Archiv 2003

In diesem Teil des Archivs findest du all die Filme, die im Jahr 2003 in Deutschland angelaufen sind und auf der Filmseite besprochen wurden. Ältere Filme gibt's im Archiv 2001/02spätere Filmstarts im Archiv 2004 !


Best of 2003 Filme, die man einfach gesehen haben muss: About Schmidt, 28 Days Later, Punch-Drunk Love, Frida, Catch Me If You Can, Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl, City of God, The Hours, Lord of the Rings: The Return of the King

Überblick:


 

 


Punch-Drunk Love

USA 2002, Buch & Regie: Paul Thomas Anderson

 

Die skurrilste Liebesgeschichte aller Zeiten 

 

Wiedersehen auf Hawaii

(js 11/03) Barry Egan (Adam Sandler) ist der mit Abstand seltsamste Protagonist der letzten Kinojahre. Er ist Chef einer eines befremdenden Scherzartikel-Handels, ist einsam und hat zu allem Überfluss auch noch die sieben nervtötendsten Schwestern von Los Angeles. Barry bekommt permanent Weinkrämpfe und Wutausbrüche, und er hat sich eine eigenartige Sammelleidenschaft zugelegt: Mit spitzem Bleistift hat er sich ausgerechnet, dass ein Großeinkauf von Pudding ihm in kürzester Zeit zu schier unerschöpflichen Bonusmeilen einer Fluggesellschaft verhelfen kann.     

    Wie skurril darf Kino eigentlich sein? Diese Frage scheint sich Paul Thomas Anderson gestellt zu haben, als er nach seinen beiden brillanten Filmen mit Überlänge - "Boogie Nights" (1997) und "Magnolia" (1999) - wieder die große Leinwand beglücken wollte. Eine Antwort auf diese Frage gibt es wahrscheinlich nicht, aber Anderson zeigt zumindest eines: Er kann verdammt skurrile Geschichten erzählen. Dass er damit vollkommen am breiten Kinopublikum vorbei inszeniert, scheint ihn nicht zu stören. Und genau das macht den jungen Regisseur mal wieder unglaublich sympathisch.

    Schon zu Beginn von "Punch-Drunk Love" wähnen wir uns irgendwo im narrativen Kosmos zwischen Kafka, Lynch und Coen. Barry sitzt an einem Schreibtisch in der Ecke einer leeren Halle und diskutiert am Telefon über besagte Bonusmeilen. Er verlässt die Halle und geht an die Straße. Ein roter Lieferwagen kommt näher, überschlägt sich mir nichts dir nichts. Die Tür geht auf, ein Harmonium wird an den Straßenrand gestellt. Was das soll? Keine Ahnung. Ebenso ratlos sehen wir zu, wie Barry in seinem blauen Anzug, den er den gesamten Film über tragen wird, auf der Party seiner Schwestern drei große Scheiben einschlägt. Das hat er wohl schon öfter gemacht. Bereits als Kind warf er einen Hammer durch ein Fenster. Was hat sich Anderson da bloß für einen Typen ausgedacht? Kann er jemals glücklich werden?

    Vielleicht ja mit Telefonsex. Die Dame am anderen Ende der Leitung, eine gewisse Georgia, klingt vertrauenswürdig. Dumm nur, dass sie sein angeberisches Gerede vom großen Einkommen für bare Münze nimmt und ihn fortan erpresst. Hier ist mit Sicherheit kein Glück zu finden für den einsamen Barry. Muss also doch der Psychiater her? Barry hat Glück und trifft auf Lena (Emily Watson), eine Kollegin einer seiner penetranten Schwestern. Die scheint auch irgendwie schräg zu sein. Und auf kaum nachvollziehbare Weise wird aus den beiden tatsächlich noch ein Liebespaar. Zuvor muss Barry Lena noch bis Hawaii hinterher fliegen, zuvor muss noch der erpresserischen Telefonsexfirma unter der Leitung des schmierigen Matratzen-Mannes (Philipp S. Hoffmann) die Meinung gegeigt werden. Und natürlich müssen erst noch genügend Portionen Pudding vertilgt werden, damit beide fortan gemeinsam um die Welt reisen können. Dann kann es losgehen. 

    Klingt bescheuert? Irgendwie ist es das wohl. Aber Anderson ist nun einfach doch Genie genug, diese neurotische Geschichte schmackhaft zu machen. Wie er das macht, weiß ich nicht. Die Inszenierung jedenfalls ist toll, die Atmosphäre konsequent verquer, die Charaktere weitab von jeder Normalität. Emily Watson ist wieder wunderbar, selbst Adam Sandler macht seine Sache gut. "Punch-Drunk Love" hebt sich ab. Von Hollywood. Aber auch von Andersons Vorgängern. Und er ist trotzdem auf seine Weise perfekt. Das macht Hoffnung. Schon vor zehn Jahren wurde in Quentin Tarantino das große neue Talent Hollywoods gesehen. Tarantino hat sich einige Jahre gut geschlagen, hat sich jedoch auf seinen Lorbeeren ausgeruht und nur noch den Splatterheini raushängen lassen. Anderson ist da einen Schritt weiter. Er ist vielleicht das Beste, was das amerikanische Kino seit den Coens hervorgebracht hat. Und deshalb will ich mehr sehen von ihm!  2+

    

    

Wolfsburg

Deutschland, 2003; Regie: Christian Petzold

 

Vom Leben mit der Schuld: Autos, Moneten und Depressionen  

 

    (js 6/04) So schnell kann es gehen. Mal eben zu sehr aufs Handy geachtet, einmal den Blick von der Straße abgewendet, und schon gibt es einen kleinen Ruck. Philipp (Benno Führmann) hält an, dreht sich um und sieht einen kleinen Jungen neben seinem Fahrrad am Straßenrand liegen. Den hat er umgefahren. Philipp zögert kurz und gibt schließlich Vollgas. Ohne sich um das schwer verletzte Kind zu kümmern. Das schlechte Gewissen lässt dem smarten Yuppie jedoch keine ruhige Minute mehr. Er geht ins Krankenhaus, beobachtet die Mutter des angefahrenen Jungen. Die heißt Laura (Nina Hoss), ist alleinerziehend, wenig verdienend und hat ohnehin einen Hang zu Depression. Philipp sieht, was er angerichtet hat. Trotzdem: Für ein Geständnis ist und bleibt er zu feige. Stattdessen reist er erst einmal mit seiner reichen, aber ansonsten unerträglichen Braut nach Kuba und lässt die Hochzeitsglocken klingeln...

    Als der Frischvermählte zurückkehrt, dreht sich die Schraube des schlechten Gewissens noch ein paar Drehungen weiter. Am Tatort, einer Landstraße bei Wolfsburg, bohrt sich der Anblick eines Holzkreuzes in Philipps ohnehin schon schmerzenden Gewissensbisse. Der kleine Junge ist tot. Und Philipp ist schuld. Von nun an sucht der Autoverkäufer noch mehr die Nähe zur permanent suizidgefährdeten Laura, verlässt am Ende sogar seine Frau für sie - und mit ihr sein bisheriges Leben im Wohlstand. Endlich kann er Laura helfen, einer Frau, die nichts und niemanden mehr hat. Und auch Laura scheint durch ihn endlich wieder einen Sinn im Leben zu sehen. Wenn, ja wenn die Lügen dieser Welt nicht immer so unglaublich kurze Beine hätten. 

    Christian Petzolds Film war in mehreren Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert. Zu recht: Zum einen gibt das Drehbuch eine unglaublich gute und tiefsinnige Geschichte her. Zum anderen sind die beiden Hauptdarsteller Garanten für ein gelungenes psychologisches Drama. Nina Hoss, das einstige "Mädchen Rosemarie" empfiehlt sich - diesmal dunkelhaarig (was ihr sehr gut steht) - als eine der besten deutschen Schauspielerinnen der Umdiedreißig-Generation. Und Benno Führmann ist sein Tom Tykwers grandiosem vierten Film "Der Krieger und die Kaiserin" längst vom "Und tschüss!"-Assi zum echten Charaktermimen avanciert. Herausragend an "Wolfsburg" ist aber vor allem die kühne Schlichtheit der Inszenierung. Schon der Titel des Films deutet es an: Hier geht es um das Minimalistische. Wolfsburg, als Stadt ohne Geschichte, als konstruierte Stadt der Fabriken, ist zum ein Symbol für das in diesem Film so elementare Thema Auto, zum anderen ein kühles Tableau, dem die Emotionen der Protagonisten gegenüber stehen. Auch die Bilder sind von eisiger Kälte, ebenso wie die Kulissen: Laura arbeitet in der Tiefkühlabteilung eines Supermarktes, Philipp im sterilen Stahlbau eines Audi-Zentrums. Und wenn Philipp nach Hause fährt, dann findet er dort neben seiner kaltschnäuzigen Frau eine kubistisch-moderne Villa vor, die keine Heizung der Welt auf erträgliche Temperaturen zu bringen vermag. Dass der Film fast komplett auf Musik verzichtet, ist da nur konsequent. Dennoch stehen Emotionen im Vordergrund der Geschichte. Und am Ende - hier darf auch Musik einsetzen - ist alles ganz schrecklich, aber doch irgendwie gerecht und hoffnungsvoll. Wie schön, dass das deutsche Kino immer wieder mal ins Schwarze trifft. 2+

 

 

 

 

Mystic River

USA 2003; Regie: Clint Eastwood

 

Grandioses Schauspielerkino mit fragwürdiger Moral

 

(js 2/04) Das ist schon ganz schön harte Kost, was uns Clint Eastwood da in seinem fortgeschrittenen Alter auf die Leinwand wuchtet: Drei Jungs spielen Hockey auf der Straße und kommen auf die Idee, ihre Namen in ein Stück feuchten Beton zu ritzen, als plötzlich zwei Männer in einer dunklen Limousine auftauchen, böse schimpfen und eins der drei Kinder mitnehmen. David, der arme Kerl, wird drei Tage lang in ein Kellerloch gesteckt und übel missbraucht. 25 Jahre später kreuzen sich erneut die Wege der Jungs: Sean (Kevin Bacon) ist Polizist geworden, Jimmy (Oscar für: Sean Penn) Einzelhändler mit krimineller Vergangenheit und David (besser denn je und zu Recht Oscar-gekrönt: Tim Robbins) ist ein introvertierter, leicht wahnsinniger Familienvater. Die Tage im Keller haben ihre Spuren hinterlassen. Zur unfreiwilligen Zusammenkunft kommt es, nachdem Jimmys 19-jährige Tochter brutal ermordet wird. Sean muss ermitteln, Jimmys kriminelle Energien erwachen und vor allem David hat ein Problem. Er wird verdächtigt. Vom Zuschauer, von Sean und selbst von seiner Frau (Marcia Gay Harden). Am Ende wird ihn das sein Leben kosten. Schuldig ist er zwar, aber nicht an diesem Mord. Eastwood nimmt sich Zeit, nähert sich mit der Kamera seinen grandios aufgelegten Darstellern und zieht den Zuschauer vollends hinein in die unglaublich spannende, kammerspielartige Atmosphäre von Mystic River. So intensiv und eindringlich kann Kino sein und ist es leider viel zu selten. Ein grandioser Film. Eigentlich. Doch dann kommt ein etwas problematisches Ende, dessen Aussage doch etwas befremdlich wirkt. Die Welt ist krank, aber die Familie ist doch noch was Feines. Oder so ähnlich. Hier ist auch Herr Eastwood leider nicht mutig genug, seinen Film weiter gegen den Strich der US-amerikanischen Ideale zu bürsten. 2+

 

About Schmidt

USA 2002, Regie: Alexander Payne

 

Besser geht's nicht: Nicholson in einem grandiosen Rentner-Porträt

 

Noch wenige Sekunden bis zur Rente und der großen Leere: Schmidt (Jack Nicholson) im seinem Büro

 

Die besten Literaturverfilmungen der letzten zehn Jahre

[eine ausgesprochen subjektive Auswahl]

 

The Remains of the Day GB 1992, Regie: James Ivory, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro (1989), mit Anthony Hopkins, Emma Thomson, Christopher Reeve

Bram Stoker's Dracula USA 1992, Regie: Francis Ford Coppola, nach dem Roman von Bram Stoker (1897), mit Gary Oldman, Winona Ryder, Anthony Hopkins

Trainspotting GB 1996, Regie: Danny Boyle, nach dem Roman von Irvine Welsh, mit Ewan McGregor und Robert Carlyle

William Shakespeare's Romeo & Juliet USA 1996, Regie: Baz Luhrman, nach der Tragödie von William Shakespeare, mit Leonardo DiCaprio, Clare Danes

The Ice Storm USA 1997, Regie: Ang Lee, mit Kevin Kline, Sigourney Weaver, Christina Ricci, Joan Allen, Elijah Wood, Tobey Maguire

Eyes Wide Shut USA 1999, Regie: Stanley Kubrick, nach der "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler (1925), mit Tom Cruise, Nicole Kidman, Sidney Pollack. Siehe Archiv 2002!

The Cider House Rules USA 1999, Regie: Lasse Halström, nach dem Roman von John Irving, mit Tobey Maguire, Charlize Theron, Michael Caine. Siehe Archiv 2002!

The Pledge USA 2000, Regie: Sean Penn, nach dem Roman "Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt, mit Jack Nicholson, Robin Wright Penn, Benicio del Toro. Siehe Archiv 2002!

The Hours USA 2002, Regie: Stephen Daldry, nach dem Roman von Michael Cunningham, mit Julianne Moore, Meryl Streep, Nicole Kidman, Ed Harris, Clare Danes, John C. Reilly. Siehe Kritik hier !

About Schmidt USA 2002, siehe Text rechts!

(js 8/03) Es ist schon ein ausgesprochen seltener Fall, wenn die Verfilmung eines guten Buches als "gelungen" bezeichnet wird. Besonders dann, wenn der Film so gut wie gar nichts mehr vom ursprünglichen Roman übrig lässt. Spätestens an dieser Stelle werden Unkenrufe laut, wie schädlich doch die Unart der Filmindustrie ist, gute Romanstoffe auf die große Leinwand zu wuchten. 

    Es geht jedoch auch anders, wie etwa im Falle von Alexander Paynes großartiger Adaption (oder besser Komplett- Uminterpretation) von "About Schmidt". Die gleichnamige Vorlage aus dem Jahr 2000 stammt von Louis Begley, ist verdammt gut geschrieben und insgesamt lesenswert. Und ein guter Filmstoff. Was Payne von Begley übernimmt, ist jedoch minimal - beide "About Schmidts" handeln von einem unzufriedenen Rentner namens Schmidt, soeben verwitwet, der sich ganz und gar nicht mit seinem zukünftigen Schwiegersohn abfinden kann. Und bereits hier enden die Parallelen auch schon. Der Schmidt im Buch heißt Albert, der im Film hört auf den Namen Warren. Ein klares Indiz dafür, dass Payne seinen ganz eigenen Schmidt vorstellt. Und seine Geschichte ist von beiden die weitaus gelungenere.

    Warren Schmidt hat die Altersgrenze erreicht. Eigentlich ein freudiges Ereignis, doch im Leben nach der Arbeit gibt es nicht viel für den pensionierten Versicherungsangestellten. Seine Frau ist eine ziemlich dumpfe Nervensäge, die einzige Tochter steht kurz vor der Hochzeit mit einem der dämlichsten Wasserbettenverkäufer Nordamerikas. Schon jetzt weiß Schmidt nichts mehr mit sich anzufangen. Doch es kommt noch schlimmer. Seine Frau segnet das Zeitliche und hinterlässt einen griesgrämigen Witwer, der sich nicht einmal zu versorgen weiß und vollends verwahrlost. Bis er eines Tages herausfindet, dass seine inzwischen doch vermisste Frau ihm nicht gerade treu war über all die 42 Ehejahre. Schmidt beschließt, sich auf eine Reise in seinem m überdimensionalen Wohnmobil zu begeben und sein Leben Revue passieren zu lassen. Die Frage unterwegs: War da eigentlich irgendwas in all diese 67 Lebensjahren? Nicht so wirklich, wenn man sich die Reise so ansieht. Und auch das Verhältnis zur Schmidt'schen Tochter (Hope Davis) steht nicht gerade zum Besten. Schmidt ist einsam, Schmidt ist gelangweilt, Schmidt hat keine Perspektive. Ist es nicht ein fürchterlicher Gedanke, in den sieben Jahrzehnten eines Lebens nichts vollbracht zu haben, an das sich zukünftige Generationen erinnern? 

    Am Ende der Reise landet der Rentner im (Toll-)Haus der neuen Familie seiner Tochter, wo gerade allesamt in Hochzeitsvorbereitungen stecken. Der Alte gibt sich nicht gerade die größte Mühe, seinen O-Ku-Hi-La-Schwiegersohn ins Herz zu schließen. Und dessen Familie kommt auch nicht gerade hilfreich da her. Sie macht alles noch viel schlimmer, allen Voran "Mitmutter" Roberta (perfekt: Kathy Bates), eine dralle Althippiedame mit Hang zu aufdringlicher Sexualität. Wie kann man das Töchterlein in solch einem Chaotenhaufen zurücklassen? 

    Warren Schmidt findet sich schließlich doch noch damit ab, gibt wenigstens seiner Tochter noch einen kleinen Funken Glück mit auf den Lebensweg. Er selbst kehrt zurück in sein verwaistes Haus und stellt sich weiterhin die Frage nach dem Sinn seines nicht enden wollenden Lebens. Nur gut für ihn, dass in der letzten Szene doch noch die Sonne für ihn scheint und ein Hoffnungsschimmer erglimmt. "About Schmidt" ist großartiges Kino. Witzig, rührend und traurig zugleich, grandios gespielt und inszeniert. Da hat selbst Oscarpreisträgerin Kathy Bates eingesehen, dass eine Nacktszene (mit all ihren Pfunden) im Badezuber einfach gut hineinpasst und zur Rolle gehört. Sehr schön auch die (einseitige) Briefkorrespondenz mit Schmidts afrikanischem Patenkind Ndugo, die der Einsame als eine Art tragikomisches Tagebuch führt. Diese Korrespondenz wird ihm gegen Ende ein wenig helfen...

    Und was war nochmal mit dem Albert Schmidt aus Begleys Roman? Der war stinkreich, konnte seinen ebenfalls stinkreichen Schwiegersohn aus gutem Hause nicht leiden, war selbst ein alter Mann mit vielen Seitensprüngen und am Ende einer 20-jährigen Geliebten. Warren Schmidt ist da der weitaus sympathischere Antiheld. Um ihn zu spielen, musste sich Nicholson sehr stark zurücknehmen. Das fiel ihm sicher nicht leicht, umso besser also seine (Oscar-nominierte) Leistung. Auch als Schmidt wird er in die Kinogeschichte eingehen. 1

 

 

 

The Human Stain

Der menschliche Makel, USA 2003, Regie: Robert Benton

Das späte Abenteuer eines alten Mannes: Einfach nur seltsam 

 

(js 1/05) Damit hat der arrivierte Literaturprofessor Coleman Silk (Anthony Hopkins) nun wirklich nicht gerechnet. Nur wenige Jahre, bevor er sich aufs Altenteil zurückziehen kann, wird er kurzerhand aus dem Hochschuldienst suspendiert. Grund dafür war ein einfaches Wort, "spooks". Das wird als rassistische Bemerkung gedeutet, Silk darf ab sofort zu Hause bleiben. Dabei hat er es nun wirlich nicht rassistisch gemeint. Zu Hause wartet seine brave Frau, die vor lauter Schreck über die unerwartete "Papa ante portas"-Situation tot vom Hocker fällt. Colemans Leben ist nichts weiter als ein Trümmerhaufen. Gut nur,dass er sich schnell abzulenken weiß. Der alternde Akademiker schnappt sich die 34-jährige Putzfrau Faunia (Nicole Kidman), die es ihm so richtig besorgt. Es entfacht eine heiße Affäre, wie es sich der alte Mann niemals wieder zu Träumen gewagt hatte. Viagra sei Dank. Nur dumm, dass natürlich alles nicht so einfach ist wie es scheint. Die gute Faunia hat schlimme Erfahrungen hinter sich gebracht. Sie ist sogar eins der ärmsten Wesen der jüngeren Kinogeschichte. So viel Leid wie sie haben nicht einmal Oliver Twist und der arme Roboterjunge aus "A.I." zusammen erlebt. Klar, dass solch eine Beziehung nicht wirklich gut gehen kann. Coleman erzählt das alles seinem besten Freund, einem Schriftsteller (Gary Sinise). Der schreibt daraus ein Buch und erfährt auch über Colemans Tod (kein Spoiler: der findet schon zu beginn des Films statt) hinaus noch interessante Details aus dessen Jugend heraus. Coleman war nämlich eigentlich schwarz, ähnlich wie Michael Jackson. Nur, dass der Professor sich nicht eingeweißt hat - er war aus welchen Gründen auch immer ein weißer Schwarzer, der mit seiner Familie gebrochen hat um als Weißer Karriere zu machen... Verwirrend? Natürlich, es macht auch nicht wirklich viel Sinn. Komischerweise könnte ich mir vorstellen, dass "The Human Stain" als Bestsellervorlage von Philip Roth durchaus lesenswert sein kann. Als Film macht er aber nun wirklich weder Sinn noch Spaß. Und mal ehrlich: Wer will Bettszenen mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman sehen? Manche Filme müssen einfach nicht sein. Ende. Abspann. Vergessen wir's. 4-

 

 

 

City of God

Brasilien 2002, Regie: Fernando Meirelles

 

Bildgewaltiger Meilenstein des lateinamerikanischen Kinos

 

    (js 5/04) Das Leben in den Slums lateinamerikanischer Stadtgiganten ist hart. Klar, das ist nichts Neues, jedem halbgebildeten Mitteleuropäer ist das bekannt. Höchste Zeit also, dem Leben dieser Abermillionen armer Menschen in einem modernen und für den internationalen Kinomarkt kompatiblen Film auf den Grund zu gehen. Und wer könnte das besser als die Südamerikaner selbst?

    Fernando Meirelles hat es geschafft. Der Regisseur aus Brasiliens größtem Ballungsraum Sao Paulo hat sich einen in seinem Heimatland preisgekrönten Roman vorgeknöpft und in einen der bildgewaltigsten Filme des jungen Jahrtausends verwandet. "Cidade de Deus" heißt das Buch von Paolo Lins, "City of God" die englische Übersetzung. Seinem Namen, der Stadt Gottes, wird die Erzählung erwartungsgemäß wenig gerecht. "City of God" erzählt die Geschichte von Buscapé, einem Jungen, der in eben dieser Stadt aufgewachsen ist. Die Stadt Gottes ist einer der Favelas von Rio de Janeiro. Nur wenige Kilometer von der Copa Cabana entfernt, hat das Leben in diesem künstlich geschaffenen Vorort wenig mit dem bunten Treiben zu tun, das in jedem Jahr vom Karneval unter dem Zuckerhut in die internationale Öffentlichkeit dringt. Die Geschichte von Buscapé und seinen Nachbarn ist eine Erzählung aus der realen Horrorwelt der 70er Jahre. In der  "City of God" zählt ein Menschenleben so viel wie hierzulande das eines Moskito. Außer dem vom Darwin sind alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Der Vorort wird regiert von einem Paten, der jedes menschliche Problem ohne mit der Wimper zu zucken mit gezielten Schüssen aus dem Weg räumt. Nicht einmal die Polizei kann helfen, zu sehr ist sie selbst verstrickt in diesem Sumpf aus Drogenhandel und unwürdigem Geballer. Buscapé möchte diesem Moloch allzu gerne entkommen, versucht sich immer wieder mit "ehrlicher Arbeit", nur um schnell wieder zu begreifen, dass der Ehrliche nicht überleben kann in dieser Welt. Einzig sein Fotografier-Talent wird ihm am Ende den Weg in eine bessere Welt ebnen.

