückziehen kann, wird er kurzerhand aus dem Hochschuldienst suspendiert. Grund dafür war ein einfaches Wort, "spooks". Das wird als rassistische Bemerkung gedeutet, Silk darf ab sofort zu Hause bleiben. Dabei hat er es nun wirlich nicht rassistisch gemeint. Zu Hause wartet seine brave Frau, die vor lauter Schreck über die unerwartete "Papa ante portas"-Situation tot vom Hocker fällt. Colemans Leben ist nichts weiter als ein Trümmerhaufen. Gut nur,dass er sich schnell abzulenken weiß. Der alternde Akademiker schnappt sich die 34-jährige Putzfrau Faunia (Nicole Kidman), die es ihm so richtig besorgt. Es entfacht eine heiße Affäre, wie es sich der alte Mann niemals wieder zu Träumen gewagt hatte. Viagra sei Dank. Nur dumm, dass natürlich alles nicht so einfach ist wie es scheint. Die gute Faunia hat schlimme Erfahrungen hinter sich gebracht. Sie ist sogar eins der ärmsten Wesen der jüngeren Kinogeschichte. So viel Leid wie sie haben nicht einmal Oliver Twist und der arme Roboterjunge aus "A.I." zusammen erlebt. Klar, dass solch eine Beziehung nicht wirklich gut gehen kann. Coleman erzählt das alles seinem besten Freund, einem Schriftsteller (Gary Sinise). Der schreibt daraus ein Buch und erfährt auch über Colemans Tod (kein Spoiler: der findet schon zu beginn des Films statt) hinaus noch interessante Details aus dessen Jugend heraus. Coleman war nämlich eigentlich schwarz, ähnlich wie Michael Jackson. Nur, dass der Professor sich nicht eingeweißt hat - er war aus welchen Gründen auch immer ein weißer Schwarzer, der mit seiner Familie gebrochen hat um als Weißer Karriere zu machen... Verwirrend? Natürlich, es macht auch nicht wirklich viel Sinn. Komischerweise könnte ich mir vorstellen, dass "The Human Stain" als Bestsellervorlage von Philip Roth durchaus lesenswert sein kann. Als Film macht er aber nun wirklich weder Sinn noch Spaß. Und mal ehrlich: Wer will Bettszenen mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman sehen? Manche Filme müssen einfach nicht sein. Ende. Abspann. Vergessen wir's. 4-
Brasilien 2002, Regie: Fernando Meirelles
Bildgewaltiger Meilenstein des lateinamerikanischen Kinos
(js 5/04) Das Leben in den Slums lateinamerikanischer Stadtgiganten ist hart. Klar, das ist nichts Neues, jedem halbgebildeten Mitteleuropäer ist das bekannt. Höchste Zeit also, dem Leben dieser Abermillionen armer Menschen in einem modernen und für den internationalen Kinomarkt kompatiblen Film auf den Grund zu gehen. Und wer könnte das besser als die Südamerikaner selbst?
Fernando Meirelles hat es geschafft. Der
Regisseur aus Brasiliens größtem Ballungsraum Sao Paulo hat sich einen in
seinem Heimatland preisgekrönten Roman vorgeknöpft und
in
einen der bildgewaltigsten Filme des jungen Jahrtausends verwandet. "Cidade
de Deus" heißt das Buch von Paolo Lins, "City of God" die
englische Übersetzung. Seinem Namen, der Stadt Gottes, wird die Erzählung
erwartungsgemäß wenig gerecht. "City of God" erzählt die Geschichte
von Buscapé, einem Jungen, der in eben dieser Stadt aufgewachsen ist. Die Stadt
Gottes ist einer der Favelas von Rio de Janeiro. Nur wenige Kilometer von der
Copa Cabana entfernt, hat das Leben in diesem künstlich geschaffenen Vorort
wenig mit dem bunten Treiben zu tun, das in jedem Jahr vom Karneval unter dem
Zuckerhut in die internationale Öffentlichkeit dringt. Die Geschichte von
Buscapé und seinen Nachbarn ist eine Erzählung aus der realen Horrorwelt der
70er Jahre. In der "City of God" zählt ein Menschenleben so
viel wie hierzulande das eines Moskito. Außer dem vom Darwin sind alle Gesetze
außer Kraft gesetzt. Der Vorort wird regiert von einem Paten, der jedes
menschliche Problem ohne mit der Wimper zu zucken mit gezielten Schüssen aus
dem Weg räumt. Nicht einmal die Polizei kann helfen, zu sehr ist sie selbst
verstrickt in diesem Sumpf aus Drogenhandel und unwürdigem Geballer. Buscapé
möchte diesem Moloch allzu gerne entkommen, versucht sich immer wieder mit
"ehrlicher Arbeit", nur um schnell wieder zu begreifen, dass der
Ehrliche nicht überleben kann in dieser Welt. Einzig sein Fotografier-Talent
wird ihm am Ende den Weg in eine bessere Welt ebnen.
Meirelles Film ist hart und grandios inszeniert. Sowohl seine, die Arbeit des Kameramannes als auch die am Schneidetisch wurden 2004 zu Recht mit Oscar-Nominierungen gewürdigt. Die Bildsprache ist modern, schnell und bringt das Thema spannend und zeitweise unerträglich nahe. Nicht einmal das Leben scheinbar unschuldiger Kinder bleibt verschont. Unschuldig sind sie ohnehin nicht mehr, selbst Dreikäsehochs werden zu kaltblütigen Killern. Das größte Verdienst von "City of God" ist übrigens die Leistung des Regisseurs, der eine Hundertschaft zumeist junger Laiendarsteller zusammen gecastet hat, die allesamt beeindrucken. Sie selbst durften am Feintuning ihrer Rollen mitarbeiten und verleihen ihnen somit eine unglaubliche, unverbrauchte Tiefe. Dem lateinamerikanischen Kino hat er damit einen beachtenswerten Meilenstein gesetzt. 1
PS: Noch ein Tipp aus Lateinamerika, genauer Mexiko-Stadt: "Amores Perros" (2000)
DER HERR DER RINGE 1-3:
The Fellowship of the Ring USA / NZ 2001, Regie: Peter Jackson
Das Filmspektakel des Jahres
(js 12/01) Dies ist der spektakulärste Film des Jahres. Und daran war schon im Vorfeld kein Zweifel. Tolkien-Fans haben sich vor Aufregung kaum eingekriegt im Kino ("Oh, ich krieg Gänsehaut!") und wären am liebsten in die Leinwand gesprungen vor Euphorie. Tolkien-Banausen wie ich können so was natürlich kaum nachvollziehen. Na gut, der Film ist großartig besetzt (allen voran Ian McKellen als Gandalf) und detailverliebt ausgestattet. Die Special Effects sind im Großen und Ganzen atemberaubend (auch wenn sie manchmal über die Stränge schlagen, wenn etwa "Elbe" Cate Blanchett von der Macht des Ringes ergriffen wird und in eine nervige Lichtgestalt verwandelt wird), die Orcs sind schön eklig, Gollum niedlich ;) ... Und am Ende ist der Tolkien-Banause dann ungeduldig, weil's erst in 12 Monaten weitergeht und das Ende von "Die Gefährten" natürlich unbefriedigend ist. Der Tolkien-Fan weiß wiederum Rat, wie der aufgeregte junge Brillenträger zu unserer Rechten: "Geil. Zu Hause hör ich jetzt erst noch 'ne Runde Hörspiel." Tolle Idee, aber zum Glück gibt's ja auch noch ein Leben diesseits von Mittelerde. 2+
NZ/USA 2002, Regie: Peter Jackson
Die Gollum Show. Ansonsten nicht viel los in Mittelerde
(js 12/02) Und wieder geht's nach Mittelerde. Ohne große Vorbereitung mitten rein in die Geschichte, die vor zwölf Monaten einfach aufhörte. Keine Erklärung, keine Exposition, kein Erbarmen mit den zwei Kinogängern, die Teil eins verschlafen haben. Der Herr der Ringe geht in die zweite Runde. Und schon verlässt er den Pfad meines Geschmacks. Ich bin kein Tolkien-Fan, nicht mal Tolkien-Kenner. Ich habe noch keine Zeile des Oxford-Professors und Mythenklauers gelesen. Das habe ich ja schon vor einem Jahr gestanden (siehe Archiv). Und trotzdem konnte ich mich dem Auftakt der großen Peter-Jackson- Filmtrilogie nicht entziehen. Fantastische Ausstattung, nahezu perfekte Inszenierung und eine mitreißende Geschichte; gleich drei Wünsche auf einmal, aber alles war drin in Teil eins. "The Two Towers" aber bleibt (die Hobbit-Lobby möge es mir verzeihen) weit hinter seinem Vorgänger zurück. Nicht in Punkto Ausstattung, Tricktechnik und dergleichen. Die Geschichte jedoch verliert sich und vor allem die Charaktere sind kaum mehr als seichte Schatten ihrer ersten Auftritte. Man denke nur an Gandalf (Ian McKellen), der als grauer Zauberer einen wunderbar plastischen Charakter abgab. Sein Stelldichein als "der Weiße" ist nicht mehr wert als ein zweidimensionales Abziehbild aus dem Nutellaglas. Auch bei seinen Kollegen mangelt es an Tiefe, die neuen Figuren sind nicht der Rede wert. Einzige Ausnahme: Gollum. Diese Kreatur ist mir schon vor einem Jahr ans Herz gewachsen und nimmt in "The Two Towers" endlich den Stellenwert ein, der ihr zusteht. Perfekt animiert ist er. Und der mit Abstand gelungenste Charakter des dreistündigen Epos. Schizophren, vielschichtig und unterhaltsam. Gollum ist der Star des Films. Leider der einzige. Zum Plot: Wir verfolgen die getrennten Gefährten auf ihren diversen Routen gen Mordor und wohin auch immer. Spannend und kurzweilig ja, besonders interessant nein. Spätestens wenn Bäume zu reden anfangen und schließlich noch rumlaufen (ob's nun Fichten oder Ents sind, ist mir dabei egal), hört bei mir das Verständnis auf. Dafür reicht meine Fantasybegeisterung nicht aus. Bei der großen Schlacht verliert der Film dann sogar an Klasse. Überflüssige Gimmicks wie große Leitern und Bomben passen nicht so recht in die Welt des Ringes, und ein Elberich auf einem Skateboard hätte Teil eins nun wirklich nicht nötig gehabt. In einigen Momenten wird es schon ein wenig peinlich zwischen den beiden Türmen. Trotz alledem: Ich bin gespannt auf Teil drei, keine Frage. Dann werde ich noch einmal retrospektiv über den zweiten Teil urteilen müssen. Vielleicht geht er im Gesamtkonzept der Trilogie wunderbar auf. Als eigenständiger Film jedoch funktioniert er nur bedingt. 3
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Stoppt die Blasphemie! |
Mein Marburger Korrespondent und Fantasy-Experte Jan Wilhelm, M.A. über die obige Kritik eines Ungläubigen, den Film "The Two Towers" und das Genre an sich (12/02)
Der böse
Magier Profion (Jeremy Irons) plant mit Hilfe goldener Drachen die Macht im
fernen Königreich Izmer an sich zu reißen. Dafür braucht er den Zepter
von Savina, der kindlichen Kaiserin (Thora Birch). Savina aber ist clever
und versucht mit Hilfe der zwei Diebe Ridley (Justin Whalin) und Snails
(Marlon Wayans) an den legendären Stab von Savrille zu kommen, der ihr die
Kontrolle über die roten Drachen gewährt. Zur Rettung der Welt eilen dann
noch der Zwerg Elwood (Lee Arenberg) und die Elbin Norda (Kirsten Wilson)
zur Hilfe... STOP!!! Falscher Film! Ja.
