Archiv 2005

 

 

 

 

Everything Is Illuminated

 

USA 2005, R: Liev Schreiber

 

Auf der Reise in die Vergangenheit: (Er)leuchtende Romanverfilmung

Touristenfahrt der Extraklasse: Jonathan (Elijah Wood) reist in die Vergangenheit seiner Familie 

 

Was man nicht schon alles in jungen Jahren auf die Beine stellen kann. Ein Ney Yorker Grünschnabel, der erst 1977 geborene Jonathan Safran Foer, legte vor vier Jahren ein Romandebüt hin, das weit mehr war als das übliche Geschreibsel seiner Generation. Tiefgründig, dramatisch und vielleicht ein wenig kopflastig war dieses "Everything Is Illuminated". Die Geschichte des amerikanischen Juden Jonathan, der sich auf Spurensuche in die Ukraine, des Heimatlands seines Großvaters, begibt, ist nicht unbedingt leichte Lesekost. Brillant ist sie aber allemal. Und unverfilmbar. Oder etwa nicht? Liev Schreiber hat es jedenfalls gewagt. Der Mann, der bislang nur als Nebendarsteller diverser Hollywoodproduktionen in Erscheinung getreten war, hat sich an den vor allem in den USA bestens verkauften Roman gewagt und ihn nun auf die große Leinwand gewuchtet. Und siehe da: Es hat funktioniert. Bestens sogar.

    Jonathan (Elijah Wood mit dicker Brille und Konfirmandenanzug) findet ein Foto, das seinen längst verstorbenen Großvater und eine gewisse Augustine in Trochimbrod zeigt. Wer war diese Frau? Und wo bitteschön liegt dieser Ort? Gemeinsam mit seinen illustren Reiseführern Alex (Eugene Hutz), dessen Opa (Boris Leskin) und Hundedame Sammy Davis Junior Junior macht sich der schmächtige Vegetarier auf eine absurde Trabi-Reise durch das einstige Ostblockland, von Odessa bis mitten hinein in die entlegenste Walachei. Am Ende, einem unglaublich bewegenden Finale, findet das Quartett sowohl Augustine als auch Trochimbrod - und es nähert sich dem dunkelsten Kapitel seiner gemeinsamen Vergangenheit an: dem Holocaust.

    Doch wie es bei Road-Movies so üblich ist, ist auch bei diesem Schotterpistenfilm die Reise das Ziel. Und die ist amüsant, skurril und oftmals surreal - so lautet das Rezept, mit dem Schreiber Foer auf Zelluloidforat bringt. In den Grundzügen decken sich Film und Buch, auch wenn Schreibers Werk naturgemäß nicht ganz an die Komplexität seiner Vorlage heranreicht. Nur in wenigen Momenten schwächt der Film die Geschichte ab. Im Finale etwa, das auch so noch durchaus funktioniert, wird ein wenig abgeschwächt - die meiner Meinung nach tragischste "Erleuchtung" wird ausgeblendet. Wie auch immer, "Everything Is Illuminated" ist ein ausgesprochen liebenswerter Film voller origineller Szenen, netter Bilder und absurder Momente. 

    Auch bei der Be- und Umsetzung der drei Hauptfiguren trifft Schreibers Film ins Schwarze. Elijah Wood, der einstige Kinderstar und Vorzeige-Hobbit, nimmt sich ordentlich zurück, um der scheue Brillenschlage "Jonfen" Leben einzuhauchen. Doch es sind vor allem die Leistungen seiner beiden Kollegen, die einzelne Filmszenen ins Gedächtnis brennen. Eugene Hutz als durchgeknallter Michael-Jackson-Fan im Trainingsanzug, der es liebt, mit Frauen "fleischlich" zu sein, macht seine Sache großartig und schafft es, den Erzählton des Buches samt sprachlicher Achterbahnfahrt auf die Leinwand zu übertragen. Boris Leskin lässt vor allem sein Gesicht sprechen. Dann, wenn es um die große "Erleuchtung", um schmerzhafte Blicke in eine verdrängte Vergangenheit geht, sorgt Leskin für die bewegendsten Momente des Films. 

    Warum "Everything Is Illuminated" solch ein kommerzieller Flop wurde, bleibt ein Rätsel. 7 Millionen Dollar hat er gekostet, er basiert auf einem Bestseller, hat immerhin einen Hobbit als Hauptdarsteller gewinnen können - und dennoch hat er nicht einmal eine Million Dollar eingespielt. In Deutschland kam er mit einer Handvoll Kopien an den Start - auch hier hat er in den ersten vier Monaten weniger als 30.000 Zuschauer gefunden. Schade. Er hätte weit mehr Beachtung verdient... 1

 

 

Crash

USA 2005, Buch und Regie: Paul Haggis

 

Überraschender Oscarsieger: Rassismusdrama mit Tiefen und Untiefen 

 

(js 3/06)Es ist schon ein Trauerspiel, dieses Leben in Los Angeles. Von wegen Glamour, von wegen Hollywood. Zig Millionen Menschen leben im Tal, und keiner lässt den anderen so richtig an sich heran. Das ist keine neue Erkenntnis, schon andere Filme haben sich mit großstädtischer Einsamkeit und zwischenmenschlichen Barrieren in L.A. beschäftigt. Die Ergebnisse waren so durchwachsen wie die Pazifikmetropole selbst. Mäßige Dramen wie "Collateral" waren ebenso dabei wie absolute Perlen à la "Magnolia". Jetzt hat sich auch Paul Haggis, der gefeierte Autor von "Million Dollar Baby", mit den Tiefen der Stadt der Engel befasst - und damit gewonnen. Drei Oscars gab's für "Crash". Einen für den Schnitt, einen fürs Drehbuch und überraschenderweise einen für den besten Film. 

    "Crash", übrigens nicht in Ansätzen vergleichbar mit dem gleichnamigen und ungenießbaren Fetischistenquark von David Cronenberg, ist einer dieser Episodenfilme, die alle Nase lang gefeiert werden. Uns so viel sei schon jetzt gesagt: Er ist einer der besseren seiner Zunft, wenn auch nicht perfekt. Anknüpfpunkt des Handlungsknäuels ist ein Unfall zu nächtlicher Stunde, der zum Aussichtspunkt auf die letzten 24 Stunden der Beteiligten wird. Haggis führt uns Szene für Szene Menschen aus Los Angeles vor, die sich alle im Verlauf des Films irgendwie begegnen werden. Alle stammen sie aus unterschiedlichsten ethnischen Gruppen. Da wären der schwarze Cop (Do Cheadle) und seine lateinamerikanische Kollegin, da wäre das schwarze Gangsterduo, das Weiße ausraubt, Chinesen überfährt und sich über Rassismus in Amerika aufregt. Da wären der Generalstaatsanwalt (Brandon Frasier) mit seiner Wohlstandsgattin (Sandra Bullock) und der rassistische Polizist Ryan (Matt Dillon), der sich zu Hause liebevoll um den kranken Papa kümmern muss, auf der Straße jedoch zum reinsten Arschloch mutiert und seinen Kollegen (Ryan Philippe) anwidert. Und da wären noch der schwarze TV-Regisseur (Terrence Howard), der tatenlos mit ansieht, wie Cop Ryan seine Frau (Thandie Newton) bei einer Verkehrskontrolle befingert. Zu guter Letzt wären da noch eine persische Familie, die den "neuen" Rassismus der Post-911-Zeit zu spüren bekommt und ihren Frust auf einen eigentlich vollkommen harmlosen, leicht kriminell aussehenden Familienvater und Schlüsseldienstmitarbeiter lenkt...

    Es sind schon einige Episoden, die Haggis da in weniger als zwei Filmstunden gequetscht hat. Dass der Film mit relativ wenig Zeit auskommt, ist einerseits seine Stärke, andererseits seine große Schwäche. Oft verrennen sich Regisseure in Mammutwerke von mehr als drei Stunden, wenn es um eine solche Fülle an Geschichten und Geschichtchen geht. Haggis schafft einiges in dieser straffen Erzählzeit, dennoch hätte er sich entscheiden müssen: entweder 60 weitere Filmminuten oder zumindest einen Erzählstrang weniger! Das Leitmotiv von "Crash" wird sehr schnell deutlich und macht den Film schon in den ersten Minuten zu einem monothematischen Rassismusdrama. Das ist in Ordnung so und hält der amerikanischen Gesellschaft einen unangenehm vergrößernden Spiegel vor, auf dem jede noch so verstopfte Pore zu sehen ist. Schnell steuert "Crash" auf unglaublich fesselnd inszenierte, ausgesprochen bewegende Szenen zu, gerät aber zwischenzeitig immer wieder in Untiefen, die haarscharf am Plakativen vorbeischrammen. Die Episode der "reichen Weißen" etwa, gespielt von Brandon Frasier und der gar nicht mal so übel agierenden Sandra Bullock, hätte entweder weiter ausgebaut werden oder besser unterm oscarprämierten Schneidetisch verschwinden müssen. Die heulende Schickse in den Armen der kurz zuvor gescholtenen mexikanischen Putzfrau wäre an sich schon platt genug gewesen. Dass sie aber noch "Sie sind meine beste Freundin" wimmern muss, ist nun wirklich eine Spur zu weit. Ein wenig mehr Subtilität hätte "Crash" durchaus gut zu Gesicht gestanden.

    In anderen Szenen ist der Film grandios. Die dramatische Unfallszene zur Halbzeit etwa, in der die Thandie Newton in einem kopfstehenden Auto eingeklemmt ist und nur von Matt Dillon - dem Ekel, der sie wenige Stunden zuvor auf offener Straße erniedrigt hat - gerettet wird, ist mit Sicherheit eine der intensivsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte. Überhaupt ist Haggis zugute zu halten, dass er neben einigen wenigen flach gehaltenen Charakteren die Mehrheit seiner Figuren mit erstaunlicher Tiefe ausstattet. Der stereotype Rassist ist eben doch nicht nur das simple Schwein, der arme überfahrene Chinese ist keineswegs das liebe kleine Schlitzohr mit den Schlitzaugen. Hier herrscht nicht bloß der unterdrückende Rassismus der Weißen. Hier hat jeder Probleme mit jedem. Araber und Asiaten, Latinos und Schwarze, Weiße und Mischlinge. In "Crash" crashen sie alle aufeinander und verleihen den Film eine denkwürdige Brisanz. Stilistisch gesehen ist Paul Haggis ohne Zweifel auf das Trittbrett eines wahren Erfolgsmodells gesprungen. Optisch, atmosphärisch, schnitttechnisch und auch musikalisch ähnelt "Crash" eindeutig P. T. Andersons grandiosem, ausgereifteren und eben nicht monothematischen "Magnolia" (1999). Aber das kann ich ihm nun wirklich nicht verdenken... 2+

 

 

Spanglish

 

USA 2004, Buch und Regie: James L. Brooks

 

Und wieder geht's nicht besser: Schöne Komödie von James L. Brooks



(js 9/05) Endlich hat sie es geschafft. Endlich ist die Mexikanerin Flor (Paz Vega) ihrer Heimat entflohen, um ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum zu leben. In Los Angeles, der zweitgrößten Mexikanermetropole, kann sie sich mit ihrer Tochter Cristina eine Existenz aufbauen. Englisch sprechen kann sie zwar nicht, aber wofür soll das schon gut sein? Millionen andere machen es genauso wie sie und schlagen sich mit zwei Jobs über die Runden. Schlimm nur, dass die Amerikaner so wenig Anstand haben. Als Flor bemerkt, dass ihre Tochter so ganz ohne Aufsicht durchaus auch für die pubertierende Jungenwelt interessant wird, fasst sie einen Entschluss. Ein Job muss von nun an reichen, abends dann soll die Erziehung nicht zu kurz kommen. Mit Hilfe ihrer Cousine heuert sie als Hausmädchen bei den Claskys an. John Clasky (Adam Sandler) ist ein gefeierter Sternekoch, seine Frau Deborah (Téa Leonie) eine Art trockener Workaholic. Sie wurde unlängst aus ihrer Firma wegrationalisiert und fristet seither ein unfreiwilliges Leben als Vollzeitmama. Das passt ihr ganz und gar nicht, und so durchlebt die drahtige Blondine zurzeit eine üble Phase der Midlifecrisis, der ihr hasenfüßiger Gatte doch recht machtlos gegenübersteht. Die Tochter ist übergewichtig und kann es der Mami so gar nicht recht machen, Oma Evelyn (Cloris Leachman) ist ausgesprochen trinkfreudig und John ist und bleibt ein Pantoffelheld. Flor ist schnell willkommen im Heim der Claskys, hilft brav mit, freundet sich mit allen an, ohne auch nur ein Wort Englisch über die Lippen zu bekommen. Und schon haben wir die perfekte Ausgangssituation für eine nette Komödie. Dass "Spanglish" weit mehr als ein unverbindlicher Slapstickspaß geworden ist, liegt an seinem Macher. James L. Brooks, Patenonkel der "Simpsons", hat zuletzt vor sieben Jahren mit "As Good as It Gets" (1997) eine klasse Komödie auf die Leinwand gebracht. Jack Nicholson und Helen Hunt bescherte er damit einen Oscar, uns einen der besten Filme der Neunziger. Jetzt endlich kommt er wieder, und auch "Spanglish" ragt weit aus dem Gros der Hollywoodklamotten hinaus. Auch dieser Film ist lang, so manchem dürfte er gar zu lang, zu vollgepackt erscheinen. Kurz und leer ist der Film auch wirklich nicht. Jeder der Charaktere atmet Leben, hier werden keine platten Stereotypen vorgeführt. Der Regisseur lässt sich Zeit und schenkt jedem seiner Figuren den nötigen Platz im Film. Das Ergebnis ist eine bunte, tiefgründige Geschichte rund um die Themen Multikulti, Familie, Liebe und Erziehung. Mit einem halben Dutzend liebenswerter Darstellerleistungen (schön, dass Adam Sandler, wie schon in "Punch-Drunk Love", fernab vom Clown schauspielerisches Talent zeigt), einem warmherzigern Drehbuch und jeder Menge gut sitzender Pointen ist "Spanglish" somit ein würdiger Nachfolger für den Nicholson/Hunt-Knüller. Ein rundum sehenswerter Film. 1