    Meirelles Film ist hart und grandios inszeniert. Sowohl seine, die Arbeit des Kameramannes als auch die  am Schneidetisch wurden 2004 zu Recht mit Oscar-Nominierungen gewürdigt. Die Bildsprache ist modern, schnell und bringt das Thema spannend und zeitweise unerträglich nahe. Nicht einmal das Leben scheinbar unschuldiger Kinder bleibt verschont. Unschuldig sind sie ohnehin nicht mehr, selbst Dreikäsehochs werden zu kaltblütigen Killern. Das größte Verdienst von "City of God" ist übrigens die Leistung des Regisseurs, der  eine Hundertschaft zumeist junger Laiendarsteller zusammen gecastet hat, die allesamt beeindrucken. Sie selbst durften am Feintuning ihrer Rollen mitarbeiten und verleihen ihnen somit eine unglaubliche, unverbrauchte Tiefe. Dem lateinamerikanischen Kino hat er damit einen beachtenswerten Meilenstein gesetzt.  1

 

PS: Noch ein Tipp aus Lateinamerika, genauer Mexiko-Stadt: "Amores Perros" (2000)

 

 

 

 

 

 

DER HERR DER RINGE 1-3:

The Fellowship of the Ring USA / NZ 2001, Regie: Peter Jackson 

Das Filmspektakel des Jahres

(js 12/01) Dies ist der spektakulärste Film des Jahres. Und daran war schon im Vorfeld kein Zweifel. Tolkien-Fans haben sich vor Aufregung kaum eingekriegt im Kino ("Oh, ich krieg Gänsehaut!") und wären am liebsten in die Leinwand gesprungen vor Euphorie. Tolkien-Banausen wie ich können so was natürlich kaum nachvollziehen. Na gut, der Film ist großartig besetzt (allen voran Ian McKellen als Gandalf) und detailverliebt ausgestattet. Die Special Effects sind im Großen und Ganzen atemberaubend (auch wenn sie manchmal über die Stränge schlagen, wenn etwa "Elbe" Cate Blanchett von der Macht des Ringes ergriffen wird und in eine nervige Lichtgestalt verwandelt wird), die Orcs sind schön eklig, Gollum niedlich ;) ... Und am Ende ist der Tolkien-Banause dann ungeduldig, weil's erst in 12 Monaten weitergeht und das Ende von "Die Gefährten" natürlich unbefriedigend ist. Der Tolkien-Fan weiß wiederum Rat, wie der aufgeregte junge Brillenträger zu unserer Rechten: "Geil. Zu Hause hör ich jetzt erst noch 'ne Runde Hörspiel." Tolle Idee, aber zum Glück gibt's ja auch noch ein Leben diesseits von Mittelerde.   2+

 

The Two Towers 

NZ/USA 2002, Regie: Peter Jackson

Die Gollum Show. Ansonsten nicht viel los in Mittelerde

(js 12/02) Und wieder geht's nach Mittelerde. Ohne große Vorbereitung mitten rein in die Geschichte, die vor zwölf Monaten einfach aufhörte. Keine Erklärung, keine Exposition, kein Erbarmen mit den zwei Kinogängern, die Teil eins verschlafen haben. Der Herr der Ringe geht in die zweite Runde. Und schon verlässt er den Pfad meines Geschmacks. Ich bin kein Tolkien-Fan, nicht mal Tolkien-Kenner. Ich habe noch keine Zeile des Oxford-Professors und Mythenklauers gelesen. Das habe ich ja schon vor einem Jahr gestanden (siehe Archiv). Und trotzdem konnte ich mich dem Auftakt der großen Peter-Jackson- Filmtrilogie nicht entziehen. Fantastische Ausstattung, nahezu perfekte Inszenierung und eine mitreißende Geschichte; gleich drei Wünsche auf einmal, aber alles war drin in Teil eins. "The Two Towers" aber bleibt (die Hobbit-Lobby möge es mir verzeihen) weit hinter seinem Vorgänger zurück. Nicht in Punkto Ausstattung, Tricktechnik und dergleichen. Die Geschichte jedoch verliert sich und vor allem die Charaktere sind kaum mehr als seichte Schatten ihrer ersten Auftritte. Man denke nur an Gandalf (Ian McKellen), der als grauer Zauberer einen wunderbar plastischen Charakter abgab. Sein Stelldichein als "der Weiße" ist nicht mehr wert als ein zweidimensionales Abziehbild aus dem Nutellaglas. Auch bei seinen Kollegen mangelt es an Tiefe, die neuen Figuren sind nicht der Rede wert. Einzige Ausnahme: Gollum. Diese Kreatur ist mir schon vor einem Jahr ans Herz gewachsen und nimmt in "The Two Towers" endlich den Stellenwert ein, der ihr zusteht. Perfekt animiert ist er. Und der mit Abstand gelungenste Charakter des dreistündigen Epos. Schizophren, vielschichtig und unterhaltsam. Gollum ist der Star des Films. Leider der einzige. Zum Plot: Wir verfolgen die getrennten Gefährten auf ihren diversen Routen gen Mordor und wohin auch immer. Spannend und kurzweilig ja, besonders interessant nein. Spätestens wenn Bäume zu reden anfangen und schließlich noch rumlaufen (ob's nun Fichten oder Ents sind, ist mir dabei egal), hört bei mir das Verständnis auf. Dafür reicht meine Fantasybegeisterung nicht aus. Bei der großen Schlacht verliert der Film dann sogar an Klasse. Überflüssige Gimmicks wie große Leitern und Bomben passen nicht so recht in die Welt des Ringes, und ein Elberich auf einem Skateboard hätte Teil eins nun wirklich nicht nötig gehabt. In einigen Momenten wird es schon ein wenig peinlich zwischen den beiden Türmen. Trotz alledem: Ich bin gespannt auf Teil drei, keine Frage. Dann werde ich noch einmal retrospektiv über den zweiten Teil urteilen müssen. Vielleicht geht er im Gesamtkonzept der Trilogie wunderbar auf. Als eigenständiger Film jedoch funktioniert er nur bedingt. 3 

www.gollum-online.com  

Stoppt die Blasphemie!

Mein Marburger Korrespondent und Fantasy-Experte Jan Wilhelm, M.A. über die obige Kritik eines Ungläubigen, den Film "The Two Towers" und das Genre an sich (12/02)

Der böse Magier Profion (Jeremy Irons) plant mit Hilfe goldener Drachen die Macht im fernen Königreich Izmer an sich zu reißen. Dafür braucht er den Zepter von Savina, der kindlichen Kaiserin (Thora Birch). Savina aber ist clever und versucht mit Hilfe der zwei Diebe Ridley (Justin Whalin) und Snails (Marlon Wayans) an den legendären Stab von Savrille zu kommen, der ihr die Kontrolle über die roten Drachen gewährt. Zur Rettung der Welt eilen dann noch der Zwerg Elwood (Lee Arenberg) und die Elbin Norda (Kirsten Wilson) zur Hilfe... STOP!!! Falscher Film! Ja. Sicher, aber der einzig richtige Punkt um eine Filmbesprechung zu "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" beginnen zu lassen. Obige Inhaltsangabe ist nämlich natürlich nicht aus Peter Jacksons Interpretation des Herr der Ringe-Stoffes, sondern stammt aus dem Film "Dungeons & Dragons". Dieser, entstanden im Jahr 2000, war wohl der einzige klassische Fantasy-Film der letzten Jahre, der seinen Weg auf die Kinoleinwände gefunden hat. Klassischer Fantasy-Film? Was'n das? Genau. Und hier beginnt doch schon die ganze Misere. Der "klassische Fantasy-Films" ist, bzw. war, als Genre in den letzten 30 Jahren mehr oder weniger nicht existent. Ausnahmen bestätigen die Regel und sind auch locker an einer Hand aufzuzählen: Willow (1988), Legende (1985), Der Drachentöter (1981), Der dunkle Kristall (1982). Das war's. Abgesehen vielleicht von der ein oder anderen Videopremiere und einigen hirnlosen Barbaren-Filmen, die insbesondere Anfang der 80er ihr meist männliches Zielpublikum gefunden hatten (Unvergessen hier: Brigitte Nielsen und Arnold Schwarzenegger in "Red Sonja", 1985). Na gut. Kommen wir zum Punkt: Um den Fantasy-Film sah's schlecht bestellt aus. Zu viele mediokre, billig herunter gekurbelte Machwerke. Zu teuer in der Produktion um wirklich eine eigenständiger, fremde Welt entstehen zu lassen, zu schwache Vorlagen. Unser Ausgangspunkt "Dungeons & Dragons" legt hier beredtes Zeugnis ab. So ist in diesem Film zum Beispiel der Zwerg mindestens stramme 1,69 Meter groß (was ich im Übrigen auch als persönliche Beleidigung empfinde...) und von schauspielerischen Leistungen kann schon gar nicht mehr die Rede sein (der Film lädt im Übrigen auch dazu ein sich große Sorgen um die Karriere von Jeremy Irons zu machen... aber das nur am Rande...). 2001 und dann kam Peter Jackson (und Harry Potter... aber dazu später...) und der Rest ist mehr oder weniger Legende. Mit der Inspirationsquelle aller (!) Fantasy- Geschichten im Gepäck, versuchte er am anderen Ende der Welt das Unmögliche und ... siegte! "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" war ein voller Triumph. Tricktechnisch begeisternd, schauspielerisch überzeugend und insgesamt mehr als stimmig, legte der zottelige Neuseeländer und sein Team mit dem ersten Teil der Saga eine Glanzleistung auf's Parkett. Punkt. Nun... Ein Jahr später: Die zwei Türme. Die Erwartungen sind hoch, wenn nicht sogar riesig... Viel kann doch eigentlich hier nicht mehr daneben gehen, wurden die drei Filme doch mehr oder weniger in einem Durchlauf abgedreht. Richtig und doch falsch. Die beiden Filme unterscheiden sich nämlich erheblich (ebenso wie die beiden Bücher). Die Geschichte um den Einen Ring und das Schicksal der Gefährten wird komplexer. Viel komplexer. Frodo und Sam irren gemeinsam mit der Kreatur Gollum durch eine unwirtliche Landschaft, auf der Suche nach einem Weg in das finstere Land Mordor. Aragorn, Leoglas und Gimli folgen einem Trupp Uruk-Hai, die die beiden anderen Hobbits Merry und Pippin in ihrer Gewalt haben. Auf dieser Jagd treffen sie zwar nicht auf ihre Beute, dafür aber auf den reinkarnierten Gandalf und die berittenen Bewohner des Königreichs Rohan, mitsamt ihrem König Theoden und dessen Nichte Eowyn. Merry und Pippin hingegen konnten fliehen und treffen im dunklen Wald Fangorn auf die Ents, die Baumhirten (keine Bäume!), die ihr Dasein weitab von den Problemen der restlichen Welt fristen. Oookay. Éowyn, Éomér, Théoden, Théodred, Faramir, Boromir, Haldir, Elrond, Arwen, Aragorn, Legolas.... Wir erinnern uns: Tolkiens Buch lag nicht von ungefähr seit Jahren unverfilmt herum (abgesehen von der grausamen Zeichentrickversion Ende der Siebziger). Der Stoff ist komplex. Jede noch so kleine Figur hat in Tolkiens Welt eine genau ausgearbeitete Biographie inklusive Stammbaum... Eine undankbare Aufgabe für jeden Drehbuchschreiber... So viel ist sicher. Und das ist dann auch das Problem des ganzen Films. Die Dramaturgie des ersten Teils machte diesen weitaus zugänglicher für den unvorbelasteten Zuschauer. Es war der Beginn einer Reise. Die einzelnen Charaktere bekamen Raum sich zu entfalten, sie waren zugänglicher. "Die Gefährten" war ein reiner Abenteuerfilm, der einer klassischen Dramaturgie folgte. Im zweiten Teil sieht das Ganze dann schon anders aus: Eine Vielzahl neuer Charaktere wird eingebracht, der Blickwinkel auf Mittelerde vergrößert sich, es geht um Königsdramen, Schlachten, individuelle Entscheidungen. Er besitzt keinen klassischen Anfang und endet mit einem Cliffhanger. Problem: Der Film ist 2 Stunden 59 Minuten lang und doch viel zu kurz um die Fülle an Material angemessen zu verarbeiten (da wird mit Sicherheit die im November '03 erscheinende DVD Special Edition im Vergleich besser abschneiden). Auch musste Jackson den kompletten Film neu strukturieren. Im Buch werden die Geschichten um Frodo/Sam und Legolas/Aragorn/Gimli hintereinander wiedergegeben, die verschiedenen Erzählstränge überschneiden sich nicht. Für eine Filmadaption gibt es nahezu nichts Unpassenderes. Also wird nun natürlich zwischen den einzelnen Handlungsfäden munter hin und her gesprungen. Dabei kommt dann die Handlung um die Ents definitiv zu kurz bei weg. Sie hat in der Vorlage mehr Tiefe und scheint essentieller für den weiteren Verlauf der Handlung. Das aber nur am Rande. Ich denke, man muss bei diesem Film, anders zum Beispiel als bei der Star Wars-Saga, oder den Harry Potter-Filmen, mehr denn je das Gesamtbild im Kopf behalten. Peter Jackson spricht in Bezug auf seine Filme nicht ohne Grund immer von einem "einzigen neunstündigen Gesamtwerk". Daher funktioniert "Die Zwei Türme" als eigenständiger Film nur bedingt bis überhaupt nicht. Was Jacksons Abschweifungen vom Originalmaterial angeht, da bin ich (im Gegensatz zu zahlreichen Tolkien-Geeks und -Freaks) relativ tolerant. Es ist Jacksons Variation der Geschichte, die in vielen Punkten mit meinem Bild von Tolkiens Epos übereinstimmt, in einigen  aber auch erheblich davon abweicht. So wirken dieses Mal viele von Jacksons Änderungen auf mich zu Hollywood-kompatibel (Aragorns Beinahe-Tod, Gimli als Witzfigur, das ganze Aragorn-Arwen-Éowyn-Dreieck). Was andere angeht, bin ich toleranter. Legolas ist ein Elb. Wenn er einen Schild zu einem Surfbrett (nicht Skateboard, Herr Schäfer!) umfunktioniert, dann nutzt er damit seine elbischen Fähigkeiten, den Überraschungsmoment und seine Intuition, aber das mag halt Geschmackssache sein. Immerhin bleibt Jackson nicht so sklavisch an der Vorlage kleben wie sein Kollege Columbus bei den Potter-Büchern, der sie damit jeglichem Eigenlebens beraubt hat. Dass die Schauspieler, insbesondere Ian McKellen und Christopher Lee, diesmal keine Zeit haben um wirklich zu glänzen, ist schade, aber scheinbar in Anbetracht der Materialfülle nicht zu umgehen. Die neuen Ensemblemitglieder geben darüber hinaus eine gute Figur ab und füllen ihre Rollen angemessen aus. Gollum ist natürlich ein Meisterstück. Auch wenn diese Filme, was sehr unwahrscheinlich ist, irgendwann mal in Vergessenheit geraten, wird Gollum sich immer noch in den Annalen der Filmgeschichte wiederfinden lassen: Als der erste computer-animierte Charakter, der wirklich schauspielert! Eine herausragende Leistung, die zumindest den Spezial-Effekte Oscar sicher erscheinen lässt. Zurück zum Ausgangspunkt: Mag man noch so seine Probleme mit dem Film haben, so darf man auch nicht das Gesamtbild aus dem Blick lassen. Peter Jackson hat eigenhändig ein gesamtes Genre wiederbelebt und aus den Untiefen der Videotheken zurück ans Licht gebracht. Dafür gebührt ihm der Dank einer ganzen Generation von Kinobesuchern und dafür bekommt er von mir auch eine 1-

 

The Lord of the Rings 1-3:

The Return of the King

NZ/USA 2003, Regie: Peter Jackson

 

Der fast perfekte Triumphzug des Peter Jackson

 

von meinem Gütersloher Korrespondenten Jan R. R. Wilhelm (12/03)


    Nicht immer sind aller guten Dinge drei: siehe „Krieg der Sterne“ oder „Matrix“, deren Fortsetzungen schwach und schwächer ausfielen. Die Erwartungen an den letzten Teil der „Herr der Ringe“-Trilogie sind gigantisch – doch nicht vergeblich. Das Finale der Tolkien-Saga fällt überwältigend aus: eine majestätische Rückkehr des neuseeländischen Kino-Königs Peter Jackson. Hatte man sich in den vergangenen zwei Jahren Mitte Dezember als festen Termin im Kinokalender eingetragen, so kommt diese schöne Tradition nun zu ihrem Ende: Mit “Die Rückkehr des Königs” läuft jetzt der letzte Teil der Trilogie in den Lichtspielhäusern und beschließt damit eines der gewaltigsten Unterfangen der Filmgeschichte. 
    In DRdK gilt es nun also die epische Geschichte zu ihrem Ende zu führen: Die finsteren Heerscharen müssen besiegt, die Belagerung der Hauptstadt Minas Tirith abgewendet, Aragorn zum König gekrönt und der „Eine Ring“ zerstört werden. Hier nun weiter auf die Story einzugehen, würde zu weit führen. Es genügt zu sagen, dass Peter Jackson im dritten Teil weitgehend dem Pfad folgt, den er mit „Die zwei Türme“ eingeschlagen hat. Natürlich werden, schließlich handelt es sich ja ums Finale, hier ganz andere Kaliber aufgefahren:  Noch länger (200 Minuten!) . Noch spezialeffektvoller. Noch spektakulärer. Noch oscarträchtiger. Doch was wären alle Superlative ohne stimmige Story und gute Schauspieler (hier insbesondere Ian McKellen, Sean Astin, Andy Serkis), alle Gigantomanie ohne Gefühle? Deshalb haut der einstige Splatter-Regisseur (Braindead, Bad Taste) auch dramaturgisch drastisch auf die Pauke: Gut und Böse, Freundschaft und Loyalität, Mut und Schwäche, selbst ein Vater-Sohn-Konflikt à la Shakespeare fehlt nicht im Repertoire der klassischen Konflikte. All das wird inszeniert mit so bildgewaltiger Opulenz, dass man mit dem Gucken bisweilen kaum noch nachkommt. Derweil das rasante  Erzähltempo der komplexen Geschichte samt ihrer zahlreichen Figuren wenig Zeit zum Griff in die Popcorntüte und den ein
oder anderen Zuschauer wohl inmitten des Säbelgerassels, der hehren Reden und des überlebensgroßen Pathos überwältigt und überfordert im Zuschauersaal zurück lässt. Denn selbst bei der überlangen Spielzeit merkt man dem dritten Teil doch sehr den Kampf an, den Jackson mit der Materialfülle im Schneideraum auszutragen hatte. So fiel Christopher Lee als Saruman komplett der Schere zum Opfer, ebenso wie die Liebesgeschichte zwischen Eowyn und Faramir, und zahlreiche andere Nebenschauplätze. Dadurch wirkt der Film denn auch teilweise wie der Trailer für die kommende Special Edition DVD.
    Doch kann man bestimmt überall ein Haar in der Suppe finden. Fest steht in jedem Fall: Was Jackson und sein Team in den letzten sieben Jahren auf die Beine gestellt haben, wird es so bald (wenn überhaupt) nicht mehr im Kino zu sehen geben. So perfekt inszenierten Eskapismus, so ein Fest für die Augen, so eine stimmige Geschichte, so gelungenes Casting: Dafür gebührt dem schuhlosen Neuseeländer nicht nur der Dank unserer Kinogängergeneration, sondern auch der
nächsten, und der nächsten, und der danach... Räumen sie ihren Platz, Mr. Lucas! Kinder- und Kinoträume werden in Zukunft nicht mehr nur exklusiv aus dem „Star Wars Universum“ kommen. 1

 

Mein Senf: Jacksons Trilogie fängt sich zu guter Letzt doch wieder...

 

(js) Wie es die Tradition so will, muss auch ich als Fantasy-Banause noch kurz meinen Senf zum Thema "Return of the King" dazu geben. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat mich Teil 3 der Ring-Saga wieder mehr in seinen Bann gezogen. Gandalf läuft wieder zu der Größe auf, die Teil 1 versprochen hat. Den Phrasenschmied von Teil 2 hat er gottlob hinter sich gelassen. Die Charaktere sind weitaus besser und intensiver dargestellt als im düsteren Mittelteil, und das große Finale rundet die Trilogie doch zu einem gelungenen Ganzen ab. Ein paar Minuspunkte jedoch muss es auch noch geben: Das Ende bedarf dringend einer Überarbeitung (=Kürzung), die Länge des Films stößt absolut an alle Grenzen des Machbaren, und einige "Gags" hätte sich das Drehbuch doch verkneifen sollen, etwa der ach so emanzipierte Sieg über einen schwarzen Reiter durch eine Frau... Aber, wollen wir mal nicht so sein. Trotz meiner subjektiven Note am Ende dieser Kritik ist die Ring-Trilogie tatsächlich ein unglaublicher Meilenstein der Filmgeschichte. Was meine Bewertung der "Two Towers" anbelangt: Revidieren werde ich sie nicht, vielleicht sollte ich mir die längere und angeblich bessere DVD-Fassung reinziehen. Aber auch nur vielleicht. Eigentlich bin ich froh, dass die Geschichte jetzt zu Ende erzählt ist. Schließlich muss man eine gehörige Portion Sitzfleisch mit in den Kinosessel nehmen... Meine Note für das Finale: 2+ 

 

 

 

 

Once Upon a Time in Mexico

USA 2003, Regie: Robert Rodriguez

 

Ziemlich überflüssige "Desperado"-Nachgeburt

 

(js 11/03) Der Titel lässt keine Zweifel offen: Hier will jemand ganz und gar auf Sergio Leone machen. Robert Rodriguez, Mexikos hippester Filmemacher, bringt seine Girattenzupfertrilogie zu einem Ende. "El Mariachi" war noch billig (und auch nicht sonderlich toll, wie ich finde), "Desperado" war ungleich teurer und hatte durchaus Stil. Jetzt Teil 3. Und der ist, machen wir uns nichts vor, ziemlich überflüssig. Noch nicht  einmal besonders interessant ist diese Ballermär, in der El Mariachi (Antonio Banderas) einen wirren Kampf gegen Willem Defoe eingeht. Ihm zur Seite Nachwuchsbarde Enrique Iglesias (noch mit seiner bezaubernden Warze auf der Wange). Die Handlung ist nebensächlich wie eh und je, Hauptsache es gibt einen gehörigen Bleiregen in Mexiko. Positiv stechen aus diesem Plot-Quark lediglich die Szenen mit CIA-Agent Johnny Depp  heraus, dem zu guter Letzt die Augen "gepflückt" werden. "Once Upon a Time in Mexico" ist ein Film, der nicht weiter stört, der aber auch nicht besonders im Gedächtnis haften bleibt. Insofern reicht Rodriguez weder an seinen "Desperado"-Erfolg, noch an sein stilistisches Vorbild Sergio Leone heran. Hier ist Rodriguez wieder ganz Mittelmaß, wie schon in "From Dusk Till Dawn" und - davon gehe ich zumindest aus - in seinen "Spy Kids"-Komödien. 4 

 

 

Far from Heaven

USA 2002, Regie: Todd Haynes

 

Stark stilisierte Parabel um gesellschaftliche Tabuthemen

 

    (js 9/04) Was war es doch für eine Idylle, das Amerika der 1950er Jahre. Tugendhaft, brav und farbenfroh. Oder doch nicht? Die Hollywood-Produktionen aus dieser Zeit machen es uns zumindest weiß, dass die Welt noch so richtig in Ordnung ist. Dass dem natürlich nicht so ist, weiß eigentlich jeder Halbgebildete. Tabuthemen wurden nicht einmal mit Arbeitshandschuhen angefasst, ebenso wenig der "Neger" aus dem Vorstadtviertel. Auch heute noch gibt es sie, die Segregation in der US-amerikanischen Gesellschaft. In den 50ern jedoch war sie die einzig denkbare Form im Umgang miteinander.

    Hier siedelt Todd Haynes sein Melodram an, das tatsächlich aussieht, wie eine Technicolor-Produktion aus den 50er Jahren. Knallbunte Kulissen, leuchtend rotes Herbstlaub, passgenaue Haarschnitte. Nur den Inhalt des Films hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben: Cathy Whittaker (Oscar-nominiert: Julianne Moore) ist die perfekte Ehefrau eines augenscheinlich perfekten Mannes (Dennis Quaid). Als sie ihn jedoch beim Techtelmechtel mit einem Jüngling erwischt, ist es aus mit dem Traum vom Vorstadtglück. Der Gatte wird zur Therapie geschickt, die allerdings nicht anschlägt. Cathy sucht derweil Trost bei ihrem schwarzen Gärtner (Dennis Haysbert). Der möchte die schier unüberwindlichen Rassengrenzen verwischen und wird zum ersten richtigen Freund für die betrogene Cathy. Dass diese Grenzen jedoch nicht so leicht zu überwinden sind und die leise Beziehung der beiden zum Gespött der Leute wird, ist daher vorhersehbar. Zu guter Letzt schimmert ein wenig Hoffnung durch, Hoffnung auf eine "barrierefreie" Gesellschaft, die es auch heute noch nicht gibt in den Vereinigten Staaten.