Sicher, aber der einzig richtige Punkt um eine Filmbesprechung zu "Der
Herr der Ringe - Die zwei Türme" beginnen zu lassen. Obige
Inhaltsangabe ist nämlich natürlich nicht aus Peter Jacksons
Interpretation des Herr der Ringe-Stoffes, sondern stammt aus dem Film
"Dungeons & Dragons". Dieser, entstanden im Jahr 2000, war
wohl der einzige klassische Fantasy-Film der letzten Jahre, der seinen Weg
auf die Kinoleinwände gefunden hat. Klassischer Fantasy-Film? Was'n das?
Genau. Und hier beginnt doch schon die ganze Misere. Der "klassische
Fantasy-Films" ist, bzw. war, als Genre in den letzten 30 Jahren mehr
oder weniger nicht existent. Ausnahmen bestätigen die Regel und sind auch
locker an einer Hand aufzuzählen: Willow (1988), Legende (1985), Der
Drachentöter (1981), Der dunkle Kristall (1982). Das war's. Abgesehen
vielleicht von der ein oder anderen Videopremiere und einigen hirnlosen
Barbaren-Filmen, die insbesondere Anfang der 80er ihr meist männliches
Zielpublikum gefunden hatten (Unvergessen hier: Brigitte Nielsen und Arnold
Schwarzenegger in "Red Sonja", 1985). Na gut. Kommen wir zum
Punkt: Um den Fantasy-Film sah's schlecht bestellt aus. Zu viele mediokre,
billig herunter gekurbelte Machwerke. Zu teuer in der Produktion um wirklich
eine eigenständiger, fremde Welt entstehen zu lassen, zu schwache Vorlagen.
Unser Ausgangspunkt "Dungeons & Dragons" legt hier beredtes
Zeugnis ab. So ist in diesem Film zum Beispiel der Zwerg mindestens stramme
1,69 Meter groß (was ich im Übrigen auch als persönliche Beleidigung
empfinde...) und von schauspielerischen Leistungen kann schon gar nicht mehr
die Rede sein (der Film lädt im Übrigen auch dazu ein sich große Sorgen
um die Karriere von Jeremy Irons zu machen... aber das nur am Rande...).
2001 und dann kam Peter Jackson (und Harry Potter... aber dazu später...)
und der Rest ist mehr oder weniger Legende. Mit der Inspirationsquelle aller
(!) Fantasy- Geschichten im Gepäck, versuchte er am anderen Ende der Welt
das Unmögliche und ... siegte! "Der Herr der Ringe - Die Gefährten"
war ein voller Triumph. Tricktechnisch begeisternd, schauspielerisch überzeugend
und insgesamt mehr als stimmig, legte der zottelige Neuseeländer und sein
Team mit dem ersten Teil der Saga eine Glanzleistung auf's Parkett. Punkt.
Nun... Ein Jahr später: Die zwei Türme. Die Erwartungen sind hoch, wenn
nicht sogar riesig... Viel kann doch eigentlich hier nicht mehr daneben
gehen, wurden die drei Filme doch mehr oder weniger in einem Durchlauf
abgedreht. Richtig und doch falsch. Die beiden Filme unterscheiden sich nämlich
erheblich (ebenso wie die beiden Bücher). Die Geschichte um den Einen Ring
und das Schicksal der Gefährten wird komplexer. Viel komplexer. Frodo und
Sam irren gemeinsam mit der Kreatur Gollum durch eine unwirtliche
Landschaft, auf der Suche nach einem Weg in das finstere Land Mordor.
Aragorn, Leoglas und Gimli folgen einem Trupp Uruk-Hai, die die beiden
anderen Hobbits Merry und Pippin in ihrer Gewalt haben. Auf dieser Jagd
treffen sie zwar nicht auf ihre Beute, dafür aber auf den reinkarnierten
Gandalf und die berittenen Bewohner des Königreichs Rohan, mitsamt ihrem König
Theoden und dessen Nichte Eowyn. Merry und Pippin hingegen konnten fliehen
und treffen im dunklen Wald Fangorn auf die Ents, die Baumhirten (keine Bäume!),
die ihr Dasein weitab von den Problemen der restlichen Welt fristen. Oookay.
Éowyn, Éomér, Théoden, Théodred, Faramir, Boromir, Haldir, Elrond,
Arwen, Aragorn, Legolas.... Wir erinnern
uns: Tolkiens
Buch lag nicht von ungefähr seit Jahren unverfilmt herum
(abgesehen von der grausamen Zeichentrickversion Ende der Siebziger). Der
Stoff ist komplex. Jede noch so kleine Figur hat in Tolkiens Welt eine genau
ausgearbeitete Biographie inklusive Stammbaum... Eine undankbare Aufgabe für
jeden Drehbuchschreiber... So viel ist sicher. Und das ist dann auch das
Problem des ganzen Films. Die Dramaturgie des ersten Teils machte diesen
weitaus zugänglicher für den unvorbelasteten Zuschauer. Es war der Beginn
einer Reise. Die einzelnen Charaktere bekamen Raum sich zu entfalten, sie
waren zugänglicher. "Die Gefährten" war ein reiner
Abenteuerfilm, der einer klassischen Dramaturgie folgte. Im zweiten Teil
sieht das Ganze dann schon anders aus: Eine Vielzahl neuer Charaktere wird
eingebracht, der Blickwinkel auf Mittelerde vergrößert sich, es geht um Königsdramen,
Schlachten, individuelle Entscheidungen. Er besitzt keinen klassischen
Anfang und endet mit einem Cliffhanger. Problem: Der Film ist 2 Stunden 59
Minuten lang und doch viel zu kurz um die Fülle an Material angemessen zu
verarbeiten (da wird mit Sicherheit die im November '03 erscheinende DVD
Special Edition im Vergleich besser abschneiden). Auch musste Jackson den
kompletten Film neu strukturieren. Im Buch werden die Geschichten um Frodo/Sam
und Legolas/Aragorn/Gimli hintereinander wiedergegeben, die verschiedenen
Erzählstränge überschneiden sich nicht. Für eine Filmadaption gibt es
nahezu nichts Unpassenderes. Also wird nun natürlich zwischen den einzelnen
Handlungsfäden munter hin und her gesprungen. Dabei kommt dann die Handlung
um die Ents definitiv zu kurz bei weg. Sie hat in der Vorlage mehr Tiefe und
scheint essentieller für den weiteren Verlauf der Handlung. Das aber nur am
Rande. Ich denke, man muss bei diesem Film, anders zum Beispiel als bei der
Star Wars-Saga, oder den Harry Potter-Filmen, mehr denn je das Gesamtbild im
Kopf behalten. Peter Jackson spricht in Bezug auf seine Filme nicht ohne
Grund immer von einem "einzigen neunstündigen Gesamtwerk". Daher
funktioniert "Die Zwei Türme" als eigenständiger Film nur
bedingt bis überhaupt nicht. Was Jacksons Abschweifungen vom
Originalmaterial angeht, da bin ich (im Gegensatz zu zahlreichen
Tolkien-Geeks und -Freaks) relativ tolerant. Es ist Jacksons Variation der
Geschichte, die in vielen Punkten mit meinem Bild von Tolkiens Epos übereinstimmt,
in einigen aber auch erheblich davon abweicht. So wirken dieses Mal
viele von Jacksons Änderungen auf mich zu Hollywood-kompatibel (Aragorns
Beinahe-Tod, Gimli als Witzfigur, das ganze Aragorn-Arwen-Éowyn-Dreieck).
Was andere angeht, bin ich toleranter. Legolas ist ein Elb. Wenn er einen
Schild zu einem Surfbrett (nicht Skateboard, Herr Schäfer!) umfunktioniert,
dann nutzt er damit seine elbischen Fähigkeiten, den Überraschungsmoment
und seine Intuition, aber das mag halt Geschmackssache sein. Immerhin bleibt
Jackson nicht so sklavisch an der Vorlage kleben wie sein Kollege Columbus
bei den Potter-Büchern, der sie damit jeglichem Eigenlebens beraubt hat.