 

 

A History of Violence

USA/Kanada 2005, Regie: David Cronenberg

 

Neues von Cronenberg: brutal, gut und ganz ohne Glibber

 

Tom Stall (Viggo Mortensen) hat seinen amerikanischen Traum realisiert. Gemeinsam mit seiner knackigen Frau Edie (Maria Bello) und seinen einigermaßen wohlgeratenen Kindern lebt der Coffeeshop-Besitzer in einem bescheidenen Eigenheim irgendwo in Indiana. Abgesehen von einigen Schulraufereien des Filius verläuft das Leben der Stalls in ruhigen Bahnen. Alles ist so weit in Ordnung, fast schon ein bisschen öde. Bis eines Tages der Alltag der braven Amerikaner aus der geregelten Bahn geschossen wird. Zwei skrupellose Gewaltverbrecher überfallen das Stall's-Diner. Als sie die erste Angestellte ermorden wollen, verwandelt sich der ansonsten so zurückhaltende Tom in einen wahren Actionhelden. Er überwältigt die beiden Gangster und bläst ihnen die Rübe weg. Von nun an ist Tom nicht mehr der nette Kaffeekocher von nebenan, jetzt ist er das, was jeder Amerikaner einmal im Leben sein möchte - ein echter "local hero". Zeitungen berichten über den Überfall, das Fernsehen bittet ihn um Interviews, der Laden brummt... Alle freuen sich für Tom und über seinen Mut. Nur er selbst scheint es nicht wirklich genießen zu können, schon gar nicht, nachdem ein paar finstere Gestalten aus dem organisierten Verbrechen im fernen Philadelphia auftauchen. Die (angeführt von einem einäugigen Ed Harris) sind fest davon überzeugt, dass Tom nicht Tom sondern Joey heißt und einst einer von ihnen war - einer, mit dem die Gangster offensichtlich noch eine Rechnung offen haben. Relativ schnell wird dem Zuschauer klar, dass die Bösewichte nicht ganz ohne Grund hinter Tom her sind. Er ist keineswegs der brave Thekenmann, für den ihn das gesamte Dorf und die eigene Familie hält. War er wirklich der miese Mafioso aus Pennsylvania? Steckt er etwa in einer Art Zeugenschutzprogramm, so wie es der örtliche Sheriff vermutet?
David Cronenberg, Schöpfer solch ekelerregender Filme wie "Die Fliege", "Naked Lunch" und "Crash", hat sich mit dieser Umsetzung einer Graphic Novel stark zurückgehalten. Keine wabernden, organischen Geschwülste, kein Schleim und keine Prothesenerotik. "A History of Violence" ist in weiten Teilen ein stiller Film geworden, der sich sehr intensiv der Charakterstudie des grandios gespielten Protagonisten widmet. Doch wie es uns der Titel schon zu verstehen gibt: So ganz brav bleibt der Film nun auch wieder nicht. Im Gegenteil. In seinen Gewaltszenen schlägt uns Cronenberg die Bilder wie einen Knüppel ins Gesicht. Kopfschüsse, zerfetzte Visagen, blutiges Geschmier - zwischen all der ländlich-amerikanischen Idylle haben die drei, vier Aggressionsszenen die Durchschlagskraft eines Vorschlaghammers und rechtfertigen die strenge FSK-Freigabe ab 18 absolut... Gut gemacht, Cronenberg! "A History of Violence" ist sehr sehenswert und sehr wegsehenswert zugleich. 2

 

 

Brothers Grimm

USA 2005, Regie: Terry Gilliam

 

Überladener Mummenschanz mit den Märchenonkeln "Jake" und "Will" 

 

Spieglein, Spieglein an der Wand: Schönheit währt nun mal nicht ewig.

(js 10/05)  Es waren einmal vor langer, langer Zeit zwei Brüder. Grimm war der Familienname, Jake und Will wurden sie gerufen. Gemeinsam mit zwei Freunden zogen sie durch die Lande, nutzten den Aberglauben der Bevölkerung aus und verdienten ihren Lebensunterhalt mit allerlei Hokuspokus und Mummenschanz. Halt, stopp! Hier stimmt doch etwas nicht. Hat da einer die Seiten seiner Geschichtsbücher durcheinandergebracht? Waren die Gebrüder Grimm nicht vielmehr zwei studierte Hessen, zwei frühe Germanisten, die sich im frühen 19. Jahrhundert um die deutsche Grammatik und die Überlieferung traditioneller Märchenerzählungen verdient gemacht haben? Und überhaupt: Hießen die beiden nicht Jacob und Wilhelm? Natürlich, so hießen sie, und mal ganz ehrlich: Die Gebrüder Grimm haben mit den Brothers Grimm aus Terry Gilliams jüngster Regiearbeit so viel zu tun wie Hänsel und Gretel mit Bart und Lisa Simpson. Aber das macht ja nichts, schließlich ist Herr Gilliam, das einzige amerikanische Mitglied der einstigen britischen Komikertruppe Monty Python, zurück. Sieben Jahre hat er sich Zeit gelassen, um nach seinem durchgeknallten Kinotrip "Fear and Loathing in Las Vegas" einen neuen Film zu drehen. Und wer sich mit Gilliams bisherigen Arbeiten (u. a. "Brazil", "12 Monkeys") einigermaßen auskennt, weiß natürlich im Vorfeld, dass er aus der Grimm-Geschichte weniger ein historisch genaues Biopic als ein skurriles Feuerwerk machen würde.
    Also, zurück zur Handlung: Will und Jake ziehen durch die deutschen Provinzen und nutzen die Ängste ihrer Mitmenschen aus. Wenn ein Dorf Angst vor einer Hexe hat, spielen die beiden Gelehrten den Exorzisten. Mit allerlei Schaubudenzauber und pyrotechnischen Effekten inszenieren sie die Hexenaustreibung vor Zeugen und lassen sich dafür reich entlohnen. Der introvertierte Schlauberger Jake (Heath Ledger) und sein ungestümer Bruder Will (Matt Damon) ergeben dabei eine funktionierende Zweckgemeinschaft, die den Rubel rollen lässt. Wir schreiben das Jahr 1796, Deutschland steht unter der Besetzung Frankreichs. Als der franzöische General Delatombe (Jonathan Pryce) Wind von den ausgebufften Betrügereien der Brüder Grimm erfährt, lässt er sie festnehmen und von seinen Folterknecht Cavaldi (Peter Storemare) dazu bringen, in dem kleinen Örtchen Marbaden nach dem Rechten zu sehen. Da verschwinden seit einigen Tagen kleine Kinder im Wald. Das Rotkäppchen ist wie vom Erdboden verschluckt, und auch Hänsel und Gretel hat's erwischt! Da müssen noch viel schlauere Scharlatane am Werk sein als die Grimms. Und wer wenn nicht sie könnte den "Kollegen" das Handwerk legen? Bei ihrer unfreiwilligen Mission erkennen Jake und Will recht schnell, dass es mehr auf sich hat mit dem Zauberwald. Was sich dort abspielt würde ein enorm hohes Budget der Trickser erfordern. Es sieht alles vielmehr danach aus, dass der Wald wirklich verwunschen ist. Hat es etwas mit der Ruine des Turmes zu tun, in dem vor einem halben Jahrtausend eine Königin gestorben ist?
    Die Grundidee zu "Brothers Grimm" hat durchaus Potenzial, so viel steht fest. Die Märchenmotive aus den Sammlungen der beiden bieten eine grandiose Plattform für fantasievolle Visionäre von Gilliams Schlag. Und dennoch: Dieser Film funktioniert nur bedingt. Zum einen könnte das an einem vollgestopften, wahrscheinlich schon überfrachteten Drehbuch liegen. Immer wieder tauchen Motive von Lebkuchenmännern über gänsehütende Jungen, bis hin zu Wölfen und langmähnigen Prinzessinnen auf. Das ist zwar schön, schön verpackt ist es leider nicht. Die Handlung ist einerseits platt, andererseits chaotisch und undurchsichtig. Die beiden Brüder bilden ein typisches Buddy-Movie-Duo und somit nicht sonderlich viel Neues, und die Handlung samt Auflösung und Showdown ist eher nervig als befriedigend. Immer wieder gibt es alberne, manchmal sogar peinliche Spezialeffekte mit wandelnden Bäumen, krabbelnden Käfern und sonstigem Gewürm und - besonders schlimm - heulenden Werwölfen. Da hilft auch die durchweg gute Besetzung nicht weiter, und Terry Gilliam schon gar nicht. Irgendwie kommt dann doch immer wieder der alte Monty Python in ihm durch, der die Szenen in infantilen Slapstick ertränkt. Keine Frage, Monty Python war großartig. Seinerzeit. Heute aber schreiben wir das Jahr 2005, und da hat sich neben den filmischen Möglichkeiten auch der Humor weiterentwickelt. Was damals noch urkomisch war, ist heute schon oft an der Grenze des Debilen. So richtig böse sein kann man weder Gilliam noch dem Film. Aber für einen perfekten Kinoabend dürfte es schon etwas mehr sein. Oder vielleicht auch etwas weniger... 4

 

 

 

War da noch was? Ein rosa Blumenstrauß für jede Verflossene - Don Johnston sucht nach seinem angeblichen Sohn 

Broken Flowers

USA 2005, Buch und Regie: Jim Jarmush

 

Meditative Reise in die Vergangenheit

 

(js 10/05) Was für ein seltsames Leben dieser Don Johnston (Bill Murray) doch führt. Da sitzt er in seiner noblen Vorstadtvilla stoisch auf dem Sofa herum, glotzt reglos in den Fernseher und scheint lange nicht mehr gelacht zu haben. Dass seine um Jahre jüngere Freundin Sherry (Julie Delpy) ihn in ein paar Sekunden verlassen wird, wird ihm auch nicht sonderlich viel ausmachen. Nicht einmal dieser rosafarbene Brief, der sich zwischen seine Post gemogelt hat, bringt die Emotionen des wohlhabenden IT-Geschäftsmanns in Wallungen. Dabei heißt es in dem anonymen Schreiben, dass er Vater ist. Sein Sohn ist mittlerweile 19 Jahre alt und hat sich auf die Suche nach seinem Erzeuger gemacht, verrät der Brief. Wer kann die Mutter des angeblichen Sprösslings sein? Wäre da nicht der forensikbegeisterte äthiopische Nachbar Winston (Jeffrey Wright), würde Johnston den Brief im Altpapier entsorgen. Winston aber bringt seinen einsamen Nachbarn dazu, eine Reise anzutreten, eine Tour durch die Vergangenheit. Fünf Damen kommen in die nähere Auswahl, fünf zerbrochene Liebschaften könnten vor rund 20 Jahren durchaus für Nachwuchs gesorgt haben. Nur welche? Dank Winstons ausgefeilter Routenplanung muss Johnston lediglich die Kreditkarte zücken, seine Koffer packen und vier Ex-Flammen einen Besuch abstatten. Welche von ihnen steht auf Rosa? Welche hat die Schreibmaschine, auf der der Brief getippt wurde? Mit rosa Blumen bewaffnet begibt sich Johnston auf Entdeckungstour. Eine der potenziellen Kindsmütter liegt bereits unter der Erde, die anderen hingegen sind durchaus lebendig und haben unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen.
    Da wäre zunächst Laura Miller (Sharon Stone), eine welkende Schönheit, eine verwitwerte Rennfahrerbraut, die mit ihrer Tochter Lolita (Gruß an Nabokov und Kubrick!) in einem maroden Vorstadthaus lebt. Dann wäre da Dora (Frances Conroy). Sie ist verheiratet, lebt kinderlos in einem unterkühlten Designerhaus und verkauft mit ihrem Mann unterkühlte Designerhäuser. Ist sie etwa die Mutter des unbekannten Kindes? Oder ist es vielleicht Kandidatin Nummer drei, Carmen (Jessica Lange), eine promovierte Tierpsychologin, die mit Vierbeinern kommunizieren kann und mit dieser Kunst augenscheinlich ein Vermögen gemacht hat? Die letzte Lebende auf der Liste ist die abgewrackte Penny (Tilda Swinton). Sie hat offensichtlich noch eine Rechnung offen mit Don Johnston, besitzt zwar eine rosa (!) Schreibmaschine, vegetiert ansonsten aber in einem abgelegenen, ölverschmierten Farmhaus jenseits von Gut und Böse. 