    Die Kopie des 50er-Jahre-Looks und die konsequente Hochstilisierung der Geschichte machen "Far from Heaven (Dem Himmel so fern)" zu einem sonderbaren Film. Die Darsteller machen ihre Sache gut, auch die Filmsprache ist fließend und durchweg interessant. Eines gelingt dem Melodram jedoch nicht: Es geht nicht sonderlich nahe. Der Stil steht dem Zuschauer im Weg. 3+ 

 

 

 

Finding Nemo

USA 2003, Regie: Andrew Stanton, Lee Unkrich


Findet einen der besten Filme des Jahres - findet Nemo!

von meinem Korrespondenten und Infantilitätskönig Jan Wilhelm (11/03)


Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und mit halbjähriger Verspätung kommt nun endlich (passend zur Vorweihnachtszeit) einer der schönsten Filme des laufenden Kinojahres in unsere Lichtspielhäuser: "Findet Nemo", der neueste Streich der Animationsfirma Pixar ("Monster AG", "Das große Krabbeln", "Toy Story 1&2"). Die Story ist schnell erzählt: Der kleine Clownfisch Nemo gerät in die Fänge von Tauchern und findet sich bald darauf im Aquarium eines Zahnarztes wieder. Nemos Vater Marlin begibt sich daraufhin gemeinsam mit der verwirrten Doktor-Fischdame Dory (in der deutschen Fassung fabelhaft synchronisiert von Anke Engelke) auf Rettungsmission durch den großen Ozean in Richtung Sidney. Die Odyssee der beiden ungleichen Gefährten ist gespickt mit skurillen Nebenfiguren und spannenden Abenteuern. Dadurch verfliegen die 100 Minuten Trickfilm wie im Meeresrausch! Die Perfektion der CGI-Animationen ist atemberaubend und streckenweise einfach nur noch wunderschön, die Gags sitzen und die Charaktere sind durchwegs liebenswert gestaltet. Es ist schon erstaunlich, wie überaus gelungen "Findet Nemo" geworden ist. Das Geheimnis des Erfolges: Die Kreativen von Pixar belassen es nicht nur bei der technischen Perfektion - Sie können auch spannungsreiche und schöne Geschichten für Alt und Jung erzählen. Das Endergebnis ist 100 Prozent gelungen und einfach nur entzückend. Einziger Wehrmutstropfen: Wer auch immer beschlossen hat, die beiden Hai-Kumpane von den "endkrassen Schwachmaten" Erkan & Stefan synchronisieren zu lassen, gehört fristlos gefeuert. Zum Glück spielen die beiden Kiemenatmer mit Assi-Slang nur eine winzige Nebenrolle und können das klare Wasser nicht trüben. 1

 


 

Love Actually

GB 2003, Buch & Regie: Richard Curtis

 

Von treulosen Männern und albernen Premiers: Leider nur bedingt gelungen 

 

    

(js 11/03)  Eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Das wissen wir. Aber kann man analog dazu sagen, dass ein Episodenfilm immer nur so gut ist wie seine schlechteste Episode? Vielleicht nicht ganz, denn sonst gäbe es fast ausschließlich Schund in diesem Genre. Aber seien wir ehrlich: So richtige Knallerfilme à la "Magnolia" (1999, siehe Archiv) sind Mangelware im Reigen des Patchwork-Kinos, öfter trifft man da auf Flops wie Robert Altmans unerträglich bodenlosen "Prêt-à-porter" (1994). Wie auch immer - kurz vor Start der eigentlichen Weihnachts-Blockbuster beschert uns der englische Regie-Neuling und "Four Weddings and a Funeral"-Schreiber Richard Curtis einen Episodenfilm, wie er im Lehrbuche steht. Und der ist eigentlich gar nicht mal so unerträglich, wenn wir beide Augen zudrücken und die schlechteste seiner Episoden schlicht und ergreifend vergessen. Einige der Geschichten in "Love Actually" sind durchaus schön. Hier also die Rangliste der Handlungsstränge, absteigend von sehr gut bis schlecht. Alle handeln, selbstredend, vom Thema "Liebe" in all ihren Varianten:

    1. Die Krisen-Variante: Emma Thompson und Alan Rickman geraten in eine tiefe Ehekrise, als er sich in seine Sekretärin Heike Makatsch verguckt. Vielleicht verguckt er sich nicht einmal in sie, der Film deutet hier mehr an, anstatt alles preiszugeben...

    2. Die fast aussichtslose Variante: Laura Linney ist seit zweieinhalb Jahren in ihren Kollegen verliebt. Als sie sich ihm endlich offenbart, klappt's nicht so ganz beim ersten (und letzten?) Rendezvous. Immer wieder klingelt das Handy, am anderen Ende ihr retardierter Bruder, demzuliebe sie offenbar ihr eigenes Leben komplett auszublenden bereit ist...

    3. Die hoffnungsvolle Variante: In Frankreich verliebt sich ein englischer Schriftsteller in seine portugiesische Hausangestellte. Und umgekehrt. Nur, dass sie wegen der scheinbar unüberbrückbaren Sprachbarriere beide aneinander vorbei reden...

    4. Die unerfüllte Variante: Ein guter Freund des frisch gebackenen Bräutigams ist unsterblich verknallt in dessen Gattin...

  Und hier die mäßigen Varianten: Ein alternder Rockstar nimmt eine unerträgliche Version von "Love is all around" auf, Stiefvater Liam Neeson berät seinen halb verwaisten Filius in Liebesangelegenheiten, ein hässlicher Engländer fliegt nach Amerika, wo er die sexuelle Erfüllung erwartet...

    Das deutlich schlechteste Glied dieser filmischen Kette ist dummerweise sein kommerzielles Zugpferd. Hugh Grant in seiner Rolle des unverheirateten Prime Ministers, der sich gleich an seinem ersten Diensttag in seine Mitarbeiterin Natalie verknallt. Und da Grant niemals etwas anderes spielt als sich selbst, zwinkert er sich auch hier treudoof und ach so niedlich durch die Kulissen. Wenn er sich auf Natalie einlässt oder gar dem US-Präsidenten (eine ganz andere Liga: Billy Bob Thornton) seine populistisch-peinliche Meinung geigt, dann ist der Film nichts als eine Lachnummer. Mit der Qualität der restlichen Passagen hat die Grant-Show nichts gemein, stößt mir aber besonders bitter auf, weil sie als "Showpiece" den größten Teil des Films einnimmt. Wie auch immer, unter den anderen Geschichten ist ja die eine oder andere brauchbare dabei. Ganz so verheerend wie bei der Kette wirkt das schwächste Glied beim Film Gott sei dank nicht. Deshalb ist "Love Actually" also durchaus im Rahmen des Zumutbaren. Mehr aber nun auch wieder nicht, actually. 3-

 

 

Identity    

USA 2003, Regie: James Mangold

 

Spannender Whodunnit mit unbefriedigendem Ende

 

(js 11/03) Es geht doch nichts über gepflegte Spannung. Ob Thriller, Horror oder Krimi - manchmal muss einfach auch mal ein wenig Nervenkitzel beim Kinobesuch sein. Traurig ist dabei nur, dass im Prinzip schon fast jede Gruselmär, so gut wie jeder Killerthriller und praktisch jeder nur denkbare Whodunnit längst auf Zelluloid gebracht wurde. Da bleibt den Filmemachern oft nicht viel mehr übrig, als alte Versatzstücke aufzugreifen und neu zu vermischen. Aber auch kann durchaus Spaß machen. Auch James Mangolds "Identity" ist so ein Fall. Hier ist eigentlich nichts neu, hier ist alles nur wieder frisch aufgelegt und komponiert worden.

    Alles fängt an wie eine Geschichte von Agatha Christie. Bei unerträglichen Regengüssen suchen zehn fremde Personen Unterschlupf in einer Absteige à la Bates' Motel. "Zehn kleine Negerlein" (u.a. John Cusack und Rebecca De Mornay) sozusagen, denn schon kurz nach dem Einchecken wird uns die erste Leiche serviert. Das heißt, nicht mehr so ganz - mehr als einen Kopf im Wäschetrockner wird bis zum Abspann niemand mehr auffinden. Klarer Fall: Das muss dieser widerliche Mörder sein, den ein Cop (Ray Liotta) angeschleppt hat. Schließlich hat der sich von seinen Handschellen gelöst und ist auf der Flucht. Klar, dass das Haupt aus der Wäschetrommel nicht die letzte grausame Tat in der verregneten Nacht darstellt. Einer nach dem anderen muss nun dran glauben, und immer liegt ein nummerierter Zimmerschlüssel neben der Leiche. Ein fataler Countdown beginnt, und jeder verdächtigt naturgemäß jeden.    

    James Mangold inszeniert das Kammerspiel ausgesprochen spannend und stilecht, was nicht unbedingt eine große Kunst ist: Dunkelheit und patschnasses Regenwetter machen ihm die Arbeit ziemlich leicht. Und die Grundidee von der unfreiwilligen Versammlung im entlegenen Motel ist ein immer wieder dankbarer Rahmen. Ein spannender (Grusel-) Thriller ist "Identity" also allemal. So weit, so gut. Jetzt muss ein guter "Nervenzerrer" aber auch noch mit einem angemessenen Clou enden. Dazu nur so viel: Die Auflösung des Whodunnit ist durchaus unvorhersehbar, selbst wenn der Film in den parallel geschnittenen Szenen einer Gerichtsanhörung stets Hinweise gibt - ebenso der Titel. Den tatsächlichen Mörder zu erraten, ist eine knifflige Sache, die erst in der allerletzten Filmminute aufgeklärt wird. Trotzdem hinterlässt das Finale einen leicht bitteren Nachgeschmack: Denn auch "Identity" tappt ein wenig in die Falle, die schon manch anderen vielversprechenden Thriller entwertet hat. Er bleibt nicht beim Rationalen, sondern sucht sich einen Ausweg ins Irrealen. Und das ist oftmals ein Akt der Verzweiflung. Der Virus, der "Vanilla Sky" (siehe Archiv '02) dahin gerafft hat, hat also leider auch "Identity" befallen. Selbst wenn das Drehbuch diese Notlösung recht originell verpackt, so bleibt doch am Ende nicht viel Substanz übrig vom einstigen Handlungsgeflecht des Films. Das macht aber auch nichts, schließlich erhebt "Identity" in keiner Sekunde den Anspruch, Filmgeschichte zu schreiben. Spannend und gut inszenierte Unterhaltung bietet er allemal. 3+

 

 

Harry Potterand the Chamber of Secrets

 

 

 

USA 2002, Regie: Chris Columbus

 

 

Nichts Neues in Hogwarts: Ein déjà-vu mit vielen Effekten

 

(js 8/03) Das fängt ja gut an. Schon in seinem zweiten Jahr in Hogwarts soll der naseweise Zauberlehrling Harry Potter davon abgehalten werden, überhaupt zur Schule zu gehen. Ein kleiner Hauself namens Dobby lässt nichts unversucht, den Brillenträger in seinem ungemütlichen Zuhause schmoren zu lassen, während all seine Freunde wieder die Schulbank drücken. Hätte sich der kleine Magier besser mal an Dobbys Warnungen gehalten... Denn in Hogwarts wartet die geöffnete Kammer des Schreckens auf den Jungen.

    Mehr muss über die Geschichte des Films nicht gesagt werden. Schließlich ist sie kaum mehr als ein déjà-vu des ersten Potter-Films ein Jahr zuvor. Wieder müssen die drei Dreikäsehochs ein mysteriöses Kämmerlein im Zauberschulenschloss finden, sich hineinwagen und ein Monstrum bezwingen. Diesmal keinen dreiköpfigen Hund sondern eine große, garstige Schlange. Ansonsten nichts Neues im Land der Magie.

    Außer dem neuen Professor Gilderoy Lockhart - der ist ein Schaumschläger erster Güte, weiß alles zum Thema PR und liebt die Selbstdarstellung. Sein Zauber-Können beschränkt sich jedoch auf ein bloßes Gedächtnis-Löschen. Lockhart wird gespielt von Kenneth Branagh, der so gut in die Rolle passt, dass Frau Rowling sie ihm auf den Leib geschnitten haben könnte. Wer sich noch erinnert, wie selbstverliebt Branagh in die Rollen des Hamlet und vor allem des Victor Franckenstein geschlüpft ist, der weiß, was für ein Typ dieser Lockhart ist.

    Ansonsten, wie gesagt, nichts Neues. "Potter"-Darsteller Daniel Radcliffe wird wie schon im Vorjahr von seinen Mitstreitern an die Wand gespielt, blass und öde wie er nun mal ist. Lediglich Richard Harris - Gott hab ihn selig - verabschiedet sich nun aus der Fabelwelt der J. K. Rowling. Er wird nun nicht mehr den Dumbledore geben. Dennoch geht's schon im Frühjahr 2004 weiter. Wahrscheinlich gibt es da auch wieder nur einen Aufguss des bereits Gesehenen. Aber das ist ja immerhin kurzweilig. 3

 

 

Pirates of the Caribbean

The Curse of the Black Pearl

USA 2003, Regie: Gore Verbinski

 

Spaßiger Piratenspuk mit grandiosem Johnny Depp

 

Der Mond offenbart Barbossas (gespielt von Geoffrey Rush) wahres Gesicht

(js 9/03) Wenn ein Film nur so strotzt von fantastischen Kulissen, spektakulären Stunts, atemberaubenden Spezialeffekten und wallenden Kostümen, dann haben die Darsteller eigentlich nicht den Hauch einer Chance, gegen diesen Bombast anzuspielen. Der "Fluch der Karibik" ist da wohl die Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Und das liegt am herausragenden Protagonisten dieser Seeräubermär, gespielt vom wie immer großartigen Johnny Depp

    Der inzwischen 40jährige Depp spielt Captain Jack Sparrow, den wohl durchgeknalltesten Piraten der Karibik. Schon sein erster Auftritt ist urkomisch inszeniert und das Eintrittsgeld wert - auf dem Mast eines sinkenden Kahns kommt er in den Hafen von Port Royal geschwebt und reißt von nun an die Geschichte an sich. Elizabeth (Keira Knightley), Tochter des Gouverneurs, hat dummerweise vor einigen Jahren ein Totenkopfamulett an sich genommen, als die von England aus in die Karibik kam. Als sie nun von einer Klippe stürzt und vom unerschrockenen Jack Sparrow gerettet wird, lockt das Amulett die Piratenflotte von der Black Pearl, dem sagenumworbenen Schiff mit schwarzen Segeln, in die Bucht von Port Royal. Und die Black Pearl wird nicht von "normalen" Seeräubern gesteuert. An Bord sind die grauenhaftesten Verbrecher ihrer Zunft.

    Während die Männer im Dorf zum Schwert greifen, ist Elizabeth ganz Frau und versucht, mit den Eindringlingen zu reden. Dass es dabei zu einer Verwechslung kommt, ist klar aber ebenso folgenschwer. Die schöne junge Frau wird von der Crew der Black Pearl gefangen genommen und muss mit auf die finstere Reise. Finster deshalb, weil auf der Meute um Captain Barbossa (Geoffrey Rush) ein Fluch lastet: Seitdem die einst einen verfluchten, für Hernan Cortés bestimmten Aztekenschatz an sich genommen, ihren ehemaligen Kapitän gemeutert und einen der ihren namens William Turner in die ewigen Jagdgründe geschickt haben, sind sie chronisch unzufrieden, gieriger denn je und zeigen deutliche Anzeichen der Verwesung. Sobald der Mond sein gleißendes Licht auf die raffgierigen Seemänner wirft, zeigen sie ihr wahres Gesicht und verwandeln sich in Zombies mit knirschendem Knochengerüst. Gegen den Wunsch des Gouverneurs (Jonathan Pryce) machen sich der verlotterte Sparrow und der tapfere Schmied William Turner jr. (nicht etwa Sohn des englischen Romantikmalers sondern der des legendären Piraten) auf eigene Faust an die Verfolgung.

    Wie sich die Handlung im einzelnen weiter entwickelt, muss natürlich nicht an dieser Stelle zusammen gefasst werden. Nur soviel: Alles vom Schwertkampf über Kanonensalven bis hin zu spektakulären Verfolgungsjagden und glänzenden Schatztruhen sind drin. Damit wäre die Pflicht in diesem tot geglaubten 50er- Jahre-Filmgenre auch schon erfüllt. Die Kür: "Fluch der Karibik" ist sehr amüsant. Das liegt vor allem an Johnny Depps Glanzleistung, der besonders in der Interaktion mit Oscarpreisträger Geoffrey Rush ("Shine", zuletzt als Leo Trotzkij in "Frida") glänzt. Klar, dass zum Showdown eine leichte Ermüdung des Zuschauers ob der ganzen Effekte und Rangeleien auftritt. Aber solche kleinen Mäkel verzeiht man dem Film mit einem wohlwollenden Augenzwinkern. Gore Verbinskis ("The Ring") Geisterstunde in karibischen Gewässern macht einfach Spaß.  1- 

 

Dogville

DK/S/GB/D/NL 2003, Regie: Lars von Trier 

 

Unsere gemeine Stadt

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (10/03)

 

Lars von Trier muss Kino hassen. Die filmische Illusion muss ihm ein Gräuel sein. Anders lässt sich sein filmisches Schaffen nicht erklären. Sei es nun das Aufeinandertreffen von wackliger Kamera und Cinemascopeformat in "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark", oder die Totalverweigerung mit Hilfe des Dogma-Kinos in "Idioten". Nun also "Dogville": Die totale Dekonstruktion. Nicht einmal ein Hauch von Scheinrealität mehr. Der Film als Theaterbühne, die Umrisse der Häuser und Straßen sind auf den Boden gemalt, es existieren nur einzelne Möbel. Der Zuschauer fühlt sich wie der Beobachter einer
Theaterprobe. Erinnerungen an Thornton Wilders "Our Town" werden wach. Die Verherrlichung des Kleinstadtidylls im Amerika der 30er Jahre, ebenfalls nur erzählt mit Hilfe der nötigsten Requisiten. 

    Von Triers "Dogville" ist nun die Antithese zu Wilders Werk: Irgendwann in den 30ern kommt eine junge Frau in das arme Bergdorf Dogville, dessen Bewohner einfache, meist gutmütige Menschen sind. Grace (Nicole Kidman) ist auf der Flucht und wird von den Menschen des Dorfes nach kurzem Zögern aufgenommen. Sie erwidert die Gastfreundschaft mit kleinen Arbeiten, macht sich bald unentbehrlich und findet im bescheidenen Leben ein ihr bisher unbekanntes Glück. Als ein Sheriff nach Dogville kommt und Graces Steckbrief am Gemeindehaus zurücklässt, beginnt sich der Wind allmählich zu drehen. Die Dorfbewohner werden unruhig. Aus der liebevollen Duldung wird alsbald Ausbeutung, dann ein regelrechtes Martyrium für die junge Frau, das für das gesamte Dorf nicht ohne Folgen bleiben wird.
    Es dauert zehn Minuten, bis der aufgeschlossene Zuschauer sich völlig auf "Dogville" einlassen kann. Dabei hilft die überaus bewegte und raffinierte Kameraführung von Anthony Dod Mantle (zuletzt "28 Days Later"), die sich unentwegt zwischen den
Scheinbauten hin und her bewegt und uns die verschiedenen Bewohner des kleinen Bergdorfes näher bringt. Und hier liegt nun die wirkliche Stärke des Films: Seine Schauspieler. Ohne die Ablenkung durch Kulissen und optische Gimmicks kann man sich völlig auf die Rollen konzentrieren und möchte von Trier nur noch gratulieren. Ein so perfektes Schauspieler-Ensemble auf eine Bühne zu bekommen, das besitzt schon enormen Schauwert. Stellan Skarsgard, Paul Bettany, Lauren Bacall (in Würde gealtert!), James Caan, Ben Gazarra... Selten sieht man so stimmiges Casting. Über all dem thront aber der wahre Star des Films: Nicole Kidman. Wäre sie nicht ohnehin schon so groß, dann müsste man vor ihr auf die Knie fallen! Die Frau wird nicht nur scheinbar von Film zu Film schöner, sondern auch einfach nur noch besser. Die emotionale Bandbreite, die sie hier glaubwürdig entfaltet, ist sagenhaft. Dafür müsste sie eigentlich schon wieder den Oscar bekommen!
    Wo so viel Sonnenlicht herrscht, fallen natürlich auch einige Schatten. So besitzt die Geschichte von "Dogville" selbstredend auch eine philosophische Dimension. Ganz im Sinne von Brechts epischem Theater lädt der Film ein sich Gedanken über Macht, Vergeltung und Vergebung zu machen. Doch eigentlich ist das Alles dann ja auch nicht wirklich aufregend neu (s. Brecht). Deshalb wird der Film gegen Ende auch ein wenig zu wortlastig und überstrapaziert bei einer Laufzeit von 160 Minuten nicht nur das Gesäß, sondern mitunter auch das Gehirn und die Geduld.  
    Fazit: In seinen besten Momenten ist "Dogville" ganz, ganz großes Kino. In seinen schwächeren einfach
abgefilmtes Theater. Doch wer will bei einem solchen Ensemble schon ernsthaft meckern? Ein Erlebnis ist
der Film allemal. 2+



Intolerable Cruelty

USA 2003, von Joel und Ethan Coen

 

Die Coens machen Mainstream: Und selbst da beweisen sie Klasse

 

(js 10/03) Was haben wir den Coens nicht schon für filmische Juwelen zu verdanken? Im regelmäßigen Abstand von etwa zwei Jahren haben sie uns in den 90ern so wunderbare Filme wie "The Hudsucker Proxy", so grandios Groteskes wie "Fargo" und  "The Big Lebowski" und zuletzt "The Man Who Wasn't There" (s. Archiv) serviert. Und immer wieder bin ich freudestrahlend aus dem Kinosessel aufgestanden und habe mich auf den nächsten "Coen" gefreut. In diesem Jahr sah das ein wenig anders aus. Schließlich ließ der Trailer eine nette Komödie, aber eben ziemliches Mainstream-Kino vermuten. Noch erschreckender:  "Intolerable Cruelty" lief sogar mit Bundesstart in Siegen an. Kann solch ein Film wirklich was taugen? So viel vorweg: Er kann. 

    Miles Massey (George Clooney) ist der Gegencharakter des Dude. Er ist als Anwalt so gerissen, dass er die unmöglichsten Fälle trotz aller erdrückenden Gegenbeweise für seine Mandanten gewinnt. Die Professoren von Harvard widmen seinem unantastbaren "Massey"-Ehevertrag sogar ein ganzes Semester. Die Prioritäten des zahngebleichten Advokaten ändern sich jedoch schlagartig, als er eines Tages auf seine Traumfrau Marylin (Catherine Zeta-Jones) trifft. Die hat sich zum Lebensziel gemacht, möglichst viel Kohle zu machen, indem sie reiche Männer ehelicht, ihr Konto auffüllt und schnellstmöglich in die Wüste schickt. Ihre Taktik scheint auch gut zu funktionieren. Bis sie auf Miles trifft. Der vertritt nun dummerweise ihren Ehemann. Marylin geht leer aus.

    Was nun folgt, ist Screwball-Comedy pur. Miles will Marylin, sie ihn aber nicht. Oder doch? Eine Nacherzählung ist jedenfalls müßig und vollkommen überflüssig. Nur so viel: Den Coens ist ein durch und durch kommerzieller Film gelungen. Und damit meine ich gelungen. Die Kinobetreiber werden die beiden genialen Filmemacher für diesen Film wegen Kassenkompabilität lieben, die Fans amüsieren sich immerhin weitaus mehr als bei 95 Prozent des typischen Komödien-Ausschusses aus Hollywood. Das verdanken wir vor allem der Tatsache, dass man sich auf Joel und Ethan bei allem Kommerz eben doch verlassen kann. Denn so ganz ohne den Coen-Touch ist "Intolerable Cruelty" natürlich nicht. Figuren wie Masseys furchterregender Senior-Partner in der Kanzlei etwa, hervorragender Wortwitz und die eine oder andere verschrobene Inszenierungsidee sind Coen pur. Und auch die Schauspielerriege um Clooney und Zeta-Jones kann sich wieder sehen lassen, darunter Geoffrey Rush (zuletzt in "Frida" und "Pirates of the Caribbean") und Billy Bob Thornton ("The Man Who Wasn't There", "Monster's Ball") 

    Also, ins Kino gehen, sich eine makellose Komödie ansehen und wieder Vorfreude tanken für den nächsten Film der Brüder. Der kommt im nächsten Jahr, heißt "The Ladykillers" und ist eine Neuverfilmung des recht spaßigen englischen 50er-Jahre-Klassikers mit Alec Guinness und Peter Selles). Schade nur, dass Tom Hanks mitspielt (siehe dazu "Sieben filmische Gründe, ein Tom-Hanks-Hasser zu werden" im Archiv). Aber warten wir es ab. 2

 

 

 

Rabbit-Proof Fence

(Long Walk Home)

Australien/Großbritannien 2002, Regie: Phillip Noyce

 

Erschütternde Geschichtsstunde mit mäßiger Dramaturgie

 

(js 8/03) Es ist schon immer wieder erschreckend zu sehen, welche Länder Dreck am Stecken haben. Klar, Deutschland führt in dieser Hinsicht jede Hitliste an, das ist halt so. Aber eigentlich wird wohl jede der ach so zivilisierten europäischen Nationen beim Blättern im Geschichtsbuch ein besonders schwarzes Kapitel entdecken. Der actionerfahrene Regisseur Phillip Noyce zeigt uns nun, was sein Heimatland Australien so auf dem Kerbholz hat. Auch irgendwie ein Auswuchs europäischen Frevels. Erschreckend nur, wie nah wir noch immer an diesem dunkle Kapitel sind!