Dass die Schauspieler, insbesondere Ian McKellen und Christopher Lee,
diesmal keine Zeit haben um wirklich zu glänzen, ist schade, aber scheinbar
in Anbetracht der Materialfülle nicht zu umgehen. Die neuen
Ensemblemitglieder geben darüber hinaus eine gute Figur ab und füllen ihre
Rollen angemessen aus. Gollum ist natürlich ein Meisterstück. Auch wenn
diese Filme, was sehr unwahrscheinlich ist, irgendwann mal in Vergessenheit
geraten, wird Gollum sich immer noch in den Annalen der Filmgeschichte
wiederfinden lassen: Als der erste computer-animierte Charakter, der
wirklich schauspielert! Eine herausragende Leistung, die zumindest den
Spezial-Effekte Oscar sicher erscheinen lässt. Zurück zum Ausgangspunkt:
Mag man noch so seine Probleme mit dem Film haben, so darf man auch nicht
das Gesamtbild aus dem Blick lassen. Peter Jackson hat eigenhändig ein
gesamtes Genre wiederbelebt und aus den Untiefen der Videotheken zurück ans
Licht gebracht. Dafür gebührt ihm der Dank einer ganzen Generation von
Kinobesuchern und dafür bekommt er von mir auch eine 1-
The Return of the King
NZ/USA 2003, Regie: Peter Jackson
Der fast perfekte Triumphzug des Peter Jackson
von meinem Gütersloher Korrespondenten Jan R. R. Wilhelm (12/03)
Nicht immer sind aller guten Dinge drei: siehe „Krieg der Sterne“ oder „Matrix“, deren Fortsetzungen schwach und schwächer ausfielen. Die Erwartungen an den
letzten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie sind gigantisch – doch nicht vergeblich. Das Finale der Tolkien-Saga fällt überwältigend aus: eine majestätische Rückkehr
des neuseeländischen Kino-Königs Peter Jackson. Hatte man sich in den vergangenen zwei Jahren Mitte Dezember als festen Termin im Kinokalender eingetragen, so kommt diese schöne Tradition nun zu ihrem
Ende: Mit “Die Rückkehr
des Königs” läuft jetzt der letzte Teil der Trilogie in den Lichtspielhäusern und beschließt damit eines der gewaltigsten Unterfangen der
Filmgeschichte.
In DRdK gilt es nun also die epische Geschichte zu ihrem Ende zu führen: Die finsteren Heerscharen müssen besiegt, die Belagerung der Hauptstadt Minas Tirith
abgewendet, Aragorn zum König gekrönt und der „Eine Ring“ zerstört werden.
Hier nun weiter auf die Story einzugehen, würde zu weit führen. Es genügt zu sagen, dass Peter Jackson im dritten Teil weitgehend dem Pfad folgt, den er mit „Die
zwei Türme“ eingeschlagen hat. Natürlich werden, schließlich handelt es sich ja ums Finale, hier ganz andere Kaliber aufgefahren:
Noch länger (200 Minuten!) . Noch spezialeffektvoller. Noch spektakulärer. Noch
oscarträchtiger. Doch was wären alle Superlative ohne stimmige Story und gute
Schauspieler (hier insbesondere Ian McKellen, Sean Astin, Andy Serkis), alle Gigantomanie ohne Gefühle? Deshalb haut der einstige Splatter-Regisseur
(Braindead, Bad Taste) auch dramaturgisch drastisch auf die Pauke: Gut und Böse, Freundschaft und Loyalität, Mut und Schwäche, selbst ein Vater-Sohn-Konflikt à la
Shakespeare fehlt nicht im Repertoire der klassischen Konflikte. All das wird inszeniert mit so bildgewaltiger Opulenz, dass man mit dem Gucken bisweilen kaum
noch nachkommt. Derweil das rasante Erzähltempo der komplexen Geschichte samt ihrer zahlreichen Figuren wenig Zeit zum Griff in die Popcorntüte und den ein
oder anderen Zuschauer wohl inmitten des Säbelgerassels, der hehren Reden und des überlebensgroßen Pathos überwältigt und überfordert im Zuschauersaal
zurück lässt. Denn selbst bei der überlangen Spielzeit merkt man dem dritten Teil doch sehr den Kampf an, den Jackson mit der Materialfülle im Schneideraum
auszutragen hatte. So fiel Christopher Lee als Saruman komplett der Schere zum Opfer, ebenso wie die Liebesgeschichte zwischen Eowyn und
Faramir, und
zahlreiche andere Nebenschauplätze. Dadurch wirkt der Film denn auch teilweise wie der Trailer für die kommende Special Edition
DVD.
Doch kann man bestimmt überall ein Haar in der Suppe finden. Fest steht in jedem Fall: Was Jackson und sein Team in den letzten sieben Jahren auf die Beine
gestellt haben, wird es so bald (wenn überhaupt) nicht mehr im Kino zu sehen geben. So perfekt inszenierten Eskapismus, so ein Fest für die Augen, so eine
stimmige Geschichte, so gelungenes Casting: Dafür gebührt dem schuhlosen Neuseeländer nicht nur der Dank unserer Kinogängergeneration, sondern auch der
nächsten, und der nächsten, und der danach... Räumen sie ihren Platz, Mr. Lucas! Kinder- und Kinoträume werden in Zukunft nicht mehr nur exklusiv aus dem „Star
Wars Universum“ kommen. 1
Mein Senf: Jacksons Trilogie fängt sich zu guter Letzt doch wieder...
(js) Wie es die Tradition so will, muss auch ich als Fantasy-Banause noch kurz meinen Senf zum Thema "Return of the King" dazu geben. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat mich Teil 3 der Ring-Saga wieder mehr in seinen Bann gezogen. Gandalf läuft wieder zu der Größe auf, die Teil 1 versprochen hat. Den Phrasenschmied von Teil 2 hat er gottlob hinter sich gelassen. Die Charaktere sind weitaus besser und intensiver dargestellt als im düsteren Mittelteil, und das große Finale rundet die Trilogie doch zu einem gelungenen Ganzen ab. Ein paar Minuspunkte jedoch muss es auch noch geben: Das Ende bedarf dringend einer Überarbeitung (=Kürzung), die Länge des Films stößt absolut an alle Grenzen des Machbaren, und einige "Gags" hätte sich das Drehbuch doch verkneifen sollen, etwa der ach so emanzipierte Sieg über einen schwarzen Reiter durch eine Frau... Aber, wollen wir mal nicht so sein. Trotz meiner subjektiven Note am Ende dieser Kritik ist die Ring-Trilogie tatsächlich ein unglaublicher Meilenstein der Filmgeschichte. Was meine Bewertung der "Two Towers" anbelangt: Revidieren werde ich sie nicht, vielleicht sollte ich mir die längere und angeblich bessere DVD-Fassung reinziehen. Aber auch nur vielleicht. Eigentlich bin ich froh, dass die Geschichte jetzt zu Ende erzählt ist. Schließlich muss man eine gehörige Portion Sitzfleisch mit in den Kinosessel nehmen... Meine Note für das Finale: 2+
USA 2003, Regie: Robert Rodriguez
Ziemlich überflüssige "Desperado"-Nachgeburt
(js 11/03) Der Titel lässt keine Zweifel offen: Hier will jemand ganz und gar auf Sergio Leone machen. Robert Rodriguez, Mexikos hippester Filmemacher, bringt seine Girattenzupfertrilogie zu einem Ende. "El Mariachi" war noch billig (und auch nicht sonderlich toll, wie ich finde), "Desperado" war ungleich teurer und hatte durchaus Stil. Jetzt Teil 3. Und der ist, machen wir uns nichts vor, ziemlich überflüssig. Noch nicht einmal besonders interessant ist diese Ballermär, in der El Mariachi (Antonio Banderas) einen wirren Kampf gegen Willem Defoe eingeht. Ihm zur Seite Nachwuchsbarde Enrique Iglesias (noch mit seiner bezaubernden Warze auf der Wange). Die Handlung ist nebensächlich wie eh und je, Hauptsache es gibt einen gehörigen Bleiregen in Mexiko. Positiv stechen aus diesem Plot-Quark lediglich die Szenen mit CIA-Agent Johnny Depp heraus, dem zu guter Letzt die Augen "gepflückt" werden. "Once Upon a Time in Mexico" ist ein Film, der nicht weiter stört, der aber auch nicht besonders im Gedächtnis haften bleibt. Insofern reicht Rodriguez weder an seinen "Desperado"-Erfolg, noch an sein stilistisches Vorbild Sergio Leone heran. Hier ist Rodriguez wieder ganz Mittelmaß, wie schon in "From Dusk Till Dawn" und - davon gehe ich zumindest aus - in seinen "Spy Kids"-Komödien. 4
USA 2002, Regie: Todd Haynes
Stark stilisierte Parabel um gesellschaftliche Tabuthemen
(js 9/04) Was war es doch für eine Idylle, das Amerika der 1950er Jahre. Tugendhaft, brav und farbenfroh. Oder doch nicht? Die Hollywood-Produktionen aus dieser Zeit machen es uns zumindest weiß, dass die Welt noch so richtig in Ordnung ist. Dass dem natürlich nicht so ist, weiß eigentlich jeder Halbgebildete. Tabuthemen wurden nicht einmal mit Arbeitshandschuhen angefasst, ebenso wenig der "Neger" aus dem Vorstadtviertel. Auch heute noch gibt es sie, die Segregation in der US-amerikanischen Gesellschaft. In den 50ern jedoch war sie die einzig denkbare Form im Umgang miteinander.
Hier siedelt Todd Haynes sein Melodram an, das tatsächlich aussieht, wie eine Technicolor-Produktion aus den 50er Jahren. Knallbunte Kulissen, leuchtend rotes Herbstlaub, passgenaue Haarschnitte. Nur den Inhalt des Films hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben: Cathy Whittaker (Oscar-nominiert: Julianne Moore) ist die perfekte Ehefrau eines augenscheinlich perfekten Mannes (Dennis Quaid). Als sie ihn jedoch beim Techtelmechtel mit einem Jüngling erwischt, ist es aus mit dem Traum vom Vorstadtglück. Der Gatte wird zur Therapie geschickt, die allerdings nicht anschlägt. Cathy sucht derweil Trost bei ihrem schwarzen Gärtner (Dennis Haysbert). Der möchte die schier unüberwindlichen Rassengrenzen verwischen und wird zum ersten richtigen Freund für die betrogene Cathy. Dass diese Grenzen jedoch nicht so leicht zu überwinden sind und die leise Beziehung der beiden zum Gespött der Leute wird, ist daher vorhersehbar. Zu guter Letzt schimmert ein wenig Hoffnung durch, Hoffnung auf eine "barrierefreie" Gesellschaft, die es auch heute noch nicht gibt in den Vereinigten Staaten.