    Wer also ist der Sohn? Gibt es ihn überhaupt? Sucht er wirklich nach seinem Vater? Oder handelt es sich ledliglich um einen Streich? Johnstons Trip durch alte Beziehungskisten verweigert sich klarer Antworten. Regisseur Jim Jarmush, bekannt für nachdenkliche Filmkunst, hat eine stille Komödie voller Leerstellen geschaffen. Der Puls der Akteure wird in den seltensten Fällen auf Touren gebracht. "Broken Flowers" ist skurril, lakonisch, melancholisch, kontemplativ und meditativ. Überall wimmelt es von Andeutungen, überall findet der Zuschauer offene Türen, hinter denen sich große Interpretationsräume befinden. "Broken Flowers" gibt nicht mehr vor als eine behutsame Navigation durch eine minimalistische Handlung. Wer nicht bereit ist, seinen eigenen Beitrag zu diesem Film zu leisten, der sollte dem Kinosaal fern bleiben. Wer sich hingegen auf diesen Handel einlässt, wird bestens entlohnt. Mit interessanten Bildern, schönen und bisweilen urkomischen Momenten - und einer hervorragenden Besetzung. Für Bill Murray ist die Rolle des Don Johnston vor allem eine konsequente Weiterentwicklung seiner Figur aus "Lost in Translation" . Im Vergleich zu diesem Bob ist Don jedoch noch um einiges passiver und deprimierter. Niemand außer dem einstigen Ghostbuster Murray könnte eine solche Rolle besser ausfüllen. Dennoch: Wer einen Vergleich zu anderen Filmen sucht, der sollte weniger bei Sofia Coppola suchen als bei Alexander Paynes "About Schmidt". Der ist durchaus seelenverwandt mit "Broken Flowers". 1-

 

 

 

Flightplan

USA 2005, Regie: Robert Schwentke

 

Oh Schreck, oh Schreck das Kind ist weg: Thriller mit gutem Start und wackeliger Landung 

 

(js 10/05) Vier Jahre hat es gedauert, und jetzt erst scheint der erste große Schock verdaut zu sein. Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers ist Hollywood vorsichtig geworden, hat viele Produktionen im Nachhinein entschärft und einem kompletten Genre gleich Hausverbot erteilt: dem Flugzeugthriller. In diesem Jahr jedoch scheint das unausgesprochene Tabu der Studios ad acta gelegt worden zu sein. Mit Wes Cravens reduziertem Suspensestück "Red Eye" war das Eis gebrochen - freie Bahn also für "Flightplan", das US-Debüt des deutschen Nachwuchsregisseurs Robert Schwentke ("Tattoo"). Hätte er für das Projekt nicht die zweifache Oscargewinnerin Jodie Foster zu ihrer ersten Hauptrolle nach "Panic Room" (2002) überreden können, hätte er mit Sicherheit kleinere Brötchen backen müssen. Ein mit 55 Mio. $ recht hohes Budget ist für einen europäischen Newcomer ist alles andere als alltäglich... Die Geschichte des Films ist so einfach wie konstruiert: Die in Berlin lebende amerikanische Flugzeugingenieurin Kyle Pratt (Foster) muss nach dem rästelhaften Tod ihres Mannes samt Kind und Sarg nach New York reisen, um dort die Beerdigung in die Wege zu leiten. Klar, dass sie keine Freude an diesem Langstreckenflug haben wird und auch wenig auf die hübsche Technik des von ihr mitentwickelten Großraumflugzeugs achten möchte. Tochter und Trauerarbeit - für mehr bleibt keine Zeit. Dumm nur, dass die kleine Julia schon kurz nach dem Start verschwunden ist. Keiner weiß, wo das sechsjährige Mädchen steckt. Schlimmer noch: Niemand will es gesehen haben. Als nicht einmal eine groß angelegte Suchaktion auch nur die geringste Spur bringt, zweifelt die Besatzung daran, dass das Kind überhaupt je an Bord gewesen ist. Nicht einmal auf der Passagierliste taucht Julias Name auf. Ist Kyle verrückt? Ist das Mädchen tatsächlich mit dem verstorbenen Ehemann vom Berliner Dach gestürzt und tot, wie es ihr die Flugzeugcrew und eine dahergelaufene Psychologin (Greta Scacchi) weismachen will?
Kommt uns das bekannt vor? Ja, es ist in der Tat ein kleines Déjà-vu, das uns Robert Schwentke da auf die Leinwand drückt. Keine zwölf Monate sind vergangen, seitdem Julianne Moore (die andere Clarice Starling aus "Hannibal") in "Die Vergessenen" nach Sohnemann Sam suchte und von allen für plemplem gehalten wurde. Und dennoch: Nach nur wenigen Filmminuten verschwindet dieser anfängliche Plagiarismusgedanke, und die Spannung steigt. Denn eines ist "Flightplan" mit Gewissheit - spannend. In ihrem dramaturgischen Aufbau ist die Schnitzeljagd über den Wolken durchaus in Ordnung, selbst wenn vom Ende und seiner Auflösung kein Zuschauer vollkommen überzeugt sein dürfte. Das Drehbuch ist nicht gerade das originellste, und sobald die Bombe der Ungewissheit geplatzt ist, beginnt die Story mit dem Sinkflug. Nach einem starken Auftakt gerät sie daher zu früh in Turbulenzen: Kyle gibt die Suche nach dem Kind nicht auf, aus der Mutter wird eine Löwin, die in der zweiten Filmhälfte ein sportliches Zirkeltraining absolvieren muss. Die gute Kenntnis des Fliegers hilft der Ingenieurin, durch alle versteckten Kammern und Gänge, durch den Frachtraum und zwischen den langen Sitzreihen hindurch zu flitzen. Diese Actioneinlagen mit all ihren Schlägereien und Brutalitäten wirken nach einiger Zeit ermüdend und vor allem sehr durchschnittlich. Durchschnittlich ist dann auch das passende Adjektiv für diesen Thriller, der allerdings in zwei Punkten interessante Denkanstöße gibt. Erstens lässt er über große Teile der Handlung keinen Zweifel daran, dass zwei Araber in den vorderen Sitzreihen "selbstverständlich" in Verdacht geraten müssen, einen Terroranschlag auf das Flugzeug zu planen. Zweitens führt uns "Flightplan" auf ein Neues die verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen vor. Niemand kann sich daran erinnern, ob das kleine Mädchen überhaupt an Bord gewesen ist...
Jodie Foster gibt mit Kyle mal wieder ihre Paraderolle, auf die sie seit dem "Schweigen der Lämmer" abonniert ist: die toughe Kämpferin, die mit verkrampfter Gesichtsmuskulatur nach Gerechtigkeit giert. Das macht sie gut, keine Frage. Schauspielerische Vielseitigkeit kann man ihr damit allerdings nicht attestieren. Es ist vielleicht ganz gut, dass sie sich so rar macht.    3

 

 

Sideways

USA 2004, Regie: Alexander Payne

 

Zwei sympathisch-normale Freunde auf Tour: Kleiner Film, großes Kino! 

 

(js 2/05)Manche Entscheidungen sollten wohl überlegt sein. Dennoch hat sich der ausrangierte Playboy und Ex-Soapstar Jack (Oscar-nominiert: Thomas Hayden Church) nun doch noch entschlossen, den Bund der Ehe einzugehen. Bevor es aber endgültig ernst wird, möchte der Bräutigam noch einmal die Sau rauslassen. Deshalb begibt er sich auf eine einwöchige Reise durch die Weinberge Kaliforniens. Navigator und Organisator dieses Trips ist sein College-Kumpel und bester Freund Miles (Paul Giamatti), dauerdepressives Scheidungsopfer und frustrierter Englischlehrer mit dem unerfüllten Traum von der ersten Romanveröffentlichung. Miles liebt den Wein, Jack liebt die Frauen. Mehr noch: Während Miles wirklich daran interessiert ist, seinen Buddy in die feinnasige Welt der Winzereiprodukte einzuführen und eine Woche voller lukullischer Genüsse geplant hat, will Jack nur eines: Vor der Einfahrt in den Ehehafen noch ein kleines Schäferstündchen mit einer anderen genießen. Schon am ersten Tag in einem kleinen Weinstädtchen wittert Jack seine große Chance: Er schnappt sich die alleinerziehende Asiatin Stefanie (Stefanie Oh), für Miles hat er eine wahre Weinliebhaberin, die geschiedene Kellnerin Maya (Oscar-nominiert: Virginia Madsen), auserkoren. Während es bei Jack selbstredend sofort funktioniert mit der schnellen Nummer, kann sich Miles nicht richtig von seinen Depressionen lösen. Die sind für ihn inzwischen so etwas wie eine Lebenseinstellung geworden, die er nicht so ohne Weiteres über Bord werfen kann. Die Sache wird nicht leichter, als Jack plötzlich Zweifel an seinen Heiratsabsichten kommen und er sich tatsächlich in die rassige Asiatin verknallt.

    Es ist schon ein ausgesprochen ungleiches Paar, das Alexander Payne da auf Tour schickt. Zwei echte Freunde mit unterschiedlichen Interessen und dennoch großer Zuneigung zueinander. Aber genau mit diesem Duo trifft der dritte Film des Regisseurs voll und ganz ins Schwarze und damit ins Herz der Zuschauer. In stimmungsvollen Bildern nimmt er uns mit auf einen wunderschönen Erfahrungstrip seiner beiden grandiosen und ungemein authentischen Protagonisten, die ungemein witzig und hintergründig, aber niemals realitätsfern sind. Das Timing von "Sideways" ist perfekt, die Schlussszene sitzt so punktgenau wie der Rest. 

    Alexander Payne (nominiert für den Regie-Oscar) ist ein weiteres Kinojuwel geglückt, das seinem genialen Vorgänger, der Jack-Nicholson-Dramödie "About Schmidt" (2002), in keiner Weise nachsteht. Der größte Unterschied: Die Geschichte des Rentners Warren Schmidt war vor allem traurig, die Reise von Miles und Jack ist vor allem urkomisch. Selten schließt man als Zuschauer zwei Antihelden so sehr ins Herz wie diese beiden Tölpel, und selten spricht ein Film dabei auch die Geschmacksnerven an. Denn spätestens wenn der Abspann beginnt, macht sich ein ziemlich starker Weindurst bemerkbar. "Sideways" ist ein kleiner Film, aber wirklich großes Kino! 1

 

 

 

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Deutschland 2005, Regie: Marc Rothemund

 

Intensiv und schwer verdaulich: Kammerspiel der Spitzenklasse 

 

Beeindruckende Leistung: Julia Jentsch als Sophie Scholl

 

    (js 2/05) Tausende von Flugblättern haben sie schon unters Volk gebracht. Immer und immer wieder haben sie sich mit ihrer Untergrundorganisation "Die Weiße Rose" aus religiös-moralischen Gründen gegen das Schreckensregime der Nationalsozialisten ausgesprochen und Widerstand geleistet. Nun endlich wollen die Geschwister Hans und Sophie Scholl den Kommilitonen an ihrer Münchner Uni den Kopf waschen und eines ihrer im Keller gedruckten Pamphlete vor die Hörsaaltür legen. Leider ist dies der letzte Streich der Scholls. Im Februar 1943 werden sie bei genau dieser Aktion geschnappt und in die Hände der Gestapo gegeben. Nur wenige Tage später werden sie hingerichtet. 

    Es gab bereits eine Reihe von Filmen über die jungen bayrischen Widerstandskämpfer der "Weißen Rose". Wieso muss also nun ein weiterer folgen? Ganz klar, das deutsche Kino ist derzeit einfach reif für solche Stoffe. Und das aus einem einfachen Grund: Endlich ist so viel über die Gräueltaten des Dritten Reiches berichtet worden, im Kino wie bei Knop. Endlich haben die Filmemacher deshalb die Möglichkeit, sich ganz spezielle Themen herauszupicken und uns hautnah heranzuführen. Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" war der erste, Dennis Gansels "Napola" der zweite in diesem Reigen. Beide sparten das große Ganze aus und wagten den Blick per Porenaufnahme. Und nun die letzten Tage der Sophie Scholl. Die Nahaufnahme einer jungen Heldin. 

    Regisseur Marc Rothemund stützt seinen Film auf bereits bekannte und neu entdeckte Protokolle und Zeugenaussagen. Er setzt ein, als das Ende bereits nah ist. Hans und Sophie Scholl (Fabian Hinnicks und Julia Jentsch) verteilen ihre Flyer in der Uni, werden erwischt, festgenommen und verhört. Während die Gestapo Hans im Nachbarflur in die Mangel nimmt, entscheidet sich die Kamera für Sophie und folgt ihr über die nächsten anderthalb Stunden in das Büro des regimetreuen Beamten Robert Mohr (Alexander Hold). Der versucht zunächst vor allem, die Wahrheit aus der 21-Jährigen herauszuquetschen. Sophie leugnet zunächst, hat aber schließlich keine andere Möglichkeit, als Farbe zu bekennen und ihren Standpunkt mutig zu verteidigen. Die Dialogszenen zwischen der jungen Widerständlerin und dem Nazimitläufer gehören zu den intensivsten und damit spannendsten Szenen der jüngeren deutschen Kinogeschichte. Die beiden Glanzlichter des Films heißen eindeutig Julia Jentsch ("Die fetten Jahre sind vorbei") und Alexander Held. Nazi Mohr ist seinem Gegenüber argumentativ längst nicht gewachsen, entwickelt sogar eine deutliche Portion Sympathie und Respekt für diese junge Frau, die seine Tochter sein könnte. Immer wieder versucht er, ihr Brücken zu bauen, die sie aus der misslichen und eindeutig tödlichen Lage herausgeleiten könnten. Doch Sophie bleibt standhaft und folgt nur ihrem Gewissen. Mohr muss schließlich einsehen, dass er dieser mutigen Frau nicht mehr helfen kann...