    Vor rund hundert Jahren entrissen die europäischen Australier den Ureinwohnern ihre Mischlingskinder - Kinder, die mit Sicherheit nicht mit dem freien Willen der Aborigine-Mütter gezeugt wurden. Ziel war es wohl, den Ureinwohner aus ihnen "herauszuzüchten", eine Vermischung der "Rassen" zu verhindern und die Kinder dann in den Dienst des weißen Mannes zu stellen. Eine kranke Idee, aber das war ja die Spezialität Europas im 20. Jahrhundert. Und das eigentlich Schlimmste daran: Das ganze ging bis 1970...

    Der "Rabbit-Proof Fence" ist der längste Zaun der Welt, geht einmal quer durch den australischen Kontinent und soll das Farmland vor einer Kanickelinvasion verschonen. An diesem Zaun wachsen drei halbweiße Aborinige-Kinder auf, bis sie eines Tages in ein fernes Lager verschleppt werden, in denen sie "erzogen" werden sollen. Schließlich ist es die "Aufgabe" ihres staatlichen Vormunds A. O. Neville (Kenneth Branagh), für "das Wohl" der Kinder zu sorgen. Lange halten es die drei Protagonistinnen nicht aus und ergreifen die Flucht. Sie wollen nach Hause, ohne zu ahnen, wie weit das eigentlich ist. Als Ariadnefaden durchs wüste Australien dient ihnen hierbei der Kaninchenzaun. Verfolgt von Spurensuchern und der Staatsgewalt legen die acht- bis 14-jährigen Kinder einen neunwöchigen Mammutmarsch von 2400 km hin, nur um am Ende nochmals ins ferne Camp transportiert zu werden. Eine schreckliche Odyssee, so effektiv wie der Arbeitsalltag des Sisyphus.

    "Rabbit-Proof Fence" ist erschütternd und zeigt, mit welcher abscheulichen Ignoranz und Arroganz sich die Europäer auf der ganzen Welt breit gemacht haben. Er zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Aborigines noch vor wenigen Jahrzehnten versklavt, misshandelt und vergewaltigt wurden. Ein Geschichtskapitel, das nicht sonderlich bekannt ist und das den Film sehenswert macht

    Dramaturgisch gesehen, und genau auf so etwas muss man einen Film auf der Filmseite eben auch abklopfen, bewegt sich "Rabbit-Proof Fence" eher im Mittelmaß. Die 94 Minuten verfliegen nicht gerade schnell, die Suspense hält sich durchweg in Grenzen. Dennoch: Die Darsteller (und damit ist nicht der arrivierte Nebendarsteller Kenneth Branagh gemeint, sondern die drei Kinder) überzeugen und reißen den Zuschauer dann doch irgendwie mit. 3+

 

Elling

Norwegen 2001, Regie: Petter Næss 

 

Fast so schön wie Sauerkrautpoesie

 

Kjell Bjane und Elling (rechts) sollen jetzt auf eigenen Beinen stehen

(js 8/03) Elling hat Angst. 40 Jahre lang hat der verschüchterte Mann bei seiner Mami gelebt. Jetzt ist sie tot, und die gefürchteten Männer in weißen Kitteln stehen vor der Tür, kommen in Ellings Refugium und zerren ihn aus dem Schrank, in dem er sich versteckt. Elling kommt in eine Klapse, wo er einen "Orang Utan" namens Kjell Bjarne kennen lernt, der "nichts als halbnackte Frauen" im Kopf hat. Die beiden freunden sich an und landen schließlich im Herzen der norwegischen Hauptstadt, wo ihnen Frank Åsli vom Sozialamt Oslo eine gemeinsame Wohnung besorgt hat. Ab jetzt sollen die beiden Retardierten allein zurecht kommen. Ganz ohne Hilfe.

    Klar, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist - so sieht es zumindest am Anfang aus. Elling, der feingeistig-spießige Feigling, muss das Telefonieren lernen, muss lernen, aus der Wohnung und hinein in die Menschenmassen zu gehen. Der handfest-blöde Kjell Bjarne bandelt inzwischen mit der schwangeren Reidun aus dem 4. Stock an, in die er sich schließlich verliebt. Schlimm für Elling, dessen Verlustangst nicht gerade klein ist, und der sich zur Kompensation seinem Lebenstraum verschreibt: Er wird der "Sauerkrautpoet" aus Oslos Untergrund, vesteckt seine Lyrik in Lebensmittelpackungen und gelangt so zu einem kleinen Bisschen Ruhm...

    "Elling", nominiert für den Auslands-Oscar 2002, ist eine der schönsten und rührendsten europäischen Komödien der letzten Jahre. Die Figuren sind auf ihre subtile Weise urkomisch und niedlich geraten und wunderschön porträtiert. Besonders Per Christian Ellefsen als Elling ist grandios und könnte auch in einem Film der Coen-Brüder seinen Platz finden. Ein makellos schöner Film! 1 

 

 

 

Phone Booth

(Nicht auflegen!)

USA 2002, Regie: Joel Schumacher

 

Joel Schumacher rehabilitiert!
von meinem Berliner Korrespondenten
Jan Wilhelm (8/03)

 

Telefone sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Zumindest nicht in Hollywood. Klar: Schon damals gab es gerne mal "Per Anruf Mord", doch der Telefonterror der letzten Jahre ist fast schon übertrieben. Seien es maskierte Serienkiller, die Dich am anderen Ende der Leitung nach Deinem liebsten Horrorfilm fragen, oder mysteriöse Stimmen, die Dir ein unheilvolles Ende innerhalb der nächsten sieben Tage prophezeien!

    Von solchen Telefongesprächen der unangenehmen Art kann nun auch Stu Shepard (Colin Farrell) berichten. Der unsympathische (aber immens erfolgreiche) PR-Agent ist ein zynischer, eingebildeter Kotzbrocken. Einer, der seine Untergebenen niedermacht, seine Klienten herum kommandiert und nebenbei noch seine Ehefrau (Radha Mitchell) mit der Kleindarstellerin Pamela (Katie Holmes) betrügt. Um sich mit dieser für intime Stelldicheins zu verabreden, benutzt Stu mit schöner Regelmäßigkeit immer die selbe Telefonzelle im Herzen New Yorks. Als er aber eines Tages das Gespräch mit Pam beendet, fängt das Telefon wieder zu klingeln an. Stu hebt den Hörer ab. Am anderen Ende? Na? Genau: Eine mysteriöse, unheilvolle Stimme (im Original gesprochen von Kiefer  Sutherland). "Ich ziele mit einem Scharfschützengewehr auf Dich. Wenn Du auflegst: Bist Du tot. Wenn Du um Hilfe rufst: Bist Du tot. Wenn Du nicht das machst, was ich Dir befehle: Bist Du tot." Von hier an nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Mehr zu verraten wäre ungerecht.
    "Nicht auflegen!" ist im Grunde genommen ein Experiment. Ein Film, der zu 90 Prozent im Inneren einer Telefonzelle stattfindet. Kann man das überhaupt spannend und abwechslungsreich inszenieren? Die Antwort ist ein eindeutiges "Ja". Regisseur Joel Schumacher, dessen letzter Film "Bad Company" einer Menschenrechtsverletzung gleichkam, hat es geschafft. Zumindest befindet er sich mit "Nicht auflegen!" definitiv auf dem Weg der Besserung. Hiermit knüpft er nun wieder an seine sehr frühen Leistungen wie "The Lost Boys", "Flatliners" und natürlich "Falling Down" an. Hauptdarsteller Colin Farrell untermauert ebenfalls seine Stellung als DER  Nachwuchsstar der letzten Jahre und das restliche Ensemble (insbesondere Afro-"Karl Dall" Forrest Whittaker als frustrierter Detective) unterstützt ihn dabei mit allen Mitteln. Kameraführung, Schnitt, Musik: Alles stellt sich in den Dienst der gewagten Grundidee.
    "Nicht auflegen!" ist somit, neben "Memento", einer der wirklich innovativen Thriller der letzten Jahre. Mit geringem Budget gedreht, eine großartige Idee verarbeitend, auf einen einzigen Höhepunkt zusteuernd, bietet der Film 80 Minuten lang spannende, gut inszenierte Unterhaltung, an der wohl auch Mr. Hitchcock seine Freude gehabt hätte. Respekt hierfür! 2+

 

 

 

The Pianist

GB/F/PL/D 2002 Regie: Roman Polanski

 

Polanskis schmerzliches Meisterwerk

 

(js 8/03) Die Gräuel des Dritten Reichs, vor allem der Holocaust, sind ja nicht gerade der innovativste Filmstoff. Thematisiert wurde das dunkle Kapitel unserer Geschichte schon oft und schon ausgesprochen gut. Dass es aber immer noch erschütternde Schicksale gibt, die einen weiteren Film rechtfertigen, hat Roman Polanski jetzt bewiesen. Er hat sich des Lebens des polnisch-jüdischen Pianisten W. Szpilmann angenommen. Und wurde dafür mit drei Oscars belohnt. Einen gab's für's Drehbuch, einen weiteren für den Hauptdarsteller, Shooting-Star Adrien Brody. Und den dritten hat Polanski gleich selbst eingestrichen für seine herausragende Regie. Interessant. Denn eigentlich wäre er längst dran gewesen, wäre da nicht sein noch immer vorhandener persona-non-grata-Status. Wie auch immer, jetzt war es Zeit für Polens besten Regie-Exportartikel, "The Pianist" ist großartig.

    Vor allem aber ist der Film einmal mehr Zeugnis unglaublicher Widerlichkeiten. Zur Geschichte: Szpilmann ist erfolgreicher Pianist, spielt in Edellokalen und sogar im Radio. Bis die Nazis in Warschau einfallen und ihn, seine Familie und 360 000 weitere Juden in ein Ghetto sperren. Von da an ändert sich das Leben des Klaviervirtuosen. Von nun an hält die Judenverfolgung Einzug in sein Leben. Er und seine Nachbarn werden Opfer unglaublicher Willkür der Nazis, werden misshandelt oder gleich samt Rollstuhl aus dem Fenster im vierten Stocken geworfen. Als das Ghetto schließlich geräumt wird und alle bis auf die "Brauchbarsten" ins KZ geschickt werden, beginnt Szpilmann eine Karriere als Waffenschmuggler und versorgt seine Glaubensgenossen mit den für den Aufstand nötigen Wehrmitteln. Später muss er sich wochenlang in den Ruinen der polnischen Metropole verstecken, hungern und in ständiger Angst zittern, bis er schlussendlich einem deutschen Soldaten (Thomas Kretschmann) ausgeliefert ist, der ihn aufgrund seines musikalischen Talents überleben lässt. 

    Zweieinhalb Stunden nimmt sich Polanskis Meisterwerk Zeit für diesen Stoff. Ein langer Film, der auch durchaus lang erscheint. Doch genau das muss er, um so kraftvoll zu wirken. "The Pianist" ist in den meisten Szenen nur schwer erträglich, die Bilder tun richtig weh und übertreffen die in "Schindlers Liste" oftmals. Und einmal mehr beweist Polanski, wie verdammt gut er ist. Da verzeiht man ihm seine "Neun Pforten" (1999) doch mit einem müden Lächeln. 1

 

 

 

Solaris

USA 2002, Regie: Steven Soderbergh

 

George Clooneys Gesäß auf Odyssee im Weltraum

 

Clooney und McElhone wundern sich doch sehr: Auf Solaris ist sogar ein Selbstmord nichts Endgültiges.

(js 7/03) Immer wieder taucht Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" (1968) in den Hitlisten der besten Filme aller Zeiten auf. Atemberaubende Aufnahmen, kühne Schnitte und allerlei psychedelisches Geflimmer brennen sich auch bei den skeptischsten Zuschauern ins Gedächtnis ein. Dass die Weltraum-Odyssee nicht jedermanns Geschmack ist und durchaus gehörig auf die Nerven gehen kann, ist eine Tatsache, die gern verschwiegen wird, wenn es darum geht, die bahnbrechendsten Filme des 20. Jahrhunderts aufzulisten. Wie auch immer, der Autor dieser Zeilen hat seine Probleme mit Kubricks schweigendem Bildbombast. Nicht so die Filmemacher nach Kubrick. Immer wieder wurde versucht, "2001" zu kopieren, Geschichten wie die des menschelnden Roboters HAL zu erzählen und vor allem philosophisch-psychologische Weltraummärchen zu erzählen. Auch Steven Soderbergh wollte mal ran an diese Herausforderung. Der Oscarpreisträger, der gerne mal experimentiert und sich weder vor Low- noch vor High-Budget-Produktionen scheut (im Sommer 2003 wieder mit "Voll frontal" auf Nummer billig), suchte sich Stanislaw Lems Roman "Solaris" aus, schnappte sich seinen "Ocean's Eleven"-Star George Clooney, gab Julia Roberts mal ein paar Wochen Drehpause und tauchte ab in die Tiefen des Universums.  

    Chris Kelvin (Clooney) ist Psychologe (natürlich mit eigener Macke) in einer mittelfernen Zukunft, der gebeten wird, auf einer Raumstation nach dem Rechten zu sehen. Irgendwas Mysteriöses ist vorgefallen da draußen vor den Toren des organisch-pulsierenden Planeten Solaris. Irgendwas ist eingedrungen in den von Menschenhand geschaffenen Außenposten, der seither ohne Kontakt zur Bodenstation ist. Houston, das klingt nach einem Problem. Noch bevor sich der Zuschauer auf einen spektakulären Raketenstart vorbereitet, ist Chris im Nu am Ziel angelangt. Und was er da oben vorfindet, ist vor allem Ruhe. Nur zwei, drei Leutchen aus der Besatzung kauern noch in ihren Kämmerlein herum, scheuer als Bambi und vor allem sehr geheimnisvoll. Was ist passiert? Schon bald soll es Chris am eigenen Leib erfahren: In der ersten Nacht träumt er von seiner Frau Rheya (Natascha McElhone), wacht auf, und siehe da - Rheya liegt neben ihm in der Kiste. Nicht als Halluzination, sondern mit Haut und Haaren. Dabei hat sie auf der Erde nach einem gezielten Griff in die Hausapotheke längst das Zeitliche gesegnet. Um gar nicht erst zu sehr ins Grübeln zu kommen, lockt er seine holde Gemahlin in eine Raumkapsel und schickt sie hinaus ins Universum. 

    Aber wie das auf Solaris nun einmal ist, kommt Rheya schon in der Nacht darauf zurück zu ihrem Chris. Sie hat kaum Erinnerungen und besteht eigentlich nur aus den Erinnerungen ihres verwitweten Mannes. Die echte Rheya ist und bleibt tot, es lebe ihre Kopie. Und Kopien hat die Crew auf Solaris schon einige gesehen, jeder der Weltraumreisenden hat seine persönliche Begegnung der dritten Art hinter sich. Was jetzt folgt, ist keinesfalls ein von Hightech strotzendes Effektfeuerwerk, wie es von Großproduktionen mit Weltallhandlung zu erwarten ist. Alles, was sich auf Solaris abspielt, hätte genau so gut auf einer einsamen Insel  oder in einer abgeschiedenen Hütte spielen können. Ein Kammerspiel eben, bei dem sich Phantasie-, Real- und Erinnerungsszenen abwechseln. Dass die Ehe von Chris und Rheya alles andere als harmonisch lief und am Ende im Suizid der Gattin endete, wird peu à peu aufgedröselt. Die neue Rheya, oder besser deren Erscheinung, hat nicht viel mit der Verstorbenen gemein. Außer dem Hang zum Suizid vielleicht. Dennoch glaubt Chris an eine Zukunft mit der schönen Dame und will sie auf keinen Fall in ihre Moleküle zerlegen lassen, wie es die anderen an Bord fordern. Irgendwie nachvollziehbar, denn wer würde nicht versuchen, begangene Fehler zu beheben, wenn's eine (und wenn auch absurde) zweite Chance gäbe?

    In ästhetischen Bildern, unter permanenten Brummgeräuschen und vor allem in angenehm knappen 99 Minuten erzählt Soderbergh das traumatische Ehedrama, das sich entgegen der Erwartungen so gut wie gar nicht auf seine aufwändige Ausstattung stützt. Vielmehr sind es zwei phantastisch aufgelegte Hauptdarsteller, die die nicht unbedingt greifbare Tragödie tragen. Sowohl George Clooney, der als kleines Bonbon für alle Interessierten zwei Mal seine symmetrischen Hinternbacken durchs Bild trägt, als auch die immer wieder sehenswerte Natascha McElhone machen ihre Sache ausgesprochen gut. Zum Ende hin verliert sich  "Solaris", ganz im Sinne seines großen Bruders "2001: A Space Odyssey", ins Unergründliche. Ins betont Unergründliche, wohlgemerkt. Und an dieser Stelle liegt es am Engagement des Betrachters, ob er noch weiter über das Gesehene philosophieren möchte. Ich für meinen Teil hab keine große Lust. Wer will, darf an dieser Stelle gerne weiterschreiben: Gastkritik 2- 

 

 

     

Frida

USA 2002, Regie: Julie Taymor

 

Die beiden Unfälle im Leben der Frida Kahlo

 

(js 7/03) "Es gab zwei große Unfälle in meinem Leben", erklärte Frida Kahlo (1907-1954), die Grande Dame der mexikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Über beide Unglücksfälle berichtet die Biopic von Julie Taymor, die Hauptdarstellerin und Produzentin Salma Hayek ihre erste Oscar-Nominierung einbrachte. Der erste Unfall ereignete sich in Kahlos Jugend: Nach einem Bus-Crash war sie vorerst an den Rollstuhl gefesselt, fing sich aber so langsam wieder ohne sich jedoch jemals vollends von den Folgen zu erholen. Dennoch hat sie an ihrem Lebenstraum festgehalten, sich an die Staffelei geschwungen und gemalt, was das Zeug hielt. Bis sie zur großen Surrealistin jenseits der Karibik avancierte. Unfall zwei, so sagt die Kahlo im Film, war die Ehe zum großen Freskenmaler Diego Rivera. Der (gespielt von Alfred Molina, "Plots With a View") war schlappe 21 Jahre älter und bereits ein gefeierter Dandy der Kunstszene, als die kleine Frida, Tochter einer Mexikanerin und eines deutschen Juden, noch im Krankenbett lag und langsam wieder das Laufen lernte. Er führte sie in die Welt der Künst(l)e(r) ein und entfachte ganz nebenbei ihre Liebe zum Kommunismus. Trotz aller Unterschiede und Riveras offensichtlicher Promiskuität traten die beiden 1929 vor den Traualtar und führten eine sonderbare Ehe voller Seitensprünge und sonstiger Eskapaden. Klar, dass die Kahlo auch noch die eine oder andere Geschlechtsgenossin abschleppte...

    Alles läuft bestens für die beiden. Sie werden weltberühmt, reisen umher. Als Höhepunkt der Rivera'schen Karriere wird eine Auftragsarbeit im Rockefeller Center in New York dargestellt. Der Zusammenprall zwischen Riveras Kommunismus und dem Rockefeller'schen Kapitalismus geht jedoch nicht besonders gut aus: Als der Maler in seiner überdimensionierten Arbeit das Konterfei von Lenin unterbringt, versteht selbst Rockefeller-Neffe Nelson (Edward Norton) keinen Spaß mehr und lässt das Gemälde kurzerhand wieder entsorgen. Dem Ruhm und dem Wohlstand der beiden Mexikaner tut das jedoch keinen Abbruch.

    Was die Ehe zu Diego zum zweiten großen Unfall machte, war ein erneuter Seitensprung, diesmal mit Fridas Schwester Christine. Erst die gemeinsamen kommunistischen Ideale bringen die beiden erneut zusammen. Als Russlands Revoluzzer Leo Trotzkij (Geoffrey Rush, "Pirates of the Caribbean"), ins mexikanische Exil kommt, sind sie die ersten, die ihm Unterschlupf gewähren. Und für den Bärtigen hat die Kahlo natürlich auch in ihrem Bettchen ein warmes Fleckchen reserviert. Trotzkij wird schließlich doch noch abgemurkst und die Riveras heiraten erneut. Bis zu Fridas Tod bleiben sie vereint und freuen sich am Ende des Films gar auf ihre Silberhochzeit.

    Der Film, der vor allem dem Klinkenputzen von Mexikos schönsten Hollywood-Export Salma Hayek zu verdanken ist, bietet großes Kino. Wie sehr die Geschichte dem komplexen Leben der Frida Kahlo gerecht wird, sei dahin gestellt. Für den eher mäßig informierten europäischen Kinogänger jedenfalls wird es interessant, spannend und tief traurig dargestellt. Die Darsteller laufen zu Hochform auf, allen voran natürlich die Oscar-nominierte Hayek, die bislang eher die sexy Schlangentänzerin wie in "From Dusk Till Dawn" und "Desperado" gab. Ebenfalls herausragend: Alfred Molina als "Fettsack" Diego Rivera. Und die Gastautritte aus dem Hayek-Bekanntenkreis (Edward Norton, Ashley Judd, Antonio Banderas) und von Geoffrey Rush geben dem Film seine besondere Edelnote. 

    Optisch ist "Frida" sehr ansprechend gelungen. Am besten ist der Film immer dann, wenn er seine Bilderwelt mit der der Kahlo verschmilzen lässt, wenn Gemälde plötzlich zu Leben erwachen oder einschneidende Momente in surreale Bildeinstellungen einfrieren - etwa das Ende des Films ist in dieser Hinsicht perfekt gelungen. Von diesen ästhetischen Leckerbissen hätte ich mir sogar noch einige mehr gewünscht. 1

 

 

 

 

The Hulk

USA 2003, Regie: Ang Lee


Ein Mann sieht grün


von meinem Korrespondenten Jan Wilhelm (7/03)


Er ist groß, breit und grün. Fast jedes Kind weiß sofort, um wen es sich hierbei handeln muss (Nein! Nicht Rezzo Schlauch...): Der Hulk. Einer der unzähligen populären Superhelden, die in der amerikanischen Comic-Schmiede "Marvel" Mitte der 60er Jahre das Licht der bunten Comicwelt erblickt haben. Ebenso wie seine Kampfgefährten Spiderman, Daredevil und die gesamte X-Men-Horde stammt auch der grüne Riese aus der Feder von Comic-Altmeister Stan Lee und ebenso wie seine illustren Freunde findet nun auch der gewaltige Hulk seinen Weg auf die Kino-Leinwände des noch jungen Jahrtausends. Comic-Verfilmungen haben auch im Jahr 3 nach "X-Men" nichts von ihrer Wirkung an den Kinokassen verloren und garantieren mindestens solide Einspielergebnisse ("Daredevil"), wenn nicht sogar spektakuläre Einnahmen ("Spider-Man", "X-Men 2").

    Jetzt also der Hulk. Die Geschichte um den Wissenschaftler Bruce Banner, der nach einer Extradosis Gamma-Strahlen in bewährter Jekyll-Hyde-Manier (und wenn man ihn gehörig ärgert) zum kräftigen, grasgrünen Unhold mutiert. Was die Leinwand-Adaption des Hulks aber nun von denen seiner Vorgänger unterscheidet, ist in erster Linie die ungewöhnliche Besetzung des Regiestuhls. Asien-Import und Arthaus-Regiewunderkind Ang Lee ("Der Eissturm", "Crouching Tiger Hidden Dragon") begibt sich mit HULK erstmals unwiederbringlich in die Hände der großen Maschinerie Hollywood und realisiert seinen ersten großen Blockbuster. 