Die Kopie des 50er-Jahre-Looks und die konsequente Hochstilisierung der Geschichte machen "Far from Heaven (Dem Himmel so fern)" zu einem sonderbaren Film. Die Darsteller machen ihre Sache gut, auch die Filmsprache ist fließend und durchweg interessant. Eines gelingt dem Melodram jedoch nicht: Es geht nicht sonderlich nahe. Der Stil steht dem Zuschauer im Weg. 3+
USA 2003, Regie: Andrew Stanton, Lee Unkrich
Findet einen der besten Filme des Jahres -
findet Nemo!
von meinem Korrespondenten und Infantilitätskönig
Jan Wilhelm (11/03)
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und mit halbjähriger Verspätung kommt nun endlich (passend zur Vorweihnachtszeit) einer der schönsten
Filme des laufenden Kinojahres in unsere Lichtspielhäuser: "Findet Nemo", der neueste Streich der Animationsfirma Pixar ("Monster AG", "Das große
Krabbeln", "Toy Story 1&2"). Die Story ist schnell erzählt: Der kleine Clownfisch Nemo gerät in die Fänge von Tauchern und findet sich bald darauf im Aquarium eines Zahnarztes wieder. Nemos Vater
Marlin begibt sich daraufhin gemeinsam mit der verwirrten Doktor-Fischdame Dory (in der deutschen Fassung
fabelhaft synchronisiert von Anke Engelke) auf
Rettungsmission durch den großen Ozean in Richtung Sidney. Die Odyssee der beiden ungleichen Gefährten ist gespickt mit skurillen
Nebenfiguren und spannenden Abenteuern. Dadurch verfliegen die 100 Minuten Trickfilm wie im Meeresrausch! Die Perfektion der CGI-Animationen ist atemberaubend und streckenweise einfach nur
noch wunderschön, die Gags sitzen und die Charaktere sind durchwegs liebenswert gestaltet. Es ist schon erstaunlich, wie überaus gelungen "Findet Nemo" geworden
ist. Das Geheimnis des Erfolges: Die Kreativen von Pixar belassen es nicht nur bei der technischen Perfektion - Sie können auch spannungsreiche und schöne
Geschichten für Alt und Jung erzählen. Das Endergebnis ist 100 Prozent gelungen und einfach nur entzückend. Einziger Wehrmutstropfen: Wer auch
immer beschlossen hat, die beiden Hai-Kumpane von den "endkrassen Schwachmaten" Erkan & Stefan synchronisieren zu lassen, gehört fristlos gefeuert.
Zum Glück spielen die beiden Kiemenatmer mit Assi-Slang nur eine winzige Nebenrolle und können das klare Wasser nicht trüben.
1
GB 2003, Buch & Regie: Richard Curtis
Von treulosen Männern und albernen Premiers: Leider nur bedingt gelungen
(js 11/03) Eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Das wissen wir. Aber kann man analog dazu sagen, dass ein Episodenfilm immer nur so gut ist wie seine schlechteste Episode? Vielleicht nicht ganz, denn sonst gäbe es fast ausschließlich Schund in diesem Genre. Aber seien wir ehrlich: So richtige Knallerfilme à la "Magnolia" (1999, siehe Archiv) sind Mangelware im Reigen des Patchwork-Kinos, öfter trifft man da auf Flops wie Robert Altmans unerträglich bodenlosen "Prêt-à-porter" (1994). Wie auch immer - kurz vor Start der eigentlichen Weihnachts-Blockbuster beschert uns der englische Regie-Neuling und "Four Weddings and a Funeral"-Schreiber Richard Curtis einen Episodenfilm, wie er im Lehrbuche steht. Und der ist eigentlich gar nicht mal so unerträglich, wenn wir beide Augen zudrücken und die schlechteste seiner Episoden schlicht und ergreifend vergessen. Einige der Geschichten in "Love Actually" sind durchaus schön. Hier also die Rangliste der Handlungsstränge, absteigend von sehr gut bis schlecht. Alle handeln, selbstredend, vom Thema "Liebe" in all ihren Varianten:
1. Die Krisen-Variante: Emma Thompson und Alan Rickman geraten in eine tiefe Ehekrise, als er sich in seine Sekretärin Heike Makatsch verguckt. Vielleicht verguckt er sich nicht einmal in sie, der Film deutet hier mehr an, anstatt alles preiszugeben...
2. Die fast aussichtslose Variante: Laura Linney ist seit zweieinhalb Jahren in ihren Kollegen verliebt. Als sie sich ihm endlich offenbart, klappt's nicht so ganz beim ersten (und letzten?) Rendezvous. Immer wieder klingelt das Handy, am anderen Ende ihr retardierter Bruder, demzuliebe sie offenbar ihr eigenes Leben komplett auszublenden bereit ist...
3. Die hoffnungsvolle Variante: In Frankreich verliebt sich ein englischer Schriftsteller in seine portugiesische Hausangestellte. Und umgekehrt. Nur, dass sie wegen der scheinbar unüberbrückbaren Sprachbarriere beide aneinander vorbei reden...
4. Die unerfüllte Variante: Ein guter Freund des frisch gebackenen Bräutigams ist unsterblich verknallt in dessen Gattin...
Und hier die mäßigen Varianten: Ein alternder Rockstar nimmt eine unerträgliche Version von "Love is all around" auf, Stiefvater Liam Neeson berät seinen halb verwaisten Filius in Liebesangelegenheiten, ein hässlicher Engländer fliegt nach Amerika, wo er die sexuelle Erfüllung erwartet...
Das deutlich schlechteste Glied dieser filmischen Kette ist dummerweise sein kommerzielles Zugpferd. Hugh Grant in seiner Rolle des unverheirateten Prime Ministers, der sich gleich an seinem ersten Diensttag in seine Mitarbeiterin Natalie verknallt. Und da Grant niemals etwas anderes spielt als sich selbst, zwinkert er sich auch hier treudoof und ach so niedlich durch die Kulissen. Wenn er sich auf Natalie einlässt oder gar dem US-Präsidenten (eine ganz andere Liga: Billy Bob Thornton) seine populistisch-peinliche Meinung geigt, dann ist der Film nichts als eine Lachnummer. Mit der Qualität der restlichen Passagen hat die Grant-Show nichts gemein, stößt mir aber besonders bitter auf, weil sie als "Showpiece" den größten Teil des Films einnimmt. Wie auch immer, unter den anderen Geschichten ist ja die eine oder andere brauchbare dabei. Ganz so verheerend wie bei der Kette wirkt das schwächste Glied beim Film Gott sei dank nicht. Deshalb ist "Love Actually" also durchaus im Rahmen des Zumutbaren. Mehr aber nun auch wieder nicht, actually. 3-
USA 2003, Regie: James Mangold
Spannender Whodunnit mit unbefriedigendem Ende
(js 11/03) Es geht doch nichts über gepflegte Spannung. Ob Thriller, Horror oder Krimi - manchmal muss einfach auch mal ein wenig Nervenkitzel beim Kinobesuch sein. Traurig ist dabei nur, dass im Prinzip schon fast jede Gruselmär, so gut wie jeder Killerthriller und praktisch jeder nur denkbare Whodunnit längst auf Zelluloid gebracht wurde. Da bleibt den Filmemachern oft nicht viel mehr übrig, als alte Versatzstücke aufzugreifen und neu zu vermischen. Aber auch kann durchaus Spaß machen. Auch James Mangolds "Identity" ist so ein Fall. Hier ist eigentlich nichts neu, hier ist alles nur wieder frisch aufgelegt und komponiert worden.
Alles fängt an wie eine Geschichte von Agatha Christie. Bei unerträglichen Regengüssen suchen zehn fremde Personen Unterschlupf in einer Absteige à la Bates' Motel. "Zehn kleine Negerlein" (u.a. John Cusack und Rebecca De Mornay) sozusagen, denn schon kurz nach dem Einchecken wird uns die erste Leiche serviert. Das heißt, nicht mehr so ganz - mehr als einen Kopf im Wäschetrockner wird bis zum Abspann niemand mehr auffinden. Klarer Fall: Das muss dieser widerliche Mörder sein, den ein Cop (Ray Liotta) angeschleppt hat. Schließlich hat der sich von seinen Handschellen gelöst und ist auf der Flucht. Klar, dass das Haupt aus der Wäschetrommel nicht die letzte grausame Tat in der verregneten Nacht darstellt. Einer nach dem anderen muss nun dran glauben, und immer liegt ein nummerierter Zimmerschlüssel neben der Leiche. Ein fataler Countdown beginnt, und jeder verdächtigt naturgemäß jeden.
James Mangold inszeniert das Kammerspiel ausgesprochen spannend und stilecht, was nicht unbedingt eine große Kunst ist: Dunkelheit und patschnasses Regenwetter machen ihm die Arbeit ziemlich leicht. Und die Grundidee von der unfreiwilligen Versammlung im entlegenen Motel ist ein immer wieder dankbarer Rahmen. Ein spannender (Grusel-) Thriller ist "Identity" also allemal. So weit, so gut. Jetzt muss ein guter "Nervenzerrer" aber auch noch mit einem angemessenen Clou enden. Dazu nur so viel: Die Auflösung des Whodunnit ist durchaus unvorhersehbar, selbst wenn der Film in den parallel geschnittenen Szenen einer Gerichtsanhörung stets Hinweise gibt - ebenso der Titel. Den tatsächlichen Mörder zu erraten, ist eine knifflige Sache, die erst in der allerletzten Filmminute aufgeklärt wird. Trotzdem hinterlässt das Finale einen leicht bitteren Nachgeschmack: Denn auch "Identity" tappt ein wenig in die Falle, die schon manch anderen vielversprechenden Thriller entwertet hat. Er bleibt nicht beim Rationalen, sondern sucht sich einen Ausweg ins Irrealen. Und das ist oftmals ein Akt der Verzweiflung. Der Virus, der "Vanilla Sky" (siehe Archiv '02) dahin gerafft hat, hat also leider auch "Identity" befallen. Selbst wenn das Drehbuch diese Notlösung recht originell verpackt, so bleibt doch am Ende nicht viel Substanz übrig vom einstigen Handlungsgeflecht des Films. Das macht aber auch nichts, schließlich erhebt "Identity" in keiner Sekunde den Anspruch, Filmgeschichte zu schreiben. Spannend und gut inszenierte Unterhaltung bietet er allemal. 3+
Harry Potterand the Chamber of Secrets
USA 2002, Regie: Chris Columbus
Nichts Neues in Hogwarts: Ein déjà-vu mit vielen Effekten
(js 8/03) Das fängt ja gut an. Schon in seinem zweiten Jahr in Hogwarts soll der naseweise Zauberlehrling Harry Potter davon abgehalten werden, überhaupt zur Schule zu gehen. Ein kleiner Hauself namens Dobby lässt nichts unversucht, den Brillenträger in seinem ungemütlichen Zuhause schmoren zu lassen, während all seine Freunde wieder die Schulbank drücken. Hätte sich der kleine Magier besser mal an Dobbys Warnungen gehalten... Denn in Hogwarts wartet die geöffnete Kammer des Schreckens auf den Jungen.