    Selten sehen wir zwei Schauspieler so fantastisch interagieren wie in diesem Kammerspiel. Die einzig problematische Rolle in diesem Film ist die des Richters Dr. Roland Feisler. Der war ein echter Brüllaffe, ein lautstarker, ideologisch verseuchter Verbrecher mit größenwahnsinnigen Tendenzen. André Hennicke gelingt es leider nicht, diesen "Blutrichter" des Schauprozesses auch nur ansatzweise authentisch rüberzubringen. Selbst wenn er sich als Feisler die Seele aus dem Leib schreit, immerzu wirkt er wie eine nervige Karikatur, die sich nicht in die Leistung des Ensembles einzufügen vermag. Abgesehen davon sind die Darsteller über jeden Zweifel erhaben. Julia Jentsch, zu Recht mit dem Darstellerpreis der Berlinale geadelt, wird spätestens mit dieser Rolle eine große Karriere einläuten. Die 26-Jährige hat sich eindeutig in die erste Liga des deutschen Films gespielt. "Sophie Scholl - die letzten Tage" ist ein herausragender, beeindruckender Film: Er ist so schwer verdaulich wie ein Granatsplitter und tut unglaublich weh. Dennoch hat er sich einen Platz im Kanon des europäischen Kinos gesichert. Wenn die Filme über das Dritte Reich weiterhin so gut bleiben, dann können wir durchaus noch mehr vertragen... 1 

 

 

 

Red Eye

USA 2005, Regie: Wes Craven

 

Wenn's mit dem Nachbarn nicht klappt, kann Fliegen so schrecklich sein

 

Wes Craven hat uns schon so manches Mal gehörig das Fürchten gelehrt. Immer wieder ließ er Horrorschocker gleich serienweise auf uns niederprasseln, ob sie uns nun Alpträume in der "Elmstreet" oder gruselige "Scream"-Attacken bescherten. In Sachen Horror lässt sich der 66-Jährige so schnell nichts vormachen. Jetzt aber versucht sich Craven an einem anderen Genre, verwandt zwar mit seinen geliebten Blutorgien, aber doch etwas ruhiger und subtiler - dem Thriller. "Red Eye" ist ein kleines, gemeines Suspensestück, das mit den klassischen Techniken des Nervenkitzels arbeitet. Minimalismus und Effizienz: Hauptschauplatz ist eine Sitzreihe 18 in einer Flugzeugkabine auf einer Reise von Texas nach Miami. Viel mehr braucht der Film nicht, um zu den Zuschauer in den Sessel zu drücken wie einen Passagier beim Start auf der Rollbahn. Platz genommen haben dort die erfolgreiche Hotelmanagerin Lisa Reisert (süß und solide: Rachel McAdams) und ein auf den ersten Blick sympathischer Jüngling mit dem erschreckenden Namen Jackson Rippner (schön gemein: Cillian Murphy, das Zombie-Opfer in "28 Days Later" mit "bad guy"-Erfahung in "Batman Begins"). Schon in der Lounge des Flughafens haben sich die beiden ein wenig kennen gelernt, haben über die Verspätung ihres gemeinsamen Flugs geredet und sich ein Runde unverbindlichen Smalltalk gegönnt. Umso größer ist also die Überraschung, als sie nebeneinande rliegende Plätze zugewiesen bekommen. Es kann also nicht mehr viel schief gehen auf dieser Reise, außer ein paar Turbulenzen vielleicht... Aber klar doch, es kann: Schon direkt nach dem Start zeigt Jackson sein wahres Gesicht. Er ist keinesfalls zufällig Lisas Sitznachbar. Er hat sie seit Wochen beobachtet und verwickelt sie eiskalt in ein perfides Mordkomplott. In Lisas Hotel soll ein hochrangiger Geschäftsmann mit seiner Familie absteigen, und genau der soll das Zeitliche segnen. Um den guten Mann schön in die Luft jagen zu können, muss er lediglich in ein anderes Zimmer verlegt werden. Und Hotelchefin Lisa ist genau die richtige Person, um diesen Zimmertausch zu veranlassen. Wenn sie nicht spurt, soll ihr Vater dran glauben. Ein Killer steht bereits vor seiner Haustür und wetzt das Messer... Diese simple Erpressung reicht vollkommen aus, ein klaustrophobisches Katz-und-Maus-Spiel in Gang zu setzen. Wird Lisa die Situation in den Griff bekommen? Wird sie alle Bedrohten retten können? Sicher wird sie das, daran besteht eigentlich kein Zweifel. So straff, so schnörkellos und mithin so effektvoll ist dieses gerade einmal 85 Minuten lange Kammerspiel inszeniert. Keine Sekunde wird verschenkt, keine überflüssigen Warteschleifen lenken von der Geschichte ab. Etwas anderes als eine schlichte, fast schon banale Auflösung würde da wie ein Fremdkörper wirken. Also hat sich Craven für die ganz einfache Variante entschieden: Das letzte Drittel des Films findet wieder auf dem festem Erdboden statt und hat wieder diese panikerregenden Jagden durch ein Wohnhaus, wie wir sie aus der "Scream"-Reihe kennen. Sicher, im Showdown ist der Film nicht sonderlich originell und beginnt ein wenig zu schwächeln. Aber diese Schwächen tun ihm und uns nicht sonderlich weh. An keiner Stelle versucht uns der Film weiszumachen, dass er auf den auch nur geringsten Tiefgang abgeklopft werden möchte. Hier kommt es auf Suspense an, ganz im Hitchcockschen Sinne. Fürchten dürfen wir uns bei Wes Craven, hinterfragen dürfen wir bei anderen. Schön, dass uns Hollywood nach dem 9/11-Trauma endlich wieder zu Flugreisen einlädt. Unsere Panik vor dem Ausgeliefertsein, unsere Ängste vorm Fliegen - das Genre des Flugzeugthrillers gehört noch lange nicht ins Technikmuseum. Schnallen wir uns also an!  2

 

 

Madagascar

 

USA 2005, Regie: Eric Donell & Tom McGrath

 

Amerikaner auf der Suche nach ihren Wurzeln: Lahmer Kinderspaß



Der Zeichentrickfilm ist tot, es lebe der Animationsfilm. Längst haben die Zuschauer den einstigen Schock überwunden, als Mitte der 90er Jahre Spaßmacher wie "Toy Story" den bis dahin zumindest auf den ersten Blick brav gezeichneten Disney-Süßigkeiten wie dem "König der Löwen" Konkurrenz machen sollten. Inzwischen hat sich die neue Art zu animieren weitgehend durchgesetzt, und bislang kann sich das Genre durchaus sehen lassen. Klar, die familientauglichen Themen und Dramaturgien konnten problemlos aus dem herkömmlichen Zeichentrick übernommen werden. Eine Prise Humor und gottlob reduzierter Singsang gehören ebenso dazu wie pfiffig animierte Protagonisten und vor allem putzige Randfiguren. Eigentlich kann ein Kinobesuch also niemals schaden, wenn die Animierten wieder zuschlagen. Oder doch? Das jüngste Produkt aus der Welt der Bits und Bytes heißt "Madagascar" und basiert auch wieder auf einer originellen Idee: Eine Handvoll New Yorker Zootiere möchte die Wildnis erleben und gerät tatsächlich auf eine afrikanische Insel. Da aber ist Schluss mit Lustig - keine fertigen Fleischrationen mehr für den Löwen, keine Streicheleinheiten fürs Zebra. Das wahre Leben ist nichts für Großstädter! Heimweh, Hunger und Panik machen die Runde unter den verwöhnten Vierbeinern. So weit, so gut. Die Umsetzung von "Madagascar" lässt allerdings zu wünschen übrig. Die Figuren sind weitaus weniger lebendig als etwa beim vergleichbaren "Findet Nemo", die Animationen sind alles andere als brillant, die Geschichte fängt schon während der Exposition im Zoo an zu nerven. Die Tiere sind viel zu deutlich vermenschlicht, stolzieren auf zwei Beinen daher und bilden alberne Staatsformen und Kulte heraus. Intelligente Seitenhiebe, Film- und Mythenzitate oder auch gesunden Sprachwitz suchen wir hier aber dennoch vergeblich. Auch wenn beide Filme aus einem Hause stammen, hier findet sich keine Spur von "Shrek". Einziger Lichtblick: ein von den Fantastischen Vier synchronisiertes Pinguin-Quartett, das auf seiner Reise in die Antarktis eine riesige Enttäuschung erleben muss. Wer anderthalb Stunden durchhält, hat bis zum selbstredend versöhnlichen Film-Ende schätzungsweise drei Mal gelacht, sechs Mal geschmunzelt und 30 Mal die Augen verdreht. 4

 

 

 

War of the Worlds

USA 2005, Regie: Steven Spielberg

 

Horror auf drei Beinen: Misslungen anachronistische Kampfansage 

 

Waren das noch Zeiten, als ein englischer Schriftsteller noch mit einem Roman über aggressive Außerirdische Angst und Schrecken im ohnehin schon düsteren spätviktorianischen Fin de Siècle verbreiten konnte. Waren das Zeiten, als ein ambitionierter Schauspieler namens Orson Welles aus vier Jahrzehnte später mit seiner Hörspielversion desselben Stoffes eine wahre Massenpanik unter den Radiohören auslösen konnte und eine spätere Filmversion ebenfalls ziemlich gruselig daher kam. Muss man da wirklich noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen weiteres Mal den Krieg der Welten entfachen? Steven Spielberg hielt das offenbar für nötig und heckte gemeinsam mit Sonnyboy Tom Cruise ein entsprechendes Projekt aus. Ein weiteres Mal sollten die Eindringlinge aus einer fernen Galaxie ihre im Erdreich versteckten dreibeinigen Monstermaschinen ausbuddeln und tabula rasa machen. "War of the Worlds" ist zurück. Und wenn ein Großformat wie Spielberg hinter der Kamera steht, dann muss es so richtig krachen. Dann müssen alle realen Weltkriege in den Schatten gestellt werden.

    Selten hat ein Blockbuster bereits im Vorfeld so viel Wirbel um sich selbst veranstaltet. Teaser wurden ins Rennen geschickt, bombastische Trailer inszeniert, Journalisten reihenweise mit Maulkörben versehen. "War of the Worlds" hat sich ins neue Jahrtausend geballert. Und was ist dabei herausgekommen? Nun ja, der große Knaller ist es jedenfalls nicht. Sicher, die Effektetüftler hatten wieder jede Menge zu tun und dürften sich weitaus mehr Zeit für dieses Projekt genommen haben als die Herren Cruise und Spielberg. Die waren im Termindruck und mussten das Ding schnell in den Kasten hauen. Schließlich hat sich der Regisseur in den letzten Jahren darauf spezialisiert, im Jahrestakt Filme auf die Leinwände zu werfen. 

    Die Geschichte orientiert sich einigermaßen an H. G.Wells Vorlage von 1898. Okay, nicht England ist Hauptschauplatz der extraterrestrischen Zerstörungswut - diesmal sehen wir alles aus dem für uns alle so erschreckend zentralen Blickwinkel der USA. Dort sitzt Hafenarbeiter Ray (Cruise) morgens noch brav auf seinem Containerkran in New York. Erst nach seiner Schicht nimmt der ausgenommene Egomane seine beiden Kinder in Obhut, seine geschiedene Frau macht sich mit dem neuen und vor allem perfekten Ehemann auf den Weg zu ihren Eltern. Spielberg macht es sich und uns dieses Mal einigermaßen schwer, wahre Identifikationsfiguren zu finden. Ray ist ein selbstverliebter Simpel, seine naseweise Tochter (Dakota Fanning, "Hide and Seek") knabbert am liebsten Ökofraß, der Sohn zeigt keine wahren Interessen - abgesehen von dem für einen solchen Film wohl obligatorischen Schuss Patriotismus und Militarismus. Dieses ungleiche Trio erlebt also das Unfassbare. Blitze schlagen vom Himmel, die Erde bebt und spuckt im Minutentakt riesige Dreibeiner (Tripods) aus, die zum großen Genozid ansetzen. Alles andere als heldenhaft klammert Ray lediglich an seinem Leben und dem seines Nachwuchses fest und ergreift die Flucht vor den unbarmherzigen Exekutoren, die weniger Krieg gegen die Menschen führen als eine komplette Lebensform ausrotten wollen. Kriege werden anders geführt, hier sind knallharte Kammerjäger am Werk. Ohne Motiv, ohne Gnade. 

    H. G. Wells hatte seinen Horrorroman als Allegorie auf das Kolonialverhalten seiner Landsmänner verstanden. Die hatten sich auch wahrlich nicht zimperlich aufgeführt, wenn es um die Eroberung neuer Territorien ging, als es darum ging ein Reich zu schaffen, in dem die Sonne niemals unterging. Spielberg möchte sich nun wohl selbst ein wenig als Parabelerzähler verstanden wissen. Ein paar Symbole können eben nie schaden. Die anscheinend zum Aussterben verurteilte Menschheit begibt sich in seinem Weltenkrieg auf Flüchtlingstrecks, Erinnerungen an den 11. September und seine Flugzeugattacken mussten mit einfließen, Anleihen an Katastrophenspektakel wie den (filmischen) Untergang der Titanic wollten untergebracht werden. In all diesem Tohuwabohu gelingen dem Fließbandfilmer durchaus einige erinnerungswürdige (und spannende) Momente. Ihnen allen ist aber eines gemein - in ihnen kommen keine Aliens vor. Denn die sind einfach affig bis zum Anschlag. Wie schon in M. Night Shyamalans missglücktem Wurf "Signs" sind die Krieger aus Spielbergs All blödsinnige Glibbergestalten, die einem nicht gerade das Fürchten lehren. Sie bewegen sich in ihren XXL-Robotern über die Lande - das machten sie schon bei den Herren Wells und Welles. Im Jahre 2005 allerdings hat das allerdings etwas Trashiges, was man nur in einem echten B-Movie ertragen könnte. Eine Inszenierung à la Tim Burton wäre durchaus denkbar gewesen, ein Spektakel aus dem Hause Spielberg ist hingegen mehr als überflüssig. Wenn dann am Ende auch die nicht dumme aber doch allzu simple Lösung gegen das Außerirdischenproblem dem Spuk ein Ende setzt, dann ist das alles andere als befriedigend. Die Peinlichkeit des privaten Happyends der Protagonisten hüllen wir hier besser dezent in den Mantel der Verschwiegenheit.