    Resultat: Einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre. Man merkt dem Endresultat in jeder Sekunde den Spaß an, den Lee (der übrigens mit Stan Lee weder verwandt noch verschwägert ist) wohl beim "wildern" im Neuland des spektakulären Unterhaltungskinos gehabt haben muss. Wenn im letzten Viertel des Films der grüne Gigant sich auf seine Verwüstungstour durch San Francisco begibt, kennt der Filme keine Grenzen mehr. Der 4-Meter-Hulk springt mit Siebenmeilen-Sprüngen durch Canyons, fliegt mit Düsenjets in Richtung Weltall, kippt Cable-Cars und wirft Panzer in hohen Bögen durch die Gegend. Das ganze ist nicht nur tricktechnisch perfekt animiert, sondern besitzt auch zum ersten Mal die wilde groteske, übertriebene Ästhetik der Vorlage, die anderen Comic-Verfilmungen in der Vergangenheit abging. Auch die wirklich innovativen Schnitte und Perspektiven zitieren konsequent die Panel-Aufgliederung der gezeichneten Vorlage. Was die eigentliche Geschichte angeht, so findet man hier, unter all' dem Bombast, noch klare Spuren aus Ang Lees Vergangenheit. Der Konflikt zwischen Bruce Banner/Hulk (Eric Bana) und seinem Vater (Nick Nolte) spiegelt sich in der Beziehung zwischen Banners Freundin Betty Ross (Jennifer Connelly) und ihrem Vater (Sam Elliott), der als Kommandant der US-Armee die Jagd auf den grünen Beserker aufnimmt wieder. Für emotionale Spannungen ist also auch hier gesorgt.
    Fazit: Großartige Spezialeffekte (der Hulk ist ein computergeneriertes Meisterstück), solide Darsteller (wobei Nick Nolte wohl mittlerweile auch im realen Leben so fertig aussieht wie auf der Leinwand), unterhaltsame Action und ein verhältnismäßig cleveres Drehbuch sorgen für Kurzweil im Kinosessel. Dass der Film in Amerika sich nicht zum erwünschten Kassenerfolg entwickelt, gibt dieser ambitionierten Comicverfilmung im Nachhinein Recht. Dafür ist sie dann teilweise wohl doch zu speziell und sperrig geraten. 2

 

 

 

Bruce Almighty

USA 2003, Regie: Tom Shadyac

 

Back to the Roots: 

Jim Carrey hat das Nerven nicht verlernt

 

(js 7/03) Irgendwie kann einem Jim Carrey ja leid tun. Da hat er sich als die Grinsefresse der 90er an die Spitze des Hollywood-Firmaments gespielt und alle einigermaßen anspruchsvollen Kinogänger vergrault, nur um 1998 plötzlich einen auf großen Charaktermimen zu machen. "The Truman Show" bescherte ihm wider aller Erwartungen zwar nicht die ersehnte Oscarnominierung, wohl aber eine gehörige Portion Respekt. Zu recht, in dem Film, der nur wenige Monate nach seinem Start von der "Big Brother"- Realität eingeholt wurde, machte Carrey gar keine so schlechte Figur. Grund genug, auch weiterhin den ach so Seriösen zu geben und sich frei zu strampeln vom Image des Blödians. Es folgten "The Mighty" (kenn ich nicht) und Milos Formans nette Biografie "Der Mondmann" (1999), vom Oscar aber (mal wieder) weit und breit keine Spur. Was also soll ein Herr mit der Gesichtselastizität eines Herrn Carrey machen, wenn Jack Nicholson das Feld der "Anspruchsvollen" mit Mut zur Fratze schon mehr ausreichend abdeckt? Klar, zurück zu den Wurzeln. Zurück zur Grimasse.

    In "Bruce Almighty" findet Jim Carrey zurück zu seinen Ursprüngen. Wie schon in "The Mask" (1994), "Batman Forever" (1995), "Dumb and Dumber" (1995), "Liar Liar" und Co. darf er hier wieder so richtig dämlich herumalbern. Und dabei ist Protagonist Bruce seinem Darsteller Jim gar nicht mal so unähnlich. Auch Bruce will hoch hinaus, will nicht weiter den albernen Außenreporter seines Nachrichtensenders spielen. Er will Anchorman werden. Peter Kloeppel statt Frank Sitter sozusagen. Irgendwie klappt's aber nicht ganz so, wie er möchte. Alles läuft schief, und wer könnte mehr Schuld daran tragen als... Gott? Der wird kurzerhand beschimpft und verflucht. Was er sich - zumindest in der Filmwelt des Tom Shadyac - nicht gefallen lässt. Er kommt schnell nach Amerika gereist (schließlich hatte auch der Teufel schon in so manchem Film eine Filiale in den USA, siehe "Devil's Advocate", "Angel Heart"), überträgt dem unzufriedenen Reporter seine Allmacht und macht sich auf in den wohl verdienten Urlaub. Den letzten hat er ja schließlich schon im finsteren Mittelalter gemacht. 

    Der Trailer zum Film zeigt bereits, was jetzt auf den Zuschauer losgelassen wird. Bruce bringt sein Leben auf Vordermann, bastelt mit göttlichen Fähigkeiten an seiner Karriere, lässt Gebete automatisch per PC beantworten und bringt zu guter Letzt alles tüchtig durcheinander. So auch sein Liebesleben mit seiner Angebeteten (Jennifer Aniston). Denn eines kann er nicht beeinflussen: den freien Willen... Schlussendlich, und da verrate ich sicher nicht zu viel, geht natürlich alles ganz toll aus. Die Macht geht zurück an Gott und Bruce lernt die Lektion seines Lebens: "Sei selbst das Wunder". 

    Oh je, tut mir ja auch leid für Herrn Carrey. Er hat scheinbar abgeschlossen mit dem "großen" Kino und sich wieder auf das sichere Fundament der Slapstick gestellt. Dabei ist der Film keinesfalls unerträglich und hat so manchen zündenden Gag auf Lager. Toll ist er aber auch nicht gerade. Mainstream pur eben. Passend zu Nebendarstellerin Jennifer Aniston. Die hat schließlich auch nicht mehr auf Lager. 5

 

 

 

Anatomie 2

Deutschland 2003, Regie: Stefan Ruzowitzky

 

Die Loge der Anti-Hippokraten schlägt wieder zu: 

Ekelschocker mit leicht überhöhtem Zombie-Faktor

 

Die Makatsch matscht auch mit. 

(js 6/03) Das große Vorbild für den 2000er Schocker "Anatomie" war Hollywood. Allein die Kulisse des altehrwürdigen Heidelberg und unsere inzwischen auch zum US-Film abgewanderter deutscher Star Franka Potente brachten etwas Deutsches in diesen Horrorthriller. Ebenfalls typisch Hollywood ist es, jetzt noch einen drauf zu setzen und ein Sequel zu bringen. Lustlos "Anatomie 2" getauft, dafür aber härter, ekliger, blutiger und actiongespickter als der erste Teil. Und wieder lässt uns Regisseur Stefan Ruzowitzky in die unmoralischen Tiefen der Medizin abtauchen. Wieder sind die bösen Anti-Hippokraten am Werk, erneut widersetzen sie sich den ethischen Grundsätzen der weißen Götterwelt. Jo (Barnaby Metschurat) kommt aus Duisburg als hochmotivierter AiP-ler nach Berlin. Schon bald scheint sein Idealismus in der stressigen Metropolen-Chirurgie verloren zu gehen. Wollte er doch seit dem frühen Tod seines Vaters nur eines: Menschen wie ihn und seinen gelähmten Bruder heilen, die Grenzen der Medizin ausweiten. 

    Da kommt es dem jungen Idealisten nur gelegen, dass er in die Loge eben jener Ärzte aufgenommen wird, die es mit dem Hippokratischen Eid nicht allzu ernst nehmen, Tabus brechen und an sich selbst herumdoktern. Chef des Ganzen ist Professor Charles Müller-LaRousse (Herbert Knaup), der mit künstlichen Supermuskeln die natürlichen Strecker und Beuger ersetzen und in großen Schritten gen Nobelpreis marschieren will. All seine Jünger haben sich bereits als Testkaninchen zur Verfügung gestellt, und auch Jo hat schon bald seinen ersten künstlichen Wadenmuskel sitzen. So weit so gut. Nur irgendwie stimmt was nicht mit diesem manischen Frankenstein der Postmoderne. Warum z. B. hat sich sein Bruder und Mitarbeiter Benny zu Beginn des Films spektakulär selbst in gern zitierter Christus-Pose exekutiert? Wieso stirbt einer der AiP (Frank Giering), nachdem er Jo alles über den "wahren" LaRousse sagen will? Und was ist dran an den Behauptungen von Gaststar Franka Potente, die in ihrer alten Rolle noch immer (und jetzt mehr denn je) gegen den Geheimbund mobil macht? Langsam aber sicher merkt Jo, dass er in etwas hinein geraten ist, das ihm nicht sonderlich gut tut und gar sein Leben massiv bedroht. Der blutrünstige Showdown ist vorprogrammiert.

    Mehr noch als "Anatomie" bedient sich dieser Neuaufguss an Splattereffekten und Verschwörungstheorien. Dabei wählt Ruzowitzky einen anderen Look für seinen Zweiten. Mehr Handkamera, grobkörnigere Bilder, mehr Tempo. All der badische Charme des 1. Teils weicht der Moloch-Atmosphäre der Großstadt. Eigentlich ist die Story intelligenter als die erste. Ging es vor drei Jahren noch um eine radikale (und deutlich sinnfreie) Uminterpretation der von Hagen'schen "Körperwelten", bedient sich das Drehbuch im zweiten Anlauf an der (nicht unbedingt originellen, aber immer wieder wirksamen) "Herrenrassen"-Thematik. LaRousse will den perfekten Menschen schaffen und geht dabei über Leichen. So etwas kommt immer wieder gut und lässt den Zuschauer tüchtig bibbern. Schade nur, dass sich die Geschichte nicht erst zu guter Letzt in eine Zombie-Horror-Richtung entwickelt. Das ist zwar schaurig, aber nicht mehr grandios. Okay, "Anatomie" war auch kein Brüller. "Anatomie 2" aber erst recht nicht. Trotz guter Darsteller und all seiner Ekelzutaten. 3-

 

 

Verschwende deine Jugend

Deutschland 2003, Regie: Benjamin Quabeck

 

 Spaßige NDW-Hommage mit guter Besetzung

 

(js 7/03) Gerade hat die schrille Welt der 80er die Mattscheibe verlassen, kaum haben sich Modern Talking erneut getrennt und Nena mit Kim Wilde geträllert, da hält das scheußliche Jahrzehnt auch Einzug ins deutsche Kino. Genauer: Die Neue Deutsche Welle, die kurze aber bahnbrechende Periode peinlicher Textzeilen, noch peinlicherer Instrumente und den allerpeinlichsten Outfits.  

    Harry Pritzel (Tom Schilling) ist ein 19-jähriger Sparkassen-Azubi aus München, will aber keinesfalls sein Leben lang das Kleingeld seiner Kundschaft verwalten. Er will hoch hinaus. Weil er aber nicht gerade talentiert ist und schon gar nicht gerne auf einer Bühne steht, zieht er lieber die Fäden im Hintergrund. "Apollo Schwabing" heißt das peinliche Trio, das Harry managt. Und außer katastrophalen Showpeinlichkeiten bekommen die drei Musikusse (Robert Stadlober, Jessica Schwarz und Marlon Kittel) einfach gar nichts auf die Reihe. Wie kann man aus denen einen Hit machen? Wie kann man Kritiker-Papst Wieland Schwarz (Christian Ulmen) davon überzeugen, dass "Apollo Schwabing" die bajuwarische Antwort auf D.A.F. ist? Ganz einfach, denkt sich Harry, mietet spontan und vollkommen übermütig die Halle des Zirkus Krone an und will ein Festival starten lassen. Mit "Apollo" und den "Elektronischen Zwergen" im Vorprogramm. Und im Hauptprogramm dann D.A.F. Das könnte der Durchbruch sein! Nur Pech, dass die schwulen D.A.F.-Jungs nichts von ihrem Gig in Bayern wissen. Während sich die Band mit ihren Allüren, Seitensprüngen und Kreativitätsblockaden beschäftigt, versucht Harry ab sofort, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, der er beim besten Willen nicht gewachsen ist. Ohne die nötigen Kröten in der Tasche, ohne Zukunftsperspektiven und zu guter Letzt auch noch ohne Hemmungen beißt er sich an seinem Ziel fest wie ein Pitbull am Arm eines Passanten und bringt am Ende - wen wundert's? - tatsächlich D.A.F. auf seine Bühne. Und sich vor den Jugendrichter. 

    "Verschwende deine Jugend" ist ein ausgesprochen netter und amüsanter Film. Ohne große Überraschungen zwar, aber eben genau das, was er seinen Zuschauern verspricht. Allein die Dekorationen, die Outfits und die pseudo-weltverbesserischen Ansichten seiner Figuren sind natürlich zielsichere Zutaten für eine gelungene Hommage an die frühen 80er. Da kann schon mal nicht allzu viel schief gehen, außer, man übertreibt es. Das tut Regisseur Benjamin Quabeck nicht und hat zusätzlich ein glückliches Händchen mit seiner Besetzung getroffen. Die drei Band-Mitglieder machen sich allesamt gut, vor allem aber das ewige Bübchen Tom Schilling (der bereits in "Crazy" mit Stadlober zankte) überzeugt als größenwahnsinniger Antiheld Harry. Ihm beim Sprint in die Blamagen zu zusehen, macht einfach Spaß. 2 

 

 

28 Days Later

Großbritannien/USA 2002, Regie: Danny Boyle, Buch: Alex Garland

 

Die Apokalypse der Tollwut: Danny Boyle in Höchstform

 

(js 6/03) Manchmal ist es besser, noch ein Weilchen im Koma zu bleiben oder gar nicht erst wieder aufzuwachen. Das bemerkt der englische Fahrradkurier Jim (Cillian Murphy), als er in einer vollkommen menschenleeren Intensivstation zu sich kommt. All seine "Hallo"-Rude verschallen in den Gängen, und auch draußen steppt nicht gerade der Bär. London, die pulsierende Metropole in Westeuropa, ist wie ausgestorben. Das Riesenrad am Themseufer steht still, kein Auto fährt durch die Straßen, von Touristen weit und breit keine Spur. Vermisstengesuche am Piccadilly Circus und Zeitungsausschnitte von vor vier Wochen sprechen vom großen Exodus. Was ist passiert? Wir Zuschauer wissen es bereits: 28 Tage zuvor haben Tierschutzaktivisten unvorsichtigerweise ein paar Affen in die Freiheit gelassen. Was bei "12 Monkeys" harmloser war als erwartet, entpuppt sich hier zum Anfang vom Ende. Die Primaten sind mit nichts weniger als "Wut" infiziert, die sie in rasanter Tröpfcheninfektion an die Menschen weiter geben. Als Jim aus der Leichenstarre erwacht, ist so gut wie jeder infiziert und wandelt als zombieähnliche Gestalt umher. 

    Wie es das Drehbuch so will, ist Jim natürlich nicht der einzige Überlebende dieser menschengemachten Apokalypse. Schnell findet er ein paar Nichtinfizierte, mit denen er sich brutal und blutverschmiert durch das im wahrsten Sinne ausgestorbene London schlagen. Der Weg führt den Trupp nach Manchester, wo sie auf eine Gruppe Soldaten stoßen. Und hier passiert es: Waren zuvor die Zombies die Bösen und die Normalos die Guten, ist die kleine Gesellschaft der Militärs weitaus differenzierter. Hier ist es nicht mehr so leicht möglich, gut von böse zu unterscheiden. In uns allen steckt wohl ein kleiner Zombie; bei Gerorge Orwells "Animal Farm" konnten wir am Ende schließlich auch nicht mehr zwischen Schwein und Mensch unterscheiden. Und so ist es nur konsequent, dass Jim, unser Held, nur durch einen Tollwutanfall überleben und seine Schützlinge retten kann. Von den Zombies unterscheidet er sich in diesen Filmminuten in keiner Weise. Außer, dass er Gutes im Schilde führt und damit den Weg zu einem Happy End ebnet.

    Regisseur Danny Boyle hat es geschafft. Er kann wieder voll und ganz an seine Glanzzeit ("Trainspotting") anschließen - dank des kranken Drehbuchs von Alex Garland ("The Beach"). Die Optik im Sinne der dänischen Dogma-Filmer, der minimalistisch-bedrückende Soundtrack und die zurückhaltenden, aber umso eindringlicheren Effekte schafft er eine Zombiemär, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Und genau das macht den unbeschreiblichen Schrecken von "28 Days Later" aus, dessen nervenzerrende Spannung seinesgleichen sucht. Der Zuschauer bekommt dabei hin und wieder eine Ohrfeige verpasst, etwa wenn Selina in den ersten Filmminuten ihren besten Freund dahin metzelt, ohne mit der Wimper zu zucken. Und irgendwie funktioniert neben all dem Schrecken auch die sozialkritische Moral des Films. Die Rettung für unsere tollwütige Gesellschaft, so sagen Boyle und Garland, liegt in der Kommunikation. Das großflächige "Hello" am Ende der Reise durchs Zombieland ist da ja schon mal ein Anfang. 2+

 

Plots With a View

(Grabgeflüster - Liebe versetzt Särge) GB 2002, Regie: Nick Hurran

 

Grab-Hopping in Wales: 

Nette Komödie, mies synchronisiert

 

(js 6/03) Beim Übersetzen von Filmtiteln werden die Deutschen immer seltsamer. Trend Nummer 1 ist das Auswechseln eines englischen Titels durch einen anderen, so geschehen etwa bei "Ami Go Home" (Original: "Buffalo Soldiers", siehe Archiv!), oder jüngst "Long Walk Home" (O: "Rabbit-Proof Fence"). Trend Nummer 2 sucht uns schon seit Jahrzehnten heim: Einfach einen möglichst "flotten" Blödsinnstitel, der mit dem Original eher wenig zu tun hat. "Plots With a View" ist so ein Fall. "Grabgeflüster", dachten sich die Verleiher, ist ein dufte deutscher Name für diese britische Komödie. Und das aus zwei Gründen: Erstens ist er ach so makaber und somit passend für einen ach so makabren englischen Film. Zweitens knüpft er nahtlos an eine relativ erfolgreiche Komödie mit derselben Hauptdarstellerin an: Im Jahre 2000 hat man Brenda Blethyn sehenswerte Kifferklamotte "Saving Grace" schon "Grasflüster" getauft. Wie sinnig... 

    Inhaltlich haben die beiden Filme nicht sonderlich viel gemein, ähnlich jedoch ist ihre Grundstruktur - spießige Menschen in spießigen britischen Kleinstädten machen Bekanntschaft mit der Grenze der Legalität. Betty (Blethyn) ist eine Endvierzigerin der langweiligen und vor allem unzufriedenen Sorte. Im walisischen Kleinstädtchen Wrottin-Powys aufgewachsen, hat sie mit dem selbstverliebten Stadtrat den widerlichsten Kotzbrocken geheiratet, den sie dort nur finden konnte. Als dessen tyrannische Mutter das Zeitliche segnet, gerät die scheue Betty in Kontakt mit dem örtlichen Bestatter Boris Plots (Alfred Molina, "Frida"), der ihr schon seit gut 30 Jahren hinterher späht. Der hat alles, was der Gatte nicht hat, vor allem ist er ein Sympath, ein begnadeter Tänzer und ausgesprochen romantisch. Er träumt davon, mit der verheirateten Betty durchzubrennen und per Dampfer in Richtung Karibik zu flüchten. In seiner Eigenschaft als Beerdigungsunternehmer hat er auch gleich einen Plan parat: Betty soll ihren Tod inszenieren und mit Todesengel Plots verschwinden. Gesagt, getan. Dass eine Hand voll unvorhersehbarer Schwierigkeiten umschifft werden muss, bis das große Schiff in den Süden bestiegen werden kann, ist klar.

    "Plots With a View" ist britisches Unterhaltungskino, wie man es erwartet. Nette, verschrobene Gestalten geistern durch ziemlich unbebaute Landschaften und fischen ordentlich nach Sympathie. Neben dem obligaten Bösewicht und seiner schlampigen Geliebten (Naomi Watts, "Mulholland Dr", "The Ring", "21 Grams") gehört auch ein Idiotengespann zum Team komödiantischer Archetypen. Hier sind es der amerikanische unkonventionelle Totengräber Frank Feather (Christopher Walken) mit seinem faulzahnigen Kompagnon Del, die sich mit Star-Trek-Beerdigungen und sonstigen multimedialen PR-Gags einen Namen zu machen suchen und dabei teils amüsant, meist jedoch nervig-plump daherkommen. Schlimmer noch als der deutsche Titel ist die Synchronstimme von Brenda Blethyn. Im Original mag sie eine nette Person sein, die der geneigte Zuschauer schnell in sein Herz aufnimmt. Im Deutschen scheint sie bis zur Unerträglichkeit naiv zu sein und ist voll und ganz geistige Schwester des nervtötenden "Golden Girl" Rose aus St. Olav. Lediglich im fulminanten Showdown macht sie diese Schwäche des Films wett: Da darf die gehörnte Ehefrau und untote Tote Naomi Watts gewaltig das Fürchten lehren. Alles in allem nettes britisches Kino. Kann man sehen, muss man aber nicht. 2-

 

    

One Hour Photo

USA 2002, Regie: Mark Romanek

 

Ein Psychoduell der ausgesprochen subtilen Art 

 

Nach Lachen ist ihm kaum zumute: Robin Williams gibt als Fotolaborant Sy Parrish eine der traurigsten Gestalten der jüngsten Filmgeschichte.

(js 6/03) Dass Robin Williams innerhalb eines Jahres in gleich zwei Filmen den Mann mit der Psychomacke spielte, war den Verleihern hierzulande etwas zu riskant. "Insomnia" lief recht zeitnah an, "One Hour Photo" musste weichen und kam mit halbjähriger Verspätung auf deutsche Leinwände. Über die Qualität der Filme sagt das aber nichts aus, beide spielen in der selben Liga, Williams lässt in beiden das Nerven sein und zeigt sich von seiner besten Seite.     

    Sy Parrish (Williams) arbeitet in einem Supermarkt-Stunden-Fotoservice. Er ist ein einsamer, armer Tropf, ohne Privatleben. Einzig die farbenfrohe Welt seiner Fotoentwicklung spendet ihm Trost und lässt ihn teilhaben an dem, was andere Leben, Glück und Zufriedenheit nennen. Besonders eine Stammkundin, Nina Yorkin, und ihre Familie haben es Sy angetan. Seit Jahren entwickelt er ihre Filme, hat das Familienleben und das Heranwachsen des Sohnes auf Kodakpapier miterlebt. Und sich ein kleines Stück von dieser heilen Welt mit nach Hause genommen: Neun Jahre lang hat sich Sy Abzüge gemacht von den Familienbildern der Yorkins, sie in seiner Wohnung aufgehängt und einen Schrein errichtet. Dass diese Art der zwischenmenschlichen Beziehung nicht auf Dauer gut gehen kann, ist dem Zuschauer schnell klar, die Grundlage für einen Psychothriller ist gelegt. Alles läuft soweit gut, bis Sy auf Fotos einer weiteren Kundin auf einen Skandal stößt: Will Yorkin, der smarte und ach so vorbildliche Familienvater, hat eine Affäre. Die Familienidylle ist bedroht und somit indirekte Glück des Fotoshop-Angestellten. Klar, dass die Enttäuschung Sys eine echte Bedrohung für die Yorkins bedeutet, die sich ab sofort alles andere als sicher fühlen können. So weit, so konventionell. Doch das Drehbuch hat Originelleres im Sinn. Was, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: "One Hour Photo" entspricht den Psychothriller-Konventionen nur bedingt und ragt dadurch aus der Masse dieser Filme (à la "Die Hand an der Wiege"). 