Mehr muss über die Geschichte des Films nicht gesagt werden. Schließlich ist sie kaum mehr als ein déjà-vu des ersten Potter-Films ein Jahr zuvor. Wieder müssen die drei Dreikäsehochs ein mysteriöses Kämmerlein im Zauberschulenschloss finden, sich hineinwagen und ein Monstrum bezwingen. Diesmal keinen dreiköpfigen Hund sondern eine große, garstige Schlange. Ansonsten nichts Neues im Land der Magie.
Außer dem neuen Professor Gilderoy Lockhart - der ist ein Schaumschläger erster Güte, weiß alles zum Thema PR und liebt die Selbstdarstellung. Sein Zauber-Können beschränkt sich jedoch auf ein bloßes Gedächtnis-Löschen. Lockhart wird gespielt von Kenneth Branagh, der so gut in die Rolle passt, dass Frau Rowling sie ihm auf den Leib geschnitten haben könnte. Wer sich noch erinnert, wie selbstverliebt Branagh in die Rollen des Hamlet und vor allem des Victor Franckenstein geschlüpft ist, der weiß, was für ein Typ dieser Lockhart ist.
Ansonsten, wie gesagt, nichts Neues. "Potter"-Darsteller Daniel Radcliffe wird wie schon im Vorjahr von seinen Mitstreitern an die Wand gespielt, blass und öde wie er nun mal ist. Lediglich Richard Harris - Gott hab ihn selig - verabschiedet sich nun aus der Fabelwelt der J. K. Rowling. Er wird nun nicht mehr den Dumbledore geben. Dennoch geht's schon im Frühjahr 2004 weiter. Wahrscheinlich gibt es da auch wieder nur einen Aufguss des bereits Gesehenen. Aber das ist ja immerhin kurzweilig. 3
USA 2003, Regie: Gore Verbinski
Spaßiger Piratenspuk mit grandiosem Johnny Depp
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Der Mond offenbart Barbossas (gespielt von Geoffrey Rush) wahres Gesicht |
(js 9/03) Wenn ein Film nur so strotzt von fantastischen Kulissen, spektakulären Stunts, atemberaubenden Spezialeffekten und wallenden Kostümen, dann haben die Darsteller eigentlich nicht den Hauch einer Chance, gegen diesen Bombast anzuspielen. Der "Fluch der Karibik" ist da wohl die Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Und das liegt am herausragenden Protagonisten dieser Seeräubermär, gespielt vom wie immer großartigen Johnny Depp.
Der inzwischen 40jährige Depp spielt Captain Jack Sparrow, den wohl durchgeknalltesten Piraten der Karibik. Schon sein erster Auftritt ist urkomisch inszeniert und das Eintrittsgeld wert - auf dem Mast eines sinkenden Kahns kommt er in den Hafen von Port Royal geschwebt und reißt von nun an die Geschichte an sich. Elizabeth (Keira Knightley), Tochter des Gouverneurs, hat dummerweise vor einigen Jahren ein Totenkopfamulett an sich genommen, als die von England aus in die Karibik kam. Als sie nun von einer Klippe stürzt und vom unerschrockenen Jack Sparrow gerettet wird, lockt das Amulett die Piratenflotte von der Black Pearl, dem sagenumworbenen Schiff mit schwarzen Segeln, in die Bucht von Port Royal. Und die Black Pearl wird nicht von "normalen" Seeräubern gesteuert. An Bord sind die grauenhaftesten Verbrecher ihrer Zunft.
Während
die Männer im Dorf zum Schwert greifen, ist Elizabeth ganz Frau und versucht,
mit den Eindringlingen zu reden. Dass es dabei zu einer Verwechslung kommt, ist
klar aber ebenso folgenschwer. Die schöne junge Frau wird von der Crew der
Black Pearl gefangen genommen und muss mit auf die finstere Reise. Finster
deshalb, weil auf der Meute um Captain Barbossa (Geoffrey Rush) ein Fluch
lastet: Seitdem die einst einen
verfluchten, für Hernan Cortés bestimmten Aztekenschatz an sich genommen, ihren ehemaligen
Kapitän gemeutert und einen der ihren namens William Turner in die ewigen
Jagdgründe geschickt haben, sind sie chronisch unzufrieden, gieriger denn je
und zeigen deutliche Anzeichen der Verwesung. Sobald der Mond sein gleißendes
Licht auf die raffgierigen Seemänner wirft, zeigen sie ihr wahres Gesicht und
verwandeln sich in Zombies mit knirschendem Knochengerüst. Gegen den Wunsch des
Gouverneurs (Jonathan Pryce) machen sich der verlotterte Sparrow und der tapfere
Schmied William Turner jr. (nicht etwa Sohn des englischen Romantikmalers
sondern der des legendären Piraten) auf eigene Faust an die Verfolgung.
Wie sich die Handlung im einzelnen weiter entwickelt, muss natürlich nicht an dieser Stelle zusammen gefasst werden. Nur soviel: Alles vom Schwertkampf über Kanonensalven bis hin zu spektakulären Verfolgungsjagden und glänzenden Schatztruhen sind drin. Damit wäre die Pflicht in diesem tot geglaubten 50er- Jahre-Filmgenre auch schon erfüllt. Die Kür: "Fluch der Karibik" ist sehr amüsant. Das liegt vor allem an Johnny Depps Glanzleistung, der besonders in der Interaktion mit Oscarpreisträger Geoffrey Rush ("Shine", zuletzt als Leo Trotzkij in "Frida") glänzt. Klar, dass zum Showdown eine leichte Ermüdung des Zuschauers ob der ganzen Effekte und Rangeleien auftritt. Aber solche kleinen Mäkel verzeiht man dem Film mit einem wohlwollenden Augenzwinkern. Gore Verbinskis ("The Ring") Geisterstunde in karibischen Gewässern macht einfach Spaß. 1-
DK/S/GB/D/NL 2003, Regie: Lars von Trier
Unsere gemeine Stadt
von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (10/03)
Lars von Trier muss Kino hassen. Die filmische Illusion muss ihm ein
Gräuel sein. Anders lässt sich sein filmisches Schaffen nicht erklären. Sei es nun das Aufeinandertreffen von wackliger Kamera und
Cinemascopeformat in "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark", oder die Totalverweigerung mit
Hilfe des Dogma-Kinos in "Idioten". Nun also "Dogville": Die totale Dekonstruktion. Nicht einmal ein
Hauch von Scheinrealität mehr. Der Film als Theaterbühne, die Umrisse der Häuser und Straßen sind auf
den Boden gemalt, es existieren nur einzelne Möbel. Der Zuschauer fühlt sich wie der Beobachter einer
Theaterprobe. Erinnerungen an Thornton Wilders "Our Town" werden wach. Die Verherrlichung des
Kleinstadtidylls im Amerika der 30er Jahre, ebenfalls nur erzählt mit Hilfe der nötigsten Requisiten.
Von Triers "Dogville" ist nun die Antithese zu Wilders Werk: Irgendwann in den 30ern kommt eine junge Frau in das arme Bergdorf Dogville, dessen Bewohner
einfache, meist gutmütige Menschen sind. Grace (Nicole Kidman) ist auf der Flucht und wird von den
Menschen des Dorfes nach kurzem Zögern aufgenommen. Sie erwidert die Gastfreundschaft mit kleinen
Arbeiten, macht sich bald unentbehrlich und findet im bescheidenen Leben ein ihr bisher unbekanntes
Glück. Als ein Sheriff nach Dogville kommt und Graces Steckbrief am Gemeindehaus zurücklässt, beginnt
sich der Wind allmählich zu drehen. Die Dorfbewohner werden unruhig. Aus der liebevollen Duldung wird
alsbald Ausbeutung, dann ein regelrechtes Martyrium für die junge Frau, das für das gesamte Dorf nicht
ohne Folgen bleiben wird.
Es dauert zehn Minuten, bis der aufgeschlossene Zuschauer sich völlig auf "Dogville" einlassen kann. Dabei hilft die überaus
bewegte und raffinierte Kameraführung von Anthony Dod Mantle (zuletzt "28 Days
Later"), die sich unentwegt zwischen den
Scheinbauten hin und her bewegt und uns die verschiedenen Bewohner des kleinen Bergdorfes näher bringt. Und hier liegt nun die
wirkliche Stärke des Films: Seine Schauspieler. Ohne die Ablenkung durch Kulissen und optische Gimmicks kann man sich völlig
auf die Rollen konzentrieren und möchte von Trier nur noch gratulieren. Ein so perfektes Schauspieler-Ensemble auf eine Bühne
zu bekommen, das besitzt schon enormen Schauwert. Stellan Skarsgard, Paul Bettany, Lauren Bacall (in Würde gealtert!), James
Caan, Ben Gazarra... Selten sieht man so stimmiges Casting. Über all dem thront aber der wahre Star des Films: Nicole Kidman.
Wäre sie nicht ohnehin schon so groß, dann müsste man vor ihr auf die Knie fallen! Die Frau wird nicht nur scheinbar von Film zu
Film schöner, sondern auch einfach nur noch besser. Die emotionale Bandbreite, die sie hier glaubwürdig entfaltet, ist sagenhaft.
Dafür müsste sie eigentlich schon wieder den Oscar bekommen!
Wo so viel Sonnenlicht herrscht, fallen natürlich auch einige Schatten. So besitzt die Geschichte von
"Dogville" selbstredend auch eine philosophische Dimension. Ganz im Sinne von Brechts epischem
Theater lädt der Film ein sich Gedanken über Macht, Vergeltung und Vergebung zu machen. Doch
eigentlich ist das Alles dann ja auch nicht wirklich aufregend neu (s. Brecht). Deshalb wird der Film gegen
Ende auch ein wenig zu wortlastig und überstrapaziert bei einer Laufzeit von 160 Minuten nicht nur das
Gesäß, sondern mitunter auch das Gehirn und die Geduld.