    Sowohl schauspielerisch als auch drehbuchtechnisch bewegt sich der Film am Rande der Debilität. Humor bleibt außen vor, und wenn er doch einmal eine Chance bekommt, dann wünscht man ihn sich beiseite. "Die kommen von ganz woanders", weiß der raue Ray seinem Sohnemann zu dozieren. Und nein, damit meine er nicht Europa! Cruise, nicht gerade für feinsinnige Charakterdarstellungen berühmt, hat in seiner Laufbahn schon weitaus bessere Rollen abgesondert. Oscarpreisträger Tim Robbins macht als rachsüchtiger Eremit noch eine recht gute Figur, und wie immer steuert vor allem die elfjährige Dakota Fanning so etwas wie Schauspielkunst bei in diesem Kriegsgemetzel. Möglich, dass die große Masse voller Begeisterung johlt, wenn die Tripods ihr Computerspielchen mit uns treiben. Möglich, dass die anachronistischen Angriffskrieger ihre Fans finden. In den Büchern der Filmgeschichte hingegen ist der Platz für diesen Krachschläger viel zu schade. Verbuddeln wir diese Aliens besser wieder dort, wo sie lange genug still gehalten haben - tief unten in der Erde. Sollen sich doch die kommenden Generationen mit ihnen herumschlagen... 4- 

    

 

In Her Shoes

USA 2005, Regie: Curtis Hanson

 

Drama statt Comedy: Netter Familienfilm mit nettem Darstellerinnenduo 

 

(js 11/05) Viele Gemeinsamkeiten haben die Schwestern Rose (Toni Collette) und Maggie (Cameron Diaz) nun wahrlich nicht. Die eine ist erfolgreiche Anwältin, dicklich und einsam, die andere ist sexy, nymphomanisch und ziemlich blöde. Und dennoch verbindet die beiden mehr als die gemeinsame Schuhgröße. Männergeschichten sind es wahrlich nicht. Die sind zumindest im Falle von Rose eine Seltenheit. Umso schöner, dass es endlich mit dem Vorgesetzten Jim geklappt hat. Doch wie es das Drehbuch will, platzt die sturzbetrunkene Maggie in die traute Zweisamkeit der Advokaten und verführt den liebestollen Lover ihrer großen Schwester. Klar, dass die enttäuscht ist und sowohl Jim als auch Maggie vor die Tür setzt. "Verschwinde aus meinem Leben", kreischt sie dem blonden Luder entgegen, von dem sie gerade noch als "fettes Schwein" beschimpft wurde. Das war's also mit der schwesterlichen Liebe! Wütend stellt Rose ihr Leben auf den Kopf, hängt den Anwaltstalar an den Haken und wird Hundesitterin. Maggie hingegen verlässt die Stadt in Richtung Sonne. Sie hat bei der Suche nach Geld im Haus ihres Vaters und der biestigen Stiefmutter jede Menge unterschlagene Weihnachts- und Geburtstagskarten ihrer tot geglaubten Großmutter Ella gefunden und sich schnell auf den Weg nach Florida gemacht, um die Omi zu besuchen. Die (Shirley MacLaine) freut sich über den Besuch der Enkelin, merkt aber schnell, dass der heiße Feger eigentlich fehl am Platze ist in der sonnenverwöhnten Seniorenresidenz. Ein wenig großmütterliche Erziehung tut Not - wenn auch verspätet. Die Trennung der beiden Schwestern mag schmerzhaft sein, für beide entwickelt sich alles von nun an aber zum Positiven. Rose lernt ihren Mann fürs Leben kennen, Maggie macht ihre Lektionen im Lesen, in Verantwortung und im Familiensinn. Und irgendwie finden die beiden Schwestern am Ende natürlich doch wieder zusammen... Klingt schlimm? Ist es aber nicht! Zwar strotzt die Geschichte an sich nicht mit atemberaubender Originalität, zwar ist diese schwesterliche Hassliebe nichts Neues - Curtis Hanson ("LA Confidential", "Wonder Boys") schafft es aber dennoch, eine vollkommen kitschfreie, unterhaltsame und vor allem tragische Familiengeschichte nachzuzeichnen. Anstatt sich auf die komödiantischen Elemente zu konzentrieren, legt das Drehbuch den Schwerpunkt auf das Dramatische. Dass die drei Darstellerinnen ihre Sache gut machen, muss nicht weiter erwähnt werden. Schließlich wissen wir schon seit Jahren, dass Toni Collette ("Sixth Sense", "About A Boy") gut ist und dass Cameron Diaz ("Being John Malkovich") nicht nur ihr hübsches Mondgesicht in die Kamera halten kann... Kurzum: "In Her Shoes" ist ein wirklich netter Film. 2

 

Batman Begins

USA 2005, Regie: Christopher Nolan

 

Die große Flatter: Der dunkle Rächer drückt auf den Reset-Knopf

 

Wer hätte das gedacht? Nachdem Hollywoods Märchenonkel Tim Burton Ende der 80er/Anfang der 90er zwei Mal den guten alten Flattermann Batman ins Popcornkino schickte, sah es noch so aus, als ob der düstere Rächer von Gotham City eine lange Leinwandkarriere vor sich hätte. Er hat mit Hilfe von Michael Keaton dem Joker das Lachen ausgetrieben und Jack Nicholson unfassbar viel Kohle in die Kasse gespült, hat animalische Instinkte in Danny DeVito als Pinguin und Michelle Pfeiffer als Catwoman geweckt und seiner blühenden Fantasie freien Lauf gelassen. Doch dann kam Joel Schumacher, der Mann des Mainstream. Er übernahm den Regiestuhl, steckte den schmerzhaft talentfreien Val Kilmer ins hautenge Korsett und ließ ihn in einem knallbunten Kinofeuerwerk gegen Jim Carrey und Tommy Lee Jones kloppen. Kurze Zeit später schnappte er sich George Clooney, setzte ihm eine Kappe auf und ließ ihn gegen Uma Thurman und Arnold Schwarzenegger in den Ring steigen. Das Ergebnis war ein unerträglicher Kindergeburtstag, ein Mix aus Starlight Express, Topfschlagen und einem explodierten Wasserfarbkasten. Entsetzlich, wie spielend einfach Schumacher den Batman-Mythos zugrunde gerichtet hat. Das Kapitel Batman schien ein für allemal beendet zu sein. Sieben Jahre lang sah das zumindest so aus, bis nun Independent-Filmemacher Christopher Nolan ("Memento", "Insomnia", beide im Archiv!) daher kam und alles anders machen wollte. Er schnappte sich den alten, zerknitterten Comic und fing noch einmal von vorne an. Alles auf Anfang. Batman Begins.

    Selbst diejenigen unter uns, die wie ich nur mit den (neueren) Filmen und nicht mit der Comicvorlage vertraut sind, wissen: Batman heißt eigentlich Bruce Wayne, hat eine Menge Geld auf der hohen Kante und einen unfassbaren Drang, das Böse zu besiegen. Die Erklärung für diese scheinbar selbstlose Ambition liegt in seiner Kindheit begründet, und genau da setzt der neue Film ein. Bruce muss mit ansehen, wie seine Eltern - zwei unerträgliche Gutmenschen - von einem geldgierigen Verbrecher erschossen werden. Bruce fühlt sich schuldig, und anstatt es sich auf dem Chefsessel des familieneigenen Imperiums gemütlich zu machen, zieht er lieber in die weite Welt hinaus. In diesen Lehrjahren landet er im Knast und kurze Zeit später bei der Liga der Schatten (u.a. Liam Neeson, Ken Watanabe), die aus dem jungen Wilden einen flotten Ninjakämpfer machen wollen. Dann gibt es Streit um die Ideale, sodass die asiatischen Ausbilder am Ende obdachlos sind und der grimmige Bruce die Heimreise antritt. Er will, im Gegensatz zu diesen Schattenkämpfern, die schon Rom zu Fall gebracht und in London gezündelt haben, seine verlotterte Heimatstadt Gotham nicht zerstören, sondern läutern. Und weil er solch eine tierische Angst vor Fledermäusen hat, verkleidet er sich eben selbst als eine und zeigt den bösen Buben, wo der Hammer hängt.

    Nach einem eher lahmen und nicht sonderlich einleuchtenden Einstieg im Himalaya-Ausbildungscamp richtet er sich also seine Höhe ein, lässt sich vom Chefentwickler seiner Firma (Morgan Freeman) einen Panzer, pardon: ein aggressiv röhrendes Batmobil, bauen und geht auf Verbrecherjagd. Spitzbuben gibt es schließlich genug in Gotham City, diesem modernen Babel Amerikas. Da ist der biestige Psychiater (der Beste unter den Gemeinen: Cillian Murphy, "28 Days Later", Foto rechts), der als Scarecrow das Halluzinieren lehrt, ein mächtiger Unterweltboss (Tom Wilkinson) und der große Finalgegner, der hier nicht genannt werden sollte. Auf der Seite der Guten stehen u.a. eine junge Staatsanwältin, gleichzeitig Bruces Jugendliebe (Zuckerpüppchen Katie Holmes), ein schnurrbärtiger Polizist (Gary Oldman) und Butler Alfred (Michael Caine). So viel zum Plot und den Personen dieses Stücks. Der Rest ist reine Action in der Dunkelkammer.

    Okay, Christopher Nolans Ansatz ist bei weitem besser als das Schumacher-Erbe. Nolan macht aus Gotham eine moderne, nicht allzu realitätsferne Metropole und gibt seinem Helden genügend Spielraum für das derzeit so hippe Psychologisieren. Ob Christian Bale der beste Batman ist? Ich weiß es nicht. Wenn er flattert, ist er gut. Wenn er dabei seinen Mund aufmacht und mit verzerrter Stimme parliert, ist er nicht selten pathetisch, manchmal sogar peinlich. Aber lassen wir es gut sein. "Batman Begins" ist im Grunde genommen ein solider Neustart. Dass daraus eine neue, andere Serie wird, ist so sicher wie der nervige Nachbar im Kinosaal. Warten wir also ab, wie sich der Neue mit den knalligen Gegnern der Sequels herumschlagen wird. Nach diesem entschiedenen Druck auf den Reset-Knopf ist einiges drin. Schlimmes, aber auch durchaus Sehenswertes. 3-

 

 

The Life Aquatic with Steve Zissou

USA 2004, Regie: Wes Anderson

 

Infantil, originell und abgefahren: Ein verrücktes Vergnügen

 

 

Eine Seefahrt, die ist lustig: Das Team Zissou auf der Jagd nach dem faszinierenden Jaguarhai.

    (js 3/05) Wer es schafft, für einen Film wie diesen ein Budget von 50 Millionen Dollar von einem Hollywoodstudio zu bekommen, der sollte eigentlich einen Spezialpreis bei den Oscars bekommen. Denn so viel ist schon einmal klar: "The Life Aquatic" ist so seltsam und so abgedreht, dass ihn die Geldgeber womöglich überhaupt nicht kapiert haben...

    Jeder, der schon einmal eingetaucht ist in das cineastische Universum des Wes Anderson ("Rushmore", "The Royal Tenenbaums"), kann sich vorstellen, was ihn hier erwartet. Zumindest zwei Zutaten sind immer wieder mit dabei: 1. eine sehr spezielle lakonische Erzählweise mit klarer Einteilung in Kapitel oder besser Akte, und 2. ein Film voller kurioser Gestalten, von denen niemand auch nur den geringsten Ansatz zum Heldentum hat. Bei diesem Unterwasser-Ensemblestück ist das nicht anders.

    Dave Zissou (Bill Murray) ist ein Meeresforscher à la Jacques Cousteau, der mit seinem Team und seinem Kahn "Belafonte" über die Weltmeere schippert, um dort abenteuerliche Dokumentationen zu drehen. Damit hat sich der Mittfünfziger im Laufe der Jahrzehnte einen Namen und zum großen Vorbild vieler kleiner Jungs gemacht. Doch so langsam ist der Lack ab, der Ruhm ist ausgelaugt, so wie der Protagonist selbst. Als dann noch Zissous Partner Esteban von einem riesigen Jaguarhai getötet wird, steht die Crew mit den roten Mützen vor ihrem vielleicht letzten großen Abenteuer: Der Getötete soll gerächt, das maritime Monster getötet werden. "Moby Dick" lässt grüßen. "Welchen wissenschaftlichen Nutzen hat das?", lautet eine berechtigte Frage auf der Pressekonferenz zur Expedition. Zissou: "Rache!"

    Diese Rachegeschichte zieht sich wie ein roter Faden durch das Geschehen auf der "Belafonte", ist aber beileibe nicht der einzige. "The Life Aquatic" besteht aus einem ganzen Knäuel roter Fäden und entzieht sich somit einer verständlichen Inhaltsangabe. Die ist auch gar nicht nötig, schließlich lebt der Film vor allem von diesen vielen kleinen Beziehungen, Geschichtchen und Situationen, die sich auf dieser Expedition entwickeln. Hierfür hat Wes Anderson einen bunten Strauß brillant besetzter Charaktere zusammengestellt: Da wäre Eleonore (Anjelica Huston), Zissous getrennt lebende Ehefrau, immer wieder gern als "Kopf des ganzen" bezeichnet, eine stille Diva mit blauen Strähnen, die früher bereits mit Steves "halbschwulem" Konkurrenten Hennessey (Jeff Goldblum) verheiratet war. Dann wäre da der 30-jährige Pilot Ned (Owen Wilson), der möglicherweise Zissous unehelicher Sohn ist. Er steigt finanziell und persönlich in die Expedition ein und liefert mit seiner ungewöhnlichen Vater-Sohn-Beziehung den wohl stärksten der roten Fäden für diese Geschichte. Außerdem verliebt er sich in die schwangere Fachjournalistin Jane (die frisch gebackene Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett), die bei dieser Abenteuerreise mit an Bord ist. Ned "Kingston" Zissou weckt tiefe Antipathie und Eifersucht bei dem deutschen Crew-Mitglied Karl Daimler (Willem Dafoe), der Zissou gerne selbst als Vater für sich gewinnen würde und der daher ausgesprochen zickig auf den jungen Konkurrenten reagiert. Außerdem dabei: ein Brasilianer (Seu Jorge "City of God"), der einen David-Bowie-Song nach dem anderen auf Portugiesisch zum Besten gibt, ein selbstloser "Versicherungsfuzzie" (Filmzitat!), ein Geldgeber (Michael Gambon), ein Inder, eine Reihe namenloser Praktikanten, dressierte Delfine (die Zissou noch den Beweis für Intelligenz schuldig sind) und ein dreibeiniger Hund. Sie alle tummeln sich auf der "Belafonte", einem in den italienischen Cinecittà-Studios aufgebauten 3-D-Kulisse voller liebevoller Details, passend zu den sympathisch-infantilen Spezialeffekten der Produktion. 