    Zu einem intelligenten Drehbuch und soliden Darstellerleistungen gesellt sich eine brillante Optik in Romaneks Film. Angelehnt an das Farbspektrum der Hochglanzbilder werden Williams & Co. situationsbedingt in gleißendes Gelb, blutendes Rot oder eiskaltes Blau gefärbt, was dem Film seine ganz eigene Atmosphäre verleiht. Alles in Allem ein ausgesprochen sehenswertes Thrillerdrama, das zwar keine schlaflosen Nächte bereitet, dafür aber eine Art rührende Spannung verbreitet. 2+

 

Confessions of a Dangerous Mind

USA 2002, Regie: George Clooney

 

Some things are better left top secret

Gastkritik von Heidi Schorr, M.A. (5/03)

„Gelungenes Regiedebüt!“ würde ich in meinem unnachahmlichen, von Heller bestätigten Feuilletonstil ausrufen, hätte ich mir diesen nicht abgewöhnt. George als Agent des CIA und Regisseur seines ersten Filmes, eine Pseudo-Doku über das Leben des amerikanischen Fernsehmoderators Chuck Barris. Barris wurde in den 60ern bekannt als Erfinder und Moderator des „Dating Game“ (in Deutschland die üblichen rund 30 Jahre später erschienen als „Herzblatt“) und weiterer kurioser Gameshows („The Game Game“, „The Newlywed Game“), unter anderem der „Gong Show“, in der unglaublich schlechte Laiensänger sich vor Millionenpublikum horsten konnten (und hiermit etabliere ich schriftlich dieses reflexive Verb). Dem sexsüchtigen Chuck (Sam Rockwell) fallen in alltäglichen Situationen Gameshowkonzepte ein, die sich nach jahrelanger erfolgloser Bewerbung plötzlich als Knaller herausstellen. Seine Glückssträhne setzt ungefähr zeitgleich mit dem Kennenlernen einer Frau (Drew Barrymore) ein, die mindestens ebenso gerne wie er ihre Sexpartner wechselt, was die beiden paradoxerweise ungemein zu verbinden scheint. Barris, nun vom Erfolg verwöhnt und in Geld schwimmend hat jedoch ein Problem. In seiner glücklosen Zeit zuvor ließ er sich vom CIA anheuern und wurde zum Killer ausgebildet und als solcher eingesetzt. Dies behauptet Barris in seinen Memoiren über sich selbst, und danach wurde das Drehbuch verfasst. Eine Menge Menschen habe er in seiner Tätigkeit als Agent der USA eigenhändig getötet. Auf Reisen durch die ganze Welt (amüsant: Berlin im Kalten Krieg, samt Mauertunnel usw.), offiziell als Begleiter von Gewinnern des „Dating Game“, seien ihm seine Aufgaben als Agent ziemlich leicht gefallen. In die Filmhandlung eingebettet, werden zwischendurch ab und zu „Zeitzeugen“ zu Wort gebeten, die andeuten, Barris sei ein netter Kerl, habe aber „dunkle Geheimnisse“ und ähnliches. Nähere Aussagen als diese Andeutungen gibt es jedoch nicht. Ob es sich bei der Geschichte um Fakten, dreiste Lügen oder drogeninspirierte Hirngespinste handelt, lässt sich wohl kaum mehr feststellen. Sie ist jedenfalls sehr unterhaltsam und Clooney hat überzeugende Arbeit als Regisseur und Nebendarsteller (als Agent, der Barris anwirbt und begleitet) geleistet. Überraschenderweise sehr gut ist Julia Roberts als eine Agentin, die am Ende – Vorsicht SPOILER! – Clooney dahinmeuchelt. Barris hat natürlich eine Affäre mit ihr und merkt erst im letzten Moment, dass er sich besser an Drew Barrymore hält, die er schließlich ehelicht, nachdem ihn eine tiefe Sinnkrise zum Schreiben seiner Memoiren veranlasst hatte. Ein guter, zynischer, kleiner, dunkler Film weg vom Mainstream, angelehnt an ein Kultbuch: Genau das, was ich sehen will!  2+

 

 

Teile 2 und 3 der Matrix-Trilogie

 

The Matrix Reloaded

USA 2003, Regie: Larry und Andy Wachowski

 

Systemabsturz in Hollywood

 

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (5/03)

Alles erinnert frappierend an den Sommer '99: Die Kinowelt ist in heller Aufregung. Endlich ist es soweit! Der lang ersehnte erste (vierte) Teil der STAR WARS Saga kommt in die Kinos. Die Fortführung einer Legende. Was kann hier schon schief gehen? Die Antwort: "EPISODE I - Die dunkle Bedrohung". Ein aufgeblasenes multimediales Happening, das im Endeffekt nur ein herz- und seelenloser Abklatsch des Originals ist. Die "wahren" Fans sind enttäuscht und selbst die grandiose Tricktechnik wird bei der Oscar-Verleihung 2000 nicht gewürdigt. Denn diese Trophäe holt sich der eigentliche Gewinner der Kinosaison '99: THE MATRIX. Die Geschichte des Hackers Neo (Keanu Reeves), der erkennen muss, dass die reale Welt nur ein Trugbild ist und die Menschheit einer neuen Zivilisation von Maschinen nur noch als Batterien dient. Die Mischung aus philosophischer Realitätsreflektion, zahlreichen Popkultur-Referenzen (von Alice im Wunderland bis zu Bruce Lee) und innovativen Spezialeffekten (man denke nur an den mittlerweile tausendfach kopierten Bullet-Time-Effekt) mauserte sich innerhalb kürzester Zeit zum Kultfilm des neuen Jahrtausends. Die Frage nach einer Fortsetzung war also nur noch Formsache. Vier Jahre später... MATRIX RELOADED. Die Brüder Andy und Larry Wachowski bringen die heiß ersehnte Fortsetzung der, mittlerweile als Trilogie angelegten, Cyberpunk-Saga in die Lichtspielhäuser. Der Medienhype ist in vollem Gange: Vom Computerspiel bis hin zum isotonischen Erfrischungsgetränk: Die Matrix ist vom Überraschungshit zum globalen Großereignis geworden. Erinnerungen an den "Krieg der Sterne" werden wach und wollen leider auch nicht weichen sobald man es sich im Kinosessel gemütlich gemacht hat. Die Handlung beginnt sechs Monate nach dem Ende des ersten Teils. Die Menschheit befindet sich in der Scheinwelt der Maschinen gefangen. Die komplette Menschheit? Nein! Eine von unbeugsamen Rebellen bevölkerte Stadt hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten (Asterix Reloaded). Doch sind die Aufständischen in ihrem Kampf nicht mehr auf sich allein gestellt. Mit Neo an ihrer Seite keimt der erste Funken Hoffnung auf. Dieser, von seinen Anhängern nur noch der "Auserwählte" genannt, versucht nun auf eigene Faust das Geheimnis der Matrix zu entschlüsseln und sie endgültig zu zerstören. Dafür brauch er nicht nur die Hilfe seiner alten Kampfgefährten Morpheus (Laurence Fishburne) und Trinity (sichtlich gealtert: Carrie-Anne Moss), sondern auch die Hilfe des Orakels (Gloria Foster, die während den Dreharbeiten verstarb). Diese schickt ihn schließlich auf Umwegen bis in das Reich des Architekten, dem Schöpfer der Matrix (aka Gott). Auf dieser Odyssee trifft NEO, the "ONE", auf neue Bedrohungen und bekannte Gefahren (Hugo Weaving in seiner Paraderolle als Agent Smith) und fliegt, tritt und kickt sich daher munter durch die Matrix. Soweit zur Story. Wo der erste Teil noch durch seine düstere Atmosphäre und verregnete grau-blaue Bilder bestach, leuchtet bei "Reloaded" meist die virtuelle Sonne in all ihrer Pracht vom Himmel. Der Grund ist klar: Dieses Mal hatten die Wachowskis genügend Geld zur Verfügung und das soll man schließlich auch sehen. Jede Szene der Fortsetzung schreit den Zuschauer quasi von der Leinwand aus an und blökt: "HEY! ICH WAR TEUER! SCHAU MICH AN! SEI BEEINDRUCKT! DAS WAR NOCH NIE DA!" und damit hat sie Recht: "Reloaded" ist wohl der optisch beeindruckendste Action-/Science-Fiction-Film in der Geschichte des Kinos. Die Action-Sequenzen sind perfekt, insbesondere die Highway-Verfolgungsjagd garantiert auch dieses Jahr wieder den SFX-Oscar. Mögen sich die zahlreichen Kampfszenen zuweilen auch in ihrer Opulenz verlieren, so bieten sie doch genug Futter für die Augen. Doch wie sieht's mit der Handlung aus? Hier beginnt nämlich jetzt das Jammertal. Die Matrix verliert in ihrer Fortsetzung viel von ihrer Magie. Zion, die Festung der Rebellen, wirkt wie eine Mischung aus Hippie-Kommune, Star Trek-Parlament und Love-Parade. Auch altbekannte Charakter ändern sich: So wird aus dem coolen Finstermann Morpheus ein unerträglichen Phrasenschmied. Auch der "Auserwählte" kommt diese Mal nicht gut weg: Fiel Keanu Reeves, der schauspielernde Holzklotz, im ersten Teil nicht negativ auf, so offenbart er hier nun wieder die Begrenztheit seiner Mimik. Eigentlich besitzt er ja ohnehin nur einen Gesichtsausdruck, der mit dem Begriff: "ungläubiges Unverständnis" schon recht gut beschrieben ist. Eben jenes empfindet dann auch der Zuschauer, wenn er sich zwischen den Action-Sequenzen durch unerträglich langweilige, schwurbelige, (pseudo)-philosophische Ergüsse lauschen muss, die zuweilen dummerweise wichtige Elemente der Geschichte transportieren. Diese, so ahnt man, ist sogar teilweise in ihren neuen Wendungen recht clever, doch verstehen will man sie auf Anhieb nicht. So wartet man gelangweilt auf die atemberaubenden Spezialeffekte, schüttelt den Kopf über einige Handlungsstränge (was macht eigentlich Monica Belluci hier?) und hofft irgendwie auf eine befriedigende Auflösung der Matrix-Trilogie im November. Doch das Warten bis dahin ist längst nicht mehr so sehnsüchtig.  3

Schade um den großen "Matrix"-Auftakt

(js 5/03)  Das mit den Fortsetzungen ist schon so eine Sache. Dass sie meistens nicht an das Original heran kommen, ist nicht neu und muss an dieser Stelle nicht weiter betrauert werden. Trauriger ist es allerdings, wenn Filme schon von vorneherein als Mehrteiler konzipiert werden. Da nimmt man's gleich um einiges krummer, wenn Teil 2 nicht vom Hocker haut. Bei "Lord of the Rings" (siehe Archiv) könnte  es an meinem Fantasy-Banausentum gelegen haben, dass mir die Spucke eben nicht weg blieb. Umso schöner, dass ich in Sachen "Matrix" (zumindest in meinem Korrespondentenkreis) scheinbar auf Gleichgesinnte und -enttäuschte treffe. Von all dem, was den 1999er Auftakt so großartig machte, fehlt in "Reloaded" jede Spur. Originell ist was anderes. Die Tricks sind toll, werden hier aber in einer Endlosschleife verballert und wirken ermüdend. Von der intelligenten Handlung haben sich die Wachowskis mit dem Abspann von Teil 1 verabschiedet, hier gibt es nur noch Story-Elemente, die schon dutzendfach in anderen Filmen vorkamen. Mensch gegen Maschine. Rebellen im Untergrund. Helden. Und zu allem Überfluss: Superman fliegt wieder! Schade, dass Matrix 2+3 schon im Kino bzw. im Kasten sind. Irgendwie entwerten sie auch den ersten Teil. Jetzt ist er nicht mehr nur das grandiose Spektakel mit wunderbar düsterer Atmosphäre, jetzt ist er vor allem eins: Das erste Kapitel einer Cyber- Schacht der narrativen Mittelklasse. 4-

The Matrix Revolutions

USA 2003, Regie: The Wachowski Brothers

 

Patronen- vs. Worthülsen

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (11/03) 


Mit "The Matrix Revolutions" schneit uns nun also der dritte und (hoffentlich) letzte Teil der "Matrix"-Saga ins Lichtspielhaus. Die Erwartungshaltung ist entsprechend niedrig. Hat RELOADED doch vor einem halben Jahr zahlreiche Fans der Geschichte um Neo (Keanu Reeves), Morpheus (Lawrence Fishburne) und Trinity (Carrie-Anne Moss) verprellt. Unsägliche Dialoge, gähnende Langweile, exzessive (dadurch aber noch lange nicht spannende) Actionszenen und viel pseudo-philosophisches Geschwurbel zerstörten viel des ursprünglichen Charmes. "Revolutions" unterscheidet sich nicht sehr von seinem Vorgänger, macht aber einiges besser. Der finale Showdown zwischen Mensch und Maschine steht an. Im Klartext: Weniger Philosophie, mehr Action! Egal ob nun die Abwehrschlacht um Zion, oder das Duell zwischen Neo und Agent Smith - die Wachowski-Brüder wuchern nochmal richtig mit ihren Pfunden. In der Inszenierung von Action-Szenen macht ihnen  so schnell Niemand was vor.  Für "Augenfutter" ist also gesorgt. Wie steht's aber um die Story? 
    Hier beginnt nun (mal wieder) das Jammertal. Die ersten 40 Minuten des Films quält einen das Drehbuch mit den selben unerträglichen Plattheiten, die uns schon "Reloaded" zugemutet hat (inkl. dem immer noch furchtbaren Franzosen und seiner dramaturgisch völlig nutzlosen Ehefrau). Zwar gleicht die Anzahl der Worthülsen in "Revolutions"icht der Anzahl der Patronenhülsen, doch richten beide mindestens genauso viel Schaden an. Es fallen haufenweise Sätze wie: "Manche Dinge ändern sich und manche Dinge ändern sich nicht", oder "Alles was einen Anfang hat... hat auch ein Ende". Solche Plattitüden, die selten über einfache Bauernweisheiten hinauskommen ("Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich 's Wetter, oder 's bleibt wie 's ist", "Alles hat ein Ende... nur die Wurst hat zwei") werden dazu noch mit so unerträglich viel Pathos vorgetragen, dass man sich ein lautes Auflachen teilweise wirklich nicht verkneifen kann. Gute Schauspieler könnten hier noch was retten, aber die bleiben weitestgehend Fehlanzeige: Fishburne, Moss und Holzblock-Boy Reeves wirken lustlos und leiern ihre Sätze monoton hinunter. Die Liebe zwischen Neo und Trinity schafft daher auch immer noch nicht den glaubwürdigen Sprung vom Papier auf die Leinwand. Einzige Ausnahme ist mal wieder Hugo Weaving, dessen Agent Smith immer noch Spaß macht.
    Klingt sehr nach "Reloaded"? Richtig. Doch kann "Revolutions" eine ähnliche Bauchlandung gerade noch abwenden. Denn sobald Zion angegriffen und Neo sich auf den Weg in die Hauptstadt der Maschinen macht gewinnt der Film enorm an Fahrt und es kommt sogar Spannung auf (die blieb "Reloaded" zumindest komplett fern). Das Ende der Trilogie ist mir zwar zum jetzigen Zeitpunkt logisch immer noch nicht ganz klar nachvollziehbar, aber das ist ja wohl auch ein fester Bestandteil des
Matrix-Mysteriums. Fazit: Vom ursprünglichen Charme des ersten Matrix-Films bleibt in der zweiten Fortsetzung wiederum nicht viel erhalten. Zumindest liefert "Revolutions" aber wirklich sehenswerte Action-Szenen, die den Preis des Kinotickets mehr als rechtfertigen. Schade, aber nun ist es ja auch vorbei. Obwohl sich die Wachowskis die Möglichkeit zu einer Fortsetzung mehr als nur offen lassen. "Matrix Rebooted"? Wir werden sehen... 3+

 

Anger Management

USA 2003 Regie: Peter Segal

Einige zündende Gags, sonst nicht der Rede wert 

(js 5/03) Filme, die nur wegen ihres herausragenden Hauptdarstellers funktionieren, sind inzwischen keine Seltenheit mehr - sie könnten fast schon als eigenes Genre durchgehen. Manchmal nimmt man's ihnen nicht übel, manchmal nervt's gewaltig. Oder es ist dann doch irgendwie ziemlich egal. "Anger Management" (zu Deutsch pseudo-originell "Die Wutprobe") gehört zur letzten Gruppe, zu der sich schon "Analyze This" gesellte. Und dieser Vergleich drängt sich ohnehin auf, denn eigentlich funktioniert Peter Segals Komödie nach demselben Muster. Statt eines flennenden Robert de Niro gibt es einen haareraufenden Jack Nicholson. Auch wenn hier das Patient-Therapeuten-Verhältnis auf den Kopf gestellt ist. Patient Dave (Adam Sandler) ist ein braver Geselle, der fast schon zu gut ist für diese Welt. Auf einer Dienstreise beginnt für ihn die Tortur seines Lebens. Kaum nimmt er neben einem zerzausten Flugpassagier Platz, gerät alles aus den Fugen. Die Stewardess fühlt sich belästigt, Dave landet vor Gericht und bekommt eine Anti-Aggressions-Therapie aufgebrummt. Sein Seelsorger: Der zerzauste Passagier, namentlich Dr. Buddy Rydell. Der lässt ihn in einer grotesken Gesprächsrunde von  Cholerik-Problemen berichten, die er eigentlich nicht hat. Und so kommt eins zum anderen, der verrückte Doc zieht schließlich gänzlich bei dem Leidgeplagten ein und stellt dessen Leben auf den Kopf. Bis - und da verrate ich wohl kaum zu viel - am Ende alles anders ist.     Die Storyline ist banal, das ist dem Zuschauer von Anfang an klar. Und sie ist nichts weiter als eine Folie, vor der Hauptdarsteller Nicholson munter sein bewährtes Grimassenrepertoire zum Besten geben kann. Dass ein Darsteller vom Kaliber Sanders dem nicht das Geringste entgegenzusetzen hat - auch das ist klar. Dass sich eine Fülle von Gags aus dieser menage-à-deux ableitet - wieder klar. Einige von ihnen zünden durchaus und machen den Film einigermaßen liebens- und lachenswert. Andere hinterlassen den Schreiber dieser Zeilen mit kopfschüttelnden Gähnen und sind weniger Wut- als Geduldsprobe. Beispiel gefällig? Bitte sehr: Ein furzender nackter Psychiater im Bett mit Dave. Kein Kommentar.     Auf das Bonuskonto des Films gehört jedoch die Besetzungsliste. Nicht Marisa Tomei (siehe Kritik "In the Bedroom" im Archiv!), nein, sie wird auch nach diesem Kommerzhit (mal wieder) schnell in Vergessenheit geraten. Es sind eher die Mini- und Cameoauftritte, die zumindest einigermaßen Spaß machen: Woody Harrelson als säuselnde Transe, John C. Reilly (Film Nummer 4 in diesem Jahr; siehe Chicago, Gangs of NY und The Hours) als kampfeslustiger Buddhisten-Mönch, Heather Graham als Muffin-Schützin und  John Turturro als Ober-Aggressor. Ihre Auftritte und die regelmäßig verstreuten Gagtreffer retten "Anger Management" jeweils über einige Minuten hinweg. Fragt sich nur, wieso New Yorks Edelbürgermeister a. D. Rudolph Guiliani am Ende ach so sympathisch im Stadion sitzen und Amors Pfeil spielen muss. Klarer Fall: Der große Apfel soll rehabilitiert werden als filmenswerte Metropole, die ach so viel Spaß versteht. Ist verziehen, Rudolph, der Film ist ja eh nicht länger der Rede wert. 3-    

 

Dreamcatcher

 USA 2003, Regie: Lawrence Kasdan

 

Eine Katastrophe... aber eine äußerst vergnügliche! 

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm

Stephen King Verfilmungen, in denen Schnee eine Rolle spielt, sind eigentlich ein Garant für gute Unterhaltung ("Shining", "Misery"). "Dreamcatcher" bricht mit dieser Tradition... fast.  Die Geschichte ist typisch King: Vier Freunde, die schon seit ihrer Kindheit die dicksten Kumpels sind, treffen sich zum alljährlichen Jagdausflug in ihrer Waldhütte. Henry (Thomas Jane), Beaver (Jason Lee), Jonesy (Damian Lewis) und Pete (Timothy Olyphant) entfliehen hier ihrer beginnenden Midlife-Crisis und erinnern sich gemeinsam an die Abenteuer ihrer Jugend. Mit dem Auftauchen eines Wanderers, der sich scheinbar im Wald verlaufen hat, wird das gemütliche Wochenende in der freien Natur zum extraterristischen Horrortrip. Ehe sie sich versehen, finden sich die vier Freunde daher zwischen den Fronten einer Alien-Invasion wieder (!). Auf der einen Seite die außerirdischen Besucher, auf der anderen Seite der wahnsinnige Col. Curtis (Morgan Freeman) und seine Spezialeinheit, die seit 25 Jahren die Menschheit vor der außerirdischen Übernahme bewahrt. Allein in ihrer Waldhütte müssen die Freunde nun ihren privaten Kampf gegen die Invasoren führen und bald schon wird ihnen klar, dass der Schlüssel zum Überleben/"der Rettung der zivilisierten Welt" in ihrer gemeinsamen Vergangenheit liegt. Wenn man im Lexikon den Begriff "hanebüchen" nachblättert, dann sollte man eigentlich einen Verweis auf den neuen Film von Lawrence Kasdan (Silverado, Grand Canyon, Wyatt Earp) finden. In ungläubigem Staunen folgt man den Geschehnissen auf der Leinwand. Was anfängt wie eine Mischung aus "Signs" und "Shining", sich dann in Richtung "Alien" entwickelt, wird mit dem Auftreten des Militärs schnell zu einer Mixtur aus "Outbreak", "Akte X" und "Independence Day", bevor es am Ende sprichwörtlich in Richtung "Godzilla vs. King Kong" mutiert. Dazu mische man noch Einsprengsel von "Stand by me" und "Rainman" und garniere dies mit einer gehörigen Portion "Furz-" und "Rülpswitze"... Kling unglaublich, oder? Ist es auch. Kein Genreklischee ist dem Film fremd, kein Dialog zu blöd, keine Handlungswendung zu absurd. Wenn am Ende des Films alle Hoffnungen auf den Schultern eines geistigbehinderten Mannes liegen, der dann auch noch von Ex-"New Kids on the Block" Herzensbrecher Donnie Wahlberg gespielt wird, ahnt man: Hier ist irgendwas komplett schief gelaufen. "Dreamcatcher" ist eine Katastrophe... aber eine äußerst vergnügliche! Gute Spezialeffekte, solide Inszenierung und fähige Schauspieler kämpfen gegen das bescheuertste Drehbuch der letzten paar Jahre. Als Sieger geht hierbei der Zuschauer hervor: So blöd die Geschichte nämlich auch sein mag, durchwegs unterhaltsam ist sie allemal (und das bei einer Laufzeit von 134 Minuten!). Doch Vorsicht: Da die Alien-Invasoren es vorziehen aus dem Rektum ihrer Opfer auszutreten (was ihnen den schönen Beinamen "Kack-Wiesel" einbringt) bietet der Film auch einen hohen Anteil an wirklich widerwärtigen Szenen. Zumal die Invasoren kurz nach ihrer "Geburt" aussehen wie zahnbesetzte Vaginas mit Wurmfortsatz. Unglaublich... aber das sagte ich wohl schon... Note: Eine spaßige 5

 

The Hours  

USA 2002, Regie: Stephen Daldry

Drei schwermütige Frauen zwischen Pflicht und Tod

(js 4/03) Der Tod ist eine Möglichkeit. Beim Konzipieren eines Romans oder eben im wahren Leben. Wenn man schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz frisch im Oberstübchen ist, man nach einem nicht gerade problemlosen Eheleben dem Gatten nicht weiter zur Last fallen möchte, dann doch lieber ein paar schwere Steine in die Kleidertaschen und ab in die Fluten. Das dachte sich jedenfalls Virginia Woolf bei ihrem Freitod 1941. Zumindest in Stephen Daldrys schwermütigen Film "The Hours". Der Titel, Anglisten und Woolf-Fans werden's wissen, stammt von der großen englischen Autorin selbst, er sollte eigentlich auf dem Titel ihres 1925 erschienenen Buchs über eine gewisse Clarissa Dalloway stehen. Michael Cunningham hat den Titel geklaut, ein Buch über Virginia und noch zwei weitere Frauen geschrieben, die alle irgendwelche Parallelen aufzeigen, die alle irgendwie ihre Virginia ausleben oder eben nicht. Zu kompliziert? Also, dröseln wir den Film mal in seine drei gleichgewichtigen Teile auf:     1. Sussex, England, 20er Jahre: Virginia Woolf (Nicole Kidman) lebt im ländlichen "Exil", weil ihre Ärzte ihr das Leben in London verboten haben. Nicht gerade ein Wunschleben für die Großstädterin - nie wieder Literatenkreise, keine Liebeleien mehr mit Vertretern jeden Geschlechts. Nur noch Schreiben ("Mrs. Dalloway"), Depressionen, Stress mit ihrem Leonard, Küsschen mit Schwester Vanessa, freche Hausangestellte.     2. Los Angeles, USA, 50er Jahre: Laura Brown (Julianne Moore) hat alles, was das amerikanische Vorstadtherz begehrt. Einen treu sorgenden Mann (John C. Reilly), ein nettes Haus mit schlimmer Tapete, einen knuffigen Sohn, einen schwangeren Bauch. Nur genießen kann sie's eben nicht. Hinter der Fassade kämpft die Dame mit schlimmsten Depressionen, sie liest "Mrs. Dalloway", sie versaut einen Kuchen, küsst Toni Collette (sic), sie plant ihren Suizid. Von wegen schöne, heile Welt...    3. New York, USA, 2001: Die lesbische Lektorin Clarissa (Meryl Streep) kümmert sich mit größter Hingabe um den Aids-kranken und lebensmüden Autor Richard (Ed Harris). Der nennt sie "Mrs. Dalloway", hat gerade einen Preis für sein jüngstes Werk bekommen, und das soll gefeiert werden. Wenn es nur dazu käme...   Viel mehr äußere Handlung hat die Geschichte nicht zu bieten. Dafür taucht "The Hours" ab in die Gefühlswelten seiner Protagonisten, erzählt einen Tag aus ihrem Leben (beginnend mit dem Blumenkauf), zeigt darin deutliche Gemeinsamkeiten, lässt aber auch gerne hektargroße Interpretationsspielräume. So viel sei verraten: Die drei Frauen sind nicht bloße alter egos von Mrs. Dalloway, sie sind nicht drei parallele Typen in drei verschiedenen Zeitebenen. So einfach macht es sich das Drehbuch gottlob nicht, der Episodenfilm ist schließlich alles andere als plump. Filmtechnisch ist "The Hours" ein Lehrstück für Filmstudenten in einem Seminar über Parallelmontagen. Die schauspielerischen Leistungen des großartigen Ensembles sind überragend, wobei Nicole Kidmans Oscar eigentlich an Julianne Moore hätte überreicht werden müssen. Sie ist (mal wieder) die wahre Größe dieses Films, dicht gefolgt von Ed Harris und den beiden Damen - der Kidman und der Streep.     Große Freude bereitet "The Hours" erwartungsgemäß nicht. Da hätte sich der zuweilen aufdringliche Score ruhig etwas mehr zurück nehmen können. Trotzdem ist Stephen Daldry nach seinem "Billy Elliot" - Erfolg ein großes Stück Kino gelungen, das in Zeiten des Popcorn-Kinos mal wieder untergehen wird. 1