Fazit: In seinen besten Momenten ist "Dogville" ganz, ganz großes Kino. In seinen schwächeren einfach
abgefilmtes Theater. Doch wer will bei einem solchen Ensemble schon ernsthaft
meckern? Ein Erlebnis ist
der Film allemal. 2+
USA 2003, von Joel und Ethan Coen
Die Coens machen Mainstream: Und selbst da beweisen sie Klasse
(js
10/03) Was haben wir den Coens nicht schon für filmische Juwelen zu verdanken?
Im regelmäßigen Abstand von etwa zwei Jahren haben sie uns in den 90ern so
wunderbare Filme wie "The Hudsucker Proxy", so grandios Groteskes wie
"Fargo" und "The Big Lebowski" und zuletzt "The
Man Who Wasn't There" (s. Archiv) serviert. Und immer wieder bin ich
freudestrahlend aus dem Kinosessel aufgestanden und habe mich auf den nächsten
"Coen" gefreut. In diesem Jahr sah
das ein wenig anders aus. Schließlich ließ der Trailer eine nette Komödie,
aber eben ziemliches Mainstream-Kino vermuten. Noch erschreckender: "Intolerable
Cruelty" lief sogar mit Bundesstart in Siegen an. Kann solch ein Film
wirklich was taugen? So viel vorweg: Er kann.
Miles Massey (George Clooney) ist der Gegencharakter des Dude. Er ist als Anwalt so gerissen, dass er die unmöglichsten Fälle trotz aller erdrückenden Gegenbeweise für seine Mandanten gewinnt. Die Professoren von Harvard widmen seinem unantastbaren "Massey"-Ehevertrag sogar ein ganzes Semester. Die Prioritäten des zahngebleichten Advokaten ändern sich jedoch schlagartig, als er eines Tages auf seine Traumfrau Marylin (Catherine Zeta-Jones) trifft. Die hat sich zum Lebensziel gemacht, möglichst viel Kohle zu machen, indem sie reiche Männer ehelicht, ihr Konto auffüllt und schnellstmöglich in die Wüste schickt. Ihre Taktik scheint auch gut zu funktionieren. Bis sie auf Miles trifft. Der vertritt nun dummerweise ihren Ehemann. Marylin geht leer aus.
Was nun folgt, ist Screwball-Comedy pur. Miles will Marylin, sie ihn aber nicht. Oder doch? Eine Nacherzählung ist jedenfalls müßig und vollkommen überflüssig. Nur so viel: Den Coens ist ein durch und durch kommerzieller Film gelungen. Und damit meine ich gelungen. Die Kinobetreiber werden die beiden genialen Filmemacher für diesen Film wegen Kassenkompabilität lieben, die Fans amüsieren sich immerhin weitaus mehr als bei 95 Prozent des typischen Komödien-Ausschusses aus Hollywood. Das verdanken wir vor allem der Tatsache, dass man sich auf Joel und Ethan bei allem Kommerz eben doch verlassen kann. Denn so ganz ohne den Coen-Touch ist "Intolerable Cruelty" natürlich nicht. Figuren wie Masseys furchterregender Senior-Partner in der Kanzlei etwa, hervorragender Wortwitz und die eine oder andere verschrobene Inszenierungsidee sind Coen pur. Und auch die Schauspielerriege um Clooney und Zeta-Jones kann sich wieder sehen lassen, darunter Geoffrey Rush (zuletzt in "Frida" und "Pirates of the Caribbean") und Billy Bob Thornton ("The Man Who Wasn't There", "Monster's Ball")
Also, ins Kino gehen, sich eine makellose Komödie ansehen und wieder Vorfreude tanken für den nächsten Film der Brüder. Der kommt im nächsten Jahr, heißt "The Ladykillers" und ist eine Neuverfilmung des recht spaßigen englischen 50er-Jahre-Klassikers mit Alec Guinness und Peter Selles). Schade nur, dass Tom Hanks mitspielt (siehe dazu "Sieben filmische Gründe, ein Tom-Hanks-Hasser zu werden" im Archiv). Aber warten wir es ab. 2
(Long Walk Home)
Australien/Großbritannien 2002, Regie: Phillip Noyce
Erschütternde Geschichtsstunde mit mäßiger Dramaturgie
(js 8/03) Es ist schon immer wieder erschreckend zu sehen, welche Länder Dreck am Stecken haben. Klar, Deutschland führt in dieser Hinsicht jede Hitliste an, das ist halt so. Aber eigentlich wird wohl jede der ach so zivilisierten europäischen Nationen beim Blättern im Geschichtsbuch ein besonders schwarzes Kapitel entdecken. Der actionerfahrene Regisseur Phillip Noyce zeigt uns nun, was sein Heimatland Australien so auf dem Kerbholz hat. Auch irgendwie ein Auswuchs europäischen Frevels. Erschreckend nur, wie nah wir noch immer an diesem dunkle Kapitel sind!
Vor rund hundert Jahren entrissen die europäischen Australier den Ureinwohnern ihre Mischlingskinder - Kinder, die mit Sicherheit nicht mit dem freien Willen der Aborigine-Mütter gezeugt wurden. Ziel war es wohl, den Ureinwohner aus ihnen "herauszuzüchten", eine Vermischung der "Rassen" zu verhindern und die Kinder dann in den Dienst des weißen Mannes zu stellen. Eine kranke Idee, aber das war ja die Spezialität Europas im 20. Jahrhundert. Und das eigentlich Schlimmste daran: Das ganze ging bis 1970...
Der "Rabbit-Proof Fence" ist der längste Zaun der Welt, geht einmal quer durch den australischen Kontinent und soll das Farmland vor einer Kanickelinvasion verschonen. An diesem Zaun wachsen drei halbweiße Aborinige-Kinder auf, bis sie eines Tages in ein fernes Lager verschleppt werden, in denen sie "erzogen" werden sollen. Schließlich ist es die "Aufgabe" ihres staatlichen Vormunds A. O. Neville (Kenneth Branagh), für "das Wohl" der Kinder zu sorgen. Lange halten es die drei Protagonistinnen nicht aus und ergreifen die Flucht. Sie wollen nach Hause, ohne zu ahnen, wie weit das eigentlich ist. Als Ariadnefaden durchs wüste Australien dient ihnen hierbei der Kaninchenzaun. Verfolgt von Spurensuchern und der Staatsgewalt legen die acht- bis 14-jährigen Kinder einen neunwöchigen Mammutmarsch von 2400 km hin, nur um am Ende nochmals ins ferne Camp transportiert zu werden. Eine schreckliche Odyssee, so effektiv wie der Arbeitsalltag des Sisyphus.
"Rabbit-Proof Fence" ist erschütternd und zeigt, mit welcher abscheulichen Ignoranz und Arroganz sich die Europäer auf der ganzen Welt breit gemacht haben. Er zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Aborigines noch vor wenigen Jahrzehnten versklavt, misshandelt und vergewaltigt wurden. Ein Geschichtskapitel, das nicht sonderlich bekannt ist und das den Film sehenswert macht.
Dramaturgisch gesehen, und genau auf so etwas muss man einen Film auf der Filmseite eben auch abklopfen, bewegt sich "Rabbit-Proof Fence" eher im Mittelmaß. Die 94 Minuten verfliegen nicht gerade schnell, die Suspense hält sich durchweg in Grenzen. Dennoch: Die Darsteller (und damit ist nicht der arrivierte Nebendarsteller Kenneth Branagh gemeint, sondern die drei Kinder) überzeugen und reißen den Zuschauer dann doch irgendwie mit. 3+
Norwegen 2001, Regie: Petter Næss
Fast so schön wie Sauerkrautpoesie
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Kjell Bjane und Elling (rechts) sollen jetzt auf eigenen Beinen stehen |
(js 8/03) Elling hat Angst. 40 Jahre lang hat der verschüchterte Mann bei seiner Mami gelebt. Jetzt ist sie tot, und die gefürchteten Männer in weißen Kitteln stehen vor der Tür, kommen in Ellings Refugium und zerren ihn aus dem Schrank, in dem er sich versteckt. Elling kommt in eine Klapse, wo er einen "Orang Utan" namens Kjell Bjarne kennen lernt, der "nichts als halbnackte Frauen" im Kopf hat. Die beiden freunden sich an und landen schließlich im Herzen der norwegischen Hauptstadt, wo ihnen Frank Åsli vom Sozialamt Oslo eine gemeinsame Wohnung besorgt hat. Ab jetzt sollen die beiden Retardierten allein zurecht kommen. Ganz ohne Hilfe.
Klar, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist - so sieht es zumindest am Anfang aus. Elling, der feingeistig-spießige Feigling, muss das Telefonieren lernen, muss lernen, aus der Wohnung und hinein in die Menschenmassen zu gehen. Der handfest-blöde Kjell Bjarne bandelt inzwischen mit der schwangeren Reidun aus dem 4. Stock an, in die er sich schließlich verliebt. Schlimm für Elling, dessen Verlustangst nicht gerade klein ist, und der sich zur Kompensation seinem Lebenstraum verschreibt: Er wird der "Sauerkrautpoet" aus Oslos Untergrund, vesteckt seine Lyrik in Lebensmittelpackungen und gelangt so zu einem kleinen Bisschen Ruhm...
"Elling", nominiert für den Auslands-Oscar 2002, ist eine der schönsten und rührendsten europäischen Komödien der letzten Jahre. Die Figuren sind auf ihre subtile Weise urkomisch und niedlich geraten und wunderschön porträtiert. Besonders Per Christian Ellefsen als Elling ist grandios und könnte auch in einem Film der Coen-Brüder seinen Platz finden. Ein makellos schöner Film! 1
USA 2002, Regie: Joel Schumacher
Joel Schumacher rehabilitiert!
von meinem Berliner
Korrespondenten Jan
Wilhelm (8/03)
Telefone sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Zumindest nicht in Hollywood. Klar: Schon damals gab es gerne mal "Per Anruf Mord", doch der Telefonterror der letzten Jahre ist fast schon übertrieben. Seien es maskierte Serienkiller, die Dich am anderen Ende der Leitung nach Deinem liebsten Horrorfilm fragen, oder mysteriöse Stimmen, die Dir ein unheilvolles Ende innerhalb der nächsten sieben Tage prophezeien!