    Wes Andersons Neuer dürfte sich in etwa so schwer vermarkten lassen wie ein Schneeanzug am Ballermann. Seine Komik ist sehr speziell, seine Handlung und die Erzählweise zu abgedreht, das Gesamtwerk viel zu absurd für die große Masse. "The Life Aquatic" ist genau der Film, den 95 Prozent der Zuschauer hassen werden. Hätte der Regisseur nicht Namen wie Murray, Huston, Owen, Dafoe oder Blanchett verpflichten können, wäre die "Belafonte" wahrscheinlich ganz allein und ohne nennenswerte Zuschauerzahlen über die Meere geschippert. Da hätten auch rasante James-Bond-Anleihen in der actionreichen Piratenszene nach zwei Filmdritteln wenig genutzt. So jedoch bleibt wenigstens zu hoffen, dass "Die Tiefseetaucher" (so der lahme deutsche Titel) auch hierzulande wenigstens den einen oder anderen Zuschauer ins Kino lockt. Denn wer auf Außergewöhnliches aus Hollywood steht, wird diesen Film mögen. Er macht sehr viel Spaß, selbst wenn er (leider) niemals die Größe seines Vorgängers "The Royal Tenenbaums" erreicht. Woran das liegt? Sicher nicht am wie immer großartigen Bill Murray und seinen Nebendarstellern. Bei "Life Aquatic" fehlt irgendwie die Tenenbaum'sche Stimmung, dieser Mix aus Melancholie, diese tieftraurige Komik. Und trotzdem: Die Reise des Dave Zissou ist einfach ein verrücktes Vergnügen.  2

 

 

The Exorcism of Emily Rose

USA 2005, Regie: Scott Derrickson

 

Kreuzzug gegen die Klapsmühle: Dämonisches Gerichtsdrama

 

(js 11/05) Emily Rose ist tot. Das 19-jährige Mädchen liegt auf ihrem Bett im elterlichen Farmhaus, ihr Gesicht ist zu einer abscheulichen Maske erstarrt, die Tapete ist von den Wänden gekratzt – es ist ein Bild des Grauens. Kann ein natürlicher Tod ein solch abscheuliches Szenario zustande bringen? Für den Leichenbeschauer ist der Fall alles andere als klar. Er kann nicht ausschließen, dass die junge Frau aufgrund einer ganz eigentümlichen Behandlung verstorben ist. In den letzten Tagen ihres Lebens hat sich Emily Rose einer außergewöhnlichen Prozedur unterzogen – einem Exorzismus. Für den zeichnet Pater Moore (Tom Wilkinson) verantwortlich. Der Gemeindepfarrer war die große Hoffnung der gläubigen Familie Rose, ein letzter Rettungsanker, der Emily vor dem Wahnsinn retten könnte. Oder waren es doch die Mächte der Finsternis, die aus dem braven Mädchen ein Schreckgespenst werden ließen? Das soll das Gericht klären, und so wird der stille Gemeindepfarrer wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Um einigermaßen unbefleckt aus dieser Affäre herauszukommen, hat die Erzdioziöse tief in ihre Geldschatulle gegriffen und ihrem vermeintlich schwarzen Schaf mit Erin Bruner (Laura Linney) eine Top-Anwältin zur Seite gestellt. Die selbstbewusste Agnostikerin ist gerade darauf konzentriert, die Karriereleiter Sprosse für Sprosse emporzuklettern und freut sich auf die neue Herausforderung. Vor allem aber soll sie den Angeklagten davon abhalten, seine schaurige Exorzismus-Mär vor Richterin und Öffentlichkeit zu verkünden. Für ihn jedoch geht es in diesem Prozess nur um eines: Er möchte die Wahrheit über den Fall Emily Rose ans Tageslicht bringen. Autor und Regisseur Scott Derrickson wagt einen interessanten Spagat mit seinem "Exorcism of Emily Rose". Der Film ist Horror- und Gerichts-Thriller in einem. Wir verfolgen die Verhandlung gegen Pater Moore und erfahren in Rückblenden peu à peu, was da eigentlich los war mit dieser Rose: Die hatte mit Beginn ihres Lehramtsstudiums unheimliche Begegnungen welcher Art auch immer. Dunkle Mächte, so sagte sie, hätten Macht über sie ergriffen. Waren es wirklich Dämonen, wie Pater Moore beteuert? Oder haben die Zeugen des Staatsanwalts Ethan Thomas (Campbell Scott) Recht, die in Emily einen epilepsiekranken Fall für die Klapse sehen? Dann jedenfalls könnte dem erfolglosen Exorzisten durchaus eine Mitschuld am frühen Ableben des Mädchens vorgeworfen werden...
    Laut Vorspann basiert "The Exorcism of Emily Rose" auf einer wahren Begebenheit. Und tatsächlich hat es in den 70er Jahren einen ähnlichen Fall in Bayern gegeben. Eine angehende Lehrerin namens Anneliese Michel war während des Studiums in die Fänge seltsamer Mächte geraten – ob es sich nun um eine Geisteskrankheit oder Dämonen handelte, sei dahingestellt. Auf Wunsch des Würzburger Bischofs jedenfalls versuchten sich zwei Pastoren am katholischen Exorzismusritual. Das Ergebnis: Anneliese verstarb, vollkommen abgemagert und verzweifelt. Sowohl ihre Eltern als auch die beiden Exorzisten wurden wegen fahrlässiger Tötung zu sechsmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt. Die amerikanisierte Fassung dieser Schauergeschichte wurde in den USA zu einem wahren Überraschungserfolg. Und das hat sie durchaus verdient. Mit seinen herausragenden Darstellern, seinem originellen Genre-Mix und den minimalen, aber umso wirkungsvolleren Effekten ist dieser Leinwand-Exorzismus einer der sehenswertesten Filme dieses Kinojahres. Aber Vorsicht: Wer weiß schon, welcher Teufel die FSK geritten hat, sich für eine Freigabe "ab 12" auszusprechen – eines steht jedenfalls fest: Dieser Film ist nichts für schwache und schon gar nichts für jugendliche Nerven! 2+

 

 

Barfuß

Deutschland 2005, Regie: Til Schweiger

 

Heilsame Neurosen: Stimmiger Mix aus Komödie und Road-Movie

 


(js 4/05) Ist diesem Nick (Til Schweiger) eigentlich noch zu helfen? Da stammt er schon aus bestens situiertem Elternhaus, könnte mit etwas mehr Disziplin und Ehrgeiz einen sicheren Posten im Unternehmen seines Stiefvaters bekleiden und längst mit der niedlichen Janine (Alexandra Neldel) verheiratet sein. Und was macht er? Lungert abwechselnd im Arbeitsamt oder seiner versifften Bude herum, wechselt die Bettgenossinnen und Jobs öfter als sein T-Shirt. Wie soll es bloßnoch enden mit ihm?
    Putzen jedenfalls scheint nicht seine Stärke zu sein. Weder das von Klinken, noch das in seiner Wohnung - und schon gar nicht als Karrieresprungbrett: Eine im Eilverfahren vermittelte Stelle als Saubermacher in einer Irrenanstalt verliert Nick bereits nach wenigen Minuten. Sollte er sich also doch besser unter die Fittiche des verhassten Stiefvaters mit dem fast schon sichtbaren Stock im Hintern begeben? Das scheint tatsächlich der letzte Ausweg zu sein... Doch dann kommt sie ins Spiel: Leila (Johanna Wokalek), die Naivität in Person, ein Mädchen, das 19 Jahre von der eigenen Mutter in der Wohnung versteckt wurde und unter nicht ganz unerheblichen Berührungsängsten leidet. Sie wohnt in der Klapse, aus der Nick soeben entlassen wurde. Seitdem ihre Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilt, wird Leila gezwungen, endlich zu den Lebenden zu stoßen. Medikamente und Gesprächstherapien sollen dabei helfen. Offensichtlich reicht das nicht aus - Leila hat Angst vor dieser Welt und möchte sich den Strick nehmen. Nick wird zufällig Zeuge und somit Lebensretter dieses Unschuldslammes, das ihm von nun an nicht mehr von der Pelle rückt. Die chronische Barfuß-Läuferin folgt dem Nichtsnutz bis nach Hause, nistet sich bei ihm ein und verspricht, ihn nie wieder allein zu lassen...

    Was nun folgt, ist eigentlich leicht vorhersehbar. Nick ist zunächst genervt von seinem neuen Anhängsel, doch schon sehr bald gewinnt sein Beschützerinstinkt Oberhand. Er nimmt das labile Mädchen mit auf die Reise zur Hochzeit seines vorbildlich erfolgreichen Bruders (der Nicks "Ex" Janine vor den Altar führen möchte) und erlebt viele turbulente Situationen. Und je mehr die beiden miteinander erleben, desto deutlicher merken sie, wie sehr sie sich brauchen, gegenseitig therapieren - und lieben. Til Schweiger ist zurück in Deutschland. Den einstigen "Lindenstraßen-Jo" zog es nach Umwegen über Wortmann- und Buck-Komödien nach Hollywood, wo er sich den großen Durchbruch versprach. Doch auch er musste feststellen, dass dort Mimen aus deutschen Landen selten über Mini- oder Nazirollen hinaus besetzt werden. Nun ist der 41-Jährige mit der krächzenden Stimme zurück und nimmt bereits zum zweiten Mal auf dem Regiestuhl Platz. Nebenbei ist er noch Hauptdarsteller und wird in den Drehbuch- und Schnitt-Credits aufgelistet. Für sein neues Werk hat sich der gebürtige Freiburger also mächtig ins Zeug gelegt. Und das hat sich gelohnt: Mit "Barfuß" ist ihm ein unglaublich sympathischer Mix aus Road-Movie, unbeflecktem Liebesfilm und Komödie gelungen.
    In goldbraunen Bildern und fast ausschließlich großer Brennweite fängt er die zumeist stillen Momente der im Grunde genommen banalen Geschichte ein, verpackt das Ganze in einen stimmigen Soundtrack und nimmt den Zuschauer mit auf einen unterhaltsamen dreitägigen Ausflug, der frei ist von überflüssigem Pathos und peinlicher Romantik. Schweiger und Wokalek (bisher eher mäßig aufgefallen, etwa im stümperhaft inszenierten ZDF-Zweiteiler "Die Kirschkönigin") machen ihre Sache gut, ebenso die meisten der nicht selten prominenten Nebendarsteller. Abgesehen von minimalen Ausrutschern ins Alberne (die haben wir Markus Maria Profitlich und Axel Stein zu "verdanken") ein rundum stimmiger Film... 2

 

 

 

Million Dollar Baby

USA 2004, Regie: Clint Eastwood

 

Eastwood steigt in den Ring: vom Hau-Drauf-Film zum tiefgründigen Drama

 