 

Adaptation

USA 2002, Regie: Spike Jonze

 

Verfilmter Witz unter Drehbuchschreibern

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (3/03)

Nach dem hochgelobten "Being John Malkovich" kommt das Team Spike Jonze/Charlie Kaufman mit einem neuen Film in die Kinos. Die Vorfreude ist groß, der Trailer sieht fantastisch aus, es gibt sogar einen Oscar für Chris Cooper als besten Nebendarsteller... Beste Vorraussetzungen für einen brillanten Filmgenuss. Die Erwartungshaltung ist entsprechend groß. Tja. Und hier beginnt jetzt das Problem... Aber der Reihe nach: Charlie Kaufman ist nicht nur der real existierende Drehbuchautor von "Being John Malkovich" und "Adaptation", sondern auch die fiktionale (?) Hauptperson in Letzterem. Gespielt wird er von Nicolas Cage, der auch Kaufmans Zwillingsbruder Donald spielt. Dieser wiederum existiert nur im Film. Aha... Kaufman bekommt im Film (und im wahren Leben) den Auftrag das Buch "The Orchid Thief" zu adaptieren. Dieses (real existierende) Buch der (real existierenden) Autorin Susan Orlean (im Film gespielt von Meryl Streep) ist nicht mehr als eine Geschichte über Orchideen, basierend auf einem Zeitungsartikel, den Orlean ursprünglich für den "New Yorker" schrieb. Zentrale Figur des Buchs ist der, man ahnt es schon, real existierende John Laroche (Neu-Oscarpreisträger Chris Cooper, siehe Oscar-Seite), ein zahnlückiger Hillbilly, der auf der Jagd nach seltenen Orchideen das ein oder andere Gesetz übertritt. Im Grunde genommen ist "The Orchid Thief" aber eigentlich nichts weiter als eine lange, ausschweifende Reportage über Blumen. Wie soll man daraus einen Film machen? Kaufman ist ratlos. Schwitzend, kahl und von Selbstzweifeln geplagt, hockt er vor seiner Schreibmaschine. Die Deadline rückt immer näher. Schlimmer Fall von Schreibblockade! Zum allem Überdruss muss sich Kaufman auch noch die Wohnung mit seinem Zwillingsbruder Donald teilen. Äußerlich gleich, sind die Brüder im Innersten doch grundverschieden. Donald ist ein Frauentyp, ein Hedonist, oberflächlich, dumm und unsensibel. Zudem feilt auch er an einem Drehbuch. Einem Psychothriller: Klischeebeladene, uninspirierte Hollywood-Konfektionsware. Im Grunde genommen ist das auch schon die Geschichte von "Adaptation". Welche Geschichte? Genau. Kaufman (real) und Jonze springen auf mehreren Zeitebenen munter zwischen Kaufman (fiktional), Orlean und Laroche rum. Eine stringent nachvollziehbare Handlung gibt es nicht. Der Film bietet seinen Zuschauern vielmehr eine Reflektion über den Prozess des Drehbuchschreibens, eine Kritik am herrschenden Hollywood-System und Betrachtungen über das Leben. So geht es bei allen Charakteren letztendlich eigentlich nur um die Frage nach Leidenschaft und Kreativität. Kreativität hat nämlich mit Mut zu tun und der mit Leidenschaft. Das macht Orchideendieb Laroche der biederen Susan klar, und diese - durch ihr Buch - auch Charlie, der mit Hilfe des tatkräftigen Donalds dann die Grenzen zwischen Realität, Roman und Film gänzlich aufhebt. Was hier noch ganz schön klingt, wirkt auf der Leinwand mitunter sehr angestrengt. Zu selbstreferentiell gehen Kaufmann und Jonze ihren Film an. Das Spiel mit den Realitätsebenen, die Einbeziehung des Autors in das eigene Werk, die Bezugnahme auf Genrekonventionen: Postmoderne ick hör' Dir trappsen! "Adaptation" ist im Endeffekt ein verfilmter Witz unter Drehbuchschreibern. Dadurch nervt der Film aber auch. Vergleiche zu a-tonalen Free-Jazz-Improvisationen tun sich auf: Mögen begnadete Musiker auch das Genie hinter wilden Taktwechseln und Disharmonien erkennen, für den durchschnittlichen Hörer bleibt es willkürlicher Krach auf Instrumenten. Ähnlich "Adaptation": Wenn dieser im letzten Akt von seiner verwirrenden Handlung in einen Trashfilm hinübergleitet (inkl. Verfolgungsjagden, Sex, Gewalt), ist dies natürlich ein Verweis auf die seelenlose Hollywoodware, die die Multiplexe der Nation verstopft, weniger nerven tut es dadurch trotzdem nicht.  Wenn im Kino schließlich die Lichter angehen, bleibt der Zuschauer zurück mit einem Gefühl von Verwirrung, Ungläubigkeit und möglicherweise auch Ärger. Beunruhigend nur der Gedanke, dass Jonze und Kaufman möglicherweise genau DAS erreichen wollten. Verdammt anstrengend... 3

 

Chicago

USA 2002, Regie: Rob Marshall

Die unerträgliche Geschichte eines hässlichen Entleins

(js 3/03) Das hässliche Entlein Roxie (Renee Zellweger) möchte gar so gern zum Schwan werden. Im Chicago der 20er Jahre träumt die eklige Blondine von einer großen Karriere auf der Showbühne. Für diesen Traum tut sie alles. Doch als sie sich gerade nach oben zu schlafen versucht, bemerkt das helle Köpfchen, dass der feurige Liebhaber in ihren Laken gar keine Beziehungen zum Showbiz hat und damit nicht weiter von Nutzen ist. Hätte er sich nicht über Roxie lustig gemacht, wäre ihm der fatale Kugelhagel erspart geblieben, der ihn ins Grab und Roxie in den Frauenknast bringt. Da sitzt auch Roxies Idol Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones) ein, ebenfalls wegen Mordes. Für die moralische Unterstützung sorgt die dralle "Mama" (ohne ersichtlichen Grund für den Oscar nominiert: Queen Latifah) Insgesamt sechs Damen warten im "Mörderinnentrakt" auf ihren Prozess. Nur eine ist unschuldig, und sie wird die einzige sein, die zu guter Letzt am Galgen baumelt. Denn worauf es im Chicago der 20er ankommt, sowohl in der Justiz als auch in der Medienlandschaft, ist Vermarktungsfähigkeit, Showtalent und Selbstverliebtheit. All diese Fähigkeiten bringt Staranwalt Billy (Richard Gere) mit, der "noch nie einen Fall verloren hat". Am Ende siegt die Show, die von Hass, Neid und Narzissmus zerfleischten Selbstdarstellerinnen werden Stars. Eine über alle Maßen bekloppte Geschichte. Willkommen in der Welt des Musicals, in der ein Plot einfach zu sein hat, um den Showeffekten nicht die Show und die Effekte zu stehlen. In solche Filme geht schließlich auch nur der wahre Musical-Freak. Sollte man meinen, doch die vergangenen Jahre haben uns das Genre etwas schmackhafter gemacht. "Evita" (Alan Parker, 1996) war so ein Fall, der irgendwie mehr Substanz hatte, in schönen Bildern schwelgte und vor allem eindringliche und nette Musik bot. "Moulin Rouge!" (Baz Luhrman, 2001) war der Höhepunkt dieses Revivals. Großartige Optik, ein phantastischer Soundtrack und anbetungswürdige Darsteller. Die Geschichte: banal. Aber doch irgendwie liebenswert. Und jetzt "Chicago". Preisgekrönt, viel gelobt, und doch irgendwie alles andere als herausragend. Warum? Weil "Chicago" nicht eine innovative Szene bietet, weil nur anstrengende und blöde Lieder geträllert werden und die Knast/Showbiz- Kulisse nicht besonders attraktiv ist. Abgefilmtes Bühnenmusical, mehr nicht. Wenn Richard Gere in Unterwäsche singt, dann sind zwar so manche Hausfrauen im Kinopublikum entzückt. Mir laufen höchstens kalte Schauer den Rücken runter. Catherine Zeta-Jones ist der schauspielerische Lichtblick des Films. Ihre Rolle ist die interessanteste, ihre Stimme die einzig hörenswerte im Film. Nur schade, dass Frau Douglas neben der Zellweger wie ein gestrandeter Wal aussieht und nicht gerade anmutig auf dem Tisch steppt. Doofmaul Zellweger jedoch, auch wenn sie noch so schlank wirkt gegen die Waliserin, will man nun wirklich nicht auf der Showbühne sehen. Ihre Schwabbelfresse ist unerträglich, ihre schauspielerische und gesangliche Leistung unterirdisch. Am Ende wird das Entlein nicht zum Schwan, sondern zum schäbigen Huhn in der Mauser. Das Märchen geht nicht auf. Vorhang zu. Für immer bitte. 5

 

Daredevil 

USA 2003, Regie: Mark Steven Johnson

Der Mann ohne Talent... äh... Furcht

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm (3/03)

Comic-Verfilmungen sind in Hollywood momentan der heiße Scheiß. X-Men, Spiderman, From Hell, Road to Perdition... Bunte Wort- und Bildergeschichten bieten die Vorlage für die Kino-Knaller der Saison. Bevor im Sommer jedoch Ang Lee mit dem Hulk die Cineplex-Säle zerstört, schickt Regisseur Mark Steven Johnson noch den gehörnten Superhelden "Daredevil" ins Rennen. Drängen sich gleich zu Anfang zwei Fragen auf: Wer? und Wer? Johnson hat sich in der Vergangenheit nicht gerade einen Namen durch Qualitätsware geschaffen. Oder wer erinnert sich noch an Filme wie "Jack Frost" mit Michael Keaton als reinkarnierten Schneemann? Genau. Und wer zur Hölle ist eigentlich dieser Daredevil? Ebenfalls aus der Feder von Comic-Ikone Stan Lee (Spiderman, Hulk, X-Men) ist es die Geschichte von Matt Murdock (im Film: Ben Affleck), einem Jungen aus dem New Yorker Stadtteil "Hell's Kitchen". Der kleine Matt verliert durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sein Augenlicht (Gabelstapler fährt gegen Tonne mit Giftmüll, Matt fährt just in diesem Moment auf dem Skateboard vorbei, Uups... Giftmülltonneninhalt auf Netzhaut, Augenlicht futsch, Restsinne übermenschlich gestärkt...). Als der kleine Matt dann zu allem Überfluss auch noch seinen Vater, einen kleinkriminellen Ex-Box-Champion, durch die Hände des Gangsterboss' Kingpin verliert, schwört er Rache und wird zu Spiderma... Daredevil, dem Mann ohne Furcht. Zugegeben: Stan Lee gehört nicht gerade zu den großen Innovatoren seines Genres und deshalb ist Daredevil im Prinzip auch nach dem gleichen Schema gestrickt wie der ungleich erfolgreichere rot-blaue Netzschwinger. Und hier liegt nun auch das größte Problem von "Daredevil". Er muss sich nicht nur an dem gezeichneten Vorbild, sondern auch noch an Sam Raimis Kassenknaller messen. Ein Vergleich, den der Film in allen Belangen verliert. Dabei ist "Daredevil" gar nicht mal sooo katastrophal. Einige der Actionszenen und Spezialeffekte sind sogar überaus sehenswert. Die größte Crux des Films ist aber sein uninspiriertes Drehbuch und Mr. J-Lo aka. Ben Affleck. Letzteren möchte man während des gesamten Films darauf aufmerksam machen, dass Blindheit nicht gleichbedeutend mit Gesichtslähmung ist. Entsprechend kalt lässt einen dadurch auch die Liebesaffäre zwischen Murdock und Elektra Natchios ("Alias"-Bunny Jennifer Garner), die ebenfalls durch die Hände des Kingpin (Michael Clarke Duncan) ihren Vater verloren hat... Und damit kommen wir auch zum wirklichen Höhepunkt des Films: Colin Farrell als Auftragskiller Bullseye. Farrell, Hollywoods neuer Superstar, hat sichtlich Spaß in der Rolle des komplett wahnsinnigen, irischen Auftragskillers, der alltägliche Gegenstände in tödliche Wurfgeschosse umfunktioniert. Dummerweise hat sich's damit dann auch mit den Pluspunkten. Der Rest bleibt Standard-Popcorn-Kino, das man so dummerweise letztes Jahr schon in der smarteren Ausführung sehen konnte. Insofern ist "Daredevil" das filmische Äquivalent zu einem McDonald's Hamburger. Nicht so lecker wie die wirklich teuren 1A-Burger, während des Verzehrs recht ansprechend (abgesehen von der ein oder anderen Gurke), im Nachhinein liegt's schwer im Magen, satt macht's auch nicht wirklich, und in der Regel vergisst man so 'nen Burger ja auch recht schnell wieder. Bleibt nur die Hoffnung, das Ang Lees "Hulk" nicht das selbe in grün wird (Brüller-Wortspiel!). 3+ 

 

The Life of David Gale

USA/GB 2003, Regie: Alan Parker

Kevin Spacey in der Todeszelle: Große Darsteller,  herausragendes Drehbuch

Bitsey (Kate Winslet) versucht, David zu retten 

(js 3/03) Es ist nach wie vor ein Kampf gegen Windmühlen, sich in reaktionären politischen Umfeldern wie Texas gegen die Todesstrafe einzusetzen. Schließlich hat sich das öffentliche Hinrichten schon einige Jahrhunderte bewährt gemacht: Kreuzigungen am helllichten Tage, farbenfroh brennende Scheiterhaufen, innenstädtisches Guillotinieren zur Primetime, Galgengebaumel auf dem Marktplatz - der Mensch hat's immer gern gesehen, wenn der vermeintlich Böse dran glauben muss. Schon allein, weil es so schön einfach ist. Die wahren Probleme und Ursachen kann man dabei so wunderbar unter den Tisch kehren, und ob's den Richtigen trifft, ist zweitrangig. In Hollywood kommt das Thema in der letzten Zeit alle Jahre wieder aufs Tapet. Zumeist Melodramen von rührselig - "Dead Man Walking" (1995), "The Last Dance"(1996) - über peinlich-kitschig ("The Green Mile", 1999) bis hin zur kafkaesken Coen-Variante ("The Man Who Wasn't There", 2001) wird der Gang zum elektrischen Stuhl beschrieben, und immer wieder klingt die Botschaft gleich. Alan Parker hat das Thema nun als Thriller verpackt, ohne dabei zu vergessen, klar Stellung zu beziehen. Gegen die Todesstrafe, versteht sich.  Der Philosophie-Professor David Gale (Kevin Spacey) hat sich voll und ganz dem Kampf gegen die texanische Auge-um-Auge-Mentalität verschrieben. Wie konnte er dann selbst in der Todeszelle landen? Als nach neun Jahren der Termin für den letzten Gang festgelegt wird, gewährt er erstmals einer Journalistin Einblicke in seine Karriere vom Akademiker zum Angeklagten. Bitsey Bloom (Kate Winslet) ist die Auserwählte, die in drei Interviewsitzungen dazu eingeladen ist, die Wahrheit über den Fall Gale ans Licht zu bringen. Die ist zunächst noch überzeugt von der erdrückenden Beweislast gegen den angeblichen Vergewaltiger und Mörder. Doch je mehr sie und der Zuschauer in den Bericht David Gales hineingezogen werden, desto klarer wird dessen Unschuld. Was jedoch genau in jener Nacht geschah, wird erst in den letzten Sekunden des Films klar. Die sind dann verdammt pessimistisch und unglaublich bitter.     "The Life of David Gale" bedient sich sehr gut klassischer Tragödien- und Thrillerelemente. Die obligatorische Fallhöhe des Helden (vgl. Aristoteles) wird eingehalten: David ist aufstrebender Professor mit besten Karrierechance, bis ihm so ein billiges Studentinnen-Luder eine Vergewaltigung anhängt und seinen Ruf ruiniert. Die Familie verlässt ihn, der Alkoholismus bleibt. Die Uni-Laufbahn ist beendet, selbst der passioniert Kampf gegen die Todesstrafe bei "Deathwatch" wird immer schwieriger. Für die Spannung sorgt das schlichte Rennen gegen die Zeit. Ist es möglich, den wahren Mörder zu finden und David wenige Stunden vor dem Stromstoß zu retten? Alan Parker hat schon vor Jahren außergewöhnliche Thriller geschaffen ("Angel Heart"), und auch hier - nach Ausflügen in die Komödie ("The Road to Welville"), ins Musical ("Evita") und ins Melodram ("Angela's Ashes") beweist er wieder Klasse. Sein Glück: Sowohl aufs Drehbuch als auch auf die Darsteller ist Verlass. Kevin Spacey kann sich die Rolle des David Gale locker aus dem Ärmel schütteln, so was spielt er im Schlaf (aber wie erwartet solide und überzeugend). Sehr gut die Frauenrollen des Films: Laura Linney überzeugt als "Deathwatch"- Aktivistin und späteres Mordopfer und vor allem Kate Winslet macht sich sehr gut in ihrer Rolle. Hätte das Drehbuch sich bei all seinen großartigen Wendungen in der letzten halben Filmstunde auch noch etwas mehr auf den Ausbau seiner Charaktere konzentriert, hätte "The Life of David Gale" sehr großes Kino werden können. Stattdessen bekommen wir einen Collegeprofessor präsentiert, den ich so nicht mehr sehen will: unerträglich verständnisvoll, die Sprache der Jugend sprechend, die Kunst beherrschend, selbst die drögste Vorlesung über Lacan faszinierend zu gestalten, geradezu perfekt eben. Hatten wir nicht schon Robin Williams und Michelle Pfeiffer in ähnlichen Wunschrollen? Gott sei dank spielt der Professoren-Aspekt nur eine Nebenrolle in Parkers Film.     Aber zurück zur Hauptsache: Die Aussage des Films wird genau so wenig Gehör in der Todesstrafenlobby finden, wie David Gales großes Lebensopfer. Und das nicht nur, weil momentan alle Aufmerksamkeit auf Wüstensand gerichtet ist. 1-

The Ring

USA 2002, Regie: Gore Verbinski

Der Tod kommt aus dem Videorekorder: Solides Gruseln mit Naomi Watts 

(js 3/03) Videos können verblöden. Oder einen umbringen, wenn man diesem Film glauben schenken darf. Jeder, der den Kurzfilm zu Gesicht bekommt, hat nur noch sieben Tage zu leben. Das sagt einem die Unbekannte am Telefon... Schon wieder eine dieser Gruselgeschichten, die alle zwei Monate in den Kinos anlaufen, und von denen nur knapp zehn Prozent sehenswert sind. "The Ring" ist immerhin ein Grenzfall, nicht großartig, aber schon noch ganz nett. Alles fängt mit dem Tod einer 16-Jährigen an, die besagtes Video zu Gesicht bekommen haben soll. Ihr Herz ist einfach stehen geblieben, das Gesicht angstverzerrt. Was ist passiert? Praktisch, wenn man eine Journalistin in der Familie hat. Die finden schließlich alles raus. So auch Tantchen Rachel, rasende Reporterin bei der Seattle Post Intelligence, die sogleich die Recherchen aufnimmt. Investigativ und intensiv, versteht sich. Ziemlich schnell findet sie in einem mietbaren Berghüttchen das gruselige Videoband, sieht es sich an und wird prompt angerufen. "Sieben Tage", heißt es auf der anderen Seite der Leitung, der Countdown beginnt. Was aber ist dran am Video? Zunächst einmal Vorsicht: auch wir Kinogänger bekommen das Filmchen zu sehen, und zwar komplett! Es dauert vielleicht eine Minute und wirkt fast schon wie eine Collage von Luis Buñuel. Ein Ring, eine Frau, ein Spiegel, ein Haus, Maden, ein Pferdeauge, ein Brunnen, ein Mädchen, eine Fliege. Symbolbeladen bis zum Abwinken. Steht die Fliege nicht für den Teufel, liebe Kunstwissenschaftler? Rachel sucht und sucht nach der Lösung, kopiert den Film mal schnell und lässt gleich noch ihren Ex-Mann und - unfreiwillig - den Sohn in den Bann des mysteriösen Rings ziehen und geht dem nach, was sie auf dem Film gesehen hat. Bis sie am Ende hinter das Geheimnis des Ringes kommt... Ein relativ typischer Horrorthriller des aktuellen Hollywood: Gruselig, ohne unerträglich an den Nerven zu zerren, spannend, ohne am Ende ein übermäßig befriedigendes Finale anzubieten. Der eigentliche Showdown grenzt dann sogar an Peinlichkeit und wird nur durch die allerletzte Szene aufgefangen, die zumindest noch den Zuschauer mit einbezieht. Wenn das japanische Original zum gruseligsten Kultfilm aller Zeiten avancierte, dann ist hier allerdings nur ein Bruchstück davon übrig geblieben. Großes Kino ist was anderes, und auf Logik-Patzer sollte man den Film gar nicht erst abklopfen. Trotzdem funktioniert "The Ring" ganz gut, ist solide inszeniert und hat eine (einigermaßen) glänzende Hauptdarstellerin. Naomi Watts ("Mulholland Dr") trägt den Film recht gut und verhilft ihm damit zum Plus hinter der Drei: 3+

 

Gangs of New York  

USA 2002, Regie: Martin Scorsese

 

Bombastische Hohlnuss: Nicht gerade auf Scorsese-Niveau, aber noch sehenswert

(js 2/03) Du meine Güte! Da war ja ganz schön was los im großen Apfel Mitte des 19. Jahrhunderts... Wo Hollywood bisher nur Geschichts-Nachhilfe in Form von Western und Bürgerkriegsepen geleistet hat, kam New York scheinbar etwas zu kurz. Und das, obwohl da auch ziemlich gemetzelt und geschnetzelt wurde. Martin Scorsese hat's schon lange gewusst und sich seit Jahrzehnten mit diesem Stoff auseinander gesetzt. Das hatte natürlich vor allem eines zur Folge: die Erwartungshaltung auf Martys Neuen wurde größer. Von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Und Monate und Jahre gab's schließlich in Hülle und Fülle, "Gangs of New York" wollte einfach nicht das Licht der Leinwand erblicken. Klar, der 11. September war für die ganze Chose nicht gerade hilfreich. Letztes Jahr in Cannes kamen dann die ersten Ausschnitte, die Zuschauer waren hin und weg: ein bombastisches Feuerwerk an Breitwandbildern kündigte sich da an. Kurz vor Weihnachten 2002 kamen die "Gangs" dann auf amerikanische Leinwände, zeitgleich mit dem zweiten Herrn der Ringe (was nicht gerade ein gutes Zeichen war, es sah aus, als wolle sich da jemand hinter den Hobbits verstecken). Nicht ganz drei Stunden lang, zusammen geschnitten von einer viel längeren Ur-Fassung, dämlicher Starttermin - nicht gerade Hauptcharakteristikum eines Meisterwerks.     Ganz so dramatisch ist das Ergebnis aber schließlich doch nicht ausgefallen: Der junge Ire Amsterdam (Leonardo DiCaprio) muss als Kind mit ansehen, wie sein Vater (Liam Neeson) in den 1840ern von Bill the Butcher (Daniel Day-Lewis) bei einer Bandenschlacht getötet wird. Nach 16 Jahren kehrt er zurück und sinnt auf Rache. Da er aber ganz listig und vor allem mit großem Tamtam an die Sache herangehen will, schleimt er sich beim bösen Bandenboss ein und wird zu einer Art Ziehsohn. Was aber schon bei Shakespeares "Hamlet" so problematisch war, ist auch hier nicht ganz ohne: Wenn man sich rächen will, dann bitte schnell. Jegliches Zögern macht die Sache noch viel komplizierter. Und Amsterdam zögert und zögert und macht's spannend. Er wartet so lange, dass er noch die Zeit findet, die alte Bande des Vaters, die Dead Rabbits, wieder auferstehen zu lassen und sich für die Iren-Rechte einsetzt. Im Großen und Ganzen also nichts als eine simple Rachetragödie. Der Sohn des Ermordeten ermordet den Mörder. Und zwischendurch muss man der Rächer noch mit Cameron Diaz in die Kiste. So einfach ist das. Scorsese verpackt das ganze in riesigen Massenszenen, die Ausstatter konnten aus dem Vollen schöpfen und in Italiens Cinecittà atemberaubende Kulissen zusammenzimmern. Und unser großer Bildermeister Michael Ballhaus weiß auch hier, wo die Lampen hängen müssen und wo man einen schicken Kamera-Kreisel einbauen kann und wie man die unglaublich brutalen Gemetzel "schön" ins Bild rückt. Ein Meisterwerk ist "Gangs of New York" trotz des überragenden Potenzials allerdings nicht geworden. Optisch brillant, gut besetzt und mit interessanten Details ausgestattet, ohne jedoch den nötigen Scorsese-Touch mit hineinzubringen. Der Regisseur, der New York in "Taxi Driver" und letztens noch in "Bringing Out the Dead" skizzierte und dabei die Protagonisten mit beinahe erschreckender Tiefe zu versehen wusste, ist für "Gangs" schlicht und ergreifend überqualifiziert. Mag sein, dass der Director's Cut auch diesen Zusatzansprüchen Genüge leisten könnte. Die zerschnittene Version, die schnell noch vor den Oscar-Deadlines in die Kinos gepresst wurde, ist jedenfalls etwas zu plump. Trotzdem ist der Film durchaus sehenswert. Leonardo DiCaprio ist als Zottelhaar mal wieder recht wenig überzeugend (vgl. "The Man in the Iron Mask"), Daniel Day-Lewis (Oscar-nominiert) beginnt mit klassischem Overacting, kriegt aber am Ende doch noch die Kurve und wird irgendwie cool, Cameron Diaz, Jim Broadbent und die anderen machen ihre Sache auch ganz gut. Nur für Marty gilt (wie für viele große Regisseure): Zurückhalten ist oft ratsam. Die kleinen Filme sind oft die besten. 3+

 

Good Bye, Lenin!