Von solchen Telefongesprächen der unangenehmen Art kann nun auch Stu Shepard (Colin Farrell) berichten. Der unsympathische
(aber immens erfolgreiche) PR-Agent ist ein zynischer, eingebildeter Kotzbrocken. Einer, der seine Untergebenen niedermacht, seine
Klienten herum kommandiert und nebenbei noch seine Ehefrau (Radha Mitchell) mit der Kleindarstellerin Pamela (Katie Holmes)
betrügt. Um sich mit dieser für intime Stelldicheins zu verabreden, benutzt Stu mit schöner Regelmäßigkeit immer die selbe
Telefonzelle im Herzen New Yorks. Als er aber eines Tages das Gespräch mit Pam beendet, fängt das Telefon wieder zu klingeln an.
Stu hebt den Hörer ab. Am anderen Ende? Na? Genau: Eine mysteriöse, unheilvolle Stimme (im Original gesprochen von Kiefer
Sutherland). "Ich ziele mit einem Scharfschützengewehr auf Dich. Wenn Du auflegst: Bist Du tot. Wenn Du um Hilfe rufst: Bist Du tot.
Wenn Du nicht das machst, was ich Dir befehle: Bist Du tot." Von hier an nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Mehr zu verraten wäre
ungerecht.
"Nicht auflegen!" ist im Grunde genommen ein Experiment. Ein Film, der zu 90 Prozent im Inneren einer Telefonzelle stattfindet. Kann
man das überhaupt spannend und abwechslungsreich inszenieren? Die Antwort ist ein eindeutiges "Ja". Regisseur Joel Schumacher,
dessen letzter Film "Bad Company" einer Menschenrechtsverletzung gleichkam, hat es geschafft. Zumindest befindet er sich mit
"Nicht auflegen!" definitiv auf dem Weg der Besserung. Hiermit knüpft er nun wieder an seine sehr frühen Leistungen wie
"The Lost Boys", "Flatliners" und natürlich "Falling Down" an. Hauptdarsteller Colin Farrell untermauert ebenfalls seine Stellung als DER
Nachwuchsstar der letzten Jahre und das restliche Ensemble (insbesondere Afro-"Karl Dall" Forrest Whittaker als frustrierter
Detective) unterstützt ihn dabei mit allen Mitteln. Kameraführung, Schnitt, Musik: Alles stellt sich in den Dienst der gewagten
Grundidee.
"Nicht auflegen!" ist somit, neben "Memento", einer der wirklich innovativen Thriller der letzten Jahre. Mit geringem Budget gedreht,
eine großartige Idee verarbeitend, auf einen einzigen Höhepunkt zusteuernd, bietet der Film 80 Minuten lang spannende, gut
inszenierte Unterhaltung, an der wohl auch Mr. Hitchcock seine Freude gehabt hätte. Respekt hierfür!
2+
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GB/F/PL/D 2002 Regie: Roman Polanski
Polanskis schmerzliches Meisterwerk
(js 8/03) Die Gräuel des Dritten Reichs, vor allem der Holocaust, sind ja nicht gerade der innovativste Filmstoff. Thematisiert wurde das dunkle Kapitel unserer Geschichte schon oft und schon ausgesprochen gut. Dass es aber immer noch erschütternde Schicksale gibt, die einen weiteren Film rechtfertigen, hat Roman Polanski jetzt bewiesen. Er hat sich des Lebens des polnisch-jüdischen Pianisten W. Szpilmann angenommen. Und wurde dafür mit drei Oscars belohnt. Einen gab's für's Drehbuch, einen weiteren für den Hauptdarsteller, Shooting-Star Adrien Brody. Und den dritten hat Polanski gleich selbst eingestrichen für seine herausragende Regie. Interessant. Denn eigentlich wäre er längst dran gewesen, wäre da nicht sein noch immer vorhandener persona-non-grata-Status. Wie auch immer, jetzt war es Zeit für Polens besten Regie-Exportartikel, "The Pianist" ist großartig. Vor allem aber ist der Film einmal mehr Zeugnis unglaublicher Widerlichkeiten. Zur Geschichte: Szpilmann ist erfolgreicher Pianist, spielt in Edellokalen und sogar im Radio. Bis die Nazis in Warschau einfallen und ihn, seine Familie und 360 000 weitere Juden in ein Ghetto sperren. Von da an ändert sich das Leben des Klaviervirtuosen. Von nun an hält die Judenverfolgung Einzug in sein Leben. Er und seine Nachbarn werden Opfer unglaublicher Willkür der Nazis, werden misshandelt oder gleich samt Rollstuhl aus dem Fenster im vierten Stocken geworfen. Als das Ghetto schließlich geräumt wird und alle bis auf die "Brauchbarsten" ins KZ geschickt werden, beginnt Szpilmann eine Karriere als Waffenschmuggler und versorgt seine Glaubensgenossen mit den für den Aufstand nötigen Wehrmitteln. Später muss er sich wochenlang in den Ruinen der polnischen Metropole verstecken, hungern und in ständiger Angst zittern, bis er schlussendlich einem deutschen Soldaten (Thomas Kretschmann) ausgeliefert ist, der ihn aufgrund seines musikalischen Talents überleben lässt. Zweieinhalb Stunden nimmt sich Polanskis Meisterwerk Zeit für diesen Stoff. Ein langer Film, der auch durchaus lang erscheint. Doch genau das muss er, um so kraftvoll zu wirken. "The Pianist" ist in den meisten Szenen nur schwer erträglich, die Bilder tun richtig weh und übertreffen die in "Schindlers Liste" oftmals. Und einmal mehr beweist Polanski, wie verdammt gut er ist. Da verzeiht man ihm seine "Neun Pforten" (1999) doch mit einem müden Lächeln. 1
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USA 2002, Regie: Steven Soderbergh
George Clooneys Gesäß auf Odyssee im Weltraum
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Clooney und McElhone wundern sich doch sehr: Auf Solaris ist sogar ein Selbstmord nichts Endgültiges. |
(js 7/03) Immer wieder taucht Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" (1968) in den Hitlisten der besten Filme aller Zeiten auf. Atemberaubende Aufnahmen, kühne Schnitte und allerlei psychedelisches Geflimmer brennen sich auch bei den skeptischsten Zuschauern ins Gedächtnis ein. Dass die Weltraum-Odyssee nicht jedermanns Geschmack ist und durchaus gehörig auf die Nerven gehen kann, ist eine Tatsache, die gern verschwiegen wird, wenn es darum geht, die bahnbrechendsten Filme des 20. Jahrhunderts aufzulisten. Wie auch immer, der Autor dieser Zeilen hat seine Probleme mit Kubricks schweigendem Bildbombast. Nicht so die Filmemacher nach Kubrick. Immer wieder wurde versucht, "2001" zu kopieren, Geschichten wie die des menschelnden Roboters HAL zu erzählen und vor allem philosophisch-psychologische Weltraummärchen zu erzählen. Auch Steven Soderbergh wollte mal ran an diese Herausforderung. Der Oscarpreisträger, der gerne mal experimentiert und sich weder vor Low- noch vor High-Budget-Produktionen scheut (im Sommer 2003 wieder mit "Voll frontal" auf Nummer billig), suchte sich Stanislaw Lems Roman "Solaris" aus, schnappte sich seinen "Ocean's Eleven"-Star George Clooney, gab Julia Roberts mal ein paar Wochen Drehpause und tauchte ab in die Tiefen des Universums.
Chris Kelvin (Clooney) ist Psychologe (natürlich mit eigener Macke) in einer mittelfernen Zukunft, der gebeten wird, auf einer Raumstation nach dem Rechten zu sehen. Irgendwas Mysteriöses ist vorgefallen da draußen vor den Toren des organisch-pulsierenden Planeten Solaris. Irgendwas ist eingedrungen in den von Menschenhand geschaffenen Außenposten, der seither ohne Kontakt zur Bodenstation ist. Houston, das klingt nach einem Problem. Noch bevor sich der Zuschauer auf einen spektakulären Raketenstart vorbereitet, ist Chris im Nu am Ziel angelangt. Und was er da oben vorfindet, ist vor allem Ruhe. Nur zwei, drei Leutchen aus der Besatzung kauern noch in ihren Kämmerlein herum, scheuer als Bambi und vor allem sehr geheimnisvoll. Was ist passiert? Schon bald soll es Chris am eigenen Leib erfahren: In der ersten Nacht träumt er von seiner Frau Rheya (Natascha McElhone), wacht auf, und siehe da - Rheya liegt neben ihm in der Kiste. Nicht als Halluzination, sondern mit Haut und Haaren. Dabei hat sie auf der Erde nach einem gezielten Griff in die Hausapotheke längst das Zeitliche gesegnet. Um gar nicht erst zu sehr ins Grübeln zu kommen, lockt er seine holde Gemahlin in eine Raumkapsel und schickt sie hinaus ins Universum.
Aber wie das auf Solaris nun einmal ist, kommt Rheya schon in der Nacht darauf zurück zu ihrem Chris. Sie hat kaum Erinnerungen und besteht eigentlich nur aus den Erinnerungen ihres verwitweten Mannes. Die echte Rheya ist und bleibt tot, es lebe ihre Kopie. Und Kopien hat die Crew auf Solaris schon einige gesehen, jeder der Weltraumreisenden hat seine persönliche Begegnung der dritten Art hinter sich. Was jetzt folgt, ist keinesfalls ein von Hightech strotzendes Effektfeuerwerk, wie es von Großproduktionen mit Weltallhandlung zu erwarten ist. Alles, was sich auf Solaris abspielt, hätte genau so gut auf einer einsamen Insel oder in einer abgeschiedenen Hütte spielen können. Ein Kammerspiel eben, bei dem sich Phantasie-, Real- und Erinnerungsszenen abwechseln. Dass die Ehe von Chris und Rheya alles andere als harmonisch lief und am Ende im Suizid der Gattin endete, wird peu à peu aufgedröselt. Die neue Rheya, oder besser deren Erscheinung, hat nicht viel mit der Verstorbenen gemein. Außer dem Hang zum Suizid vielleicht. Dennoch glaubt Chris an eine Zukunft mit der schönen Dame und will sie auf keinen Fall in ihre Moleküle zerlegen lassen, wie es die anderen an Bord fordern. Irgendwie nachvollziehbar, denn wer würde nicht versuchen, begangene Fehler zu beheben, wenn's eine (und wenn auch absurde) zweite Chance gäbe?