(js 3/05) Schon wieder ein Boxerfilm. Als hätte noch irgendjemand allen Ernstes darauf gewartet. Ist das Genre etwa noch immer nicht abgelutscht? Ja sicher, sowohl in Sachen Qualität als auch in kommerzieller Hinsicht dürfte das Thema durch sein. Abgefilmte Boxkämpfe braucht eigentlich niemand mehr. Welcher Teufel also hat den alternden Haudegen Clint Eastwood geritten, dass er nun nach Ausflügen in den Western ("Erbarmungslos"), in die Liebesschnulze ("Die Brücken am Fluss"), ins Weltall ("Space Cowboys") und ins Rachedrama ("Mystic River") auch noch in den Boxring steigen muss?
    "Million Dollar Baby", Eastwoods preisgekröntes Sportlerdrama, beginnt zunächst recht stereotyp. Frankie (Eastwood) ist ein religiös verwirrter Boxtrainer auf dem Abstellgleis. Er verdient seinen Lebensunterhalt in seinem verramschten Sportstudio, das seit jeher Schulden, aber keine großen Boxlegenden abwirft. Noch ein einziges Mal möchte Frankie einen Boxer zum Meistertitel bringen. Doch kurz bevor ihm das gelingt, wechselt der Zögling zum besser zahlenden Manager und gewinnt ohne seinen langjährigen Trainer. Gut für den Champ, schlecht für seinen Entdecker. Aus der Traum vom Titel! In dieser späten Lebenskrise hat ein welkender Macho wie Frankie natürlich kein Interesse an der 32-jährigen Maggie (Hilary Swank), die seit Neustem täglich in seinem Studio trainiert. Die durchtrainierte Bardame mit den langen Zähnen und der unmöglichen Familie hat mehr Ehrgeiz und Power als so mancher Kerl und bittet Frankie um Trainingsstunden. Der will nichts davon wissen, Frauen zu trainieren ist schließlich etwas für Weicheier.
Da muss schon der halbblinde Ex-Boxer, Studiomitarbeiter und Erzähler Eddi Scrap-Iron Dupris (Morgan Freeman) eingreifen, der tatsächlich ein großes Talent in der einsamen Maggie sieht. Lange Rede, kurzer Sinn: Frankie, der Mann mit der gestörten Beziehung zur eigenen Tochter, wird natürlich Trainer und Vatererstatz der Kleinen und bringt sie sehr schnell sehr weit nach vorn. Ein Boxkampf jagt den anderen, einer ist schmerzhafter als der andere. Blut spritzt, Hautpartien reißen, Nasen brechen - so grausam können Frauen kämpfen...
    Die ersten zwei Drittel des Films erklären noch nicht, warum ausgerechnet dieser Kampffilm vier Oscars abgeräumt hat. Bis dahin ist er ein unglaublich solide inszenierter Sportfilm, der sehr absehbar erscheint und keine Scheu vor Klischees hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Mädel wird schnell super, die Fäuste fliegen, der Rubel rollt, am Ende geht es allen gut. Doch dann kommt eine Wendung, die dem Film ein völlig anderes Gesicht verleiht. Das letzte Drittel von "Million Dollar Baby" ist unglaublich ergreifend, geht sehr weit in die Tiefe und wirft ethische und moralische Grundsatzfragen auf. Schuld, Sühne und Erlösung - diese Fragen wirft er gerne auf, der einstige stumme Westernstar. Und auch hier kann Eastwood wieder zeigen, was er am Besten kann: Ruhige, intensive Momente schaffen, in denen minutenlange Großaufnahmen schweigender Menschen mehr sagen als so manch geschwätzige Mainstream-Filmstunden. Mehr sollte und darf an dieser Stelle nicht verraten werden - höchstens vielleicht, dass hier durchaus Parallelen zur tragischen Debatte um die amerikanische Wachkomapatientin Terry Shiavo gezogen werden können.
    Die Wendung jedenfalls hebt den Film deutlich von der Masse der Sportfilme ab. Die Oscars für den besten Film und die Regie sind daher durchaus gerechtfertigt. Ob die beiden Darstellerpreise nötig waren, sei dahingestellt. Hilary Swanks Rolle gibt eigentlich nicht sonderlich viel her - sie muss lediglich drahtig trainiert sein und verbissen gucken. Man sollte sich auch nicht angewöhnen, ihr für jede einigermaßen gute Rolle einen Preis zu geben. Morgan Freeman spielt wie immer den stillen Beobachter mit einem Schuss
Weisheit. Sein Preis für die beste Nebenrolle ist eher als Auszeichnung für sein Lebenswerk zu sehen. Das ist in Ordnung, wäre aber ebenfalls nicht nötig gewesen. 1-

 

The Skeleton Key

USA 2005, Regie: Iain Softley

 

Böse Falle Voodoo: Spannender Horror mit solider Besetzung



(js 9/05) Die Welle der Horrorfilme ebbt und ebbt nicht ab in Hollywood. Spätestens seit den "Scream"-Erfolgen Mitte der 90er ist das Genre wieder ganz oben auf, vielleicht nicht unbedingt qualitativ, dafür aber quantitativ. Im gefühlten Zwei-Wochen-Abstand starten die "Ringe" und "Holes", die verstörenden Versteckspiele und die Häuser aus Wachs. Noch immer geht die Rechnung auf, es dürfte schließlich recht preiswert sein, an derartige Drehbücher zu kommen, die meist jugendlichen Hauptdarsteller zu verpflichten und sich ein wenig aus der bewährten Trickkiste des Horrors Marke Hollywood zu bedienen. Iain Softley ("K-Pax") liefert den jüngsten Beitrag zu dieser nie enden wollenden Reihe schauriger Schocker. Und siehe da, sein Werk gehört zu den besseren Exemplaren des Genres... Die 25-jährige Hospiz-Schwester Caroline Ellis (Kate Hudson) aus New Orleans hat die Nase voll von ihrem bisherigen Job. Gerne würde sie sterbenden Menschen wirklich helfen, ihnen einen leichten Abgang ermöglichen. Doch wie es unsere ach so kaltschnäuzige Gesellschaft nun mal so will, ist die Menschlichkeit längst auf der Strecke geblieben. Sobald der kranke Mensch die Augen endgültig zugemacht hat, werden er und seine persönlichen Dinge zügig entsorgt. Caroline, diese naive Idealistin, zieht einen Schlussstrich und mal eben schnell aufs Land. In den Sümpfen Louisianas nimmt sie eine Stelle als Sterbebegleiterin des gelähmten Ben Devereaux (John Hurt) an. Der hat vor kurzem einen Schlaganfall erlitten und kann seither weder sprechen noch gehen. Gemeinsam mit Bens Frau Violet (Gena Rowlands) soll Caroline dafür sorgen, dass der dem Tode geweihte Ben noch ein paar schöne Wochen hat. Da sich die drei Hauptpersonen in einem Horrorfilm befinden, wohnen sie selbstverständlich in einem von Sümpfen, Stechmücken und Flüchen umgebenen Haus. Einem Haus, das in dessen Dachgeschoss sich ein seltsames Hexenzimmer befindet und das eine blutige Geschichte hat... Zum Inhalt sollte eigentlich nicht mehr verraten werden an dieser Stelle. Schließlich leben Filme dieser Art von ihren überraschenden Wendungen, ihren Suspenseelementen und nicht zuletzt ihrer Stimmung. Letztere ist Regisseur Softley durchaus gelungen, auch wenn er hierfür nicht im Geringsten originell sein musste. Die typischen Filmcodes, die herkömmlichen Schreckensbilder, die noch immer funktionierenden amerikanischen Voodoo-Phobien, die horrorerprobten Kameraperspektiven, Musikeinlagen, Schnitte und bibbernde Protagonisten wirken eigentlich immer. Wer sich an bestimmte Muster hält, der wird den Puls seiner Zuschauer immer antreiben können. Nichts Neues also im Staate Louisiana. Was also macht "The Skeleton Key" dennoch sehenswert? Ganz klar, und das sind nun einmal die beiden anderen Pfeiler eines gelungenen, gottlob blutarmen Schauerstreifens: die Darsteller und das Finale. Mit Goldie Hawns zuckersüßer Tochter Kate Hudson ("Almost Famous") bietet der Film dem Zuschauer eine sympathische Identifikationsfigur, der nun wirklich niemand etwas Böses wünscht und mit der man bereitswillig synchron zittert. Die eigentlichen Stars des Films sind jedoch die Alten. Da ist zum einen die im Horrorgenre noch unverbrauchte Gena Rowlands, die zuletzt in der Nicholas-Sparks-Verfilmung "The Notebook" zu Tränen rührte. Zum anderen ist da Altmeister John Hurt als Ben. Hurt darf so gut wie gar nicht reden in diesem Film und liefert allein mit seinen angstverzerrten Augen, seinen panischen Blicken und seiner Präsenz die beeindruckendste Darstellerleistung des Films. Das Finale schließlich ist durchaus gelungen. Eine bitterböse Wendung tröstet uns über alle Ängste vor einem trivialen Showdown hinweg. "The Skeleton Key" (mit seinem sinnfreien deutschen Titel "Der verbotene Schlüssel")  reiht sich also weniger in den Mainstream der Teenie-Horrorfilmchen ein, er passt eher in die Schublade, in der wir "The Others", "Rosemary's Baby" und "The Sixth Sense" abgelegt haben. 2-

 

 

Finding Neverland
USA 2004, Regie: Marc Forster

Fantasievolle Suche nach Peter Pan: sympathisch und traurig

 

    (js 3/05) Irgendwas stimmt nicht mit dem aktuellen Stück des Schotten James M. Barrie (Johnny Depp), das so eben Premiere feiert in einem Londoner Theater kurz nach 1900. Die stocksteife Gesellschaft nimmt die Aufführung zu ernst, und schon bevor der letzte Vorhang fällt, zerreißen sich die Kritiker das Maul. Nein, dieses Stück wird sofort vom Spielplan genommen, das schöne Geld des Theaterchefs (Dustin Hoffmann) geht flöten. Der hat allerdings sowohl die Theaterpacht als auch das Schauspielerensemble weiter im Vertrag stehen. Barrie muss also nochmals ran, ein neues Stück muss her.  Willkommen in London kurz nach 1900. Das Theater hat soeben eine kleine Renaissance durch Größen wie Wilde, Shaw & Co. erlebt und ist wieder absolut "in" in den gehobenen Kreisen. Barrie ist einer der Kreativen dieser herausragenden Schaffensperiode in der englischen Literaturgeschichte. Er ist ein Fantast, ein Tagträumer, der seine Tage im Park verbringt und Geschichte um Geschichte schreibt. Dabei freundet er sich mit der Witwe Silvia (Kate Winslet) und deren vier kleinen Söhnen an und verbringt schließlich den größten Teil seiner Zeit mit ihnen. Immer weiter entfernt er sich von seiner Ehefrau, mehr und mehr taucht er ein in fantastische Piratenspiele, Abenteuer und Kindergeschichten, die ihn schließlich zu seinem Theaterstück "Peter Pan" inspirieren. Das wird zunächst belächelt, kurz darauf bereits frenetisch gefeiert...
   
Mit "Finding Neverland" hat sich der Schweizer Regisseur Marc Forster weiter hinauf gearbeitet auf den Hollywood-Olymp. Bereits mit seinem US-Debüt "Monster's Ball" Halle Berry auf Oscar-Kurs gebracht hat, wurde sein neues Werk gleich siebenfach für den Academy Award nominiert, u.a. als bester Film und für die beste männliche Hauptrolle (Depp). Die Trophäe gab's schließlich "nur" für die Musik. Dennoch: "Finding Neverland" ist ein unglaublich sympathischer Film. In ruhigen Bildern und ohne großes Tamtam bringt uns Forster diese zwischen Realität und Fantasie changierende Geschichte einer tiefen und ausgesprochen tragischen Freundschaft zwischen dem schreibblockierten Barrie und der vom Schicksal gebeutelten Familie nahe. Vieles im Film basiert auf der Realität, vieles wurde dramaturgisch verdichtet und poetisch verklärt. Aber niemals gerät der Film in das Fahrwasser der Kitschromantik oder sonstiger Tränenzieher. 
    "Finding Neverland" wäre auch ein Stoff für Tim Burton gewesen. Er hätte seinen Ziehsohn Johnny Depp sicherlich durch ein deutlich fantastischeres Nimmerland geschickt, hätte sich mehr in der kindlichen Vorstellungskraft und in Effekten festgebohrt. Auch das wäre mit Sicherheit ein wunderschöner Film à la "Big Fish" geworden. Forster jedoch bleibt bei einer geruhsahmen Gangart und versucht sich nicht als Burton-Kopist. Und damit tut er sich und uns einen sehr großen Gefallen. "Finding Neverland" ist unspektakulär, aber einfach schön. Und am Ende wird uns doch noch das eine oder andere Tränchen gezogen. 2+ 

 

 

Meet the Fockers

USA 2004, Regie: Jay Roach

 

Überdrehter Aufguss einer Hitkomödie: nur teilweise komisch

Sie haben sichtlich Spaß als Ehepaar Focker: Dustin Hoffmann und Barbra Streisand.

 

(js 3/05)Was haben wir nicht gelitten mit dem armen Gaylord "Greg" Focker (Ben Stiller), als er vor fünf Jahren bei den Eltern seiner Braut Pam vorstellig wurde. Besonders deren Vater Jack Byrnes (Robert DeNiro), Ur-Republikaner und pensionierter CIA-Mann, hatte es auf den tollpatschigen Krankenpfleger abgesehen und machte ihm das Leben in der neuen Familie zur wahren Höllenqual. Bereits am Ende dieses Films, nachdem der Garten der Byrnes in Flammen und die Beziehung vor dem Aus stand, drohte Jack Byrnes: "Jetzt müssen wir nur noch seine Familie kennen lernen". Ein Versprechen, das Regisseur Jay Roach angesichts des stolzen US-Einspielergebnisses von 166 Millionen Dollar gerne einzulösen bereit war. Auf "Meet the Parents" folgte also "Meet the Fockers". Dieses Sequel übertraf seinen Vorgänger um Längen und brachte es locker auf 265 Millionen Dollar an Amerikas Box-Offices.
Und so geht es weiter: Greg und Pam haben sich endlich entschlossen zu heiraten. Das hatten die beiden bislang immer wieder vor sich hergeschoben, weil damit ein Zusammentreffen der Familien Byrnes und Focker unvermeidlich würde. Jetzt endlich fassen sich die Verlobten ein Herz und reisen mit den Byrnes ins klebrig-schwüle Florida, wo sie die große Familienzusammenführung mit den Fockers bestreiten wollen. Dass die ein ganz und gar anderes Weltbild haben als alle, die jemals im berühmtberüchtigten Byrnes'schen "Kreis des Vertrauens" aufgenommen wurden, ist reine Drehbuchlogik. Bernie und Roz Focker (Dustin Hoffmann und Barbra Streisand) sind extrovertierte Althippies, überzeugte Pazifisten mit freudigem Hang zur Körperlichkeit. Bernie ist Hausmann, Roz verdient ihre Brötchen als Sexualtherapautin für Senioren. Willkommen in der Welt der Fockers, einer Welt, in der niemals ein Bush gewählt wurde, in der die Vorhaut nach der Beschneidung ins Familienalbum geklebt, in der ein hingebungsvoll gelebtes Liebesleben laut durch alle Wände schallt und in der jedem Besucher eine feuchtfröhliche Umarmung aufgenötigt wird. Willkommen in einer Welt, zu der verkrampfte Spießer wie die Byrnes beim besten Willen keinen Zugang finden.
Eine sicherere Bank kann sich ein Filmstudio eigentlich nicht wünschen: Ein überdrehtes Drehbuch, basierend auf dem schlichten Aufeinanderprall zweier grundunterschiedlicher Lebensstile, eine Handvoll echter Stars und den finanziellen Erfolg des Vorgängers als Rückenwind - da konnte nichts mehr schief gehen. Und das tat es auch nicht, zumindest nicht, was das Bankkonto der Produzenten angeht. Die Qualität des Films lässt jedoch deutlich zu wünschen übrig. Während "Meine Frau, ihr Vater und ich" (1999) gerade davon lebte, permanent am Rande der Albernheiten entlangzuschliddern, ohne bei dieser Gratwanderung zu sehr auszurutschen, prescht diese Fortsetzung voller Stolz vor in die Welt des Fäkal- und Slapstickhumors. Hier wird mit Wonne über "große und kleine Geschäfte" im Klo gefachsimpelt, hier werden Vorhäute ins Fondue geschmissen und hier gibt es praktische Tipps für Sex im Rentenalter. Peinlichkeiten werden nicht umschifft oder sachte gestreift, sie werden bewusst angesteuert und voll ausgekostet. Da mag es noch so viele wirklich passend gesetzte Pointen und so manche wirklich lustige Szene geben - im Grunde genommen ist diese Fortsetzung nichts als eine prominent besetzte B-Comedy! Richtig übel kann man es den Beteiligten nicht nehmen, dass sie sich für dieses Projekt haben verpflichten lassen. Die Streisand etwa hatte nach neunjähriger Leinwandabstinenz an ihrer Rolle sichtlich Spaß, ebenso Dustin Hoffmann als liebenswerter Gutmensch.
Richtig übel stoßen hingegen einige Drehbuchentscheidungen auf: So zum Beispiel das neunmalklug-nervige Byrnes-Enkelkind, das mit auf die Reise in den Süden genommen wird und uns tatsächlich einen Robert DeNiro mit umgehängtem Plastikbusen beschert. Oder aber Jacks übertriebenes CIA-Gehabe, bei dem DNA-Tests und Wahrheits-Injektionen weit über meine Art des Humors hinausgehen. In dieser Fortsetzung wird die Schraube einfach ein wenig zu weit gedreht. Und genau daran scheitert sie schließlich. Schade, über den ersten Teil habe ich wirklich herzhaft gelacht...  4+