Deutschland 2003, Regie: Wolfgang Becker

Bemüht um Tiefgang und irgendwie alles, nur nicht stimmig

(js 2/03) Kann es sein, dass man von der Werbekampagne eines Films dermaßen falsch vorgeprägt ist, dass man ihn am Ende gar nicht mehr genießen kann? Wenn es das gibt, dann ist "Goodbye Lenin" so ein Fall. Im Trailer und allen in TV-Sendungen präsentiert der Filmverleih jedenfalls eindeutig eine Komödie. Eine Komödie im Stil von "Sonnenallee", Marke (und jetzt nenn ich einfach das für diese Rezensionen  obligatorische Un-Wort) "Ostalgie". "Die DDR lebt" ist der Slogan, die Webpage heißt "www.79qmddr.de". Der eindeutige Versuch, einen "Kult"-Film zu vermarkten. Doch schon der Vorspann raubt dem Zuschauer jegliche Illusion. Schwerfällige Musik, relativ unlustige "bewegte" Standbilder. Hier wird man nicht viel zu lachen haben. Hier wird ein 40-jähriges Kapitel deutscher Geschichte mit Tiefgang beleuchtet. Oh Schreck! Doch dann kommt Alex (Daniel Brühl). Und der DDR-Jungspund beginnt, seine Geschichte ziemlich flott und hip zu erzählen. Papa poppt im Westen rum, Mama landet in der Klapse, er geht auf Demos... Mundwinkel hoch, oder  zumindest bereit zum Anheben. Schnitt:  Zehn Jahre später, November 1989. Mama ist begeisterte Sozialistin, paukt ihren Schülern stolz patriotische Lieder ein, kompensiert ihren Ehe-Frust mit einer Liebesbeziehung zum Arbeiter- und Bauernstaat. Als sie dann ins Koma fällt und  ausgerechnet den Mauerfall verpennt, kommt die Geschichte ins Rollen. Das Herz der Mama soll geschont, die Wiedervereinigung verschwiegen werden. Also, raus mit den frisch erstandenen Billy-Regalen und der Höhensonne, rein mit dem MuFuTi, den alten Honni-Porträts und den verstaubten Gardinen. Wenigstens in einem Raum soll sie noch weiterhin Bestand haben, die gute alte DDR. Und das ist nicht so leicht, wie Alex und seine Schwester schnell feststellen müssen. All die Westprodukte, die es jetzt an jeder Ecke zu kaufen gibt, kann man der kränkelnden Alten ja kaum vorsetzen. Spreewaldgurken müssen her, Mitropa- Produkte, und noch dazu das längst verstorbene Ost-Fernsehen...     Alles Stoff für eine Komödie. Und komödiantische Elemente findet man durchaus in "Good Bye Lenin". Allerdings weit verstreut, unzusammenhängend und vor allem - völlig fehl am Platz. Wie Fremdkörper wirken diese kurzen Sequenzen, und zum Lachen hat man da schon keine Lust mehr. Der Rest des Films ist einfach nur seltsam. Eine unangenehme Protagonistin liegt da aufgebettet, die man eigentlich gar nicht über zwei Filmstunden ertragen möchte. Die Versuche des Sohnes sind ja ehrenwert, nett und rührend. Aber wenn Alex dann zu philosophieren beginnt über Gut und Böse, Ost und West, Mann und Frau, Astronauten und Kosmonauten, dann möchte man schon gerne einmal den Ton abdrehen. Schwerfällig und streckenweise sehr bemüht kommt Wolfgang Beckers dritte Regiearbeit daher, eine wunderbare Grundidee, die sich nicht so ganz zu einem schönen Film entwickeln möchte. Die Geschichte der Familie ist vor allem traurig, tragisch, fast dramatisch. Und dann kommen eben diese Witzpassagen, diese Kubrick-Zitate, Jürgen Vogel im Kükenkostüm und die flotten Sprüche schlicht und einfach nicht an. Schade ist auch, dass der Film einerseits wirklich starke, bildgewaltige Szenen hat (etwa die mit der "fliegenden" Lenin-Statue), andererseits in Ausstattungsdetails versagt (1989/90 sahen die Verpackungen der West-Produkte noch etwas anders aus als zur Drehzeit des Films, Herr Becker!). Und genau das ist symptomatisch für "Good Bye Lenin": er ist einerseits und andererseits. Und keines von beiden so richtig. Da wünscht man sich einfach mal eine Entscheidung. 3

 

Catch Me If You Can  

USA 2002, Regie: Steven Spielberg

Das wurde auch Zeit: Spielberg fängt sich wieder

So lässt's sich gut schwindeln 

(js 1/03) Es war schon ein Trauerspiel mit Herrn Spielberg. 1993 machte er mit "Schindlers Liste" auf seine ernsthafte Seite aufmerksam und zeigte, dass er nicht nur Kasse sondern auch Klasse machen kann. Schade nur, dass es nach dem siebenfachen Oscarabräumer nichts Überdurchschnittliches mehr zu sehen gab von Hollywoods Vorzeige-Regisseur. Weder "Amistad" noch "Saving Private Ryan" wollten so richtig überzeugen, von Dinosaurier-Fortsetzungen und "A.I." - seinem größten Griff ins Klo - ganz zu schweigen. Auch beim letzten Versuch, "Minority Report" , ließ er so zu sehr von den visuellen Effekten berauschen, dass die eigentliche Substanz des Films komplett flöten ging. Alles sprach dafür, dass Spielberg seine Glanzzeiten längst hinter sich gelassen hat. Um so schöner, wenn dieser Routinier einfach mal so einen Film aus dem Ärmel schüttelt. Ohne großen Bühnenzauber, ohne viel Schnickschnack, einfach mal einen netten Film ohne Anspruch auf die große Didaktiknummer. "Catch Me If You Can" ist so ein Fall. Klar, die Darsteller haben die Hände ganz schön aufgehalten, so richtig billig konnte das Ganze also nicht werden. Muss ja auch nicht gleich sein. Im Spielberg-Universum jedoch könnte diese Hochstaplermär durchaus als Low-Budget durchgehen... Schon beim Vorspann merkt der aufmerksame Kinogänger, dass hier einiges anders läuft als bei all den anderen Spielbergs. Erstmals gibt es so etwas wie Credits (sonst immer erst am Ende, noch dazu sehr nüchtern), erstmals erkennt der Filmemacher, dass auch ein Vorspann seinen Reiz haben kann. Ganz in der Tradition der "Pink Panther"- Intros führt uns ein animiertes Schattenspiel in die Filmwelt der amüsanten, liebenswerten Kriminalität ein. Und liebenswert ist er allemal, der Scheckbetrüger Frank Abagnale Jr. (Leonardo DiCaprio). Seine Geschichte wird erzählt, und das von Anfang an. Tragische Wendungen im Familienverbund, der Vater (Christpher Walken) ein fragwürdiges Vorbild, die Mutter eine bekloppte Französin, sozialer Absturz - für Frank gibt es fast nur eine Möglichkeit: seine Talente nutzen, Urkunden fälschen und das Leben genießen. Wenn das Leben schon beschissen ist, warum nicht einfach ein perfektes erfinden? Als Pilot, Jurist und Arzt schlawinert sich der junge Mann durch das Amerika der 60er. Und eines macht ihm besonderen Spaß: das Katz-und-Maus-Spiel mit Hanratty (Tom Hanks), einem "lonesome cowboy" auf der Gehaltsliste des FBI, in dessen Leben alles genauso schief ging wie in Franks Jugend. Über einige Jahre hinweg verfolgen wir den passionierten Verfolger, der oft so nah dran ist am Gesuchten, ihn aber nie zu fassen kriegt. Bis, ja bis eines Tages nach der Festnahme in Frankreich versucht wird, aus Saulus-Frank einen Paulus-Frank zu machen. Fälschertalente von Franks Kaliber kann man beim FBI schließlich mehr als gut gebrauchen...     Endlich! Spielberg hat einen Weg gefunden, wieder einen wirklich guten Film zu machen. Das Rezept: alles raus, was nach Spielberg schmeckt. Pathos raus, keine Stars and Stripes, keine Märchen, keine Computertricks, kein krampfhaft konstruierter Tiefgang. Einfach nur launige Darsteller, eine nette Deko, eine lockere Erzählweise. So einfach kann's gehen. So gelingt es auch, einen Leonardo DiCaprio nach langer Durststrecke wieder auf sein altes Niveau zu hieven, da verzeiht man auch mal einen vielleicht etwas zu platt geratenen Charakter wie Hanratty, da freut man sich mal wieder über Christopher Walken, und da guckt man im Lichtspielgaus auch bei stolzen 140 Filmminuten nicht ständig auf die Uhr. Nach einem solch vergnüglichen Film keimt dann auch gleich wieder die Hoffnung in mir auf, dass der inzwischen studierte Herr Spielberg auch weiterhin mit dem ein oder anderen unverkrampften Film daher kommt. Dann kann man auch viel leichter mal ein Auge zudrücken, wenn er mal wieder mit einem seiner Pseudo-Psycho-Lehrstücke beeindrucken möchte. Amerika braucht sie schließlich. 1-

 

KILL BILL

 

Volume 1

The 4th Film by Quentin Tarantino, USA 2003

 

Die Rache einer Braut: Vom "Wunderkind" Tarantino keine Spur!

 

Stutenbissig: Lucy Liu und Uma Thurman

(js 10/03)    Was macht eigentlich Quentin Tarantino? Der Mann, der vor elf Jahren mit "Reservoir Dogs" debütierte, meine späte Jugend durch den Knaller "Pulp Fiction" versüßte und auch noch mit "Jackie Brown" (1997) sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellte... Lange schon geisterte der Titel seines neuen Films mit Uma Thurman um die Welt. Jetzt endlich ist "Kill Bill" fertig. Aber was um Himmels Willen hat sich Wunderkind Quentin dabei gedacht?

    In schwarz-weißem Close-Up liegt "die Braut" (Uma Thurman) in ihrer Blutlache und wird von Kill erschossen. Ein Auftakt, wie er nicht anders zu erwarten war. "The 4th film by Quentin Tarantino" verkünden die Credits auf der Leinwand, Tarantino trägt offenbar gerne zur Schau, wie rar er sich macht. Rar ist schließlich schick. Und cool auch. Also sind die folgenden 100 Filmminuten natürlich unglaublich cool: Die Braut hat das Blutbad auf ihrer Hochzeit überlebt. Nach vier Jahren erwacht sie aus ihrem  Koma. Nur das Kind, mit dem sie schwanger war, hat's scheinbar nicht geschafft. Jetzt will sie nur noch eines, Rache! Bevor allerdings Bill an der Reihe ist, müssen noch drei "Schlampen" (u.a. Lucy Liu und Deryl Hannah) daran glauben, die tatkräftig am Massaker vor dem Altar beteiligt waren. Und da Tarantino bekennender Schmuddelcineast ist, ist der Rachefeldzug der Braut nichts weiter als ein Kung-Fu-Action-Film. Das kann mögen wer will, mit dem genialen Tarantino der 90er hat "Kill Bill" aber beileibe nichts mehr gemein. 

    "Kill Bill" wartet erwartungsgemäß mit der Ultrabrutale auf, wie Alex aus "Clockwork Orange" sagen würde. Hier wird nicht nur Blut verspritzt, hier wird Blut versprüht. Und das immer, wenn es das Drehbuch zulässt - da das Drehbuch kaum mehr als eine Din A 4-Seite füllen dürfte, steht es dem großen Blutbad also niemals im Wege. Köpfe rollen, Arme fallen, Schwerter werden in Körper gerammt. Eine Planscherei in Blutlachen jagt die andere. Die Mission der Braut ist dabei nichts anderes als ein verfilmtes Jump-and-Run-Spiel der billigen Art.

    Was ungemein bitter aufstößt an "Kill Bill" ist, dass Tarantino einfach viel mehr kann. Auch "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction" war generöser Umgang mit Blutlachen keinesfalls fremd. Doch hatte der Regisseur uns damals noch einiges mitzuteilen:  Grandiose Dialoge, unglaublicher Wortwitz, liebevolle Detailbeobachtungen, stimmige Charaktere. Mit all dem hat "Kill Bill" in keiner Filmsekunde etwas zu tun. Erschreckend vor allem, dass der Humor komplett auf der Strecke geblieben ist. "Kill Bill" ist kaum witziger als eine durchschnittliche "Wetten-dass..?"-Sendung. Und die Figuren, abgesehen von der immerhin annehmbaren Thurman-"Braut", sind nicht der Rede wert. Schlimmer noch: Hatte Tarantino in seinem letzten Film noch eine erstaunlich gute Pam Grier aus der Versenkung gezaubert, hat er auch hier wieder archäologische Arbeit in der Mumienkammer von Hollywood betreiben wollen. Dabei fand er eine unerträglich peinliche Daryl Hannah, die besser wieder Meerjungfrauen spielen oder mit Robbie Williams in Videoclips rumknutschen sollte. In diesem Film tut es einfach furchtbar weh, ihr zuzusehen. 

     Und was ist mit der Ästhetik? Ein inhaltsleerer Film, der in seinen beiden Teilen auf stolze 200 Minuten kommen wird, könnte ja zumindest optisch der große Renner sein. Nichts da. Selbst wenn in wenigen Szenen ein gewisses Gespür für tolle Optik spürbar wird, verliert sich "Kill Bill" in kühlen, wenig inspirierten Bildern. Nicht einmal die Japan-Szenen kommen auch nur ansatzweise authentisch rüber. Hätte hier nicht die Legende Tarantino seine Finger im Spiel gehabt, müsste man sich gar nicht erst die Mühe machen, irgendetwas schön zu reden. Würde man sicher auch nicht. So bleibt nur die Frage, wo der Filmemacher geblieben ist, der mit "Jackie Brown" noch auf so angenehm subtile Weise auf eine große Zukunft hoffen ließ? Beim Rachefeldzug der Braut jedenfalls ist es mir relativ egal, was der zweite Teil erzählen wird. Aber zu guter Letzt ist Quentin Tarantino ja doch ein Schlitzohr, denn der Cliffhanger von "Volume 1" macht einen dann doch irgendwie furchtbar neugierig. Verdammt nochmal!   5+ 

 

Volume 2

The 4th Film by Quentin Tarantino, USA 2004

 

Die Braut, die sich traut: Kein Hit, aber besser als der Auftakt

 

 

Schöne Bilder, nichts dahinter...

(js 4/04) Eigentlich hat es Quentin Tarantino gar nicht verdient, dass sich überhaupt noch jemand in den zweiten Teil seiner Blutorgie um die rachelüsterte Braut verirrt. Wie in der Kritik zum ersten Teil angedeutet, war am Ende der Cliffhanger dann doch ziemlich verlockend... Also geben wir dieser Fortsetzung noch eine Chance: Und tatsächlich, sie ist um Längen besser als der Auftakt, von großem Kino ist sie aber noch meilenweit entfernt. Da können die Feuilletonisten jubilieren so viel sie wollen.

    "Volume 2" beginnt fast wie sein Vorgänger. Die Braut (Uma Thurman) liegt in ihrer Blutlache. Auf geht's - noch müssen 136 Minuten erzählt werden, noch müssen ein paar Namen auf der Todesliste durchgestrichen und ein paar Hintergründe erläutert werden. Wie war das doch gleich bei der Hochzeit? Wie sterben Bills Bruder Budd (Michael Madsen),  die einäugige Elle (Deryl Hannah) und natürlich Bill (David Carradine) um die Ecke gebracht werden.

    Im Schnelldurchgang: Das mit der Hochzeit war nur ne Probe, ändert aber nichts am blutroten Gemetzel. Budd wird Opfer seiner Gier und einer schwarzen Mamba, Elle wird auch ihr zweites Auge verlieren und Bill... ja, Bill wird auch sterben. Darum geht es ja. Und daran ändert auch nicht die Tatsache, dass die zunächst namenlose Braut ein Kind mit ihm hat. Am Ende ist die Braut nur noch Mutter. Uma Thurman. The Bride. AKA Beatrix Kiddo. AKA Mommy. Ende der Geschichte.

    "Kill Bill"-Liebhaber werden diese Zusammenfassung hassen, aber mehr muss eigentlich nicht gesagt werden zum Plot. Der ist wie schon im ersten Teil ziemlich platt geraten. Dass Teil 2 dennoch besser ist als Teil 1, liegt an der Inszenierung. Hier sind sie plötzlich, die Bilder, auf die ich im Herbst umsonst gewartet habe. In epischem Breitwandformat zeigt Tarantino zumindest hin und wieder einmal, dass er visuell was drauf hat. Selbst wenn es sich bei den "schönen" Bildern des Films lediglich um Zitate Marke "copy-and-paste" handelt. Nett anzuschauen ist "Vol. 2" allemal. Was die Dialoge betrifft: Sie dümpeln weiterhin auf niedrigem Niveau vor sich hin. Wie auch immer: Einige Szenen funktionieren sehr gut. Am besten die, die eigentlich nur eine schwarze Leinwand zeigt. Die Braut - ach verdammt, nennen wir sie noch beim Namen Beatrix Kiddo - wird lebendig begraben. Minutenlang bleibt das Bild schwarz, allein der furchterregende Ton bleibt. Nicht schlecht, Herr Tarantino, hier klappt's doch mit der Inszenierung! 

    Der große Brüller ist "Vol. 2" aber beileibe nicht. Uma Thurman kann zwar schon wieder etwas mehr von ihrem Talent zeigen als vor ein paar Monaten, dafür bleiben Nebendarsteller wie die unsäglich schlechte Deryl Hannah weiterhin unerträglich. Schlimm auch der entsetzliche Asiate, der Beatrix das Kämpfen beibrachte. Klar, der Darsteller war 'ne Große Nummer im Hong-Kong-Film (oder wo auch immer), mit seinen Wattebäuschen in der Visage kann er mich allerdings nicht überzeugen. Und was bitte schön soll das Getue um den Namen der Braut? In "Vol. 1" wird er rausgepiepst wie ein Rülps in einer Talk-Show. In "Band 2" erfahren wir, dass sie Beatrix heißt. Ja und? Dann heißt sie halt Beatrix, ist mir eigentlich ziemlich egal... Und wie ich diese aufgesetzte Mütterlichkeit am Ende finden soll, weiß ich nicht.

    Sagen wir es mal so: Ab Kapitel 6 (= Beginn Film 2) wird "Kill Bill" zumindest erträglich, manchmal sogar (optisch) sehr schön. Insgesamt ist und bleibt Tarantinos Zitatensammlung aber unbefriedigend. Da hätte einfach mehr kommen müssen. 

    Zur Benotung: "Volume 1"bekam eine 5+, "Volume 2" hiermit eine 3- Gesamtnote: 4

 

 

 

 

My Big Fat Greek Wedding

USA 2002, Regie: Joel Zwick

 

Meine große, fette Langeweile

von meinem Marburger Korrespondenten Jan Wilhelm, M.A. (1/03)

"My Big Fat Greek Wedding" ist einer dieser Filme für Leute, die eigentlich nicht ins Kino gehen. Nervös tuschelnd, sich auffällig unauffällig verhaltend, entern sie den Saal des Lichtspielhauses. Verwirrt und umständlich suchen sie ihren Sitzplatz. Tuscheln und lachen hysterisch. Nur nicht auffallen! Der professionelle Kinogänger aber erkennt sie sofort: Die Sekretärinnen und Verkäuferinnen, die besten Freundinnen aus dem Kegelverein, die Ehefrau, die ihren leidgeplagten Ehemann in eine "romantische Komödie" schleppt, wo dieser sich doch eigentlich auf einen gemütlichen Fernsehabend bei DSF eingestellt hatte. Nun sitzen sie also hier und harren der Dinge, die da kommen sollen. Und das soll ja Einiges sein. Immerhin ist das Lob für den Film im Vorfeld überwältigend. Der Überraschungshit aus den USA (wie oft hat man das eigentlich schon gehört?). Dort hat er ein Vielfaches seiner Produktionskosten eingespielt und die Kritiker überschlugen sich vor Lobpreisungen... Worum aber geht es? Toula Portokalos (Nia Vardalos), Tochter einer griechischen Einwandererfamilie, lebt mit ihrer großen Familiensippe in den USA und arbeitet im familieneigenen Restaurantbetrieb. Mit mittlerweile 30 Jahren, sieht es nicht mehr so aus, als ob das graue Mauerblümchen noch jemals unter die Haube kommen wird. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters (Michael Constantine), dessen sehnlichster Wunsch es ist, dass Toula einen netten Griechen kennen lernt und dann zur kochenden Gebärmaschine mutiert. Naja. Es kommt natürlich alles ganz anders. Toula lernt den amerikanischen Highschool-Professor Ian (John Corbett) kennen und die Beiden verlieben sich in einander. Doch wie erzählt sie's nun dem Vater und der Familie unzähliger Schar? Komplikationen und Verwicklungen, das Aufeinandertreffen zweier Kulturen, Pita Gyros und Fast Food. Hier weiter auf den Inhalt einzugehen ist müßig. Das Happy End reine Formsache. Der Weg dorthin vorhersehbar. Warum aber ist der Film so erfolgreich? Keine Ahnung. An der Story kann es eigentlich nicht liegen. Die plätschert beliebig vor sich hin. Ein, zwei kleine Lacher. Ansonsten gelegentliches Schmunzeln. Die spleenige Portokalos-Sippe bleibt in ihrer Exzentrik überraschend langweilig. So bekommt jedes Familienmitglied einen Witz zugedacht und der darf dann über die Länge des Films als "running gag" ausgearbeitet werden. Den Figuren fehlt jegliche Tiefe. Und so "Off-Beat-Hollywood" wie der Film sein will, ist er dann halt doch nicht. So bleiben die Gags immer schön innerhalb der harmlosen "Political Correctness Grenze". Und wenn sich Toula, das unscheinbare Griechen-Aschenputtel, in ihren amerikanischen Traumprinzen verliebt, dann muss sie sich vorher schon als hübsches All-American-Girl herausputzen um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Völlig unerträglich auch der Auftritt von 'N-Sync Sanges-Kasper Joey Fatone (peinlich genug, dass ich ihn sofort erkannt habe). Der spielt einen von Toulas unzähligen Cousins und darf dann auch als dialogarmer Komparse durch wirklich fast jede Szene des Films kaspern (die Frage nach dem "Warum" muss wohl nicht gestellt werden). "My Big Fat Greek Wedding" ist ein durch und durch harm- und belangloser Film. Wer eine Komödie über eine wirklich schrullige Familiensippe sehen will, der sollte sich lieber "The Royal Tenenbaums" (siehe Archiv !) auf Video ausleihen. Naja. Den Frauen vom Kegelclub wird's egal sein. Man habe sich "köstlich amüsiert" und sei nach dem Kino noch "zum Griechen gegangen", wird man später erzählen (Genau wie man damals bei "Chocolat" gleich in die nächste Konditorei gepilgert sei). Die Portokalos-Sippe hat man aber spätestens nach zwei Wochen wieder vergessen. Bis dann die geplante Sitcom "My Big Fat Greek Life" ins Fernsehen kommt. Die dann bestimmt gefolgt wird von "My Big Fat Greek Honeymoon", "My Big Fat Greek Divorce" und "My Big Fat Greek Funeral". Mir soll's egal sein. Genauso wie der Film.  4


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