In ästhetischen Bildern, unter permanenten Brummgeräuschen und vor allem in angenehm knappen 99 Minuten erzählt Soderbergh das traumatische Ehedrama, das sich entgegen der Erwartungen so gut wie gar nicht auf seine aufwändige Ausstattung stützt. Vielmehr sind es zwei phantastisch aufgelegte Hauptdarsteller, die die nicht unbedingt greifbare Tragödie tragen. Sowohl George Clooney, der als kleines Bonbon für alle Interessierten zwei Mal seine symmetrischen Hinternbacken durchs Bild trägt, als auch die immer wieder sehenswerte Natascha McElhone machen ihre Sache ausgesprochen gut. Zum Ende hin verliert sich "Solaris", ganz im Sinne seines großen Bruders "2001: A Space Odyssey", ins Unergründliche. Ins betont Unergründliche, wohlgemerkt. Und an dieser Stelle liegt es am Engagement des Betrachters, ob er noch weiter über das Gesehene philosophieren möchte. Ich für meinen Teil hab keine große Lust. Wer will, darf an dieser Stelle gerne weiterschreiben: Gastkritik 2-
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USA 2002, Regie: Julie Taymor
Die beiden Unfälle im Leben der Frida Kahlo
(js 7/03) "Es gab zwei große Unfälle in meinem Leben", erklärte Frida Kahlo (1907-1954), die Grande Dame der mexikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Über beide Unglücksfälle berichtet die Biopic von Julie Taymor, die Hauptdarstellerin und Produzentin Salma Hayek ihre erste Oscar-Nominierung einbrachte. Der erste Unfall ereignete sich in Kahlos Jugend: Nach einem Bus-Crash war sie vorerst an den Rollstuhl gefesselt, fing sich aber so langsam wieder ohne sich jedoch jemals vollends von den Folgen zu erholen. Dennoch hat sie an ihrem Lebenstraum festgehalten, sich an die Staffelei geschwungen und gemalt, was das Zeug hielt. Bis sie zur großen Surrealistin jenseits der Karibik avancierte. Unfall zwei, so sagt die Kahlo im Film, war die Ehe zum großen Freskenmaler Diego Rivera. Der (gespielt von Alfred Molina, "Plots With a View") war schlappe 21 Jahre älter und bereits ein gefeierter Dandy der Kunstszene, als die kleine Frida, Tochter einer Mexikanerin und eines deutschen Juden, noch im Krankenbett lag und langsam wieder das Laufen lernte. Er führte sie in die Welt der Künst(l)e(r) ein und entfachte ganz nebenbei ihre Liebe zum Kommunismus. Trotz aller Unterschiede und Riveras offensichtlicher Promiskuität traten die beiden 1929 vor den Traualtar und führten eine sonderbare Ehe voller Seitensprünge und sonstiger Eskapaden. Klar, dass die Kahlo auch noch die eine oder andere Geschlechtsgenossin abschleppte... Alles läuft bestens für die beiden. Sie werden weltberühmt, reisen umher. Als Höhepunkt der Rivera'schen Karriere wird eine Auftragsarbeit im Rockefeller Center in New York dargestellt. Der Zusammenprall zwischen Riveras Kommunismus und dem Rockefeller'schen Kapitalismus geht jedoch nicht besonders gut aus: Als der Maler in seiner überdimensionierten Arbeit das Konterfei von Lenin unterbringt, versteht selbst Rockefeller-Neffe Nelson (Edward Norton) keinen Spaß mehr und lässt das Gemälde kurzerhand wieder entsorgen. Dem Ruhm und dem Wohlstand der beiden Mexikaner tut das jedoch keinen Abbruch. Was die Ehe zu Diego zum zweiten großen Unfall machte, war ein erneuter Seitensprung, diesmal mit Fridas Schwester Christine. Erst die gemeinsamen kommunistischen Ideale bringen die beiden erneut zusammen. Als Russlands Revoluzzer Leo Trotzkij (Geoffrey Rush, "Pirates of the Caribbean"), ins mexikanische Exil kommt, sind sie die ersten, die ihm Unterschlupf gewähren. Und für den Bärtigen hat die Kahlo natürlich auch in ihrem Bettchen ein warmes Fleckchen reserviert. Trotzkij wird schließlich doch noch abgemurkst und die Riveras heiraten erneut. Bis zu Fridas Tod bleiben sie vereint und freuen sich am Ende des Films gar auf ihre Silberhochzeit. Der Film, der vor allem dem Klinkenputzen von Mexikos schönsten Hollywood-Export Salma Hayek zu verdanken ist, bietet großes Kino. Wie sehr die Geschichte dem komplexen Leben der Frida Kahlo gerecht wird, sei dahin gestellt. Für den eher mäßig informierten europäischen Kinogänger jedenfalls wird es interessant, spannend und tief traurig dargestellt. Die Darsteller laufen zu Hochform auf, allen voran natürlich die Oscar-nominierte Hayek, die bislang eher die sexy Schlangentänzerin wie in "From Dusk Till Dawn" und "Desperado" gab. Ebenfalls herausragend: Alfred Molina als "Fettsack" Diego Rivera. Und die Gastautritte aus dem Hayek-Bekanntenkreis (Edward Norton, Ashley Judd, Antonio Banderas) und von Geoffrey Rush geben dem Film seine besondere Edelnote. Optisch ist "Frida" sehr ansprechend gelungen. Am besten ist der Film immer dann, wenn er seine Bilderwelt mit der der Kahlo verschmilzen lässt, wenn Gemälde plötzlich zu Leben erwachen oder einschneidende Momente in surreale Bildeinstellungen einfrieren - etwa das Ende des Films ist in dieser Hinsicht perfekt gelungen. Von diesen ästhetischen Leckerbissen hätte ich mir sogar noch einige mehr gewünscht. 1
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USA 2003, Regie: Ang Lee
Ein Mann sieht grün
von meinem Korrespondenten Jan
Wilhelm (7/03)
Er ist groß, breit und grün. Fast jedes Kind weiß sofort, um wen es sich hierbei handeln muss (Nein! Nicht Rezzo Schlauch...): Der Hulk. Einer der unzähligen populären Superhelden, die in der amerikanischen Comic-Schmiede "Marvel" Mitte der 60er Jahre das Licht der bunten Comicwelt erblickt haben. Ebenso wie seine Kampfgefährten Spiderman, Daredevil und die gesamte X-Men-Horde stammt auch der grüne Riese aus der Feder von Comic-Altmeister Stan Lee und ebenso wie seine illustren Freunde findet nun auch der gewaltige Hulk seinen Weg auf die Kino-Leinwände des noch jungen Jahrtausends. Comic-Verfilmungen haben auch im Jahr 3 nach "X-Men" nichts von ihrer Wirkung an den Kinokassen verloren und garantieren mindestens solide Einspielergebnisse ("Daredevil"), wenn nicht sogar spektakuläre Einnahmen ("Spider-Man", "X-Men 2").
Jetzt also der Hulk. Die Geschichte um den Wissenschaftler Bruce Banner, der nach einer Extradosis Gamma-Strahlen in bewährter Jekyll-Hyde-Manier (und wenn man ihn gehörig ärgert) zum kräftigen, grasgrünen Unhold mutiert. Was die Leinwand-Adaption des Hulks aber nun von denen seiner Vorgänger unterscheidet, ist in erster Linie die ungewöhnliche Besetzung des Regiestuhls. Asien-Import und Arthaus-Regiewunderkind Ang Lee ("Der Eissturm", "Crouching Tiger Hidden Dragon") begibt sich mit HULK erstmals unwiederbringlich in die Hände der großen Maschinerie Hollywood und realisiert seinen ersten großen Blockbuster.
Resultat: Einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre. Man merkt dem Endresultat in jeder Sekunde den Spaß an,
den Lee (der übrigens mit Stan Lee weder verwandt noch verschwägert ist) wohl beim "wildern" im Neuland des
spektakulären Unterhaltungskinos gehabt haben muss. Wenn im letzten Viertel des Films der grüne Gigant sich auf seine
Verwüstungstour durch San Francisco begibt, kennt der Filme keine Grenzen mehr. Der 4-Meter-Hulk springt mit
Siebenmeilen-Sprüngen durch Canyons, fliegt mit Düsenjets in Richtung Weltall, kippt Cable-Cars und wirft Panzer in
hohen Bögen durch die Gegend. Das ganze ist nicht nur tricktechnisch perfekt animiert, sondern besitzt auch zum ersten
Mal die wilde groteske, übertriebene Ästhetik der Vorlage, die anderen Comic-Verfilmungen in der Vergangenheit abging.
Auch die wirklich innovativen Schnitte und Perspektiven zitieren konsequent die Panel-Aufgliederung der gezeichneten
Vorlage. Was die eigentliche Geschichte angeht, so findet man hier, unter all' dem Bombast, noch klare Spuren aus Ang Lees
Vergangenheit. Der Konflikt zwischen Bruce Banner/Hulk (Eric Bana) und seinem Vater (Nick Nolte) spiegelt sich in der
Beziehung zwischen Banners Freundin Betty Ross (Jennifer Connelly) und ihrem Vater (Sam Elliott), der als Kommandant
der US-Armee die Jagd auf den grünen Beserker aufnimmt wieder. Für emotionale Spannungen ist also auch hier
gesorgt.
Fazit: Großartige Spezialeffekte (der Hulk ist ein computergeneriertes Meisterstück), solide Darsteller (wobei Nick Nolte
wohl mittlerweile auch im realen Leben so fertig aussieht wie auf der Leinwand), unterhaltsame Action und ein
verhältnismäßig cleveres Drehbuch sorgen für Kurzweil im Kinosessel. Dass der Film in Amerika sich nicht zum erwünschten Kassenerfolg entwickelt, gibt dieser ambitionierten Comicverfilmung
im Nachhinein Recht. Dafür ist sie dann teilweise wohl doch zu speziell und sperrig geraten.
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