 

 

 

 

Sin City

 

USA 2005, Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez, Quentin Tarantino

 

Von wegen unverfilmbar: Sündhaft gute, originelle Comicverfilmung

 

 

Sah auch mal besser aus: Mickey Rourke

(js 8/05) Ein Mann und eine Frau in liebevoller Umarmung auf einer Penthouseterrasse. Zärtlich schmiegt er seine Hand an ihren Körper, lauscht ihrem Liebesschwur, zieht eine Pistole aus seiner Tasche und tötet sie mit einem schallgedämpften Kopfschuss. Sie sackt tot in sich zusammen, die Kamera fliegt mit uns davon und gibt den Blick frei auf das schwarzweiße Pandämonium, in dem wir uns befinden: Herzlich Willkommen in Sin City , der Stadt der Sünder! Eigentlich heißt dieser Ort Basin City, doch schon das auf seinen Anfangsbuchstaben verschmierte Ortsschild lässt keinen Zweifel aufkommen: Dieses Drecksloch ist ein sündiges Babylon, eine Hölle voller Krimineller, ein krankes Geschwür aus Prostitution und Korruption. Hier hat das Gute hart zu kämpfen, wenn es im Schatten des Bösen überleben möchte. Hier fürchten sich selbst die Psychologen vor ihren Patienten, hier ist selbst der Klerus sündiger als die Schäflein, die zur Beichte kommen. Schöpfer dieses unangenehmen Universums ist Kultautor Frank Miller. Anfang der 90er Jahre brachte der Amerikaner seine noch immer fortlaufende Comicreihe „Sin City“ auf den Markt, eine Serie von Graphic Novels über verlorene Seelen, harte Kerle und leichte Mädchen. Niemals habe er eine Verfilmung dieser Phantasien zulassen wollen, beteuert Miller heute. Schließlich leben die Comics von ihrem stark reduzierten Zeichenstil, purem Schwarzweiß mit wenigen, dafür umso effektiveren Farbklecksen, mitunter simplen Silhouetten und Schattenrissen. Hollywood würde ein buntes Knallbonbon à la „Dick Tracy“ daraus machen, der Geist von „Sin City“ würde zerstört werden, so Millers durchaus berechtigte Sorge. Dann aber kam Robert Rodriguez. Der filmbesessene Texaner, der bereits Kracher wie „Desperado“, „From Dusk Till Dawn“ und die „Spy Kids“-Trilogie auf die Leinwand geschmettert hat, war schon seit Jahren besessen von einer 1:1-Adaption der Millerschen Vorlage. Immer wieder blitzte er bei dem Autor ab, bis er in seinem heimischen Filmstudio Testaufnahmen machte, in denen er das Unmögliche möglich machte und den Stil der Vorlage mit Darstellern aus Fleisch und Blut imitierte. Frank Miller gab seine Zustimmung und nahm als zweiter Mann Platz auf dem Regiestuhl. Er sollte volle Kontrolle haben über sein Werk – und die bekam er: Niemals zuvor hat es eine solch originalgetreue Comicverfilmung gegeben! Um der sündigen Stadt auf der Leinwand Leben einzuhauchen, haben sich Rodriguez und Miller drei Bände aus der Serie herausgepickt und zu einem Episodenfilm zusammengestellt. In „Stadt ohne Gnade“ begibt sich der gutherzige Quasimodo Marv (nicht nur wegen seiner langen Leinwandabsenz kaum wiederzuerkennen: Mickey Rourke) auf einen Rachefeldzug, der ihn über zig Polizistenleichen bis hin zu einem abgrundtief gestörten Kannibalen (Elijah Wood) führt. In der Episode „Das große Sterben“ hilft der untergetauchter Mörder Dwight (Clive Owen) einer Hurengang, sich gegen ein Syndikat zur Wehr zu setzen. Für eine ausgesprochen unappetitliche Szene, in der sich Dwight auf ein widerwärtiges Gespräch mit dem toten (!) Cop Jackie Boy (Oscar-Preisträger Benicio Del Toro, "21 Grams") einlässt, haben die Filmemacher noch einen dritten Mann auf den Regiestuhl gebeten: Für dieses Kapitel zeichnet Quentin Tarantino verantwortlich, der seinem Freund, Kollegen und „Kill Bill 2“-Musikkomponisten Rodriguez noch einen Gefallen schuldig war. „Dieser feige Bastard“ schließlich ist der Titel der dritten Geschichte, die den Film dramaturgisch geschickt umklammert und schlüssig zusammenfügt. Sie handelt vom herzkranken Cop Hartigan (Bruce Willis), der eine ihm nahe stehende Striptease-Tänzerin aus den Klauen eines perversen Mutanten befreien muss. Es sind nicht die Geschichten, die „Sin City“ Filmgeschichte schreiben lassen. Sie sind abstoßend, unangenehm und könnten ihrem Erfinder durchaus psychiatrische Auffälligkeiten attestieren. Sie sind ganz klar Geschmacksache. Der visuellen Gestaltung hingegen, diesen atemberaubenden Bildern, dieser einzigartigen Optik von „Sin City“, dürfte niemand ihre Genialität absprechen. In mühevoller Kleinstarbeit haben die beiden Regisseure die Darsteller ausschließlich in einem Green-Screen-Studio agieren lassen, anschließend die Farbe aus dem Film gefiltert, bestimmte Stellen bewusst eingefärbt und die Hintergründe per Computer eingefügt. Das Experiment ist gelungen. Mit diesem filmische Negativ zu „Charlie und die Schokoladenfarbrik“ ist den Herren Miller und Rodriguez eine atemberaubende Hommage an den „Film noir“ gelungen und zugleich dessen konsequente, digitale Weiterentwicklung. Rote Lippen, gelbe Schurken, weißes But – so etwas hat das Kino bisher eben noch nicht gesehen. 1-

 

 

Saw

USA 2004, Regie: James Wan

 

Zwei Männer im Bad: Blutige Nervensäge mit hohem Schockniveau

 

    (js 2/05) Zwei Männer wachen in der Dunkelheit auf. Keiner von ihnen weiß, wo er sich befindet. Und noch nicht einmal das schleunigst eingeschaltete Licht sorgt für die erwünschte Erleuchtung: Die beiden haben sich noch nie zuvor gesehen und sitzen nun in einem schmuddeligen Herrenklo, angekettet in zwei gegenüberliegenden Ecken der Nasszelle. Zwischen ihnen liegt ein dritter Mann in seiner eigenen Blutlache. Er hat seinem Leben mit einem unappetitlichen Kopfschuss ein Ende bereitet, hält in seinen Händen einen Revolver und ein Diktiergerät. Schnell wird eines deutlich: Diesen Raum soll keiner von ihnen lebendig verlassen.

    Mit diesem furiosen Auftakt beginnt das nervenaufreibendste Kammerspiel des jungen Kinojahres, das vor einem guten Jahr seine Premiere beim Sundance Filmfestival feierte und das seine bescheidenen Produktionskosten von 1,5 Millionen Dollar in den USA bereits zigfach wieder eingefahren hat. Der Macher: James Wan, ein 27-jähriger Australier, der sich für seinen dreckigen Horrorschocker großzügig an düsteren Meilensteinen wie David Finchers "Se7en" orientiert hat. Das Rezept des Grauens ist denkbar einfach: Man schreibe ein Drehbuch rund um einen wahnsinnigen, möglichst missionarisch motivierten Serienkiller, denke sich ein halbes Dutzend perfider Morde aus und lasse die ermittelnden Polizisten alt aussehen bei ihrer Arbeit. Was bei Fincher vor zehn Jahren perfekt funktioniert hat, lässt auch die Zuschauer von "Saw" an den Kinosesseln nagen.

    Die beiden Gefangenen wissen schnell, wie ernst ihre Lage ist. Hier will ein armer Irrer Rache nehmen an all denjenigen, denen es besser geht als ihm selbst. Dr. Lawrence Gordon (Cary Elwes) und Fotograf Adam (Leigh Whannell) haben beide ihre ganz eigenen Leichen im Keller. Der eine ist Chirurg, Workaholic und treuloser Ehemann, der andere ein abgebrühter Paparrazzo. Sie werden zu Spielfiguren in dem teuflischen Spiel eines Psychopathen, in dem sie nur zu schnell gegeneinander antreten müssen: Damit die Familie des Doktors überlebt, soll der innerhalb der nächsten acht Stunden seinen Mithäftling Adam töten. Zwischen all dem Siff des ausrangierten Badezimmers finden sich immer wieder neue Hinweise und Regeln für das böse Puzzle, in das sie da hinein geschliddert sind. Und ein paar nützliche Werkzeuge: eine Pistolenkugel, ein Handy, ein paar interessante Fotos und für jeden der beiden Herren eine ganz persönliche Säge - die ist allerdings höchstens als Amputationswerkzeug zu gebrauchen. Nur, wer will schon solch chirurgische Maßnahmen ergreifen?

    Doch nicht das bloße Kammerspiel in der Keramikabteilung macht den nicht sonderlich subtilen Horror dieses Films aus - immer wieder werden wir in die grausame Welt außerhalb des Urinals geschickt. Hier ermittelt Detective David Tapp (Danny Glover) im Fall des Wahnsinnigen, der sich schon viele dieser bestialischen Todesspiele ausgedacht hat. Was sich aber in "Se7en" vor allem in den Köpfen der Zuschauer abgespielt hat, wird in "Saw" explizit dargestellt. Eine dickleibige Leiche in einem Spinnennetz aus Stacheldraht etwa, oder ein hektischer Kerzenträger, der von oben bis unten mit leicht entflammbarem Gel einbalsamiert wurde... Hier serviert man es uns in grausamen Bildern.

    Als knallige Horror-Picture-Show funktioniert "Saw" von der ersten bis zur letzten Sekunde. James Wans in nur 18 Tagen abgedrehten Low-Budget-Produktion ist ungemein spannend und zieht den Zuschauer vollends in das Geschehen im und rund um die miefige Herrentoilette mit seinen ihren Insassen hinein. Problematisch wird der Film erst dann, wenn man ihn zu ernst nimmt. Denn was im nach wie vor unerreichten Pessimistenthriller "Se7en" noch ohne Wenn und Aber ins Schwarze traf, spielt im Drehbuch von "Saw" eine eher untergeordnete Rolle: die Motivation des Mörders. Während John Doe alias Kevin Spacey bei Fincher die Fäden bis zum bitteren Ende mit bemerkenswerter Logik in Händen hält, hat der böse Bube dieses Films keine nennenswerte Botschaft zu vermitteln. Sobald die Whodunnit-Frage geklärt ist - und die ist durchaus schwer vorhersehbar -, sollte sich der Zuschauer mit der Lösung zufrieden geben. Bloß nicht länger drüber nachdenken, bloß nicht das Drehbuch auf seine Logiklücken abklopfen - denn in denen würde durchaus das eine oder andere Einfamilienhaus Platz finden! Aber nichts desto trotz: "Saw" ist bitterböse, schonungslos und gemein - sowohl zu seinen filmischen Opfern als auch zu seinem Publikum. Zartbesaitete sollten ihn meiden. 2-

 

 

 

Napola - Elite für den Führer

Deutschland 2004, Regie: Dennis Gansel

 

Hitlers Nachwuchs hautnah: Erschütterndes Freundschaftsdrama

   

Nichts für Weicheier: Sportunterricht auf der Napola

Grenze überschritten

(js 1/05) Immer nur die Kohle in Vaters Keller schaufeln und sich